31.7.17

70. Filmfestival in Locarno 2017

Jedes Jahr im August kehren zwei wunderbare Erscheinungen zurück. Die eine seit Millionen von Jahren, die andere immerhin schon seit 70 Jahren. Anfang August ist Filmfestival in Locarno am Lago Maggiore und immer auch die Zeit der Perseiden, der Laurentiustränen, ein jährlich in der ersten Augusthälfte wiederkehrender Meteorstrom. Wer dieses Naturspektakel im Open Air-Kino der Piazza Grande beim Blick in den Himmel über der Leinwand erleben durfte, vielleicht sogar am 10. August 1982 als „Notte di San Lorenzo", der Film der Brüder Taviani lief, wird für immer vom Zauber Locarnos abhängig werden. Und nebenbei gibt es auch beim 70. „Festival Internazionale del Film Locarno" (2.-12. August) wieder viele gute Filme zu sehen.

Vor 71 Jahren wurde der Mythos des Locarno-Festivals geboren: Es begann 1946 auf einer abschüssigen Wiese vor dem „Grande Albergo", dem mondänen Grand Hotel Locarnos. In einer Zeit, die Filmfestivals weltweit aufleben ließ, gingen in dem eleganten Ferienort der Südschweiz nächtens die Lichter an, die Traumwelt bedeuten. Das Open Air-Kino unter dem Tessiner Sternenhimmel erwies sich als Markenzeichen und Erfolgsrezept des Film-Events. Mit dem Umzug auf die Piazza Grande, einem malerischen Pflaster-Platz nicht weit vom Lago Maggiore, wurde aus dem magischen ein Massen-Ereignis: 9000 Menschen können hier offiziell die zeitweilig größte Leinwand Europas anhimmeln, inmitten von Altstadt- und Berg-Panorama Filme aus aller Welt in exzellenter Qualität erleben. Unter dem freien Kino-Himmel der Piazza Grande kommen die Elemente hoch, der Mensch setzt sich und die Kunst in Relation zu den umgebenden Naturgewalten, den Zwei- bis Dreitausendern, dem riesigen Lago Maggiore. Man schwelgt angesichts dieser Inspirationen in elementaren Betrachtungen, angefeuert von bewegenden Filmthemen. Bei den Höhepunkten des Festivals, den modernen Blockbustern oder den Filmen für die benachbarten Italiener wird regelmäßig jeder Quadratzentimeter der Piazza mit Leinwandleidenschaft gefüllt. Dann drückt sich hier Liebe zu diesem ganz besonderen Kino nicht nur aus, sie quetscht sich geradezu auf den nun gar nicht mehr so mächtigen Platz.

Um das traumhafte Open Air-Kino versammelten sich im Laufe der Jahrzehnte andere Säle, ein Wettbewerb formte sich, der A-Status unter den Festivals wurde erworben und jährlich an die 200.000 Zuschauer bekunden ungebrochene Filmbegeisterung. Mal versuchen häufig wechselnde Festivalleitungen Locarno als das kleine der großen Festivals (Berlin, Cannes, Venedig) zu positionieren, mal als das Größte der Kleinen. Mal tummeln sich die Stars und Leinwandgötter, mal genießt man den offenen Umgang mit noch nicht so bekannten Filmemachern der Nachwuchs-Sektionen am Seeufer. Aber das Fallen der Sternschnuppen über der Leinwand hinterließ meist mehr Eindruck als das Kommen und Gehen der Stars auf der Bühne. Diese teilten immer wieder eines mit dem Publikum der Piazza Grande - die enorme Begeisterung! Mal euphorisch, mal sprachlos oder auch fast religiös angerührt angesichts einer Kinokult-Gemeinschaft von 9000 Menschen.

In all den Jahrzehnten präsentierte Locarno immer neue Impulse der internationalen Filmszene: Hier wurde den italienischen Neorealisten gehuldigt und den chinesischen Regisseuren der 5. Generation. Die Nouvelle Vague mit Truffaut, Godard und Co. war hier ebenso zu entdecken, wie das Osteuropäische Kino der 60-ger Jahre. Marco Bellocchio oder Abbas Kiarostami traten hier ins Scheinwerferlicht und kamen gerne mit ihren neuesten Werken zurück an den Lago. Als Konstante blieb die Hochachtung vor dem Autorenfilm, der Respekt vor persönlichen und unverwechselbaren Handschriften der Filmkünstler. Auch in der Festivalleitung tauchen große Namen auf: Moritz de Hadeln war bis bevor er die Berlinale übernahm. Marco Müller setzte Akzente, ging nach Venedig und ist jetzt in Rom. Olivier Père kam von der Cannes-Nebensektion Quinzaine des réalisateurs.

