17.9.12

Liebe (2012)

Frankreich, BRD, Österreich 2012 (Amour) Regie: Michael Haneke mit Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert 127 Min. FSK ab 12

Im Wettbewerb des 65. Filmfestivals von Cannes erhielt der haushohe Favorit, der französische Film „Liebe" vom Österreicher Michael Haneke, verdientermaßen die Goldene Palme. Eigentlich hätten auch seine Darsteller Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva einen Hauptpreis verdient. Doch beides ging laut Reglement nicht.

Das sehr feinfühlige und bewegende Meisterwerk „Liebe" zeigt anscheinend ganz einfach, wie die alte Piano-Lehrerin Anne (Emmanuelle Riva) nach einer missglückten Operation halbseitig gelähmt ist und ihr auch nicht mehr richtig fitter Mann Georges (Jean-Louis Trintignant) versucht, sie zu pflegen. Zuvor erlebte man einen kurzen Moment des gemeinsamen Lebens in Paris, voller Kultur und Austausch, dann kommen die Aussetzer bei Anne. Erst eine Hälfte des Körpers, dann die Sprache, dann liegt sie als Pflegefall im Bett. Das Paar gehört zum wohlhabenden Bürgertum, Pflegerinnen sind bezahlbar, aber auch manchmal fürchterlich ruppig. Die distanzierte und egozentrische Tochter Eva (Isabelle Huppert) kommt aus London nur vorbei, um alles besser zu wissen. Als Anne zu verstehen gibt, dass sie das quälende Füttern nicht mehr will, fasst Georges einen Entschluss…

Wie Haneke dies Einfache, das oft verdrängte Altern und Sterben zeigt, ist ganz große Kunst. Der Holzhammer bleibt in der Schublade und man merkt trotzdem irgendwann, wie sehr man bei diesen Menschen ist, dass man längst mit am Bett bei Anne sitzt. Dabei ist „Liebe" in vielen Details raffiniert erzählt. So spiegelt eine alte Geschichte die Schwierigkeiten Annes wieder, ein Signal nach außen zu geben, weil sie nicht mehr richtig sprechen: Georges erzählt, wie er einst mit einem Postkarten-Geheimcode aus dem Jugendcamp versteckte Nachrichten für die Mutter versandte. Sowohl die innige Geistes-Gemeinschaft vor der Operation, wie auch das Verständnis nachher berühren tief. „Liebe" ist in ein intensives Kammerspiel mit exzellenten Bildern von Kameramann Darius Khondji, nur Landschaften in Öl zeigen etwas vom Draußen. Auch der rätselhafte Rahmen mit dem Aufbrechen der Wohnung und dem Verschwinden von Georges liefert nur eine Variation des Innenlebens. Hanekes „Liebe" ist im Vergleich zu seinem vorherigen Cannes-Sieger „Das weiße Band", zu „Caché", „Die Klavierspielerin" und vor allem zu „Funny Games" sehr mild. Und selbstverständlich intellektuell: Die Bücherwand mit Noten und Schallplatten bildet den Rückhalt, Berührungen sind selten. Nur wenn der selbst humpelnde Georges seiner Anne aus dem Rollstuhl in den Sessel hilft, dann ist das fast ein letzter Tanz der beiden Liebenden.