16.10.17

The Square

Schweden, BRD, Frankreich, Dänemark 2017 Regie: Ruben Östlund mit Claes Bang, Elisabeth Moss, Dominic West, Terry Notary 151 Min. FSK: ab 12

Der Cannes-Sieger 2017, Ruben Östlunds „The Square", stellt den etablierten Kulturbetrieb mit viel feinem Humor auf den Kopf und stellt gleichzeitig im Minutentakt Fragen an die eigene Moral und Weltvorstellung.

Der charismatische dänische Kurator eines großen schwedischen Museums wird moralisch auf die Probe gestellt: Eben noch Teil der üblichen Masse in einer Fußgängerzone, Augen, Kopf und Geist ins Smartphone versenkt, schreckt ein Hilfeschrei auf. Nach einiger Konfusion wehrt Christian (Claes Bang) mit einem anderen Passanten einen aggressiven Schläger ab und rettet wohl eine hilfesuchende Frau. Was sich ein paar Schritte weiter als Farce erweist, denn Christian sind Portmonee und Smartphone durch diese Aktion geklaut worden. Ja, Christian, dieser smarte, sehr gut aussehende und selbstbewusste Kultur-Mensch, wird noch einige Male eine Achterbahn der Wertvorstellungen und Selbsteinschätzung erleben müssen. Und wir mit ihm - denn der immer wieder überraschende „The Square" macht es nicht einfach, die Guten und die Schlechten in passende Schubladen zu stecken.

Immer wieder trifft der idealistische Christian auf Bettler. Die allerdings nicht nett Danke sagen, sondern richtig unverschämt Extras einfordern. Und immer wieder wird um Hilfe gerufen in diesem Film. Christians neuestes Kunstprojekt, das titelgebende „The Square", soll mit einem leuchtenden Quadrat im Großstadt-Pflaster exakt einen Schutzraum für Hilfesuchende bieten. Ein utopischer sozialer Raum, den der Kurator selbst nicht immer beachtet. Meist hat er kein Geld für Bettler. Und schließlich, nach einer Verkettung von ungewöhnlichen Ereignissen, wimmert im Treppenhaus der unverschämte Einwanderer-Junge, den Christian selbst die Treppe herunter gestürzt hat, hörbar eine Nacht lang. Ohne dass der engagierte Mensch einschreitet.

Das Eindringliche dieser Schlüsselszene wird nur noch übertroffen durch ein großes, surreales Galadiner des Museums, das dem Film in einer erschütternden Komprimierung gesellschaftlicher Dystopie wohl die Goldene Palme einbrachte: Die feinen Herrschaften und Kultur-Sponsoren sollen als Vorspeise noch etwas Provozierendes genießen. Ein sehr muskulärer Mann verhält sich zwischen den edel gedeckten Tischen wie ein Affe, er würde die Ängstlichen aufspüren, die anderen sollen den Kopf senken und sich in der Herde verstecken. Die Begegnung zwischen Kultur und Natur läuft völlig aus dem Ruder, niemand stoppt den Schauspieler in seiner Menschenaffen-Rolle, auch nicht als er eine Frau vergewaltigen will.

Rund um diesen beklemmenden Moment demaskiert der Schwede Ruben Östlund mit Witz und genauer Beobachtung. Wie in seinem Vorgänger „Höhere Gewalt" (2014), in dem ein Familienvater angesichts einer heranrauschenden Lawine überraschende Präferenzen zeigte. Allerdings scheint die Welt der Kulturschaffenden und -Vermittler in „The Square" der ideale Nährboden für diese Methode der Demaskierung zu sein. Trefflich wird das Geschwätz von Social Media-Heinis und Kunst-Interpreten aufs Korn genommen, etwas Tourette im Publikum ist dabei sehr hilfreich. Wobei ganz großartig die Kunst selbst dies im Hintergrund erneut kommentiert. „Umwerfend" komisch das höchst peinliche Gespräch von Christian mit der Frau aus seinem letzten One Night-Stand während der große Stapel Stühle der Installation im Hintergrund akustisch immer wieder laut zusammenbricht. Auch hier erweist sich Claes Bang nach Auftritten in „Borgen" und auch deutschen TV-Folgen als ideale Besetzung. Äußerlich glänzend wie ein junger Pierce Brosnan, kracht die innerliche Selbstkonstruktion eines kulturell gebildeten, sozial engagierten guten Menschen alle paar Minuten zusammen. Ein Film, der wunderbar viele Fragen stellt und offen lässt.

