15.8.17

Bigfoot Junior

Belgien, Frankreich 2017 (Son of Bigfoot) Regie: Ben Stassen, Jérémie Degruson 92 Min. FSK: ab 6

Adam ist ein ganz normaler Junge mit viel zu langem Haar. Auch wenige Stunden nachdem es kurz geschoren wurde. Als der bei seiner Mutter aufwachsende Schüler herausfinden will, wer sein Vater ist, findet er im Wald den legendären Bigfoot. Bigfoot versteckt, weil der böse Konzern HairCo seine DNA klauen will. So versteht Adam seine außergewöhnlichen Superkräfte, den Haarwuchs und seine Riesenfüße, die Fähigkeit, mit den Tieren zu sprechen. All das muss er auch bald einsetzen, denn beide werden von dunklen Konzern-Schergen verfolgt.

„Bigfoot Junior" erzählt keineswegs eine originelle Geschichte, weder bei Adams Alltag eines gemobbten Schülers noch bei der Bigfoot-Figur. Die ist im Kino-Zoo zwar nicht der Superhit, aber doch populär und bekannt. Im eigenen Stil von Ben Stassen-Produktionen wie „Robinson Crusoe", „Das magische Haus" oder „Sammy" bleiben seine Figuren mal mehr mal weniger Karikaturen, bunt und spaßig, aber Animationen ohne Anima, ohne Seele. Wirklich erstaunlich ist die Geschichte Stassens selbst mit seinem Aufstieg aus dem kleinen Dorf Aubel in Osten Belgiens zu zig Millionen schweren Produktionen, die mit Disney konkurrieren wollen. Der frühere 3D-Spezialist kann zwar ökonomische und zeitweise effektvolle Produktionen auf die Leinwand zaubern, aber immer wieder vermisst man das Herz in seinen Figuren.

Chavela

USA, Mexiko, Spanien 2017 Regie: Catherine Gund, Daresha Kyi 90 Min.

Chavela Vargas (1919-2013) war nicht nur eine großartige Sängerin aus Mexiko, die sich die traditionell den Männern vorbehaltenen Rancheras, mexikanische Lieder über die unerfüllte Liebe, Weltschmerz und Einsamkeit, aneignete. Sie trug Hosen, als das in Mexiko für eine Frau unmöglich war. In dem interessanten klassischen Dokumentarfilm erzählt Chavela mit viel bissigem Humor selbst von ihrem Aufstieg und noch lieber von ihren Abenteuern. Mit ihrer tiefen, rauen Stimme befreite die offen lesbische Chavela die Rancheras vom süßlichen Kitsch und wurde erst in Mexiko und später weltweit bekannt. Ihr burschikoses Auftreten und der Poncho machten sie unverwechselbar. Nach ihrem Comeback in den 1990ern wurde Vargas auch bekannt dafür, den Filmen Pedro Almodóvars eine Stimme gegeben zu haben. Ihr Lied „Volver" wurde zum Titel eines seiner Filme. Das Porträt einer erstaunlichen Künstlerin fasziniert vor allem im ersten Teil mit historischen Aufnahmen und Geschichten, starkem Gesang und intensiven Liedern.

Table 19

USA 2017 Regie: Jeffrey Blitz mit Anna Kendrick, Craig Robinson, June Squibb, Lisa Kudrow 88 Min. FSK: ab 0

Eine Hochzeitsfeier, bei der man ganz hinten am Rande der Wahrnehmung platziert wird, hat ungefähr den Unterhaltungswert dieses Films. Am Tisch 19, „wo man die Toilette riechen kann", versammeln sich ein Ehestreit, ein gebrochenes Herz, ein seltsamer Mann, ein junger Mann auf der Suche nach einem Date und eine junge Dame. Aber vor allem ist „Table 19" zuerst eine Ansammlung peinlicher Situationen nach dem Motto: Menschen machen sehr seltsame Sachen auf Hochzeiten. Dann lernt man sich mit etwas gutem Willen kennen und alles ist gar nicht so schlecht, sogar ganz sympathisch. Es gibt ein paar nette Einfälle, wie Lisa Kudrow Bekleidungswahl, die genau wie die der Kellner aussieht. Dann etwas Tortenschlacht und ungeschickte Tanzaufforderungen. Mit der vor kurzen noch im Aufstieg begriffenen Anna Kendrick und der schon länger im Abseits eingerichteten Lisa Kudrow kann diese kleine Nettigkeit das Sommerloch nicht wirklich füllen, aber einen Regenschauer kurzweilig überbrücken.

Ein Sack voll Murmeln

Frankreich, Kanada, Tschechien 2017 (Un Sac de billes) Regie: Christian Duguay mit Dorian Le Clech (Joseph), Batyste Fleurial Palmieri (Maurice), Patrick Bruel (Roman), Elsa Zylberstein (Anna), Christian Clavier 114 Min. FSK: ab 12

Im Paris des Jahres 1941 wird unter der Pétain-Regierung Nazi-Ideologie in den Schulen verbreitet, Läden von Juden sind gekennzeichnet. Doch der zehnjährige Joseph (Dorian Le Clech) und seinen älterer Bruder Maurice (Batyste Fleurial Palmieri) spielen noch unbeschwert, ihr Vater Roman Joffo (Superstar Patrick Bruel) bietet in seinem jüdischen Friseurläden sogar SS-Offizieren die Stirn. Aber die Deportationen in die Konzentrationslager haben bereits begonnen und nachdem Juden einen gelben Stern tragen müssen, bricht der Antisemitismus in Paris offen aus.

Recht unvermittelt werden die kleinsten Joseph und Maurice ohne Eltern oder ältere Brüder auf eine Reise in den Süden, den unbesetzten Teil Frankreichs geschickt. Die Bedrohung war bislang im Film weder zu sehen noch zu spüren. Ein dummer Mitschüler will sogar auch so einen Stern haben und tauscht ihn gegen den titelgebenden Sack voll Murmeln. Erst bei der Durchsuchung eines Zuges zeigt sich die Brutalität der deutschen Soldaten. Da ihnen der liebevolle Vater mit Ohrfeigen eingebläut hat, niemals zu sagen, dass sie Juden sind, bleiben sie auf der Reise alleine. Erst erscheint sie den Jungs mit Baskenmütze und kurzen Hosen als Abenteuer auf dem Land. Doch schon bald bekommt der weinerliche Joseph genug Gelegenheit zum tränenreichen Bangen.

Die Flucht über die Grenze innerhalb Frankreichs scheint schnell glücklich am Meer zu enden, als die Familie wieder zusammen findet. Auf dem Schwarzmarkt von Marseille wird Joseph erwachsen, die Juden spielen mit den italienischen Soldaten Karten, bis Mussolini in Italien verhaftet wird und die Deutschen auch im Süden deportieren. Nun landen die beiden Brüder nach erneut tränenreicher Trennung in einem Erziehungsheim.

