15.5.17

Jahrhundertfrauen

USA 2016 (20th Century Women) Regie: Mike Mills mit Annette Bening, Greta Gerwig, Elle Fanning, Billy Crudup, Lucas Jade Zumann 119 Min. FSK: ab 0

Ein Jahrhundertfilm mit gleich drei großartigen Schauspielerinnen aus drei Generationen! Was will ein 15-jähriger Junge im Kalifornien am Ende der 70er Jahre mehr zum Erwachsenwerden? Eine Vaterfigur vielleicht? Gibt es in der WG der Dorothea Fields (Annette Bening) zwar auch, aber der Muster-Mann (Billy Crudup) funktioniert nur als Handwerker, Yoga- und Sex-Partner, ansonsten ist er verlässlich und langweilig. Es ist tatsächlich auch nicht viel Platz neben der selbstbewussten, kettenrauchenden und mit großer Intelligenz Sinnsprüche raushauenden Frau, die eine der ersten technischen Zeichnerinnen des Landes war. Weil die Alleinerziehende selbst an ihren Mutter-Fähigkeiten für Sprössling Jamie (Lucas Jade Zumann) zweifelt, spannt sie die jüngere Mitbewohnerin Abbie (Greta Gerwig) und Julie (Elle Fanning), die Freundin des Sohnes, als Assistentinnen ein. Mit herrlich katastrophalen Folgen. Julie, die zu Gruppensitzungen mit der eigenen Mutter als Therapeutin muss und lieblos reichlich sexuelle Erfahrungen macht, schleppt den Jungen direkt zum ersten Drogentrip nach L.A. mit. Abbi, wieder im inneren Chaos eine typische Gerwig-Figur, bringt den Teenager den Punk und die neueste feministische Literatur nahe, samt sexuellen Aufklärungsbüchern hauptsächlich über den weiblichen Orgasmus. Selbst ausprobieren kann Jamie es nicht, denn Julie schleicht sich zwar jede Nacht in sein Bett, aber schlafen will sie mit ihm nicht.

Noch weht der Hippie-Geist durch das Kalifornien dieser hemmungslos offenen, unverstellten Menschen. Zwar gibt es auch Sätze wie „Die Frage ‚Bist du glücklich?' ist der direkte Weg zu Depression!" und im Fernsehen hält Jimmy Carter seine ernüchternde Crisis-of-Confidence-Rede, doch die Leichtigkeit mit der Mike Mills autobiographisch von Frauen des 20. Jahrhunderts (so der sinnvollere Originaltitel) erzählt, erstaunt bei gleichzeitiger Tiefe der Lebensbetrachtungen. Der Plural ist angebracht, weil sich die Erzählerstimmen ablösen. „Jahrhundertfrauen" bieten nicht nur das klügste Gefühlskino seit langem, auch formal ist der Film ein großer Roman, der im mutigen Finale den Bogen bis zum letzten Tag des letzten Jahrtausends schlägt.

Mike Mills erzählt wieder wunderbar, berührend, betörend menschlich und auch biographisch: Nach „Beginners", in dem Ewan McGregor einen Sohn spielt, der mit dem späten Coming Out seines Vaters konfrontiert wird, steht nun die Mutter von Mills im Mittelpunkt. Mills war Graphikdesigner und Regisseur von Musikvideos. Klar, dass die Ausstattung ein Genuss ist! Selbstverständlich sind die musikalischen Zeit-Referenzen mit Bowie und den Talking Heads berauschend stilvoll und erneut sinnstiftend.

All diese großartigen Anlagen, die intensiven Dialoge, die ganz eigenen und doch so universalen Stimmungen würden wohl nicht funktionieren ohne die drei Hauptdarstellerinnen. Annette Bening („Valmont", „American Beauty", „The Women") gibt die traurig-einsame Kettenraucherin Dorothea Fields mit den seltsamen Erziehungsideen wie eine ältere wirre Greta Gerwig. Die beiden besten Nachwuchs-Schauspielerinnen der USA, Greta Gerwig selbst und Elle Fanning begeistern im ersten Fall mit einer fast tragischen Variante ihres immerwährenden Typus'. Fanning hingegen erstaunt erneut mit ihrem breiten Rollenspektrum: Nach einer drogensüchtigen Prostituierten und Heiligen in „Live by Night", nach dem Modell in „The Neon Demon" und der Transsexuellen in „Alle Farben des Lebens" nun also eine hochintelligente junge Frau, die sich emotional abhärten will. Geringere Autoren und Regisseure als Mike Mills könnten aus den Figuren drei bis vier Filme machen, doch diese Intensität an (liebevollen) Figuren und Geschichten machen eben Meisterwerke aus.

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