29.5.17

In Zeiten des abnehmenden Lichts

BRD 2017 Regie: Matti Geschonneck mit Bruno Ganz, Sylvester Groth, Hildegard Schmahl, Evgenia Dodina, Natalia Belitski 100 Min. FSK: ab 0

Bruno Ganz, der größte Führer-Darsteller aller Zeiten, zeigt nun einen herrischen SED-Parteigenossen aus dem Osten, der 1989 noch seinen 90. Geburtstag in Ost-Berlin feiert und dann pünktlich zum Ende der DDR den Löffel abgibt. Der renommierte Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase („Als wir träumten") verdichtet den Erfolgsroman von Eugen Ruge zu einem filmischen Gesellschaftsbild, in dem 100 Jahre Partei- und deutsche Geschichte am Beispiel einer deutsch-russischen Familie aufgezeigt werden.

Was für ein Leben! Wilhelm Powileit ist seit 75 Jahren überzeugter Kommunist, floh einst aus Nazi-Deutschland, verbrachte das Exil in Mexiko. Währenddessen wurde sein Stiefsohn Kurt als angeblicher Konterrevolutionär in Moskau verhaftet. Nach seiner Rückkehr in die DDR stand Wilhelm als ehemaligem „West-Emigranten" nur eine bescheidene SED-Parteikarriere offen. Dabei will der resolute Politiker noch bis ins hohe Alter mitgestalten. Nun, zum 90. Geburtstag, tanzt die lokale Parteiführung an, Junge Pioniere bringen ihm ein Ständchen, er wird mit Orden behängt.

Wir erleben diesen Tag allerdings aus der Innenansicht seiner Familie: Ein Enkel hat gerade in den Westen „rübergemacht". Der Sohn verdaut das am besten bei seiner Geliebten. Die russische Schwiegertochter, die den Sohn einst im Straflager gerettet hat, säuft das Elend weg. Nach und nach mischen sich diese deutschen Sozialisten-Schicksale unter die steife SED-Feierlichkeit. Wilhelm Powileit will im Kommando-Ton alles zusammenhalten und ignoriert mit Altersstarrsinn jede Veränderung. Nicht nur der große Tisch für die Gäste wird an diesem Tag zusammenbrechen.

Dieser Familien-Film voll bitterer Ostalgie leistet Erstaunliches: Die exzellenten Schauspieler lassen die bedrückende Hoffnungslosigkeit kurz vor dem Mauerfall spüren. Wie es zu dieser zerrütteten Familie unter der Führung eines einst gefeierten Parteigenossen kam, machen die Gespräche über wechselvolle deutsche (Exil-) Geschichten nachfühlbar. Die souveräne bis stoische Gelassenheit des bescheidenen Partei-Bonzen Wilhelm Powileit ist ein tolles Sinnbild für den Zustand der abtretenden DDR.

Dass dies alles mit deftiger Melancholie unterhaltsam präsentiert wird, haben wir vor allem Bruno Ganz zu verdanken. Er gibt den müden Patriarchen mit frecher Selbstüberschätzung, zeigt sich desinteressiert und genießt doch den sozialistischen Personenkult. „In Zeiten des abnehmenden Lichts" ist noch einmal ein ganz großer Stoff des legendären, 1931 geborenen Defa-Autoren Wolfgang Kohlhaase. Er schrieb schon in den 50er-Jahren für den Film, trumpfte bei den Konrad Wolff-Meisterwerken „Solo Sunny" (1979), „Mama, ich lebe" (1976) und „Ich war neunzehn" (1967) auf. Im wiedervereinigten Deutschland überlebte sein Können, „Whisky mit Wodka" (2009), „Sommer vorm Balkon" (2005) oder „Die Stille nach dem Schuss" (2000) gehören zu seinen bekannteren Arbeiten. „In Zeiten des abnehmenden Lichts" zeigt dieses Können, aber auch eine reiche, miterlebte Kenntnis der aufgezeichneten Verhältnisse.

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