Joseph Joffos autobiografischer Debütroman „Un sac de billes" („Ein Sack voll Murmeln") aus dem Jahr 1973 wurde bereits von Jacques Doillon unter dem Titel „Un sac de billes" verfilmt. Der frankokanadische Regie-Routinier Christian Duguay („Sebastian und die Feuerretter", „Anna Karenina", „Coco Chanel", „Jeanne d'Arc") hat einige Erfahrung im Kinder-, Horror- und Historien-Genre. So sieht die von Joseph im Off erzählte dramatische Geschichte vor allem gut aus. Und wird selbstverständlich immer dramatischer, so bangt und fiebert man unweigerlich mit den Kindern mit. Vor allem da sich weder Buch, noch Inszenierung oder Darsteller grobe Schnitzer erlauben, funktioniert „Ein Sack voll Murmeln" als gemäßigtes Geschichts-Stück sogar noch in der deutschen Synchronisierung. Bewegt, aber nur in dem Maße, dass es auch für Kinder und Jugendliche erlebbar bleibt.

Allerdings hält „Ein Sack voll Murmeln" keinen Vergleich etwas mit Louis Malles autobiografischen Klassiker „Auf Wiedersehen, Kinder" oder Roberto Benignis erschütterndem KZ-Drama „Das Leben ist schön". Von Anfang an nervt die erinnerungsduselige Musik von Armand Amar. Bruel als Vater kann dagegen mit kleinen Nuancen beeindrucken: Nur die Bemerkung, dass er einst als Kind alleine aus Russland vor den Pogromen floh, verursacht mehr Gänsehaut als viele andere gewollte Szenen.

14.8.17

Gelobt sei der kleine Betrüger

Jordanien, BRD, Niederlande 2016 (Inshallah istafadit / Blessed Benefit) Regie: Mahmoud al Massad mit Ahmad Thaher, Maher Khammash, Odai Hijazi 87 Min. FSK: ab 6

Der jordanische Bauunternehmer Ahmad (Ahmad Thaher) wird als Betrüger zu drei Monaten verurteilt, weil er kassiert hat, ohne auch nur mit dem Auftrag anzufangen. Das Geld investierte er in kanadische Laptops, die im Zoll festhängen. Die jordanische Justiz funktioniert mit etwas Schmiermittel reibungslos, Staatsanwalt und Richter sind pragmatisch. Es gibt auch viel zu tun, denn überall zeigen sich Gangster und Betrüger am Werk. Aber es sind alles keine unsympathischen Menschen. Sie werden im Familienumfeld gezeigt und mit Freunden.

Man weiß bei Ahmad, der bis auf ein paar fehlende Zähne Jeff Goldbloom ähnelt, nie so genau, ob er tollpatschig oder raffiniert drein blickt. Die stoisch erduldete Haft ist bestimmt von lauter absurden Randereignissen: Im Gefangenentransport ist Ahmad nur mit Anzugträgern und Bankern unterwegs, die Gefangenen haben ein Handy. Der Kommissar ist vor allem an einer Besucherin im Gericht interessiert, der Zellenchef betreibt einen florierenden Handel mit den anderen Insassen, die sich bevorzugt dramatische Hausfrauen-Soaps anschauen. Ein angeblicher Anwalt haut genauso mit dem Geld ab wie ein vermeintlicher Käufer mit den Laptops - ohne zu zahlen. Der Weg von einem Betrüger zum anderen ist ein zweiter komischer Roter Faden des Films.

Der als Dokumentarist erfahrene Regisseur Mahmoud al Massad zeichnet in seiner Komödie um die Gefängniszelle einen Mikrokosmos der jordanischen Gesellschaft. Nie besonders positiv, aber trotzdem mit Sympathie für seine um etwas Wohlstand oder auch nur einen Internetzugang strampelnden Figuren. Das läuft selbst bei einer Revolution der Zellenhierarchie richtig undramatisch aber mit viel Herz für die Figuren und auch mit sehr guten Schauspielern ab.

Locarno 2017 Demenz im Film

Eine alte Frau starrt minutenlang in die Kamera, sie kann nicht mehr sprechen, sich nicht mehr richtig bewegen. Will sie uns etwas sagen? Ihrer Familie? Oder dem Drehteam dieser Dokumentation? Der interessante aber nicht sensationell gute „Mrs. Fang" von Wang Bing sagt als Preisträger in Locarno etwas über diesen nicht umwerfenden Wettbewerb aus, zeigt aber vor allem den Umgang einer lauten und umtriebigen chinesischen Familie mit einer dementen Angehörigen. Was unweigerlich die Frage aufwirft: Was kann, was darf man zeigen? (Die übrigens in Locarno auch auf einem Workshop für junge Dokumentaristen diskutiert wurde.) Der Aachener Zinnober-Produktion „Der Tag, der in der Handtasche verschwand" von Mario Kainz, die 2002 einen Grimme-Preis erhielt, sah man das vertraute Verhältnis von Filmemacherin und Protagonistin an. David Sievekings „Vergiss mein nicht", 2013 vom Aachener Martin Heisler produziert, fühlte sich im Umgang des Regisseurs mit der eigenen Mutter hingegen übergriffig an. Der Locarno-Sieger Wang Bing versetzt das Publikum mit Nahaufnahmen der bettlägerigen alten „Mrs. Fang", mit nicht mehr zu deutendem Blickkontakt zwar in die Situation der Angehörigen, geht dann aber auf Distanz und betrachtet das Verhalten der wuseligen chinesischen Großfamilie. Das ist zwar grenzwertig und in der allgemeinen Hilflosigkeit auch schwer erträglich, doch in der Diskussion um den Umgang mit der Krankheit auch förderlich.

70. Filmfestival Locarnos vergoldet Demenz-Drama

Samstagabend wurden in Locarno die Leoparden losgelassen. Nach zehn Tagen Filmfestival mit Wetterkapriolen aber unspektakulärem Programm gingen die traditionellen Preise in Gold und Silber für beste Filme und Darsteller an einen internationalen Wettbewerb mit 18 Filmen. Mehr Bedeutung für das Tagesgeschäft Kino werden die „Piazza-Filme" haben, unter denen die amerikanische Multikulti-Komödie „The Big Sick" den Publikumspreis erhielt.

Beim Jubiläumsfestival, das vor allem durch Neuerungen auffiel, ging der Goldene Leopard für den besten Film an das chinesische Demenz-Drama „Mrs. Fang" des Regisseurs Wang Bing. Er zeigt in seiner unaufgeregten Dokumentation die letzten Lebenswochen der alten Mrs. Fang im Kreise ihrer Großfamilie. Mit Söhnen, die viel erklären, und Frauen, die still pflegen. Ein universelles, teils schwer erträgliches Thema, allerdings keine neue Kinematografie. Wang ist mit mehreren Dokumentationen und Spielfilmen ein angesehener Filmemacher, der einem breiteren Publikum noch nicht bekannt war. Er war bereits mehrere Male in Locarno, sein Sieger-Film wurde von der aktuellen Documenta 14 mitproduziert.

