21.6.17

Transformers: The Last Knight

Transformers: The Last Knight

USA 2017 (Transformers 5) Regie: Michael Bay mit mit Mark Wahlberg, Stanley Tucci, Anthony Hopkins, Isabela Moner, Josh Duhamel 151 Min.

Filme von Michael Bay („Armageddon", „Pearl Harbor") sind wie ein eBay, in dem nur Granaten, Bomben und Feuerwerkskörper verkauft werden. Von maximaler Lautstärke aufwärts. Und nun, zehn Jahre nach dem Start der besonders hirnlosen „Transformers"-Reihe, hat sich Michael Bay besonders viel Geld besorgt. Für die Knall-Effekte, für was sonst?

Der alberne Spielzeug-Film „ Transformers: The Last Knight" sah zwar im Trailer richtig düster aus, doch tatsächlich ist er höchstens wegen der 3D-Projektion dunkel. Oder wegen des Dark Age, dem Mittelalter, in das die Geschichte umständlich zurückgeführt wird. Die Autoren mischten Artus-Sage und Apokalypse unter, völlig überraschend geht es letztlich wieder darum „die Welt" zu retten. Dass bei Artus ein besoffener Merlin England als die zu rettende Welt ansieht, will keines nicht die Beschränktheit dieses Konzepts der Lächerlich preisgeben.

Die Handlung hat vor allem einen (lauten) Knall und lässt vermuten, dass die Drehbuch-Autoren weniger Gehalt als die Praktikanten in der Werbeabteilung bekommen: Es gibt Krieg zwischen den Transformers und den Menschen. Dabei ist es den Alien-Jägern egal, ob es sich um die guten Autobots oder die bösen Decepticons handelt. Wohlgemerkt: Dies sind alles Autos, die sich verwandeln! Nicht in leise oder schadstoffarme E-Mobile. Nein, in riesige Kampfmaschinen, die fast den jährlichen Body-Count der deutschen Verkehrstoten erreichen. Zwischen den Ungetümen hüpfen ein paar männliche Stichwortgeber umher sowie Frauen, die nichts anders als Hochglanz-Modells sein wollen und sollen. Megan Fox wird diesmal durch die britische Schauspielerin Laura Haddoc ersetzt. Ihre Vivian Wembley hat zwar reihenweise akademische Titel, schmilzt aber sofort dahin, wenn Mark Wahlberg sein Shirt auszieht.

Mark Wahlberg ist als Ideal-Besetzung für Dumpfbacken-Filme zum zweiten Mal dabei. Absteiger des Jahres allerdings: Anthony Hopkins. Auch wenn er schon mal bei Autobahn-Verschrottungen mitmacht, das Konzept, sich die Karriere in späten Jahren mit besonders schlechten Filmen zu versauen, sollte seinem Agenten den Kopf kosten. Trotzdem bringt er eine irritierende Qualität in die paar Szenen, von denen man nicht weglaufen will.

Das ganze spielt sich mit einem Haufen lustiger und nerviger Sidekick-Aliens, Mini X-Wings und einer britischen C-3PO Kopie unterkomplex auf Kinderniveau ab. „Transformers" bleibt im Kern das Spielzeug kleiner Jungen, die ihre Matchbox-Autos aufeinander knallen lassen und den Blechhaufen irgendwann Persönlichkeit anfantasieren. Der große Junge Michael Bay darf für dieses Spiel mittlerweile mehrere hundert Millionen auf den Kopf hauen. Weil Millionen anderer Kindsköpfe dafür an der Kasse Eintritt bezahlen. Sie bekommen exakt das Selbe, was sie erwartet haben. Nicht das Gleiche, tatsächlich: Das Selbe. Bei Teil 5 kommen einem nicht nur die Wiederholungen aus anderen Transformer-Filmen bekannt vor, die gleiche Geschichte von Öffentlichkeit gegen Superhelden gab es auch in „X-Men" oder „Superman vs Batman".

Blecherne Dialoge schmerzen im Ohr, und sie kommen nicht von den Transformers! Eine enorme Umweltverschmutzung in Sachen Gewalt und Militarismus scheint unausweichlich zu diesem Genre zu gehören. Die Schnitzeljagd nach einem Medaillon und dem außerirdischen Stab von Merlin ist für so einen Etat erschreckend stümperhaft zusammengeschustert, unlogisch und sprunghaft. Selbst die Action-Einlagen, digitale Blechteil-Akrobatik und Verfolgungsjagden können nicht beeindrucken. Überlang und oft langweilig verlaufen die Verfolgungsjagden und Prügeleien bis das reizvoll digital gezeichnete Untergangs-Szenario, kurz ohne viel Explosionen auskommt. Es ist schwer vorstellbar, aber mitten in „Transformers 5" wünscht man sich in irgendeinen Superhelden-Film, der sich nebenan im Saal läuft.

20.6.17

Life, Animated

USA 2015 Regie: Roger Ross Williams 92 Min. FSK: ab 0

Der amerikanische Junge Owen Suskind verstummte im Alter von drei Jahren plötzlich. Diagnose: Autismus. Aber vier Jahre später entdeckte seine Familie, dass Owen in der Welt der Disney-Trickfilme und deren animierter Charaktere lebt. Über die Dialoge, die das Kind auswendig konnte, lernte er wieder sprechen. Sein Vater begann mit der Handpuppe eines Disney-Papageien sogar einen Dialog. Die Dokumentation „ Life, Animated", die nach dem gleichnamigen Buch des Vaters Ron Owen entstand, zeigt den „Jungen" mittlerweile im Alter von 23 Jahren. Weiterhin korrespondiert die Geschichte mit Disney-Szenen, etwa von Peter Pan, der nicht erwachsen werden will, während Owen lernt, selbständiger zu sein. Doch dieses Zitat ist nur für uns Zuschauer, denn Owen hält mittlerweile Vorträge auf einer Autisten-Konferenz in Paris, analysiert Disney-Filme vor seiner Klasse und ist mit zwei Synchrosprechern von Disney befreundet.

Diese sehr erstaunliche Entwicklung eines Autisten wird nicht nur klassisch bebildert. Logischerweise reden vor allem die Menschen um Owen herum. Psychologen kommentieren, es gibt viel redundante Interviews mit den Eltern und alte Familienfilme. Aber Owen zeichnete und schuf sich auch ein eigenes Universum mit Nebenfiguren der Zeichentrick-Filme. Die wurden für diese Doku animiert und spiegeln die Entwicklung auf einer künstlerischen Ebene. Die Allgegenwart von Disney irritiert zwar etwas und man fragt sich zwischendurch, ob dies nicht einfach Werbung für den Konzern ist. Doch letztlich ist die Geschichte von Owen besonders und stark genug, um diese Dokumentation zu tragen.

19.6.17

Monsieur Pierre geht online

Frankreich, BRD, Belgien 2017 (Un profil pour deux) Regie: Stéphane Robelin mit Pierre Richard, Yaniss Lespert, Fanny Valette, Stéphane Bissot 101 Min. FSK: ab 0

Was probieren einsame Senioren als erstes, wenn sie gerade die ersten Schritte im Internet machen können? Nein, keine Facebook-Scherze weiterleiten, sondern sich bei einer Dating-Site umschauen. So auch Witwer Pierre (Pierre Richard), der von seiner Tochter Juliette den erfolglosen Autor Alex (Yaniss Lespert) als Computer-Hilfe vermittelt bekam. Der zeigt dem alten Griesgram in dessen verlotterter, düsterer Wohnung, wie das mit der Kamera funktioniert, und ist mit seinem eigenen Beispiel-Foto prompt unwissentlich auf einer Flirt-Plattform zu finden. Die folgenden Chats mit wesentlich jüngeren Frauen zeigt der Film mit den virtuellen Partnern sehr nett real in Pierres Zimmer. Bald findet sich beim anonymen Flirten Flora (Fanny Valette) mit vielen Gemeinsamkeiten und einer beiderseitigen Begeisterung für die chinesische Kultur. Ein erstes Treffen wird anberaumt und Alex soll in Brüssel das Double fürs richtige Leben geben.