Borg/McEnroe

Schweden, Dänemark, Finnland 2017 Regie: Janus Metz mit Sverrir Gudnason, Shia LaBeouf, Stellan Skarsgård, Tuva Novotny 103 Min. FSK: ab 0

Das Wimbledon-Finale von 1980, bei dem sich Björn Borg und John McEnroe ein sehr umkämpftes Fünfsatz-Duell lieferten, zählt man zu den Höhepunkten der Sport-Geschichte. Der angeblich eiskalte Schwede hatte die Gelegenheit, zum fünften Male Wimbledon zu gewinnen. Sein Gegner, der cholerische „Bad Boy" McEnroe, scheint als Aufsteiger ein ganz anderer Typ zu sein. „Borg/McEnroe" geht als reizvolle Doppelbiographie zurück in die Jugend der Tennis-Legenden.

Der 24-jährige Borg ist ausgebrannt, die Unsicherheiten, die ihm sein Trainer Lennart Bergelin (Stellan Skarsgård) austrieb und ihm damit die Eisberg-Mentalität verpasste, melden sich immer wieder. Die ersten Spiele übersteht der Favorit keineswegs souverän. Verzweifelt hält sich der verschlossene Athlet an seinen Spleens fest: Es muss immer wieder exakt der gleiche Volvo sein, der ihn abholt. Jeden Abend wird im Hotelzimmer des Trainers aus zig identischen Schlägern aufwendig der am besten bespannte ausgetestet.

John McEnroe (Shia LaBeouf) dagegen macht Party, beleidigt weiterhin Schiedsrichter und Publikum. Borg verfolgt fasziniert seine Spiele im Fernsehen. Denn als Kind war der Schwede auch so ein Choleriker. Der snobistische Tennisverband wollte ihn schon rauszuschmeißen, den talentierten Jungen aus einer Arbeiterfamilie. Bis Bereglin ihm unmenschliche Selbstdisziplin eintrichterte. Eigentlich ist Borg das gestresste Ekel, zweifelt an sich, meckert rum, entlässt den langjährigen Trainer. Aber auch der Amerikaner McEnroe kommt mit einem Rucksack voller Deformationen auf den Platz. Das hochintelligente Wunderkind aus sehr guten Verhältnissen konnte es seinen Eltern nie gut genug machen.

Bad Boy Shia LaBeouf spielt seinen Geistesverwandten vom Tennisplatz gefährlich nahe an der Grenze zur Lachnummer. Aber letztlich helfen die bekannten Markenklamotten aus der Ausstattungsabteilung der Glaubwürdigkeit kräftig aus. Sverrir Gudnason jedoch gewinnt mit seinem Borg letztendlich nicht nur das legendäre Match, er dominiert auch den Film: Das verschlossene Gesicht, in dem eine scheue Angst und ein enormes Maß an Selbstqual nicht zu verstecken sind, trägt die innere Geschichte dieses Sport-Dramas. Die Anfangs-Szene, in der Borg versucht, von seinem Heimat-Club in Monaco unerkannt zu Fuß nach Hause zu kommen, verströmt eine Panik, die überhaupt nicht zum Eisberg Borg passt.

Dem dänischen Regisseur Janus Metz gelingen vor allem solche kleinen Momente. Besonders stark ist auch die Rolle von Stellan Skarsgård als väterlicher Mentor und Trainer Lennart Bergelin. Am vermeintlichen Höhe- und Wendepunkt zweier Lebensgeschichten sucht er eine eigene Ästhetik für ein mit fünf Stunden Länge nicht besonders „fotogenes" Finale und macht dabei nur wenige Punkte. Die übliche Sport-Dramaturgie fällt seltsam uninspiriert aus. Was nicht das Schlechteste ist: Dass die beiden extremen Charaktere sich ineinander finden und aus dem bemerkenswerten Duell eine Freundschaft entsteht, ist weitaus besser anzusehen als die gewöhnliche Zerstörung des anderen.