Die internationale Jury um den französischen Regisseur Olivier Assayas und die österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr vergab den Darstellerpreis bei den Frauen an den nicht anwesenden Star Isabelle Huppert („Elle"). Sie spielt in „Madame Hyde" eine verschrobene Lehrerin, die vom Blitz getroffen wird und ihre dunkle Hyde-Seite entdeckt. Bester Darsteller von Locarno 2017 ist der unbekannte, junge Newcomer Elliott Crosset Hove aus Dänemark, der den legendären Harry Dean Stanton („Paris, Texas") in „Lucky" ausstach. Im dänisch-isländischen Drama „Vinterbrødre" (Winterbrüder) von Hlynur Pálmason gerät Hoves Figur in eine Familienfehde. Er spielte zusammen mit seinem echten Vater.

Die vielen Preisträger versprühten Samstagabend so viel Begeisterung bei der Ehrung auf der Piazza Grande dass der Funke sogar auf das klatschfaule Publikum übersprang. Festival-Präsident Marco Solari bedankte sich zwar zum Abschied beim Publikum, welches das eigentliche Festival sei. Allerdings erwies sich dies 2017 als nicht besonders cinephil, als es die 84-jährige Regie-Legende Jean–Marie Straub nur mäßig würdigte. Und auch sonst ließ die Begeisterung zu wünschen übrig: Auf der Leinwand erinnerte sich Sebastian Koch, wie der Stasi-Film „Das Leben der anderen" 2006 mit einem Meer aus Feuerzeugen gefeiert wurde. Jetzt reichte es gerade für eine billige Kommerz-Aktion mit Leuchtstäbchen für die brutalen und banalen Agenten-Action „Atomic Blond". Dringend müssen jüngere Generationen an Filmkultur und -Festivals rangeführt werden. Locarno versucht es vor allem mit jungen Events rund um den Film.

11.8.17

Locarno 2017 - Reiche Vergangenheit, goldene Zukunft

Das 70. Filmfestival Locarnos wird morgen mit der Preisvergabe beendet

Locarno. Morgen Abend werden in Locarno die Leoparden losgelassen - die traditionellen Preise in Gold und Silber für beste Filme und Darsteller aus einem internationalen Wettbewerb mit 18 Filmen, der wieder nicht viele Nachwirkungen zeigen wird. Mehr Bedeutung für das aktuelle Kino haben die „Piazza-Filme", die um den Publikumspreis konkurrieren.

Nach stürmischen Tagen wird heute Abend alles gut und alles gold sein: Das Wetter hat sich beruhigt, man bangt nicht mehr um den Kino-Abend unter freiem Himmel und um Besucherzahlen, die parallel zu jedem Regen kräftigen fallen. Das Wetter war dann auch der große Aufreger, nicht verwunderlich beim Sommerfestival, das meist durch das Drumherum von Lago Maggiore, italienischer Schweiz und Voralpen umschrieben wird. In dieser Umgebung, irgendwo unten im Lago Maggiore, kommt Afrika als tektonische Platte in Europa an und trifft ausgerechnet direkt auf die reiche Schweiz. Ein schönes Sinnbild für das Aufeinandertreffen verschiedener Kultur im Festivalrahmen. Dass dies nicht ohne Reibung geschieht, zeigte „The Big Sick" von
Michael Showalter auf einfühlsame und sehr humorvolle Weise: Der aus Pakistan stammende Komiker Kumail Nanjiani spielt sich selbst beim wahren Kennenlernen seiner Frau Emily (Zoe Kazan, die Enkelin von Elia). Während seine traditionelle Mutter ihm in Chicago wöchentlich neue Kandidatinnen für eine arrangierte Ehe „zufällig" beim Familienessen vorstellt, fällt die Frau, in die sich Kumail tatsächlich verliebt hat, in ein Koma. Nun lernt der zwischen den Kulturen zerrissenen Komiker die „Schwiegereltern" (eine geniale Holly Hunter und Ray Romano) auf beinahe tragische und umwerfend komische Weise kennen. Plattitüden nur als Satire, auch über 9/11 und Fremdenhass, dafür einfühlsam das Problem geschildert, mit traditioneller Familie in einer modernen Gesellschaft zu leben. Das ist als gelungene Unterhaltung (aus der Aptow-Fabrik) mit Nährwert der perfekte Piazza-Film und Kandidat für den Publikumspreis. („The Big Sick" läuft im November in deutschen Kinos.)

Schon morgen ist in deutschen Previews der gestrige Piazza-Film, die Action-Routine „Atomic Blonde" zu sehen: Charlize Theron spielt die Top-Agentin Lorraine Broughton, die 1989 in Berlin Informationen höchster Brisanz zu besorgen soll. Während man Jürgen Vogel als „Der Mann im Eis" in Sachen Preise durchaus im Regen stehen lassen kann, schockte und berührte das indische Wüstendrama „The Song of Scorpions" von Anup Singh als weiterer heißer Kandidat: Als Nooran, Sängerin, Heilerin, Geburtshelferin und Medizinfrau in der Gemeinde Sindhi im Rajasthan, den Kamelhändler Aadam ablehnt, rächt dieser sich brutal. Doch sie kehrt zurück und besitzt die Fähigkeit, mit ihrem Gesang das Gift der Skorpionstiche zu kontrollieren. Die betörende Golshifteh Farahani („Stein der Geduld", „Pirates of the Caribbean: Salazars Rache"), die aus dem Iran vertrieben wurde, in der Hauptrolle, eine hochdramatische Geschichte und wunderbare Bilder - da könnte der Publikumspreis einen noch nicht feststehenden Kinostart in Deutschland unterstützen.

Der Hauptpreis, der Goldene Leopard, war dagegen selten karrierefördernd oder publikumsträchtig: Es begann noch ganz prominent 1946 mit René Clair und 1948 mit Roberto Rossellini. In den letzten Jahrzehnten des Festivals blinken höchstens in den 80ger-Jahren viele Namen wie Jim Jarmusch („Stranger than Paradise"), Wolfgang Becker („Schmetterlinge") oder Terence Davies („Distant Voices, Still Lives") auf. Die letzte Entdeckung Locarnos war 2014 der philippinische Regisseur Lav Diaz, nicht erst seitdem ein Festivalliebling. Und doch zeitigte die Jubiläums-Ausgabe ein tolles Festival, ein Film-Festival mit Zukunft: Am neuen Festivalkino, dem Palacinema, beeindrucken nicht Vergoldung und Kosten von 35 Millionen Schweizer Franken. Es ist die Lage mit großem Vorplatz direkt an einem alten Schloss, die zusammen einen äußerst kommunikativen Ort ergeben. Hier können sich Hardcore-Filmprofis mit kinematografischen Urlaubsgästen treffen, hier kommt der Besucher der benachbarten Festivalkirmes ebenso vorbei wie der Film-Junkie zwischen vierter und fünfter Vorstellung.