Eine reizvolle Idee, besonders reizend sind allerdings die Wirrungen hinter dem Online-Flirt: Denn Alex ist eigentlich der Freund von Pierres Enkel Sylvie (Stéphane Bissot), mit welcher der alte Mann zerstritten ist. Das junge Pärchen wohnt wegen seiner Geldprobleme bei Juliette, aber Alex erfährt in diesem komplexen Beziehungs-Viereck von Pierre, dass Sylvie heimlich mit ihrem Ex in China skypt.

Auch wenn es mit Alex und Flora mit dem Chinesischen nicht recht klappt - weil er im Gegensatz zu „seinem" Profil da keine Ahnung von hat - zwischen den beiden funkt es direkt. Mit allen Folgen. Jetzt muss Pierre das doppelte Spiel weiter chatten und Alex schafft es nicht, die Wahrheit zu sagen.

Ja, der alte Komiker Pierre Richard („Der große Blonde...") macht einmal ein richtiges Fenster auf, als Alex ihm am Telefon erzählt, er solle ein Bildschirm-Fenster öffnen. Doch ansonsten machen die Irrungen und Wirrungen einer Beziehung im Zeitalter der virtuellen Liebe auf sympathisch feine Weise Spaß. Auf der Basis einer boulevardesken Verwechselungs-Komödie sorgt das Dilemma zwischen virtueller und körperlicher Persönlichkeit pointiert für cleveren Komödien-Zündstoff. Oder kurz: Der eine schreibt im Namen des anderen; der andere vögelt im Namen des einen. Das zickige Zusammen- oder besser: Gegeneinander-Spiel von Pierre und Alex funktioniert mit dem Altstar Pierre Richard und seinem jungen Partner hervorragend.

Pierre entwickelt sich vom Messi, der nicht aus der Wohnung kommt, zu einem charmanten alten Herrn. Die Komödie löst sich nicht gesteigertem Klamauk auf, sondern vertieft sich herrlich in menschliche Unzulänglichkeiten, um schließlich eine ganz eigene, atemberaubende romantische Dreiecks-Geschichte zu werden. Die witzig komplizierten Situationen, denen man immer gerne folgt, führen zu komischen und zugleich tragischen falschen Hoffnungen. Schließlich konkurrieren beide um eine tolle Frau. Leider, und das ist das einzige Manko des in Sachen Liebesbegehren sehr spannenden Films mit vielen komischen Wendungen, endet er zu konventionell happy.

18.6.17

Innen Leben

Belgien, Frankreich, Libanon 2017 (Insyriated) Regie: Philippe van Leeuw mit Hiam Abbass, Diamand Abou Abboud, Juliette Navis 86 Min. FSK: ab 12

Eine Wohnung. Eine Familie. Ein paar Gäste. Ganz normal, doch hier ist die Tür verrammelt, von draußen hört man schweres Artillerie-Feuer, der Blick durchs Fenster zeigt Verwüstung und Tod. Die Wohnung in Damaskus und mitten im syrischen Bürgerkrieg sieht aus wie eine ganz normale, wie sie auch in Deutschland ähnlich eingerichtet wäre. Nur gibt es kaum fließend Wasser und nur selten Strom.

Die arabisch-israelische Star-Schauspielerin Hiam Abbass („Lemon Tree", „Free Zone", „Ein Sommer in New York") verkörpert die schwer beladene Hauptrolle von Oum Yazan, die den Unterschlupft für Familie und Nachbarn am Laufen hält. Ein benachbartes junges Paar mit Baby, der Opa, Hiams Kinder, die Haushälterin Delhani, der Freund einer der Töchter. Dies sind die letzten Menschen im Haus. Ein Bewohner will die Flucht aus dem Land vorbereiten, wird aber schon auf dem Parkplatz erschossen. Seiner Frau soll dies nicht gesagt werden, weil jeder, der einen Angeschossenen retten will, im Visier der Scharfschützen landet. Dieses Schweigen legt sich früh bleiern über die schon schwere Stimmung in der überbelegten Wohnung.

Der belgische Regisseur Philippe Van Leeuw inszenierte ein Kammerspiel, bei dem das gewalttätige Außen des Bürgerkrieges ungemein intensiv nach innen dringt. Die Handkamera folgt den Bewohnern durch die Zimmer. Bei schwereren Einschlägen flüchten sich alle in einen Innenraum ohne Fenster. Aus Angst vor Gift werden die Ritzen verstopft. Doch Räuber im Haus machen Bedrohung und den gesetzlosen Zustand ganz konkret. Sie vergewaltigen die Nachbarin, die Familie hält sich nebenan versteckt, bekommt alles mit und schreitet doch nicht ein. Vor allem diese Wendung macht aus den versammelten Opfern eine ebenso grausame Gemeinschaft wie die Bürgerkriegs-Gesellschaft draußen vor der Tür. Oder vielleicht wie die Weltgemeinschaft, die auch nur zuschaut. Die Fronten werden unklar, es gibt Zweifel an der Integrität der Figuren.

Ähnlich wie beim afghanischen Drama „Stein der Geduld" von Atiq Rahimi stehen Frauen im Zentrum der Entwicklungen - als Opfer und als Kraft, die im Chaos ein paar Reste zusammenhält. Das ist intensiver und heftiger als beispielsweise das Kammerspiel der in Amsterdam versteckten Familie Frank in Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank". Schuldzuweisung bleiben in der Situation der syrischen Familie ebenso „außen vor" wie Perspektiven oder Hoffnung. Der Film gewann auf der 67. Berlinale den Publikumspreis der Sektion Panorama.

13.6.17

Ich wünsche dir ein schönes Leben

Frankreich 2015 (Je vous souhaite d'être follement aimée) Regie: Ounie Lecomte mit Céline Sallette, Anne Benoît 100 Min. FSK: ab 12

Elisa (Céline Sallette) arbeitet als Physiotherapeutin, ihre Kunden öffnen sich und teilen ihre Probleme. Elisas Probleme hält sie verschlossen. Getrennt vom Partner, macht sie für einige Monate eine Vertretung in Dünkirchen. Dort sie vor 30 Jahren von einer anonymen Mutter geboren und zur Adoption freigegeben. Nun begibt sie sich auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter.

Das ergibt zwei interessante Frauen-Porträts, die zusätzlichen Reiz gewinnen, weil sich die Wege von Mutter und Tochter unwissentlich dauernd kreuzen. Denn Annette (Anne Benoît) arbeitet als Putzfrau in der Schule von Elisas Sohn Noé. Regisseurin Ounie Lecomte stammt aus Korea und ist selbst mit Adoptiveltern aufgewachsen. So sind die Fragen, wer und wie wohl die Mutter sein könnte, auch autobiographisch. Sie erzählt nüchtern und undramatisch, dabei vielschichtig von verschiedenen Formen des Mutter-Seins. Denn da ist auch noch Elisas Sohn, der wegen seiner Haare und der dunklen Haut in der Schule als arabisch eingeordnet wird, damit aber gar nichts anfangen kann. Annette wüsste den Grund, weswegen Noé so aussieht, doch ihre Mutter will wiederum nicht, dass die alte Geschichte publik wird. Im ruhigen Verlauf findet eine Annäherung statt, alles könnte sich in Wohlgefallen auflösen, doch der still gefühlvolle Film zeigt eine andere Reaktion.