11.10.17

Captain Underpants - Der supertolle erste Film

USA 2017 Regie: David Soren 89 Min. FSK: ab 0

Es gibt ja den Tipp fürs Selbstbewusstsein, sich die unfreundliche Autoritätsperson vor einem in Unterwäsche vorzustellen. Die kleinen Scherzkekse George und Harold machen aus ihrem grimmigen Schuldirektor mittels Hypnose direkt den albernen Superhelden „Käpt'n Superslip". Logisch: Während die meisten Superhelden nur aussehen, als ob sie in Unterhosen herumfliegen, macht es ihre Erfindung tatsächlich. So frech wie die beiden Helden dieser sehr netten Animation sind auch einige ihrer Streiche, mit denen sie für Leben und Spaß im tristen Schulalltag sorgen. Als seine Sidekicks können George und Harold Captain Underpants nach Belieben kontrollieren und manipulieren. Bis zum klassischen Schulkonzert mit Pupskissen. Aber auch die Wiedereröffnung der Kunst- und Musik-Klassen macht allen Freude. Dann entpuppt sich der neue Physik-Lehrer als sehr wahnsinniger Wissenschaftler (mit deutschem Akzent im Original), der das Lachen auslöschen will. Mit seiner „Turbo-Toilette 2000", angetrieben von hoch toxischen Essensresten, sorgt er für einen aberwitzigen Action-Spaß.

Durchgedrehte Ideen, sehr wilder Klamauk - der aber zum Glück für erwachsene Begleiter keineswegs nur infantil ist - und subversive Einsprengsel machen „Captain Underpants" zum Überflieger im Kinderkino. Nicht überraschend, weil Autor Nicholas Stoller schon die deftigen Erwachsenen-Komödien „Bad Neighbors" und „Zoolander 2" sowie den Puppen-Spaß „Die Muppets" geschrieben hat. Wie Comic-Kinder auf Zucker-Kick dreht auch der Film nach Dav Pilkeys gleichnamiger Kinderbuch-Reihe zeitweise durch, er entwickelt aber auch Mitleid für den einsamen Schulleiter und erwähnt die mageren Gehälter des Lehrpersonals. Tatsächlich ein Spaß für die ganze Klasse.

10.10.17

American Assassin

USA 2017 Regie: Michael Cuesta mit Dylan O'Brien, Michael Keaton, Sanaa Lathan 112 Min. FSK: ab 18

Weil irgendwelche arabische Attentäter die Verlobte von Mitch Rapp (Dylan O'Brien) auf Ibiza umbrachten, wird er zum Ein-Mann-Rachekommando. Bis ihn das CIA einfängt und vom Kriegs-Veteranen Stan Hurley (Michael Keaton) zum noch effektiveren Mörder ausbilden lässt. Dann wird geklautes Plutonium aus dem Hut gezaubert und wieder mal als große Gefahr an die Wand geklatscht - während doch eigentlich die Kernkraftwerke vor unserer Haustür in die Luft fliegen oder auseinanderfallen.

Aber hirnlos sind auch die unübersichtlichen internationalen Verwicklungen, die nie anstreben, irgendein Bild der politischen Welt zu vermitteln. Hauptsache, man kann in den nächsten Minuten wieder jemanden verprügeln, erschießen oder sonst wie ermorden. Folter gehört selbstverständlich auch zum Programm.

Angefangen mit der hemmungslosen Attentats-Darstellung ist „American Assassin" ein primitiver Rache-Film mit mittel-großem Trara und einem deplatzierten Michael Keaton. Ein besonders gnadenloser Killer ohne moralisches Vermögen, gefährlicher als hochexplosive Blindgänger, mordet sich losgelöst von jeglichem Verstand durch Weltpolitik auf Twitter-Niveau. „Ein paar böse Menschen planen böse Dinge, und wir müssen sie stoppen!" Das dumme und nicht besonders ansprechend umgesetzte Machwerk basiert auf Vince Flynns gleichnamigem Roman. Da ist wirklich nur die finale Atombomben-Explosion eindrucksvoll: Mit großem Trickaufwand wird dem unverantwortlichen Bomben-Gerede demokratischer Präsidenten ein erschreckendes Bild entgegen gestellt.

Vorwärts immer!

BRD 2017 Regie: Franziska Meletzky mit Jörg Schüttauf, Josefine Preuß, Jacob Matschenz, Devid Striesow 98 Min. FSK: ab 12

Wie war das eigentlich mit dem so wunderbar friedlich verlaufenden Ende der DDR im Oktober 1989? Trotz Panzer, die in Richtung der Leipziger Montagsdemonstrationen rollten, wohl das vor allem komisch, wie die Klamotte „Vorwärts immer!" erzählt:

Alles ging gut, weil im Leben von Anne (Josefine Preuß) einiges schief lief. Die Schauspielschülerin lebt mit ihrem Vater, dem angesehenen DDR-Schauspieler Otto Wolf (Jörg Schüttauf) allein in Ost-Berlin, nachdem ihre Mutter in den Westen „rübergemacht" hatte. Doch Mama schickte schon Geld für einen West-Pass und jetzt ist Anne auch noch schwanger. Ausgerechnet von Matti (Marc Benjamin), dem Sohn von Ottos ärgstem Feind und Schauspielerkollegen Harry Stein (Devid Striesow). Wie Papa Otto verständnislos den wertvollen West-Pass zerreißt und Anne darauf für einen neuen nach Leipzig abhaut, ist vor allem wegen der Stasi-Leute komisch, die alles mit Kamera beobachten. Denn Otto probt gerade ein riskantes neues Stück, in dem er Erich Honecker spielt. So täuschend echt, dass die Überwacher tatsächlich glauben, was sie sehen.

Die DDR ist im Aufruhr, es gibt Demonstrationen und Ratlosigkeit im Staatsrat. Dank eines Doppelspitzels in Ottos Theatertruppe bestätigt sich das Gerücht, dass die Führung in Leipzig auf ihr Volk schießen lassen will. Die chinesische Lösung - siehe Tiananmen-Platz. Damit nicht auch auf Anne geschossen wird, muss Otto seine Honecker-Rolle nun im Politbüro aufführen: Nur dort steht ein Telefon, mit dem er den Schießbefehl rückgängig machen könnte. Der echte Honecker ist auf einem Jagdausflug in sicherer Entfernung. Dabei gilt vor allem: Nur nicht Margot begegnen!

Klar, das Vorbild dieser laschen Polit-Klamotte ist Ernst Lubitschs unerreichtes Meisterwerk „Sein oder Nichtsein" aus dem Jahre 1942, in dem polnische Schauspieler die Rollen ihres Lebens spielen, um der SS zu entgehen. „Einen Lacher soll man nie verachten", hieß es damals rechtschaffen und genial. Nun eignet sich der nuschelnde Erich Honecker ebenso für Satire.

Er ist ein enormer Trottel, der unter der Fuchtel von Margot steht. Überhaupt besteht das ganze realitätsferne Politbüro aus Witzfiguren, was es einfach und nie spannend macht, die Macht an der Nase herum zu führen. Nein, die „Stromberg"-Regisseurin Franziska Meletzky ließ keinen Lacher liegen, egal ob platt oder auch mal treffend. Die Chance, einen durchgehend guten Film zu machen, ließ sie allerdings links - oder rechts - liegen. Echte Menschen blitzen hinter dem Boulevard-Personal nie auf. Dass Anne und ihre Freunde von der Stasi gejagt auf Widerstand machen, ist nur schleppende Parallelhandlung. Zu sehr verlässt sich „Vorwärts immer!" auf sehr gute Schauspieler, die Schauspieler spielen, die Politdarsteller doubeln. Neben Jörg Schüttauf, der vor allem im Aufeinandertreffen von Otto und Erich brilliert, hat Hedi Kriegeskotte als Margot Honecker die mit Abstand beste Rolle. Wie sie am Fernseher dem ausgewiesenen Biermann hinterher weint und gleichzeitig mit harter Hand die Witzfiguren der Führung kommandiert, mehr davon würde eine richtig gute Polit-Komödie machen.

9.10.17

Happy End (2017)

Frankreich, Österreich, BRD 2017 Regie: Michael Haneke mit Isabelle Huppert (Anne Laurent), Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz, Fantine Harduin, Franz Rogowski 108 Min. FSK: ab 12

„Happy End", der neue Film vom zweifachen Cannes-Sieger Michael Haneke, beginnt irritierend vertraut: Wieder sehen wir eine heimliche Beobachtung durch eine vorerst unbekannte Person. Das Haneke verwandte schon 2004 als Spannungselement im kühlen Thriller Caché. Eine Figur von damals hieß wie jetzt George Laurent, beide haben einen fiesen Moment mit Rasiermesser. Auch zum Frühwerk Hanekes gibt es überdeutliche Referenzen - „Benny's Video" (1992) ist jetzt eine Handy-Aufnahme. Und als Konstante spielt eine dysfunktionale Familie die Hauptrolle.

Der abgefilmte Tod eines Hamsters infolge eines Medikamenten-Experiments ist nur die Vorstufe zur familiären Grausamkeit, dass die eigene, meckernde Mutter mit den gleichen Pillen final ruhiggestellt wird. Die Eiseskälte des Kommentars dazu ist typisch Haneke. Wie ein Vater danach seine teil-verwaiste Tochter niemals herzlich aufnimmt, fügt die übliche grausame Distanz in solchen Familienaufstellungen hinzu. Dabei wirkt die zwölfjährige Eve (Fantine Harduin) in der neuen Umgebung noch recht normal.