Die schönste Erfahrung zum Jubiläum lautet demnach: Das Filmfestival von Locarno lebt und man freut sich auf die weitere Entwicklung. Ein fast verwunschenes Gelände zwischen zugewucherter Kapelle, die Bar wurde, und alternativem Café bietet die aufregend designte Umgebung für neue Reihe „Locarno Talks". Im offenen Diskussionsforum sprach die Tessiner Weltbürgerin Carla Del Ponte, bis letzte Woche Mitglied der UNO-Untersuchungskommission für Syrien, über die Schwierigkeit, Heimat in kriegszerstörten Gebieten wiederzufinden. Die kanadische Elektro-Musikerin und Künstler Peaches diskutierte provokativ über Frauenkörper, über die Probleme, sich im eigenen Körper zuhause zu fühlen. So belebt das Filmfestival nicht nur den verschlafenen Ferienort, es platziert den wachen und engagierten Film auch mitten in aktuelle gesellschaftliche Diskussionen.

Locarno 2017 - Bergfilme am See

Ötzi schießt den Vogel ab

Locarno. Nein, Ötzi ist echt kein Glückspilz: Da musste er fast 5300 Jahre warten, bis es einem Spielfilm über sein Leben gibt, weil das Projekt lange auf Eis gelegt wurde. Und dann ist die Premiere so verregnet wie anscheinend das Leben der zu spätem Ruhm gelangten Gletschermumie. „Der Mann aus dem Eis" feierte gestern als „Piazza Grande"-Film mit Jürgen Vogel und André M. Hennicke seine Weltpremiere.

Die Berge sind naheliegend im Schweizer Kanton Tessin, aber so viel Gestein war selten auf der Piazza Grande wie dieses Jahr beim Filmfestival von Locarno (2.-12.8.): Die deutsch-italienische Koproduktion „Drei Zinnen" (Regie: Jan Zabeil) hatte am Wochenende gleich drei Gipfel schon im Titel und erzählte, wie sich ein Ausflug in die Berge, der ein Neubeginn markieren soll, in einen Kampf wandelt. Hoch oben in der Drei-Zinnen-Region der italienischen Dolomiten sind Aaron und Tristan mit ihrer ambivalenten Liebe zueinander und mit ihren Ängsten umeinander konfrontiert, derweil Lea dabeisteht und versucht, ihren Platz in diesem Dreieck zu finden.

Und dann gestern das große Grunzen und Schreien zur 1991 im Südtiroler Schnalstal entdeckten Gletschermumie Ötzi: „Der Mann aus dem Eis" denkt sich eine Rache- und Action-Handlung zur geheimnisvollen Leiche aus, die mit einer Sperrspitze in der Schulter gefunden wurde. Jürgen Vogel spielt dabei Ötzi als Schamanen und Jäger, dem seine ganze Klein-Sippe brutalst vergewaltigt und umgebracht wurde. Nur ein Baby überlebte. Nun verfolgt dieser Kelab die drei Mörder unter Anführung von Krant (André M. Hennicke). Im Gepäck hat er nicht nur den Säugling, sondern auch eine Ziege als vierbeinigen Milchvorrat, denn die Alpen hatten da noch nicht Nestles Babypulver hervorgebracht. Auch das Schweizer Messer war noch unbekannt, aber Religion, Patchwork-Familie und Neue Männer kommen in dieser Handlung aus dem Jahr 3300 vor unserer Zeitrechnung durchaus vor. Da liegt der spöttelnde Gedanke nicht fern, dass Ötzi mit der Erfindung des Eispickels auch Filmgeschichte geschrieben hat und Tantiemen von „Basic Instinct" erhalten müsste.

Nein, die lange Entstehungszeit dieser historischen Geschichte hat ihr nicht gut getan. „Der Mann aus dem Eis" ist tatsächlich ein Rachefilmchen im Ziegenfell und vor aufwendig rekonstruierten Kulissen. Jürgen Vogel fällt einem als erste Wahl für diese archaische Grunz-Rolle ein, aber Ötzi ist keineswegs der beste Jürgen Vogel. Weil sich Regisseur Felix Radau entschied, die Figuren einen möglichen rhätischen Dialekt sprechen zu lassen, wirkt die ganze Sache mit den alten Pelzträgern genau so verschroben wie diese lustigen Leute, die Mittelalter-Musik machen. Selbstverständlich hält sich „Der Mann aus dem Eis" nicht exakt an das, was Archäologen erforscht haben. Ötzis Durchfall auf Grund von Darmparasiten wird wahrscheinlich erst in einem Hollywood-Remake (mit Mark Wahlberg?) eine große Rolle spielen. „Der Mann aus dem Eis", der im November auch in den deutschen Kinos zu sehen sein soll, wird eine Kuriosität der Festivalgeschichte bleiben.

Zum Abschluss am Samstag wird nach der Preisvergabe „Gotthard" zu sehen sein. Anders als der Titel vermuten lässt, kein Berg- oder Felsfilm, sondern einer über Rock. Schweizer Rock der ansonsten nicht so bekannten Band namens Gotthard.

9.8.17

Der dunkle Turm

USA 2017 (The Dark Tower) Regie: Nikolaj Arcel mit Idris Elba, Matthew McConaughey, Tom Taylor 95 Min. FSK: ab 12

Ja, es ist tatsächlich nicht weit vom dunklen Turm Mordors in „Der Herr der Ringe" bis zu Stephen Kings „Dark Tower", denn „der" Suspence-Autor der Moderne ließ sich für dieses ganz spezielle erzählerische Universum von Tolkien inspirieren. Bis zu einem anständigen Film scheint der Weg allerdings viel weiter, denn wie die ausufernde Romanreihe „The Dark Tower" („Der dunkle Turm") mit acht Bänden und einem Comic in einem ausnahmsweise mal nicht überlangen Film verwurstet wurde, ist eine enorme Enttäuschung vor allem für Stephen King-Fans und -Kenner.

Der 14-jährige Einzelgänger Jake Chambers (Tom Taylor) lebt in New York, aber vor allem in seiner eigenen Welt. Er träumt immer wieder davon, wie Kinder gequält werden und ein dunkler Turm mit deren unschuldiger Energie zerstört wird. Selbst Jakes eigene Mutter erklärt ihn bald für verrückt, gerade als Wesen aus seinem Traum ihn wie viele andere Kinder einfangen wollen. Auf seiner Flucht findet er das Haus aus seinen Visionen und springt über ein Portal in die postapokalyptisch zerstörte „Mid-World".

Hier trifft Jake auf Roland (Idris Elba) - kein Ritter, kein Jedi, sondern ein Cowboy und der letzte seiner Art. Dieser „Gunslinger" bekämpft den „Man in Black" Walter (Matthew McConaughey), der mit entführten Kindern den Dunklen Turm attackiert und damit unsere Welt, „Keystone Earth" genannt, zu zerstören droht. Unterstützt wird Walter durch albtraum-reife Monster in vielen Formen, dunkle, maskierte Horden aus Kings düsteren Fantasien. Alle sind hinter Jake her, weil er mit besonderen Kräften ausgestattet ist. In der Reihe von Querverweisen zu Kings anderen Werken, wird Jakes telepathische Fähigkeit Shine genannt wird - Shine wie in Shining!