Das Belko Experiment

USA 2017 (The Belko Experiment) Regie: Greg McLean mit John Gallagher jr., Tony Goldwyn, Adria Arjona 88 Min. FSK: ab 18

Das Experiment, wie sich Menschen in lebensbedrohlichen Extremsituationen verhalten, wurde kürzlich in der neuesten „Sherlock"-Folge grandios durchgespielt. „Das Belko Experiment" scheitert schon bei der Rechtschreibung des Titels und dann sowohl als Horrorfilm wie als Thriller: Während eines Sozialexperiments ist eine Gruppe von 80 Amerikanern in ihrem Büro-Komplex in Bogata, Kolumbien, eingeschlossen. Irgendwann gibt es die Durchsage, dass 60 von ihnen sterben werden, wenn sie nicht eigenhändig 30 Menschen ermorden. Wer das zynische Spiel nicht mitmacht, bei dem explodieren kleine Bomben im Kopf, die als vermeintliche Peilsender für den Fall einer Entführung eingesetzt wurden. Der Versuch, die Dinger mit dem Cutter zu entfernen, sorgt für reichlich Blut auf der Leinwand, die ferngesteuerte Explosion dann für richtigen Splatter. Das scheint dem Film wichtiger als die gruppeninternen Prozesse, die mit einer klaren Frontenbildung schnell erledigt sind. Ein humor- und ideenloses B-Movie.

Bob der Baumeister - Das Mega Team

Großbritannien 2017 Regie: Stuart Evans, Colleen Morton 63 Min. FSK: ab 0

Wem diese Kino-Woche mit den Wunder-Frauen zu feministisch ist, findet bei Bob ein Refugium für echte Kerle: Nach der gleichnamigen Fernsehserie mit belebten Lastern und Maschinen dreht sich dieser kurze Kinofilm um den Bau eines Staudamms. Bob und seine befreundeten Arbeitsgeräte werden dabei von einem bösen Konkurrenten sabotiert. Die einfache Geschichte leidet vor allem unter der schematischen Computer-Animation. Mehr als eine weitere Vermarktung von Spielfiguren steckt da nicht dahinter.

Der wunderbare Garten der Bella Brown

Großbritannien, USA 2016 (This beautiful Fantastic) Regie: Simon Aboud mit Jessica Brown Findlay, Andrew Scott, Jeremy Irvine, Tom Wilkinson 92 Min. FSK: ab 0

Gartenfreunde müssen die Gummistiefel ausziehen und ins Kino. Cineasten sollten Gartenhandschuhe anziehen und Antihistaminika einwerfen: „Der wunderbare Garten der Bella Brown" ist ein tatsächlich wunderbarer Film über die seltsame Pflanze Mensch, die manchmal im Schatten blüht, mal besondere Pflege braucht, aber dann sehr beglücken kann.

Bella Brown (Jessica Brown Findlay) ist so ein Schattengewächs, „nichts Normales war an diesem Mädchen" bemerkt der Erzähler. Bella ist eine Waise, die von Enten bewacht und einem skurrilen Schwimmer entdeckt wurde. Sehr pedantisch in einem kleinen Häuschen lebend, muss bei ihr immer alles am richtigen Platz liegen, ihre Mahlzeiten sehen streng geometrisch, wenn nicht gar symmetrisch aus. Eines Tages erbt sie vom griesgrämigen Nachbarn Alfie (Tom Wilkinson) den großartigen Koch Vernon (Andrew Scott), einen alleinerziehenden Vater, dem ein Übermaß an Mitgefühl aus den Poren strömt. Er wird Bellas Stütze sein, als ein strenger Hausverwalter eine Frist zur Rettung des verwilderten Gartens setzt und mit Rausschmiss droht. Dabei hat sie seit frühester Kindheit eine Abneigung gegen alles Grüne und Vernon heftigen Heuschnupfen.

Bella Brown ist eine Art britischer Amélie Poulain. Allerdings wurde hier die Schraube der Verdrehtheit ein paar Umdrehungen weniger angezogen, der Stil hält sich zurück. Dafür wuchern kleine liebe- und humorvolle Szenen. Der beglückende, unbedingt sehenswerte Film gewinnt die Herzen nicht nur mit der schön verschrobenen Geschichte, sondern auch mit ungemein sympathischen Figuren: Bella ist kein hilfloser Sonderling, sie weiß sich durchaus gegen den Nachbarn Alfie zu wehren, der mit allen Mitteln seinen Koch zurückhaben will. Der grummelige alte Mann überrascht mit seinen Spleens und seiner Pflanzen-Leidenschaft als schillernder Charakter. Neben grandios zynischen Bemerkungen erfreut er wunderbar mit seinem Wissen über Pflanzen ihre Namen, Bedeutungen und Geschichten. Im Garten, dieser „Welt des schön geordneten Chaos", öffnet er sich Bella langsam. Er selbst würde eine passende Blüte anführen, die sich ähnlich scheu verhält. Denn er hat ja zu jeder Pflanze eine Geschichte seiner früheren Reisen parat. So wird Alfie schließlich auch Bellas Schreibblockade auflösen und ihre poetische Ader zum .... ja: erblühen bringen.

Jessica Brown-Findlay („Der wunderbare Garten der Bella Brown", „Victor Frankenstein") darf man hier in der Hauptrolle entdecken und sich auf ihre nächsten Filme freuen. Tom Wilkinson brilliert als Alfie wie in jeder seiner vielen, so verschiedenen Rollen („Snowden", „Verleugnung", „Grand Budapest Hotel", „Selma", „Lone Ranger"). Bei dieser wunderschönen Menschen-Familie, die hier zusammenwächst, gibt es auch die rührende Liebesgeschichte Bellas zum verschrobenen Billy, der mechanische Tiere erfindet. Sie kommen unter den Augen der ungemein strengen Bibliotheksleiterin zusammen - auch diese Szenen schwingen zwischen leicht verrückt und märchenhaft verträumt.

12.6.17

Wonder Woman (2017)

USA 2017 Regie: Patty Jenkins mit Gal Gadot, Chris Pine, Robin Wright, Danny Huston, David Thewlis, Connie Nielsen 140 Min. FSK: ab 12

Frieden bereiten mit Flamme und Schwert? Feminismus mit einem Action-Püppchen vorantreiben? Die Aufregung um den nächsten Superhelden-Film „Wonder Woman" liefert einige Paradoxien. Die Sache mit der Frauen-Power ist dabei schnell abgehakt: Mit Patty Jenkins („Monster") führt erstmals eine Frau Regie beim momentan dominanten Comic-Genre für Fan-Boys. Und mögliche „Fan-Girlz" oder weibliche Kino-Begleitung bekommen mit Wonder Woman Diana Prince eine starke Identifikationsfigur vorgesetzt - für die nächste Prügelei im Schlussverkauf.

Ja, in den ersten Minuten sieht man nur Frauen in „Wonder Woman" - und einen sehr trägen und schematischen Aufbau zur Vorgeschichte Dianas auf einer verborgenen Amazonen-Insel. Die stolzen Frauen üben sich dort seit Jahrhunderten mit glänzenden Griechen-Rüstungen im Schwertkampf, schießen mit Pfeil und Bogen, reiten erhaben herum. Bis mit dem notgelandeten amerikanischen Piloten Steve (Chris Pine) der erste Weltkrieg auf der Insel strandet. Dieser Spion will Informationen über ein diabolisches deutsches Giftgas-Projekt nach London bringen, und Amazone Diana ein für alle Mal den Kriegsgott Ares besiegen.