Es ist das Stadtdomizil der reichen Familie Laurent mit ihren nordafrikanischen Bediensteten in der Flüchtlings-Hochburg Calais. Die Tabletten-Überdosis einer ehemals Angeheirateten und ein schwerer Unfall auf einer Baustelle erschüttern den Clan. Der gereizte Sohn Pierre (Franz Rogowski) wird der meckernden Mutter Anne (Isabelle Huppert) runtergemacht. Der vergessliche und gebrechliche Patriarch Georges Laurent (Jean-Louis Trintignant) gebietet Stille, will sich aber am liebsten per Selbstmord davonmachen.

Bei den Laurents sind fast alle äußerlich oder innerlich verletzt, viel dreht sich ums Krankenhaus, Annes Bruder Thomas (Mathieu Kassovitz) ist angesehener Arzt. Er bekommt von der frisch angenommenen Tochter Eve, die schnell seine Affäre entdeckt, eine knallharte Analyse vorgesetzt: „Ich weiß, dass du niemanden liebst. Das ist nicht weiter schlimm, ich will nur dass du mich (diesmal) mitnimmst, wenn du deine Frau verlässt." Diese verschlossen und streng gegen sich selbst auftretende Eve entpuppt sich als kleines Monster und die Anwesenheit ihres kleinen Baby-Bruders ergibt im Bild der bekannten Handy-Kamera gefährliche Ahnungen.

Lange hält der Film die Konstellation mit nicht direkt einzuordnenden Ebenen und Perspektiven spannend. Und auch wenn „Happy End" selbstverständlich sein Titel-Versprechen zum Trug-Schluss macht, verläuft die Handlung nicht stringent auf das irre Schlussbild zu. Formal und inhaltlich hält hier keiner Plakate vor die Kamera. Es sind kleine Irritationen, die sich im gefühlten Unwohlsein der feinen, weißen Gesellschaft einhaken: Der Familien-Hund beißt die Tochter der Haushälterin und niemand unternimmt etwas gegen den unkontrollierbaren Schäferhund.

Der unkontrollierbare Pierre bringt zur weißen Hochzeit der Mutter ein paar Flüchtlinge vom Dschungel genannten Lager am Kanal-Tunnel mit. Der mit Hasenscharte gezeichnete und verzweifelt Verletzte ist in dieser Familie noch am Menschlichsten. Franz Rogowski („Tiger Girl", „Victoria") verkörpert ihn eindrucksvoll, unter anderem mit einer atemberaubenden Karaoke-Version von Sias „Chandelier". Ein stark gealterter Jean-Louis Trintignant wiederholt seine Rolle aus Hanekes „L'amour". In einer Doublette hat auch George in diesem Film seine gelähmte Frau erstickt. Das höchst interessante Werk Hanekes wurde allerdings extrem schlecht synchronisiert. Diese Unverschämtheit schafft es sogar, das Charisma von Isabelle Huppert auszulöschen, die nach „Die Klavierspielerin" wieder in eiskalter Verachtung glänzt. Große intensive Momente des Schauspiels lenken allerdings nur raffiniert im Sinne des Films vom kaum sichtbaren Eigentlichen ab: „Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind" - so beschrieb Haneke seinen Film.

What happened to Monday?

Großbritannien, Frankreich, Belgien, USA 2017 (Seven Sisters) Regie: Tommy Wirkola mit Noomi Rapace, Glenn Close, Willem Dafoe 124 Min. FSK: ab 16

In der europäischen Diktatur des Jahres 2073 gilt die Ein-Kind-Politik, um Überbevölkerung und Hunger zu verhindern. Erzeugten doch ausgerechnet Genveränderungen an Pflanzen eine Welle von Mehrlingsgeburten. „Überflüssige" Geschwister werden in Hoffnung auf bessere Zeiten für einen Tiefschlaf eingefroren. Terrence Settman (Willem Dafoe) schaffte es allerdings, die Geburt seiner sieben Enkeltöchter, bei der die Mutter starb, geheim zuhalten. Er erzog die Mädchen in Survival-Techniken und seit dem Schulalter wechseln sich die nach den Wochentagen Monday, Tuesday, Wednesday, Thursday, Friday, Saturday und Sunday Genannten (alle: Noomi Rapace) mit dem Ausgang an „ihrem" Tag ab. Alle zusammen bilden die öffentliche Person Karen Settman. Die abwechselnde Teilhabe am Leben funktioniert dank ausführlicher Abenderzählung der täglichen Erlebnisse im Familienversteck. Bis eines Montags Monday nicht nach Hause kommt. Tuesday versucht am nächsten Tag auf der Arbeit Spuren zu entdecken, wird aber von der Ein-Kind-Polizei verhaftet. Im Versteck der Settman-Schwestern bricht Panik aus.