Gut und böse sind im Film „Der dunkle Turm" klar getrennt, der Reichtum der Vorlage reduziert sich auf einen Jugend-Action- und Fantasy-Film, der höchstens als nett durchgehen kann. Die wüstenartigen Landschaften sind gut ausgewählt, zwei mit sehr viel Charisma aufgeladene Darsteller stehen sich gegenüber und machen ihren Job. Die Thematik paralleler Welten, an der sich auch Neil Gaiman mit „Interworld" versucht hat und eigentlich einen Film daraus machen wollte, scheint für den Jugendfilm prädestiniert. Typisch für King ist das Prinzip, eine andere Realität hinter der sichtbaren Oberfläche. Das führt zu gespenstigen Szenen, wenn entgeisterte Fremde Jake plötzlich wie in alten Horrorfilmen durch New York verfolgen. Und zu ein paar magischen Momente, wenn beispielsweise der „Man in Black" in den Erinnerungen von Jakes Mutter herumläuft, um sich dessen inzwischen entfernte Zeichnungen anzusehen. Nett anzusehen auch die vielen Kunstschüsse des Mannes, der „mit seinem Herzen zielt". Dies ist eindeutig nicht der Horror-King, hier agierte der Fan von Tolkiens „Der Herr der Ringe".

Überaus erstaunlicher ist vor allem, wie viele gute Leute die Produzenten über zehn Jahre hier verbraucht haben, um ein sehr mäßiges Filmchen auf den Markt zu schmeißen. „Lost"-Macher und „Star Trek"-Erneuerer J.J. Abrams hatte den Stoff als erster aufgegriffen und dann aufgegeben. Am Drehbuch schrieben die Dänen Anders Thomas Jensen und Nikolaj Arcel mit. Wobei Jensen mit unter anderem „Zweite Chance", „Love Is All You Need", „Nach der Hochzeit" und „Adams Äpfel" zu den absolut besten seines Handwerks gehört. Regisseur Nikolaj Arcel schrieb an exzellenten dänischen Thrillern wie „Erlösung", „Schändung" und „Erbarmen" mit und inszenierte mit Mads Mikkelsen den Historienfilm „Die Königin und der Leibarzt". Doch wahrscheinlich war es schon viel zu spät, als diese Leute einstiegen. Da aus diesem Produktions-Verkehrunfall wohl nicht mehr ein erfolgreiches Franchise über mehrer Kinofilme wird, müssen vor allem die Fans noch etwas länger auf eine TV-Serie zu „The Dark Tower" warten, die in Arbeit ist.

6.8.17

Dalida

Frankreich 2016 Regie: Lisa Azuelos mit Sveva Alviti, Riccardo Scamarcio, Jean-Paul Rouve, Nicolas Duvauchelle 124 Min. FSK: ab 12

Zahllose Erfolge als Sängerin, drei Partner, die sich umgebracht haben, bevor sie sich selbst mit 54 Jahren das Leben nahm: Das Leben von Dalida war schon lange Melodram, bevor jemand auf die Idee kam, daraus ein Filmdrama zu machen. 30 Jahre nach ihrem Tod überrascht Komödien-Regisseurin Lisa Azuelos („LOL – Laughing Out Loud") mit dieser berührenden und einnehmenden Biographie Dalidas.

1933 wurde Dalida in Kairo als Yolande Gigliotti geboren, der italienische Vater, ein Musiker, im Krieg als vermeintlicher deutscher Kollaborateur verhaftet. Ihre Karriere beginnt mit einem ersten Konzert im legendären Olympia in Paris 1953 und hielt Jahrzehnte an. Mitte der 70er gab es ein Comeback in den USA mit Disco und Lester Wilson, dem Choreographen von „Saturday Night Fever". Ihren Hit „Salma Ya Salama" sang sie in Arabisch, es folgten Konzerte in Ägypten und im Libanon. Noch 1986 spielte sie in Youssef Chahines „Le sixième jour" (Der sechste Tag) die Hauptrolle. Tolle Schlager wurden mit ihrer tiefen Stimme und dem Akzent mit dem rollenden R im Französischen unverwechselbar. So richtig emotional aufgeladen erscheinen sie allerdings erst in diesem Bio-Pic: Für jede Lebenslage bis hin zum Abschied mit „Pour ne pas vivre seule" scheint es einen passenden Song zu geben, was bei der reichen Auswahl vielleicht tatsächlich nicht schwer war.

Denn ihr Privatleben war kein Hit: Ihr erster Ehemann, Lucien Morisse, Leiter des damals neu gegründeten Privatradiosenders Europe 1, brachte sich ebenso um wie der Schlagersänger Luigi Tenco, mit dem Dalida 1967 während des Festivals in San Remo das gleiche Lied sang. Und auch Richard Chanfray, von dem sich Dalida 1981 trennte, beging zwei Jahre später Selbstmord. Die eigenen Krisen versuchte die Künstlerin mit Psychoanalyse und einem dreijährigen Aufenthalt in Indien zu bewältigen.

Dieses wirklich bewegte Leben wird oft aus dem Blickwinkel ihrer Männer und ihres Bruders erzählt, der auch ihre Biographie „Dalida - Mon frère, tu écriras mes mémoires" schrieb. Regisseurin Lisa Azuelos gelang in „Dalida" eine elegante Montage von Erfolg und Drama durch verschiedene Lebensphasen angefangen mit Dalidas Kindheit in Ägypten. Gut inszeniert mit sehr stimmingen Bildern, Farben und Szenen. Das Zusammenspiel von dramatischen Ereignissen und intensiver Mimik begleitet eine nicht endenden Folge von Hits und Evergreens: „Parole, Parole" (mit sprechendem Alain Delon), „Besame mucho", die Mini-Oper „Gigi l'amouroso", „Buenos noches, mi amor" oder „Il venait d'avoir 18 ans" passend als sie ihren viel jüngeren Liebhaber und Literaten zusammenkommt. Die Dalida-Darstellerin Sveva Alviti ist dabei eine Entdeckung: Mit glaubhafter Interpretation schafft sie es, Faszination und Drama dieser Frau zu verkörpern - wenn man danach Originalaufnahmen sieht, scheint Alviti die authentischere, auf jeden Fall die intensivere Dalida zu sein.

5.8.17

Der Stern von Indien (2017)

Großbritannien, Indien 2017 (Viceroy's House) Regie: Gurinder Chadha mit Hugh Bonneville, Gillian Anderson, Michael Gambon, Manish Dayal, Huma Qureshi 107 Min. FSK: ab 6

Die Britin Gurinder Chadha ist eine ausgezeichnete Regisseurin, die aus dem Punjab stammt. Ihre Filme wie „Picknick am Strand" (1993), „Kick It Like Beckham" (2002) und „Liebe lieber indisch" (2004) zeigen immer wieder Begegnungen und Konfrontationen zwischen den Kulturen. Nun zeichnet sie in einem großen, melodramatischen Epos die Trennung von Indien und Pakistan nach: 1947 kommen Lord Mountbatten (Hugh Bonneville) und seine Frau Edwina (Gillian Anderson) nach Delhi. Als Vizekönig soll Mountbatten die britische Kronkolonie in die Unabhängigkeit entlassen. In seinem Palast arbeiten auch der junge Hindu Jeet (Manish Dayal), der hier unverhofft seine einstige Flamme wiedertrifft, die schöne Muslima Aalia (Huma Qureshi). Die Verbindung zwischen Angehörigen der verfeindeten Religionen, die sich gerade im ganzen Land in blutigen Unruhen umbringen, ist nahezu unmöglich. Für Mountbatten bleibt nur die Aufteilung in die neuen Staaten Indien und Pakistan, um den Bürgerkrieg zwischen Hindus, Sikhs und Muslims zu stoppen.