Das Grand Hotel, wo alles anfing, blieb bis zu seiner Schließung vor zwölf Jahren der wahrlich magische Ort, der Jahrzehnte lang das gesellschaftliche Herz des Festivals bildete: Hier trafen sich nachts nach den Piazza-Filmen all die Schönen, Wichtigen, Genialen mit den begeisterten Cineasten, den Produzenten und denen, die sich nur immer selbst produzieren. Kein anderes Festival bot einen atmosphärisch wie kommunikativ derart aufgeladenen Treffpunkt. Der heilige Ort des Ursprungs verfällt mittlerweile als Spekulations-Ruine, in der nur noch mal indische Filmteams für etwas Leben sorgten. Am Verlust dieses Ortes macht sich eine mögliche Bedrohung des Festivals fest: Auch andere Hotels schließen oder werden zu Eigentumswohnungen umgewandelt - der Ferienort verliert das Mondäne und wandelt sich zum verschlafenen Touri-Nest für betagtes Publikum. Die Festivalgäste übernachten im fußläufigen Ascona und in kleineren Orten der steilen Bergflanke, die sich vom See bis auf über 2000 Meter reckt.

Die Piazza - der Platz und der Platzregen
Überhaupt sind die Immobilien abseits von den üblichen Diskussionen über gute oder weniger gute Programme, über zu viel oder viel zu viel Stars tatsächlich ein ganz handfestes Problem des Sommer-Festivals. Es hat nämlich eigentlich kein richtig großes Kino. Vor allem bei Regen und Gewitter stellt sich die Frage, wohin mit den 9000 Zuschauern, die auf die Piazza passen. Denn trotz Klimawandel ist Verlass wie auf ein Unwetter und das Spektakel, dass Tausende Zuschauer in schicker Abendkleidung von der Piazza in weniger charismatische Kinos mit Bedachung jagt. Ein ehemaliger Festivalpräsident bat zur Eröffnung denn auch regelmäßig die „Madonna del Sasso", deren Kapelle auch im Dunkeln vom Berg herunterleuchtet, für gutes Wetter. Die immer eine sehenswerte Regen-Völkerwanderung geht in den Festivalsaal „Fevi" - eigentlich eine Sport- und Mehrzweckhalle, dem zwar der Scheißgeruch vom Schulbetrieb ausgetrieben wurde, doch die Bestuhlung ist schmerzlicher als Schulsport. Das alte Traditionskino Rex soll renoviert werden, reicht aber kaum für die immer sehr umfassenden und gründlichen Retrospektiven-Reihen aus. Deshalb strahlt das Festival zum Jubiläum besonders mit seinem neuen „Palazzo del Cinema", einem kleinen zusätzlichen Filmpalast: Goldene Metallplatten verzieren das rekonstruierte alte Schulgebäude, das nun in drei Kinosälen weitere 800 Zuschauer modern beherbergt. Die Eröffnung erfolgt pünktlich zur 70. Ausgabe.

Doch die Piazza ist regelmäßig voll, obwohl die Schweizer Preise auch beim Eintritt hoch sind wie die umgebenden Berge. Ein Abend auf der Piazza mit einem Film kostet 25 Schweizer Franken (ca. 22 Euro), bei einem Double Feature sind es schon 35, mit reserviertem Platz sogar 52 Franken! Eingerechnet sind da wohl auch die anderen Attraktionen des Süd-Schweizer Ferienortes, die wunderbaren Bademöglichkeiten im See und in den eiskalten Gebirgsbächen. Die Ponte Brolla, das kleine Weltwunder einer Felsschlucht am Ende des Maggia-Tales verfärbt sich regelmäßig Anfang August im schwarz-gelben Leoparden-Muster der Kataloge, Festivaltaschen und Halsbänder mit Akkreditierungen.

So wird es auch 2017 sein. Diesmal ist „Atomic Blonde" als einziger lauter US-Film auf der Piazza Grande mit Charlize Theron und Berlin in der Hauptrolle vertreten. Mit weiterer deutscher Beteiligung feiern hier „Drei Zinnen" von Jan Zabeil mit Alexander Fehling („Homeland") und Bérénice Bejo („The Artist") sowie „Der Mann aus dem Eis" von Felix Randau, eine Geschichte aus der Jungsteinzeit, ihre Weltpremieren. Sie versuchen das Fast-Abo deutscher Produktionen auf den Publikumspreis zu verlängern, den schon „Der Staat gegen Fritz Bauer", „Das Leben der anderen", „Das Wunder von Bern" und „Die syrische Braut" auf dem Pflaster ergatterten. Im Wettbewerb „Concorso Internazionale" geht mit „Freiheit" von Jan Speckenbach junges deutsches Kino ins Rennen. Insgesamt sind 28 deutsche Filme und Koproduktionen programmiert. Zum Jubiläum gönnt sich Locarno mit der Retrospektive zu Jacques Tourneur außerdem eine besonders schöne Hommage. Zeitlos gut wie das Festival selbst.

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