Noomi Rapace bewirbt sich mit dieser Siebenfach-Rolle für die Rekordbücher. Sie steht sich oft selbst gegenüber und letztlich sogar selber im Weg: Ihre Karen Settman setzt sich aus sieben Frauen zusammen, die alle gleich aussehen, aber verschiedene Charaktere und Qualitäten haben. Es gibt die Intelligente, die Hedonistische, die Romantische, die Ängstliche oder die Kämpferische. Damit hört die Charakterzeichnung auch schon auf, die schematische Actionhandlung, bei der eine nach der anderen durch die „CAB"-Miliz umgebracht werden, fordert ihren zeitlichen Tribut. So rührt es denn auch kaum, wenn wieder um eine der Schwestern getrauert wird. Das Design und ein paar nette Hightech-Spielereien sehen gut aus. Dem norwegischen Regisseur Tommy Wirkola („Dead Snow", „Hänsel und Gretel: Hexenjäger"), der mit einigen blutigen Grobheiten weiterhin zum Horrorfilm tendiert, fällt im Science Fiction-Genre viel zu wenig Interessantes ein. Die reizvolle Grundidee geriet zum Klon anderer Action-Vehikel.

4.10.17

Blade Runner 2049

Blade Runner 2049

USA, Großbritannien, Kanada 2017 Regie: Denis Villeneuve mit Ryan Gosling, Harrison Ford, Ana de Armas, Jared Leto 163 Min.

„Blade Runner 2049" ist nicht nur einer der meist erwarteten Filme des Jahres weil das Original aus dem Jahr 1982 mit Harrison Ford als Blade Runner Rick Deckard der prägende Science Fiction-Film einer ganzen Epoche war. Aus einer Geschichte des genialen und legendären Zukunfts-Autoren Philip K. Dick („Total Recall", „Next", „Paycheck", „Minority Report") machte Regisseur Ridley Scott eine Ikone des Genres. Nun inszeniert der geniale Denis Villeneuve („Sicario", „Enemy", „Die Frau, die singt", „Ein 32. August auf Erden") eine Fortsetzung, die 30 Jahre später spielt. Und mit dem Kanadier kommt eine ganz andere Fan-Gruppe ins Kino, Hardcore Science Fiction-Aficionados, die teilweise von Villeneuves letztem Meisterwerk „Arrival" geschockt, weil überfordert waren. Und dann trifft auch noch Schönling Ryan Gosling als Nachfolger auf Legende Harrison Ford...

Denn 30 Jahre später entdeckt ein neuer Blade Runner, der LAPD Polizeibeamte K (Ryan Gosling), dass sich die Replikanten nun vermehren, was die alte Ordnung zu zerstören droht. Die Trennung zwischen den Replikanten und den Geborenen, die vielleicht eine Seele haben. Vor allem die Musik klingt vertraut bis Hans Zimmer die Vangelis-Atmosphäre übernimmt. Doch „Blade Runner 2049" ist alles andere als eine einfache Fortsetzung: Organisch mit der ursprünglichen Geschichte verwoben und kongenial übertragen auf eine höhere beziehungsweise tiefere Ebene. Dabei in Inszenierung und Kamera der Roger Deakins das Beste, was Film zur Zeit zeigen kann. Im Kern der nur oberflächlich ähnlich verlaufenden Handlung steckt immer noch eine Detektivgeschichte und die ist wieder sehr gut, wie sie den Suchenden K letztlich zu sich selber führt. Zurück in die eigene Kindheit, die vielleicht doch kein Gedächtnis-Implantat ist

Der ursprüngliche „Blade Runner" zeigte ja nicht nur sagenhafte Visionen, dank der raffinierten Geschichte von Philip K. Dick wurde auch Jahrzehnte lang diskutiert, ob Rick Deckard nicht selbst einer der Replikanten ist, die er jagen soll. Der nachträglich veröffentlichte „Final Cut" von Scott verstärkte diese Interpretation, die bei der Erzählung von Dick schon im Titel steckt: „Do Androids Dream of Electric Sheep?" Träumen Androide, also Replikanten, von elektrischen Schafen? Denn zum faszinierenden Arsenal dieser unwirtlichen Zukunft gehören künstliche Haustiere ebenso wie fabrizierte Erinnerungen und Träume für die Mensch-Maschinen.