Unter den Führern der verschiedenen Gruppen tritt auch Ghandi auf. Die Diskussion um die Entscheidung bleibt vor allem spannend im Gespräch zwischen dem Viceroy und seiner klügeren und mit der Situation vertrauteren Frau Lady Edwina Mountbatten, gespielt von der großartigen Gillian Anderson („American Gods", „Akte X"). Die große befriedende Idee scheitert auch an der Ausführung mit weltpolitisch orientierter Einflussnahme durch Churchill und durch unfähige Bürokraten, deren Grenzziehungen auch durch die Provinz Punjab, heute noch für Kriege sorgen. Bei dieser interessanten Aufarbeitung eines historischen Einschnitts vor 70 Jahre bleibt allerdings ohne weitere Hintergründe nur die Erkenntnis, dass Religion eine ziemlich bescheuerte Erfindung ist.

In historischer Fortsetzung der BBC-Serie „Indian Summers", die auf Arte lief, macht die History-Soap auf großer Leinwand mit geschickt einmontierten, alten dokumentarische Aufnahmen schockierend den Ausmaß der mörderischen Massenunruhen und machen die Dringlichkeit des Problems klar. Auch die unglaubliche Völkerwanderung von 14 Millionen Menschen in ihre neu zugewiesene Heimat, die eine Million Opfer forderte, erschüttert. Viele Details wurden sorgsam eingestreut, so die enorme Armut der Engländer selbst nach dem Krieg. Aber auch wenn die Großmutter der Regisseurin die Ereignisse selbst miterleben musste, „Der Stern von Indien" erzählt letztlich aus der Perspektive der Kolonialisten, was als seltsamer Beigeschmack über den ganzen Film liegt.

Lucky Loser - Ein Sommer in der Bredouille

BRD 2017 Regie: Nico Sommer mit Peter Trabner, Annette Frier, Emma Bading, Elvis Clausen, Kai Wiesinger 94 Min. FSK: ab 0

Koma-Fressen, Kirmes bis zum Abwinken und mit noch nicht ganz 16 Jahren den besoffenen Papa nachts nach Hause fahren: Mike (Peter Trabner) und seine Tochter Hannah (Emma Bading) haben sehr unkonventionell zusammen sehr viel Spaß. Was die Mutter Claudia (Annette Frier) und vor allem deren spießiger Neuer Thomas (Kai Wiesinger) überhaupt nicht gut finden. Doch Mike lässt sich nicht unterkriegen. Auch davon, dass er aus seiner Wohnung fliegt und nach Hannahs Ankündigung, sie wolle jetzt zu ihm ziehen, nur einen kleinen, schäbigen Camping-Wagen als Unterkunft anbieten kann. Doch Hannah fährt mit zum Campingplatz, weil sie vor allem endlich mit ihrem 30-jährigen Liebhaber Otto (Elvis Clausen) ins Bett will.

Es ist schon herrlich, wie Mike, Hannah und dann auch noch Otto zu dritt im engen Campingbett liegen. Auch wie Mike und Otto direkt gute Kumpels werden und der Schwiegerpapa den Freund der Tochter aus einer dieser brenzligen Situationen rausholt, die man als Schwarzer im minderbemittelten Ost-Regionen wohl erlebt. Wird aber noch besser, als Claudia voller Sorge auftaucht und wegen künstlich herbeigeführter Autopanne auf dem sehr altmodischen Zeltplatz festhängt. Ein Rückfall in die gemeinsame Vergangenheit für die zukünftige Chef-Ärztin, die vor lauter Karriere das Aufwachsen der Tochter verpasst hat. Mike kümmerte sich immer gerne und hat dafür jetzt keinen anständigen Job, kein Geld, und keine Wohnung. Ist aber immer noch verliebt in Claudia. Da meint selbst Teenager Hannah, „Werd' erwachsen, Alter!". Nicht nur, weil Mike nach 10 Jahren Trennung noch ein Bild seiner Ex im Auto hängen hat.

Dieser Typ ist total irre und das macht viel Spaß beim Zuschauen. Die Familienaufstellung im zu kleinen Camper ist erst mal kein großes Kino, aber eine vor allem stimmige, sympathische Geschichte mit guten Dialoge und guten Darstellern. Der Vater-Tochter-Spaß „Lucky Loser" bekommt diese Kino-Woche eindeutig den Vorzug vor dem Vater-Sohn-Langeweiler „Helle Nächte".

Helle Nächte

BRD, Norwegen 2017 Regie: Thomas Arslan mit Georg Friedrich, Tristan Göbel 86 Min. FSK: ab 0

„Helle Nächte" von Thomas Arslan („Der schöne Tag", „Gold") schockt als deutscher Anti-Film um schweigende und grantelnde Männer. Der Berliner Bauingenieur Michael (Georg Friedrich) hat seit Jahren kaum Kontakt zu seinem 14-jährigen Sohn Luis. Als Michaels Vater in Norwegen stirbt, reisen die beiden dennoch gemeinsam zum Begräbnis in die Einsamkeit des Nordens. Es folgt eine sehr ruhige Begehung der Wohnung vom Vater beziehungsweise Großvater. Und das war dann der Action-Teil des wunderbar meditativen Films. Während endloser Autofahrten auf endlos leeren Straßen tauchen Fragen zum gestörten Verhältnis von Michael zu seinem Vater auf, was selbstverständlich das ebenso spröde Verhältnis Michaels zum Sohn spiegelt.

Bei der Berlinale bekam der ausgezeichnet Georg Friedrich, der hier beweist, dass er auch das Nichts darstellen kann, als Bester Darsteller einen Silbernen Bären und seine konfuse Dankesrede war tatsächlich das Interessanteste an diesem Film. „Helle Nächte" bemüht das Prinzip „Wir zeigen Langeweile, indem wir einen langweiligen Film zeigen." Die Kommunikationslosigkeit zwischen Vater und Sohn wurde weitgehend kommunikations- und ideenlos abgewickelt. Dazu scheint der junge Tristan Göbel („Tschick") kein Schauspieltalent zu sein. Lockerte „Toni Erdmann" gerade noch dieses Image des deutschen Films auf, beweist dieser Anti-Erdmann, dass man traditionsgemäß nichts zu lachen hat bei deutschen Filmen. Für alle, die mal so richtig runterkommen wollen - in Tempo und Stimmung - ist dieser Film allerdings Gold!