Bevor die Action allerdings bei den Schlachtfeldern ankommt, muss die naive Eingeborene Diana in London noch die aktuelle Mode anprobieren. Selbst wenn die Sache mit dem Giftgas doch eigentlich eilig wäre. Völlig 50er Jahre- und Doris Day-mäßig lässt der Film Wonder Woman mit Schild und Schwert durch die Metropole tapsen. Dann geht es aber bald rund mit der schlagkräftigen Pazifistin, die in ihrem Wahn, Ares zu schlagen, zielsicher nicht nur den Gott des Krieges bekämpft, sondern auch alle seine deutschen Jünger und Auswüchse. Dianas Entsetzen über die Schrecken des Krieges im flandrischen Grabenkampf wirkt auf dem Niveau eines Abenteuer-Filmchens tatsächlich.

Dianas Antwort mit Martial Arts, neu entdeckten übermenschlichen Kräfte sowie ein paar Wunderwaffen, ist dann echt wieder Comic und nicht wirklich friedlich. Was wenige Minuten später zum Sieg der „guten" mordenden, vergewaltigenden und folternden Soldaten führt. Auf diesem Reflektions- und Teenager-Niveau läuft auch die brave Vorschul-Romantik mit Steve ab. General Ludendorff geht als erster großer Gegner drauf, dabei wirkte der echte Ludendorff noch bis 1937 in seinem völkischen und rechten Wahn weiter.

Auch „Wonder Woman" ist so ein typischer Film für kleine Jungs jeden Alters. Unübersehbar der erste Teil einer ganzen Film-Reihe, ist diese Figur längst noch nicht in einer Phase, in der sich ein Superheld wie „Iron Men" mal Persönlichkeit als starke Waffe leistet. Auch wenn Diana als Pazifistin gegen die feigen kriegs-liebenden Führer auftritt, mit ihrer Kenntnis von über hundert Sprachen eine frühe Ikone des Multi-Kulti-Zusammenlebens darstellt, lässt sich das ganze gut aussehende, teure Filmchen nur schwer als feministisch interpretieren.

Gal Gadot („Die Jones - Spione von Nebenan"), ehemals israelische Soldatin, Modell und Martial Arts-Kämpferin, macht als Kämpferin für Liebe, Frieden und den Sieg der richtigen Seite eine gute und treffsichere Figur. Während Chris Pine nur eine typische flache Action-Figur gibt, kann David Thewlis („Harry Potter") einem fast verständlich machen, dass die Götter diese lästigen Menschen, die sich nur selbst und alles andere zerstören, vernichten wollen. Allerdings folgt diesem packenden göttlichen Moment wieder eine sehr banale Prügelei. Superhelden-Film halt.

Mädelstrip

USA 2017 (Snatched) Regie: Jonathan Levine mit Amy Schumer, Goldie Hawn, Christopher Meloni, Joan Cusack 91 Min. FSK: ab 12

Im großen Zweikampf der Power-Feministinnen Amy Schumer und Wonder-Woman scheint die US-Kabarettistin auf verlorenem Posten zu spielen: Schumer hat keine Model-Maße, keine Kampf–Ausbildung und ihre einzige Wunder-Waffe ist ein grandioser Humor. Beide werden mütterlich unterstützt von alten Heldinnen (hier Goldie Hawn, dort Connie Nielsen), aber auch wenn Diana die Schlacht für sich entscheidet, Amy Schumer wird zuletzt lachen.

Amy Schumer gibt mit dem von ihren TV-Auftritten („Inside Amy Schumer") bekannten Mut zu Selbst-Karikatur die Verliererin Emily Middleton, die gleichzeitig Job und Freund los wird. Eine tollpatschige Alkoholikerin, ein einsamer Trampel, der in größter Verzweiflung über eine nicht erstattbare Urlaubsreise auf Mama zurückgreift. Die ist Katzenmutti, sehr eingerostet und notorisch ängstlich. Nach einer feministischen Kampfrede, die nur den Zweck hat, Mutter zum Mitfahren nach Ecuador zu bewegen, wird es am eingezäunten Hotel-Pool schnell langweilig und peinlich. Bis ein scharfer Typ Emily anmacht und beide Frauen zu Ausflügen ins freie, echte Latino-Leben mitnimmt. Die echte Entführung zum Zwecke der Lösegeld-Erpressung erfolgt umgehend. Dazu „grausame, unmenschliche Szenen", wie der Vorspann warnt - mit dem Zusatz: Auch die Entführer waren ziemlich gemein!

Zwischen mit vollem Körpereinsatz ausgespieltem Gekreische und zwei Morden im Vorbeigehen machen die blonden Touristinnen den Geiselnehmern das Leben schwer. Es gibt viel Slapstick von klasse Schauspielerinnen, denen man diese verunglückten weiblichen Existenzen tatsächlich abnimmt. Ebenso eine Erziehungsdiskussion mitten im Dschungel und direkt danach einen sehr seltsamen Bandwurm-Exorzismus. Die großartige und kämpferische Amy Schumer kann sich das alles erlauben. Für Goldie Horn gibt es nach 15 Jahren den ersten Filmauftritt. Die Sensation dieses Mädelstrips ist allerdings Joan Cusack als Ex-Agentin, die sich selbst die Zunge rausschnitt, um unter Folter nichts verraten zu können. Bei deftigem Sex-Talk und unvermeidlichen Obszönitäten, die diesmal tatsächlich lustig sind, lässt das Tempo im Aktionismus allerdings nach. Und immer wenn sich „Mädelstrip" in Richtung großer Kinospaß von den Figuren verabschiedet, verliert er seine eigentliche Attraktion aus den Augen.

7.6.17

Die Mumie (2017)

USA 2017 (The Mummy) Regie: Alex Kurtzman mit Tom Cruise, Sofia Boutella, Annabelle Wallis, Russell Crowe 107 Min.

Nein, die Mumie ist hier nicht gleich der feist gewordene Tom Cruise. Um Cruise in die unmögliche Mission zu integrieren, den völlig verstaubten Mumien-Stoff, noch mal zu beleben, wird die ägyptische Leiche diesmal sogar zur Frau: Die einst mächtige Ägypter-Königin (Sofia Boutella aus „Kingsman: The Secret Service" und „Star Trek Beyond") wird in unserer heutigen Zeit zu neuem Leben erweckt. Nun ist sie sehr böse und zerstörerisch.

Die Mumie ist auch schon als Kinostoff uralt, die ersten Versionen dieser Mutter der Horror-Filme liefen bereits in der Stummfilm-Zeit. In den letzten Jahren fand man ihren Leichnam vornehmlich auf Resterampen wie „The Scorpion King" oder in der albernen Variante zwischen 1999 und 2008 mit Brendan Fraser. Nun versucht Cruise mit den alten Lumpen gegen die Superhelden-Hype anzustinken. Wobei Universal Picture unter dem Namen „Dark Universe" auch so eine Franchise-Familie wie Marvel und DC Comics aufbauen will. Allerdings ist bei der neu ausgewickelten Mumie ausgerechnet Sean Daniel Ko-Produzent, der auch die vorherige Bandagen-Trilogie in die Kinos brachte.

Im Nord-Irak betätigen sich US-Soldaten im Nebenjob als Grabräuber. Cruise stellt dabei in Tölpelhaftigkeit und Unbedarftheit eine unverhohlene Indiana Jones-Kopie dar. Indy heißt nun Nick sonst ändert sich nix. Unverfroren und gierig interessiert es sich nur für seinen Gewinn und muss zwischendurch noch seine Liebhaber-Fähigkeiten ausstellen. Von der Wüste geht es mit den Mumien immer wieder nach London. Ein sehr schöner Flugzeugabsturz lässt Nick mysteriöserweise überleben und auch die eingewickelte, schick tätowierte Braut Ahmanet (Sofia Boutella) kriecht bald Unheil stiftend herum. Mit einer Armee aus Zombies will sie Nicks Körper als neue Hülle für ihren Gott.