Die Fabrikation von Erinnerungen durch eine geheimnisvolle Frau gehört zu den unglaublichen Szenen, des neuen „Blade Runner" die sich tief ins kulturelle Gedächtnis eingraben werden. Das neue L.A. erscheint weniger glänzend, noch dreckiger, noch größer. Ryan Gosling spielt so gut wie noch nie, wir erleben quasi seine Menschwerdung. Und Menschsein ist das große Stichwort: In vielen Variationen lässt der unfassbar vielschichtige Film erfühlen, wie es ist, dazu zu gehören oder Außenseiter zu sein. So wie Villeneuve erneut die Konventionen des Genres sprengt, verliert man bei vielen atemberaubenden Wendungen die Übersicht, wer Mensch und wer Maschine ist. Dabei gibt es viele gemeine Feinheiten, etwa dass die israelisch-arabische Schauspielerin Hiam Abbass die Anführerin der rebellierenden Replikanten spielt. Ob man in 35 Jahren noch über „Blade Runner 2049" spricht, ist schwer zu sagen, doch dass man noch lange, auch über die Oscars hinaus, über den neuen unfassbaren Denis Villeneuve reden wird, ist sicher.

3.10.17

Die Nile Hilton Affäre

Schweden, BRD, Dänemark, Frankreich 2017 (The Nile Hilton Incident) Regie: Tarik Saleh mit Fares Fares, Mari Malek, Yaser Aly Maher, Hania Amar 111 Min. FSK: ab 12

Noredin (Fares Fares) ist ein gewöhnlicher Polizist im Kairo des Jahres 2011. Der Chef des Reviers ist sein Onkel - Sicherheit als Familienunternehmen. Husni Mubarak regiert noch in Ägypten, Fußball ist ein wichtigeres Thema als die Unruhen und Massen-Verhaftungen auf den Straßen, die Folter in den Gefängnissen. Als in einer Luxussuite des Nile Hilton Hotels eine berühmte Sängerin tot aufgefunden wird, soll Noredin erstmals ermitteln und seine Untersuchung führen direkt in einen politischen Skandal.

Der von schwedischen Krimis und Komödien bekannte Fares Fares spielt intensiv eine sehr ambivalente Figur: Noredin kassiert gnadenlos Schutzgelder im Viertel und pflegt seinen Vater. Ein Rest an Anstand hat allerdings keine Chance in dem mächtigen und allgegenwärtigen Korruptions-Apparat. Noredin steht als Protagonist in der Handlung zentral, wir teilen seine Perspektive, doch letztlich ist er nur eine kleine, machtlose Figur. Wie dem Zimmermädchen aus dem Sudan, das zufällig Zeugin wurde, bleibt ihm nur, sein Leben zu retten.

„Alles ist gut, er hat sehr viel bezahlt." Solche Weisheiten aus dem Munde des Onkels, einem scheinbar naiven Opportunisten, erweisen sich als prophetisch - tatsächlich wird alles wie bisher weiter gehen. „Die Nile Hilton Affäre" ist ein Krimi, der in eigentlich skandinavischer Tradition sehr viel sozialen und politischen Hintergrund transportieren will.

Die klassische Detektiv-Geschichte - Nordedin ermittelt trotz anderslautender Befehle weiter - ist angereichert mit einer ganzen Reihe von politischen Stichworten in Dialog und Bild. Der kaputte Fernseher des Polizisten sorgt dafür, dass die Politiker-Kaste als schräges Zerrbild dargestellt wird. Ohne nähere Kenntnis der historischen Verhältnisse entsteht allerdings nur eine Ahnung. Der Film führt zu einem ganz anderen Blickwinkel auf die Demonstrationen vom Tahir-Platz, die durch stattliche Gewalt zu einem Massaker wurden. Im Vergleich zu den skandinavischen Sozial-Krimis wirkt er weniger dicht inszeniert und hat weniger geballte Schauspielkunst bis in die Nebenrollen - zumindest wirkt es in der Syncho-Version so. So ist der Mix aus Krimi und Politthriller interessant und engagiert, aber nicht durchweg gelungen.

