2.5.17

Sieben Minuten nach Mitternacht

USA, Spanien, Großbritannien 2016 (A Monster Calls) Regie: J.A. Bayona mit Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver, Liam Neeson, Geraldine Chaplin 109 Min. FSK: ab 12

Die sensationelle Verfilmung des Romans „A Monster Calls" von Patrick Ness ist in ihren Real- und Animationsteilen (trick-) technisch so sagenhaft wie „Transformers", nur dazu auch poetisch und gut, natürlich im mehrfachen Sinne: Die Mutter (Felicity Jones) des jungen Conor (Lewis MacDougall) ist unheilbar krank, er wird in der Schule gemobbt und verprügelt. Zudem droht die strenge Großmutter (Sigourney Weaver) damit, dass er bei ihr wohnen soll. Und dann verfolgt ihn noch, immer sieben Minuten nach Mitternacht, ein Alptraum, in dem ein riesiger Baum mit Armen, Beinen und feurigen Augen eine idyllische Landschaft mit kleiner Kapelle und Friedhof zerstört, bis die Erde vor Conor aufklafft. Als sich der Zustand von Conors Mutter verschlechtert, spricht der Gigant den Jungen direkt an: Drei Geschichten wird er ihm in drei Nächten erzählen, dann müsse der Junge seine eigene preisgeben.

Eingebettet in den Realfilm mit ungeheuer guten Darstellern sind Märchen in wunderbarer Animation, die als feiner, farbiger Schattenriss daherkommen. Mit ihrem trockenen, sehr gegenwärtigen Humor präsentieren sie eine Moral, die zum Erstaunen des trotzigen Conor gerade nicht märchenhaft einfach ist. Da ist die Stiefmutter plötzlich gar nicht böse und der Prinz tatsächlich ein Mörder, der als König allerdings ein Segen für sein Land war. Nichts ist, wie es scheint. Und: Menschen seien komplizierte Wesen, Wahrheit und Lüge liege bei ihnen in einem.

Mit gemischten Gefühlen kennt Conor sich aus: Traurig und wütend erduldet er viel, vertieft sich in die Welt seiner Zeichnungen, bis er mit Unterstützung seines Baum-Freundes den Ober-Bully in der Schule zusammenschlägt. Als sich andeutet, dass auch die Mutter das Monster gut kennt, eröffnen sich überraschende Perspektiven im spannenden Rätsel des Films. So lehrt das alte Wesen weit mehr, als dass es einfach verständlich ist, wenn sich der Junge nach all der miterlebten Qual auch den unausweichlichen Tod der Mutter bald herbeisehnt.

„Sieben Minuten nach Mitternacht" ist nicht nur in eher unaufgeregten Kinowochen ein absoluter Höhepunkt, ein kluges, mutiges, tief bewegendes und auch handwerklich herausragendes Meisterwerk des Gefühls-Kinos. Lewis MacDougall überzeugt in der Hauptrolle des zerrissenen Jungen Conor, zurückhaltend unterstützt von Felicity Jones und Sigourney Weaver. Im besonders empfehlenswerten Original erschüttert die tiefe Stimme Liam Neesons in der Rolle des Baums schon rein physikalisch. Die Animationen sind ein Augenschmaus, der überwiegende Realfilm verwöhnt mit tiefen Bildern und spannenden Perspektiven. Dass Regie, Kamera und Schnitt auf höchstem Niveau begeistern, überrascht eigentlich nicht. Denn Juan Antonio Bayona ist ein auch international sehr erfolgreicher spanischer Regisseur mit Tendenz zum Gruseligen. Für „The Impossible" schickte er 2012 Ewan McGregor und Naomi Watts als Elternpaar in die Tsunami-Katastrophen. Nun gelingt es ihm, in einem Jugend- und Fantasy-Film die schwierige Situation schwer kranker Eltern zu thematisieren und dabei nicht genehme Wahrheiten auszusprechen.

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