Viel Action, wenig Spannung und alles, aber wirklich alles vorhersehbar. „Die Mumie", Version 2017 ist ein Abenteuer-Filmchen, ein B-Movie, dem Prominente und Produktionswerte Substanz geben sollen. Letztlich geben sie sich aber in dieser Kombination gegenseitig der Lächerlichkeit preis. Die Dialoge sind grottiger geistiger Leerlauf. Vorgetragen von eher mittelmäßigen Darstellern fällt dies umso mehr auf. Cruise gibt einen eher einfältigen Kerl, zeigt nicht die Intelligenz aus „Mission Impossible" oder die Integrität von „Jack Reacher".Nur Russell Crowe als Dr. Henry Jekyll mit einer verborgenen Seite kann faszinieren. Mit Multi-Millionen-Aufwand produziert, ermüdet dieses Stückchen Effektkino, das bald im Sand der Geschichte untergehen wird, sehr schnell.

Wenn nicht mal mehr einen so exzellenter und erfahrener Autor wie David Koepp etwas retten kann, ist es an der Zeit, grundsätzlich umzudenken. Die Selbst-Kannibalisierung und Leichenfledderei von Hollywood, dieses rücksichtslose und geldgierige Ausbuddeln jedes noch so schäbigen Stückchen Stoffs aus der Vergangenheit, bringt keinerlei befriedigende Filme mehr hervor. Hier muss auf allen Ebenen gründlich Staub gekehrt werden. Vor allen Dingen müssen die Produzenten anfangen, Raum für Neues zu schaffen. Sonst gucken die nächsten Generationen wirklich nur noch Serien zu Hause im Fernsehen.

6.6.17

Whitney - Can I Be Me

USA, Großbritannien 2017 Regie: Nick Broomfield, Rudi Dolezal 90 Min. FSK: ab 6

Die Sängerin Whitney Houston (1963-2012) hatte mit ihren Pop-Liedchen eine eindrucksvolle Anzahl von Nummer 1-Hits, bevor sie nach einem Karriere-Einbruch 2012 mit 48 Jahren an den Folgen einer Überdosis in einem Hotelzimmer in Los Angeles stirbt. Diese Dokumentation, bei der Dokumentarfilmer Nick Broomfield („Kurt & Courtney") die Ko-Regie hatte, wird als nicht autorisiert angepriesen, weil der innere Familienkreis eine eigene Doku herausbringen will.

Anscheinend hat auch Whitney Houston nach Aussagen entfernter Wegbegleiter die Musikgeschichte für afroamerikanische Sängerinnen geändert, ohne sie soll Beyonce nicht möglich gewesen sein. Nicht ganz unbedeutende Vorgängerinnen wie Ella Fitzgerald oder Nina Simone werden dabei allerdings übersehen. Die chronologisch erzählte Lebensgeschichte greift ein wenig Zeitgeschichte über Houstons Aufwachsen im unsicheren Newark, New Jersey auf. Früh Gospelsängerin und ganz jung schon erstaunlich erfolgreich nimmt ihre Karriere rasch Fahrt auf. Ihr Entdecker Clive Davis und der Ex-Mann Bobby Brown tauchen nur in Archiv-Material auf. Irgendwann wird sie ausgebuht, weil ihr Pop „nicht schwarz genug" sei. Gerüchte über eine lesbische Beziehung zu ihrer langjährigen Freundin Robyn Crawford kommen auf. Noch ein Ereignis, das als Grund für die Drogensucht interpretiert wird.

Für Fans wird diese Doku aufgrund der bislang unveröffentlichten Backstage-Aufnahmen von Rudi Dolezal aus einer Europatournee auch ohne große Musiknummern sicher reizvoll sein. Ansonsten gibt es keine allgemein interessanten Themen. Und obwohl Whitney Huston immer im Focus des Films ist, kommt er ihr doch nicht wirklich nahe beim sammeln von Meinungen in zahlreichen Interviews. Eine tragische Geschichte, die nicht zu interessieren braucht.

Mein neues bestes Stück

Frankreich, Belgien 2017 (Si j'etais un homme) mit Audrey Dana, Christian Clavier, Éric Elmosnino, Alice Belaïdi 99 Min.

Der alte Komödien-Gag vom Geschlechterwechsel erlebt in diesem trüben Aufguss eine seiner schwächsten Varianten: Jeanne (Audrey Dana) ein ängstlicher Tollpatsch, wurde von Scheidung, Sorgerechts-Streit, Männern und dem Beruf, also dem Leben überhaupt, arg mitgenommen. Ihr Bauprojekt droht im großen Still zu scheitern, ihr Leben ist eine Katastrophe. Nun kommt der ansonsten lahme Film wenigstens schnell zu Potte, besser gesagt zur Schüssel, wenn Jeanne unvermittelt in der Nacht stehend in die Toilette pinkelt, nachdem sie die Weiblichkeit verflucht hat. Mit einem über Nacht gewachsenen Penis macht sich Jeanne im Büro männlich über die Männer lustig, pinkelt ihren Namen auf der Baustelle in den Sand, hat die Erfahrung männlicher Selbstbefriedigung und die Erkenntnis, dass ein Penis blöd macht.

Schon als Frau ist die Figur Jeanne sehr unglaubwürdig, das geht auch in einer dämlichen Komödie nicht. Abstruse Szenen kann man in so einer Situation erwarten, aber was bei „Was Frauen wollen" in Wechsel der Perspektive noch Spaß machte, geriet hier nur grob, zäh und langweilig. Die ganze Zeit über die Größe von „dem Ding" gescherzelt. Dadurch, dass Jeanne nur unter der Gürtellinie Mann ist, ergeben sich für die Paarung verschiedene Paar-Kombinationen. Der schale Film könnte sogar ganz modern Transgender thematisieren! Doch hier wurde das Potential dieser Film-Formel gnadenlos für geil hechelnde Teenager-Scherze verheizt.

Der Wechsel zwischen den Rollen des verhuschten Büromäuschens und des aufbrausenden Typens gelingt der Schauspielerin (und in anderen Filmen auch Autorin und Regisseurin) Audrey Dana gar nicht. Man sehnt sich da sogar nach Steve Martins Klamotte „Der Mann mit zwei Gehirnen" aus 1983, die war wenigstens zeitweise witzig und hatte einen Hauptdarsteller, der den schauspielerischen Spagat zwischen Mann und Frau hinbekam. Nur die positiv denkende Nachbarin macht etwas Spaß. Christian Clavier dagegen, der sich als Gynäkologe an Jeannes Situation aufgeilt, ist der peinlichste Ausfall des selbst sehr peinlichen Films.

Born to Be blue

Kanada, Großbritannien 2015 Regie: Robert Budreau mit Ethan Hawke, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie 98 Min. FSK: ab 12

Der gleichzeitig biografische und fiktive Film über den Jazz-Musiker Chet Baker (1929-1988), kommt nicht glamourös daher, ist kein Jazz-Festival. Der Weg zu einem schwer erkämpften Comeback ist vor allem der Kampf mit den Drogen des begnadeten Künstlers. „Born to Be Blue" setzt einen Konzertabend mit Miles Davis, also die Begegnung von West- und Ostküsten-Jazz, bei der Chet (Ethan Hawke) von einer jungen Frau zu seinem ersten Heroin-Schuss verführt wird, als Wendepunkt in dessen Leben. Parallel zu der Erinnerung an das abschätzige Urteil von Miles Davis, Chets Musik sei zu süß und überhaupt solle er erst einmal Lebenserfahrung sammeln, schlägt ihm beim Tiefpunkt des Lebens ein Dealer die Vorderzähne aus. Eigentlich das unausweichliche Karriereende für einen Trompeter.