Heartbeats

USA 2016 Regie: Duane Adler mit Krystal Ellsworth, Amitash Pradhan, Paul McGillion 107 Min. FSK: ab 0

Noch ein Tanzfilm und tatsächlich auch noch einer von Duane Adler, dem Drehbuchautor von „Save The Last Dance", „Make It Happen" und „Step Up". Doch wenn man jetzt affektierten und hirnlosen Mist differenzieren muss, ist „Heartbeats" ein noch schlechterer, extrem oberflächlich mit seinem exotischen Indien-Setting umgehender Tanzfilm.

„Ich fühle mich nur lebendig, wenn ich tanze" - solche Sätze müssen die Pappfiguren solcher Hüpfdohlen-Filmchen selbstverständlich immer absondern. Auch „Heartbeats" ist eine Steilvorlage für ein Phrasen-Bingo zum Tanzfilm-Genre. Klar, dass die junge Kelli Andrews (Krystal Ellsworth) zwischen Berufung und Beruf steht, zwischen ihrem Traum vom Tanzen und der von den Eltern erwünschten Jura-Ausbildung. Mit diesem Konfliktchen einer derart reichen Familie, dass Studienfinanzierung eigentlich keine Rolle spielen sollte, geht es zu einer indische Hochzeit - der lahmsten und humorlosesten der Filmgeschichte. Kellis Treffen mit einem Traummann führt zu vielen mäßigen Tanznummern in künstlicher und behaupteter Stimmung. Man sieht den Statisten förmlich an, dass ihr Schmerzensgeld viel zu gering ausfiel. Deshalb klatschen sie immer im falschen Rhythmus, was tatsächlich einfach schlechte Cutter-Arbeit zeigt. Eine Woche mit Hochzeitsvorbereitungen, Anproben und Tanzkursen versammelt Liebesdramen, die in einer Preview nur als Lachnummer funktionierten.

Die Hauptdarstellerin, deren Name schon vergessen ist, hat einschläfernden Charme und Charisma auf Sparflamme. Die Musiknummern, schlecht zusammengeschnibbelter Restekram aus anderen schlechten Tanzfilmchen mit billigen Popliedchen, sind kläglich. Jeder echte Bollywood-Film tanzt diese Kindergarten-Aufführung schwindelig. Dazu wird schamlos Weichzeichner über die Leinwand gekleistert und der soziale Hintergrund von Mumbai, das hier immer noch Bombay heißt, weitgehend ausgeblendet. Herzlos!

4.8.17

Die Dreharbeiten zu „Liliane Susewind“

Film-Möglich-Macher

André Sommerlatte brachte den nächsten großen Dreh in die Region

Seit dem 6. Juli 2017 wird in Aachen und der Umgebung wieder großes Kino gemacht: Die Dreharbeiten für den Kinderfilm „Liliane Susewind", der am 2018 in die Kinos kommt, starteten mit den Schauspielern Peri Baumeister („Russendisko") und Tom Beck („Vaterfreuden"). Darin hat die elfjährige Liliane Susewind eine außergewöhnliche Fähigkeit: Sie kann mit Tieren sprechen. Später werden auch Christoph Maria Herbst und Meret Becker am Set sein. Mit dem aufwändigen Dreh von Sony Pictures ist wieder mal eine große Filmproduktion in der Region zu Gast. Wie groß? 1000 Übernachtungen für den kompletten Dreh, der noch bis zum 23. August in Aachen und Belgien stattfindet. Wer das Projekt so griffig umreißen kann, ist Koproduzent André Sommerlatte von der belgischen Velvet Films.

Sommerlatte ist ein Profi, der auch schon Drehs mit Depardieu ins Grenzland holte, 2007 für die 13 Millionen-Produktion „Die Kinder von Timpelbach" in der Eyneburg von Hergenrath. Damals war André Sommerlatte in Eupen noch Medienreferent für die DG, die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens. Auch wenn die Filmwirtschaft nur 5 Prozent seiner Aufgaben ausmachte, sah man ihn auf den Festivals von Cannes, Venedig und Berlin. Federführend war er bei Koproduktionstreffen mit Nordrhein-Westfalen, Luxemburg und dem Saarland. Nebenbei machte er noch den Motivaufnahmeleiter bei Drehs an der Gileppe-Talsperre, bei aufsehenerregenden Action-Szenen für Hermann Johas Produktion „action concept" („Alarm für Cobra 11", „Der Clown").

Vor wenigen Wochen wechselte der leidenschaftliche Kommunikator und Film-Produzent vom Ministerium zur Brüsseler Firma „Velvet Films", die seit ihrer Gründung eine enorme Dynamik erlebt: Seit Januar stehen vier Langspielfilme auf dem Plan, darunter auch in Antwerpen und Gent „Brechts Dreigroschenfilm" mit großem Etat sowie Lars Eidinger (als Bertholt Brecht), Tobias Moretti, Hannah Herzsprung, Joachim Król, Claudia Michelsen, Christian Redl und Robert Stadlober in den Hauptrollen.

Diese deutsch-belgischen Koproduktionen sind kein Zufall, sondern Konzept für Velvet Films und Spezialität von André Sommerlatte. Er sieht sich als „Verbindungselement von belgischer zu deutscher Kinematografie". Der deutsche Produzent, der in Eupen lebt, weiß, dass frankophone Filmproduktionen Partner suchen, die ihre Sprache sprechen, „nicht einfach Französisch, sondern deren Art verstehen". Seine Frau stammt aus Lüttich, was von Westen her gesehen ja schon jenseits eines kulturellen Grabens liegt. So bestätigt der Fachmann den jahrelangen Trend, dass deutsche Produktionen sich eher nach Flandern orientieren. Sommerlatte präsentiert sich mit der neu aufgestellten Firma als „der erste, auf den du triffst, wenn du mit einem Projekt aus Deutschland kommst". Sein Partner und Firmengründer Sebastian Schelenz ist Deutscher mit Büro in Brüssel.

So wird die Region zum „First Exit-Punkt, um sich der romanischen Kultur zuwenden". Dabei ist klar, dass Ostbelgien zu klein ist, dass „wir nicht alles machen können". Dadurch kommen Drehs in Aachen, Antwerpen und Gent zustande. Was vor allem in Flandern als große Chance zum Städtemarketing begriffen wird. In Aachen selbst sieht der Kenner brachliegendes Potential. Daneben ist das Filmemachen auch immer Wirtschaftsförderung. Die „Film- und Medienstiftung NRW", die „Liliane Susewind" mit 657.913 Euro fördert, wurde dementsprechend im Wirtschafts-Ministerium angesiedelt. Sommerlatte ist zudem Spezialist für die belgische Form der Filmförderung, eines Steuerspar-Modells namens „Tax Shelter". Neben den 1000 Übernachtungen für „Liliane Susewind" gibt es an den Drehorten auch weniger qualifizierte Jobs wie Fahrer oder Setrunner. Die in der Branche sogenannten „Effekte" bedeuten, dass mehr Geld in der Region ausgegeben werden muss, als die jeweilige Förderung zur Verfügung stellt. Neben Sets in Aachen wird auch die Vennbahn am ehemaligen Raerener Bahnhof langfristig in diesem Sommer wieder zum Drehort. Hier drehte schon Sandra Hüller die Doku-Fiktion „Fräulein Stinnes fährt um die Welt".