Blind & Hässlich

BRD 2017 Regie: Tom Lass mit Naomi Achternbusch, Tom Lass, Clara Schramm 105 Min. FSK: ab 12

Während in dieser Kinowoche alles vor „Blade Runner 2049" in Deckung geht, traut sich der sensationelle deutsche Film „Blind & Hässlich" einiges: Hollywood verkauft meist „Bigger than life", die wunderbar leichte, echte und ehrliche Tragikomödie ist dagegen „Lifer than life". Hier steckt mehr Leben drin, als in den viel teureren Produktionen, deren Werbeetat allein so ein kleines Wunder wie „Blind & Hässlich" unterbuttern will.

Regisseur Tom Lass spielt selbst den extrem scheuen und seltsamen Ferdi, der meist im Wald haust. Ab und zu kommt er aus dem und auch aus sich raus, um eine Frau, die ihm gefällt, als erstes zu fragen, ob sie seine Freundin sein will. Wenn er nicht dafür festgenommen und zur Therapie in eine Psychiatrie eingewiesen wird, dann für die Mundraube auf Bauernhöfen, wo er aus Schweinetrögen isst und dafür von Bauern blutig zusammengeschlagen wird. Zwischen seinen Therapie-Sitzungen, in denen Ferdi mit einer eigenen Logik überzeugt, trifft er auf Jona (Naomi Achternbusch), die gerade einen „kaputten" Blindenhund zurück bringt. Da die Schulabbrecherin gerade mal blind ist, um in Berlin in einem Blindenheim ein Zimmer zu bekommen, kann der unsichere Ferdi sie an sich ran lassen. Eine wunderschöne Liebesgeschichte beginnt. Mit der süßesten Sexszene seit langem ist das Filmvergnügen allerdings noch lange nicht zu Ende.

Wie frech und raffiniert berechnend die junge Jona bei ihrer Mutter abhaut, Schmuck und das Protzer-Auto klaut, dann den Hausmeister des Blindenheims (Peter Marty) um den Finger wickelt, ist witzig, eindrucksvoll und geht eigentlich gar nicht. Doch um „eigentlich" scheren sich weder Jona noch der Film. So wie im Film verhalten sich echte Polizisten niemals, was schade ist. Und auch Therapeuten werden selbstverständlich nicht authentisch repräsentiert, was nicht verhindert, dass eine Menge Wahrheit und echtes Leben aus diesen echt guten und witzigen Szenen hervorsprudelt. Wenn das die Coen-Brüder machen würden, wäre die Welt in begeistertem Aufruhr.

Bei teilweise frappanter Klarheit der Bilder wird wild geschnitten und enorm kraftvoll erzählt. Hier muss nicht für den letzten begriffsstutzigen Popcorn-Esser alles erklärt werden, es gibt kein unnötiges Gerede. Psychologisieren darf nur des Hausmeisters Fingerpuppe Freud.

Naomi Achternbusch, Tochter des Filmemacher-Unikats Herbert Achternbusch („Das Gespenst"), zeugt in der Hauptrolle von der Wertschätzung, die Regisseur Tom Lass mittlerweile genießt. Mitgemacht hat auch der bekannte Regisseur und Autor Dietrich Brüggemann („Kreuzweg", „Renn, wenn du kannst") in einer kurzen Szene als Tom Lass, und Toms Bruder Jakob Lass (Regisseur von „Tiger Girl" und „Love Steaks") war hinter den Kulissen dabei. Man darf die beiden Anfang der 80er-Jahre Geborenen, die auch als „Lass Bros" firmieren, durchaus als die bemerkenswerteste junge Bewegung im deutschen Film herausleuchten. Mit hauptsächlich improvisierten Szenen erschaffen sie ein einzigartige Frische und Lebendigkeit, die sowohl Film-Märchen als auch echtes Melodram sehenswert beleben. Mittlerweile hebt die Senderbeteiligung von ZDF/Das kleine Fernsehspiel den neuen Lass aus dem bisherigen Bereich des No- und Low-Budget hervor. Das passt zu der Beteiligung des fetten, etablierten Produzenten Constantin Film am genialen „Tiger Girl" seines Bruders Jakob Lass. Doch keine Sorge, auch das zeichnet die tollen Figuren der Lass Bros aus - sie lassen sich von großen Autoritäten nicht unterkriegen und folgen trotzig ihrem herrlich eigenwilligen Weg.