Das erzählt der mit seinen chicken 60er-Klamotten und den authentischen Kulissen stilvoll fotografierte „Born to Be Blue" reizvoll im Wechsel zwischen Schwarzweiß und Farbe sowie zwischen den unterschiedlichen Lebensphasen Chet Bakers. Der ist privat mit ausgeschlagenen Schneideszenen nicht besonders charismatisch, nachdem ihm ein Filmproduzent aus einem italienischen Gefängnis holte. Aber so, wie er die Frau, die im Film-im-Film seine Ehefrau spielen soll, trotz aller klugen Widerstände verführen kann, fasziniert auch seine Figur.

Jane (Carmen Ejogo) bleibt an seiner Seite, lässt den heruntergekommenen Musiker in ihrem VW-Bulli einziehen, weil beide keine Jobs mehr haben. Nach dem brutalen Niederschlag versucht Baker, weiter zu spielen, bis ihm das Blut aus dem Mund läuft. Unter dem Druck harter Bewährungsauflagen muss er in einer Mariachi-Band spielen, schließlich werden ihm sogar ein paar Münzen in den Hut geworfen. Doch er bleibt clean, seine Freundin wird schwanger, es gibt einen Auftritt im Birdland, wieder in Anwesenheit von Miles Davis und Dizzy Gillespie. Aber die Eifersucht auf einen Filmproduzenten, mit dem Jane ausgeht, nagt zu sehr an ihm.

Wenn das Finale ein Rückfall in die Drogen-Abhängigkeit ist, wenn man weiß, dass Baker schließlich vollgedröhnt bei einem Fenstersturz in Amsterdam starb, kann „Born to Be Blue" kein fröhlicher Film sein. Ein Liebesfilm, in seltenen Momenten ein schöner, auch leichter. Aber ein intensiver auf jeden Fall. Der krasse Wechsel zwischen Höhenflügen und Niederschlägen ergibt sich aus einem Mix von biografisch belegten und fiktiven Szenen. Regisseur Robert Budreau schrieb auch das Buch. (Wer mehr über den echten Chet Baker erfahren will, sollte sich die exzellente Dokumentation „Let's get lost" (1988) von Regisseur Bruce Weber ansehen.)

Wilde „jazzige" Montagen gibt es kaum, „Born to Be Blue" konzentriert sich auf die Psyche im Gesicht von Baker/Hawke. Die melancholischen Hits wie „Let's get lost", „My funny valentine" oder „Almost blue" werden meist nur angespielt, die Trompeten-Parts dabei von Kevin Turcotte neu aufgenommen. Ethan Hawke gibt das Playback, aber sein brüchiges „Funny Valentine" kann sich auch hören lassen und funktioniert als emotionaler Höhepunkt. Hawke spielt den coolen und auch den fertigen Chet Baker eindrucksvoll. Die dünnhäutige Psyche des Künstlers ist kaum auszuhalten, so schmerzt schon das Zusehen.

5.6.17

Ein Kuss von Béatrice

Frankreich, 2017 (Sage femme) Regie: Martin Provost mit Catherine Frot (Claire Breton), Catherine Deneuve (Béatrice Sobo), Olivier Gourmet 117 Min. FSK: ab 6

Eine Hebamme, die neues Leben und manchmal auch Tod als Alltag erfährt, geht vielleicht stabiler mit persönlichen Schicksalsschlägen um. So erleben wir Claire Breton (Catherine Frot) als alleinerziehende und allein lebende Frau mit einem fast asketischer Haltung. Kein Fleisch, kein Alkohol, sie sieht nie fern. Bis Béatrice (Catherine Deneuve) in ihr Leben platzt. Die ehemalige Geliebte des verstorbenen Vaters ist eine lebenslustige Spielerin, die angesichts eines Hirntumors in Panik gerät und familiäre Bande erneuern will, die sie einst rücksichtslos durchtrennte.

Béatrice schmeißt mit Geld um sich, dass sie gerade beim Pokern gewonnen hat. Die ängstliche, zu brave Claire muss hingegen noch mehr sparen, weil ihre Klinik bald schließt. Das unfreiwillige Zusammentreffen und dann Zusammenleben einer zickigen Diva mit dem spleenigen Sonderling Claire führt zu guten Veränderungen. Vor allem wenn Claire doch mal einen Schluck trinkt, weicht sie merklich auf. Ganz erdverbunden macht ihr dabei der sehr nette LKW-Fahrer und Schrebergarten-Nachbar Paul Olivier Gourmet („Der Sohn", „Der Junge mit dem Fahrrad") den Hof. Und Sohn Simon verkündet, dass er bald Vater werden wird.

Die Tragikomödie „Ein Kuss von Béatrice" zeigt ein schönes Porträt und die fein gezeichnete Annäherung zweier unterschiedlicher Frauen bis zum rührenden Ende. Das gemeinsame Lachen ist herzerwärmend, alles wurde gut gespielt von Catherine Frot („Die Köchin und der Präsident") und der Deneuve („Madame empfiehlt sich" „Das Schmuckstück"). Allerdings verliert der große Star in der Synchronisation fast ihre ganze Ausstrahlung.

Plan B - Scheiß auf Plan A

BRD 2017 Regie: Ufuk Genc, Michael Popescu mit Can Aydin, Cha-Lee Yoon, Phong Giang, Eugene Boateng 103 Min. FSK: ab 16

Eine frühe Szene ist vielsagend: Vier alberne Prügelei-Doubles sprechen beim Film vor und „schlagen" ihre Version der Action-Szene vor. Der Regisseur schaut die Möchtegern-Schauspieler entsetzt an und schmeißt sie selbstverständlich raus. So klug war bei „Plan B" keiner. Tatsächlich dürfen vier Martial-Arts-Turner von der B-Liste der Stunt-Leute in die Hauptrollen aufsteigen - mit katastrophalen Folgen. Can, Phong, Cha und U-Gin spielen sich selbst als körperlich trainierte, aber geistig arg überforderte Stuntmen, die eine Geiselnahme mit einem Casting verwechseln. Deshalb müssen sie nun bei einer lahmen Schnitzeljagd durch Berlin für und gegen Gangster antreten.

Die Grundidee des Action-Nachbaus „Plan B" ist simpel: Man verzichtete wie beim Knaller „Free Fire" auf jeden überflüssigen Gedanken. Nur diesmal geriet dies ganz schlecht. Das klägliche Machwerk lässt in jeder Hinsicht die Attitüde raushängen, dass man Film besser machen kann, wenn man nicht von Können blockiert ist. Als „geistreich" sollen flotte Sprüche herhalten, die allerdings mit Rollator daherkommen. Drüber gegossen wurde furchtbare Gitarren-Rockmusik aus einer Retorte, an die seit Jahrzehnten keiner mehr gedacht hat. Die Kamera-Abteilung hat das mit dem Ausleuchten noch nicht gelernt, im Ton wurden die erstaunlich unkomischen Dialoge ganz erbärmlich nachsynchronisiert. Selbst die Action-Szenen fielen extrem dürftig aus - die Macher hätten sich beispielsweise mal die Star Wars-Verehrung „The Apprentice" auf YouTube ansehen sehen sollen, bevor sie auf die Leinwand schielten. Originellerweise finden solche überflüssigen Filmchen immer ein bis zwei bekannte Namen fürs Plakat. Diesmal ist es der ehemalige Nebendarsteller eines Hundes, Gedeon Burkhard. Nicht richtig gut, aber immerhin erkennbar sind die Jacken von Bruce Lee und Co als Verkleidungen zu erkennen. Man sieht, was sie kopieren wollen, aber so will man das nicht sehen. Dass mit Twentieth Century Fox ein eigentlich geschäftstüchtiger Verleiher hinter dem Schrott steht, ist völlig unbegreiflich.