Das Programm von Velvet Films ist mit der Verfilmung der Kinderbuchreihe „Liliane Susewind" von Bestsellerautorin Tanya Stewner und einem Brecht-Film kulturell eindrucksvoll. Trotzdem steht Sommerlatte zum „lauten" Teil seines Netzwerkes, zu Hermann Joha, dem Schöpfer von „Alarm für Cobra 11" und der Film-Autobahn im nordrhein-westfälischen Aldenhoven-Siersdorf. „Joha ist der erste, der erkannt hat, welches Potential Belgien hat, und seitdem dreht er regelmäßig hier." Kein anderer bekomme Stunts so schnell, kostengünstig und effektiv hin. „Ich werde ihm nie vergessen, wie er mir seinen Hubschrauber geliehen hat, weil er wusste, dass ich Bilder (für einen Image-Film der DG, red.) von oben brauche."

Aber auch wenn Velvet Films mit vier Angestellten in Brüssel ein Wirtschaftsunternehmen ist, bleibt Kultur ein begleitender Faktor für Sommerlatte. Für 2017 ist die Produktion schon ausgelastet, sie musste bereits Projekt nach 2018 verschieben. Trotz des aktuell beeindruckenden Portfolios wollen Schelenz und Sommerlatte nicht über alle Maßen wachsen, „unser Ziel ist, schöne Sachen zu machen".

http://velvetfilms.be/

1.8.17

Alibi.com

Frankreich 2017 Regie: Philippe Lacheau mit Philippe Lacheau, Elodie Fontan, Julien Arruti, Tarek Boudali 90 Min.

Grégory (Philippe Lacheau) vermittelt erfolgreich Alibis für untreue Männer und Frauen und für gemobbte Schüler. Als er Flo kennenlernt, ist er zum ersten Mal richtig verliebt. Allerdings verabscheut sie lügende Männer. Da ausgerechnet ihr Vater Gérard ein Kunde von Grégorys Alibi.com ist, wird die lahme Komödie richtig konstruiert kompliziert. Denn Schwiegermama und -papa laufen sich ausgerechnet in Gérards Liebesnest, einem Hotel in Cannes, über den Weg. Flo ist auch dabei und Grégory muss seine Lüge aufrecht halte, er sei eigentlich Stewart und irgendwo in Afrika unterwegs. Da hat „Alibi.com" längst die Grenze von Albernheit zum Blödelfilm überschritten, ist längst eine ziemlich platte Verwechselungskomödie. Das hat man alles schon mal gesehen, sogar sehr oft, zu oft. Die vielfache Konfusion wurde nicht nur inszeniert, sie ergriff den Films im Ganzen. Noch eine so eine schwer erträgliche Franco-Klamotte, die zeigt, dass wir mit Schweighöfer und Co. nicht ganz allein auf der Welt sind.

Einmal bitte alles

BRD 2017 Regie: Helena Hufnagel mit Luise Heyer, Jytte-Merle Böhrnsen, Patrick Güldenberg, Maximilian Schafroth 85 Min.

Isi Jung (Luise Heyer) hat Probleme mit dem Alter, also damit, das richtige Alter für sich selbst zu finden. Zu Anfang hat sie Sex im Altersheim - mit einem Pfleger, der ihr nicht verraten hat, wo sein Schlafzimmer ist. Die 27-Jährige gehört der Generation Praktikum an und wird von der besonders ignoranten Agentur-Chefin Ulrike Finsterwalder (Sunnyi Melles) besonders gedisst. Ihre beste Freundin und Mitbewohnerin genießt lautstark einen neuen Liebhaber, der feuchte Putz bröckelt von der Decke. Die Eltern haben ihr Kinderzimmer leergeräumt und die Freundin schmeißt sie dann auch noch aus der WG raus.

Ohne Wohnung, ohne Job, ohne Freunde findet sich Isi an einer Lebenswende. will aus Fitzgerald eine Graphic Novel machen
Zu alt für die WG-Scherze, zu jung für ein festgelegtes Leben, falls man ihr so was anbieten würde. Die Regisseurin Helena Hufnagel lässt Isis ziemlich miese Lebens-Sackgasse mit frischen, jungen Inszenierungs-Ideen und lässigen Dialoge nachempfinden. Das gelungene Debüt nimmt sich Zeit, mit atmosphärischen Momenten Stimmungen zu vermitteln. Die perfekte Hauptdarstellerin Luise Heyer begeisterte schon in „Die Reste meines Lebens" mit einer sehr emotionalen Rolle. Die Musik der Tragikomödie schrieb der aus Aachen stammende Dieter Schleip.

Die göttliche Ordnung

Schweiz 2017 Regie: Petra Volpe mit Marie Leuenberger, Max Simonischek, Rachel Braunschweig, Sibylle Brunner 96 Min. FSK: ab 6

Während Anfang der 70er in der Welt Summer of Love und Frauen-Emanzipation toben, bewegt sich in einem verschneiten Schweizer Bergdorf gar nichts. Nora (Marie Leuenberger) macht ihren Job als Hausfrau und Mutter, derweil sie von einer großen Welt träumt. Es braucht für heutiges Publikum ein paar Erklärungen der schwer vorstellbaren Situation, dass 1971 noch um das Frauenwahlrecht in der Schweiz abgestimmt werden musste und dass ein Ehemann es genehmigen muss, wenn seine Frau arbeiten will. So erleben wir mehrere Frauen-Schicksale im, Noras 18-jährige Nichte Hanna wird von ihren Eltern den Behörden übergeben, weil sie im Dorf einen schlechten Ruf hat. Es gibt die lebensfrohe italienische Restaurant-Chefin, die geschieden - Skandal! - ohne Mann zurecht kommt. Also Nora sich für das Frauenwahlrecht engagiert und beginnt, Hosen zu tragen, trifft sozialer Druck im Dorf auch die Kinder und am Arbeitsplatz den Mann.

Der Erfolgsfilm aus der Schweiz eines kleinen Kampfes für das Frauenrecht ist als große Geschichte inszeniert, schön gefilmt, sehr gut gespielt, durch die Musik (Annette Focks) stark dramatisiert und immer vorhersehbar. Was nicht nur daran liegt, dass die Suffragetten diesen Kampf ein Jahrhundert früher ausfochten. Aber nebenbei auch zeigt, wie universal und noch immer umstritten der Feminismus ist. Regisseurin Petra Volpe gestaltete ihre Geschichte wenigstens nicht schwarzweiß, Noras Mann will durchaus für das Frauenwahlrecht stimmen, obwohl er meint, dass eine Frau hinter den Herd gehört. Doch erst einmal machen die Frauen auf Lysistrata und streiken. Die Kinder müssen ihr Geschirr abwaschen und werden nicht mehr von der Mutter bedient. Das Paket aus Drama und Spaß funktioniert - für die Lacher lernen die Frauen um Nora in einem Züricher Workshop auch noch ihre Vulva kennen. Es bleibt eine Wertschätzung, diese hart erkämpften Errungenschaft zu schätzen und nicht in irgendeinem Post-Feminismus klein zu machen.