4.6.17

The Dinner

USA 2017 Regie: Oren Moverman mit Richard Gere (Stan Lohman), Laura Linney (Claire Lohman), Steve Coogan (Paul Lohman), Rebecca Hall 121 Min. FSK: ab 12

Der aalglatte Möchtegern-Gouverneur Stan (Gere) lädt seinen Bruder Paul (Steve Coogan) und seine Schwägerin Barbara (Laura Linney) in ein sehr exklusives Restaurant. Es geht nicht um ein Wiedersehen der heillos zerstrittenen Brüder, es geht um ihre Söhne, die zusammen eine Obdachlose angezündet haben, die danach an den Brandwunden starb. Noch wissen nur die Familien, wer die Täter auf dem öffentlich gezeigten Video von Pauls Sohn sind. Bis gestritten wird, was zu tun ist, ob man verschweigen oder selbst zur Polizei gehen soll, sind viele alte Geschichte zu umschiffen. Und der Vollzeit-Politiker Stan ist eigentlich dauernd am Handy seiner Assistentin, weil er gerade ein Gesetz durch den Kongress bringen will.

Diese gelungene Verfilmung von Herman Kochs niederländischen Roman „Het Diner" ist fast „Der Gott des Gemetzels", nur diesmal wirklich furchtbar und grausam indem, was ein Sohn getan hat. Sehr ambivalente Figuren wühlen sich im intensiven, ruhelosen Spiel durch ganze Bündel von Krankheiten, Beschädigungen und Altlasten. Könnte nerven wie die Anrufe für Stan im Sekundentakt, doch die Handlungen und Entscheidungen sind zeitweise so atemberaubend amoralisch, dass man Stans junge Frau und ehemalige Praktikantin Kate (Rebecca Hall) plötzlich als Lady MacBeth sieht. Richard Gere spielt eindrucksvoll einen Politiker mit zwei Gesichtern. Der in Israel geborene Regisseur Oren Moverman legt geschmackvoll aufbereitet einen packenden Parcours zum moralischen Verfall der Menschheit hin.

29.5.17

Die Farbe der Sehnsucht

BRD 2016 Regie: Thomas Riedelsheimer 95 Min. FSK: ab 0

Der exzellente Dokumentarist Thomas Riedelsheimer („Breathing Earth", „Seelenvögel", „Touch the Sound", „Rivers and Tides") reist wieder um die Welt, spricht mit Menschen und zeigt ihre Leben. Scheinbar ohne ein großes konkretes Thema. Wie fängt man auch etwas Abstraktes wie Sehnsucht ein? Mit schönen, kleinen Porträts, guten Interviews und dieser wunderbaren Kamera, die Riedelsheimer selbst führt. (Und die auch immer wieder von anderen Regisseuren nachgefragt ist.) Seine Figuren leben sehr divergent, ein Slum bei Porto, deutsche Abiturienten beim Skaten und Musizieren, eine Poetin im Armenviertel von Osaka, eine Frau mit heimlichen Wünschen in hyperreichen Doha, Katar.

Riedelsheimer gelingt es auf Anhieb immer wieder mit treffender, bildlicher Beschreibung der Lebensumstände und reizvollen Aufnahmen der Umgebung in die jeweiligen Geschichten hinein zu ziehen. So braucht er keinen deutlichen roten Faden, beziehungsweise macht mit dieser scheinbaren Leerstelle seinen Film noch interessanter. Für die sehr persönlichen Gedanken und Lebensauffassungen findet sein Film eine gleichermaßen kunstvolle wie authentische Begleitung.

Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

USA 2016 (Before I fall) Regie: Ry Russo-Young mit Zoey Deutch, Halston Sage, Logan Miller 99 Min. FSK: ab 12

Und wieder grüßt das Murmeltier - diesmal als Teenager! Sam (Zoey Deutch) ist unsere Protagonistin und Teil einer Clique unbedarfter Teenager aus reichen, wohlbehüteten Häusern. Mit ihrer unausweichlichen Girly-Gang fährt sie zur Schule, mobbt eine Außenseiterin, geht zur Party, wartet gespannt auf „das erste Mal" mit ihrem Freund und verunglückt auf dem Heimweg schwer. Um am nächsten Morgen ohne einen Kratzer im eigenen Bett aufzuwachen, nur dass es nicht der nächste sondern wieder der gleiche Morgen ist. Sam hat nun viel Zeit, sich ihr Leben und das ihrer Freundinnen staunend anzuschauen, und versucht dann entsetzt, aus der Schleife einer besinnungslosen Existenz auszutreten.

Die Richtung ist klar: Schnell fragte man sich was denn hier der wahre Horror sei, die Highschool-Routine oder das Auftreten der seltsamen im Gruppenzwang gemobbten Außenseiterin Anna. Eine Partyszene mit passendem Rotlicht erinnert schon früh an den Schocker „Carrie". So wird Sam in den ersten beiden Schleifen fast ein netter Mensch, gibt mehr Acht auf die nächsten Mitmenschen und vermeidet die Party, nach der das Quartett den Autounfall hat. Doch nichts unterbricht die Zeitschleife, so dass wir Samantha richtig nachdenklich und dann rebellisch sehen. Nun entdeckt Sam, wer der richtige Freund für sie ist, und rettet ein Leben.

„Lebe jeden Tag so, als ob er dein letzter ist", schreit es in Großbuchstaben aus dem übersichtlichen Teenie-Filmchen. Dies und anständiges Schauspiel bietet die beschauliche Mystery-Geschichte. Die Erwähnung von Sisyphos und andere Weisheiten überfrachten die Geschichte ebenso wie das melodramatische Ende. Ob so etwas auf dem Programm des letzten Lebenstages stehen würde, ist sehr fraglich.

In Zeiten des abnehmenden Lichts

BRD 2017 Regie: Matti Geschonneck mit Bruno Ganz, Sylvester Groth, Hildegard Schmahl, Evgenia Dodina, Natalia Belitski 100 Min. FSK: ab 0

Bruno Ganz, der größte Führer-Darsteller aller Zeiten, zeigt nun einen herrischen SED-Parteigenossen aus dem Osten, der 1989 noch seinen 90. Geburtstag in Ost-Berlin feiert und dann pünktlich zum Ende der DDR den Löffel abgibt. Der renommierte Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase („Als wir träumten") verdichtet den Erfolgsroman von Eugen Ruge zu einem filmischen Gesellschaftsbild, in dem 100 Jahre Partei- und deutsche Geschichte am Beispiel einer deutsch-russischen Familie aufgezeigt werden.

Was für ein Leben! Wilhelm Powileit ist seit 75 Jahren überzeugter Kommunist, floh einst aus Nazi-Deutschland, verbrachte das Exil in Mexiko. Währenddessen wurde sein Stiefsohn Kurt als angeblicher Konterrevolutionär in Moskau verhaftet. Nach seiner Rückkehr in die DDR stand Wilhelm als ehemaligem „West-Emigranten" nur eine bescheidene SED-Parteikarriere offen. Dabei will der resolute Politiker noch bis ins hohe Alter mitgestalten. Nun, zum 90. Geburtstag, tanzt die lokale Parteiführung an, Junge Pioniere bringen ihm ein Ständchen, er wird mit Orden behängt.

Wir erleben diesen Tag allerdings aus der Innenansicht seiner Familie: Ein Enkel hat gerade in den Westen „rübergemacht". Der Sohn verdaut das am besten bei seiner Geliebten. Die russische Schwiegertochter, die den Sohn einst im Straflager gerettet hat, säuft das Elend weg. Nach und nach mischen sich diese deutschen Sozialisten-Schicksale unter die steife SED-Feierlichkeit. Wilhelm Powileit will im Kommando-Ton alles zusammenhalten und ignoriert mit Altersstarrsinn jede Veränderung. Nicht nur der große Tisch für die Gäste wird an diesem Tag zusammenbrechen.

Dieser Familien-Film voll bitterer Ostalgie leistet Erstaunliches: Die exzellenten Schauspieler lassen die bedrückende Hoffnungslosigkeit kurz vor dem Mauerfall spüren. Wie es zu dieser zerrütteten Familie unter der Führung eines einst gefeierten Parteigenossen kam, machen die Gespräche über wechselvolle deutsche (Exil-) Geschichten nachfühlbar. Die souveräne bis stoische Gelassenheit des bescheidenen Partei-Bonzen Wilhelm Powileit ist ein tolles Sinnbild für den Zustand der abtretenden DDR.

Dass dies alles mit deftiger Melancholie unterhaltsam präsentiert wird, haben wir vor allem Bruno Ganz zu verdanken. Er gibt den müden Patriarchen mit frecher Selbstüberschätzung, zeigt sich desinteressiert und genießt doch den sozialistischen Personenkult. „In Zeiten des abnehmenden Lichts" ist noch einmal ein ganz großer Stoff des legendären, 1931 geborenen Defa-Autoren Wolfgang Kohlhaase. Er schrieb schon in den 50er-Jahren für den Film, trumpfte bei den Konrad Wolff-Meisterwerken „Solo Sunny" (1979), „Mama, ich lebe" (1976) und „Ich war neunzehn" (1967) auf. Im wiedervereinigten Deutschland überlebte sein Können, „Whisky mit Wodka" (2009), „Sommer vorm Balkon" (2005) oder „Die Stille nach dem Schuss" (2000) gehören zu seinen bekannteren Arbeiten. „In Zeiten des abnehmenden Lichts" zeigt dieses Können, aber auch eine reiche, miterlebte Kenntnis der aufgezeichneten Verhältnisse.

Baywatch (2017)

USA 2017 Regie: Seth Gordon mit Dwayne Johnson, Zac Efron, Alexandra Daddario 117 Min. FSK: ab 12

Bei der Suche nach alten Stoffen zum Recyclen ist das wenig innovative Hollywood mittlerweile bei der untersten Schublade angekommen: Nicht nur alte Erfolge, auch alte Peinlichkeiten, die nur wegen des großen Fremdschäm-Faktors zum Kult geworden sind, werden wiederverwertet. Erlebte die Serie „Miami Vice" noch eine geniale Neuauflage durch den ursprünglichen Schöpfer Michael Mann, ist bei der Rettungsschwimmer-Albernheit „Baywatch" nichts mehr zu retten.

Leben retten, Google erfinden, Drogen aufsammeln und einen sicheren Korb beim Basketball blocken - das alles erledigt Bademeister Mitch Buchannon (Dwayne Johnson) noch vor Schichtbeginn beim Joggen. Dass die Einführung mit dem Supermann der Rettertruppe am Strand von Malibu Satire sein soll, kapiert wirklich jeder, wenn im Hintergrund der Filmtitel riesig aus dem Meer steigt und Delphine drumherum springen. Dann taucht auch noch Zac Efron als Farce-Figur des Olympia-Siegers Matt Brody auf, der zweimal Gold in Einzelstrecken holte, bei der Schwimmstaffel allerdings das Becken mit seinem verkaterten Mageninhalt grün färbte.

So könnte man mit der grund-idiotischen Erfolgserie „Baywatch" umgehen, von der vor allem Pamela Andersons im Zeitlupe wippenden Brüste in die Filmgeschichte eingegangen sind. Dieser weitere „Baywatch"-Film nimmt sich tatsächlich kurzzeitig selbst auf den Arm, etwas was das aktierende Muskelpaket Johnson wahrscheinlich auch noch hinbekommt. Doch dann sorgt unter anderem dieser Zwang zur klassischen Handlung dafür, dass der Wiederbelebungs-Versuch unappetitlich schief geht.

Mit einer Bewerbungsrunde für neue Rettungsschwimmer und einem Kriminalfall aus der Klamottenkiste noch weit vor Columbo streckte man den Stranddienst auf Überlänge. Efrons schöner Schnösel Matt Brody darf sich mit dem Chef-Schwimmer anlegen und lernt selbstverständlich auf die harte Tour, ein Team-Player zu sein. Vom Schauspiel darf man da nichts erwarten, wenigstens der Dialogwitz frischt etwas auf, etwa wenn Mitch den Neuling nur mit immer neuen Namen von Boy-Bands belegt.

Die Geschichte um Drogen und Leichen am Strand, miesen Immobilien-Geschäften und korrupten Politikern würde in „Hawaii Five-0" vielleicht interessieren, aber ausstaffiert mit Witzfiguren, Knallchargen und Abziehbildern böser Gangster langweilt sie nur. Dass der unwahrscheinlichste Neuzugang im Baywatch-Team wie in der uralten Teenie-Erotik „Eis am Stiel" mit im Liegestuhl eingeklemmtem Penis zur Strand-Attraktion wird, zeigt den Tiefgang der „Komödie". Der Rest ist ohne großen Aufwand runterinszeniert worden, besonders bei der mageren Action auf offenem Meer fallen die Studioaufnahmen der wohl wasserscheuen Stars böse auf.

Obwohl Jung-Routinier Seth Gordon („Voll abgezockt", „Mein Schatz, unsere Familie und ich") die Regie übernahm, geriet „Baywatch" zum uninspirierten Abzocker-Produkt. Das ist inhaltlich und formal Kinderkram, obwohl niemand aus einem anspruchslosen Jung-Publikum mit der Rentner-Serie noch etwas anfangen kann. Die obligatorischen Auftritte von Mauern-Einreißer David Hasselhoff und Pamela Anderson erinnern schmerzlich an früher, als so was auch schon erbärmlich schlecht war.

23.5.17

Berlin Syndrom

Australien 2017 (Berlin Syndrome) Regie: Cate Shortland mit Teresa Palmer (Clare Havel), Max Riemelt (Andi Werner), Matthias Habich 112 Min. FSK: ab 16

Mit „Lore", der aufsehenerregenden Nachkriegsgeschichte aus der Sicht eines jungen Mädchens, machte Regisseurin Cate Shortland international Furore. Nun schickt sie eine australische Touristin nach Berlin, um in einer Thriller-Situation zu landen und wieder deutsche Geschichte zu reflektieren.

Clare (Teresa Palmer) erlebt als typische Backpackerin Partystimmung auf einem Hochhausdach, fotografiert DDR-Architektur in Friedrichshain und lernt den reizvollen Englischlehrer Andi (Max Riemelt) kennen. Der Thriller deutet sich durch kleine Schreckmomente wie Hundebellen oder Hup-Terror an, bei Andi in der Wohnung wird es schnell intim und dank der Musik direkt schaurig. Als sie am Morgen danach nicht aus der Wohnung kann, erklärt er das später als ein Versehen. Doch am Tag danach wird ihr klar, dass seine Gefangene ist. Die Sim-Karte ist weg, die Fenster sind ein- oder ausbruchssicher. Während Clare einen Fluchtweg sucht, trifft sich Andi mit seinem Vater und diskutiert, in wie weit die DDR ein Unrechtstaat war.

Wieder findet sich eine junge Frau in einer Extremsituation. Die sorgfältig gezeichneten Figuren liefern sich Psychoduell und brutalen Kampf. Das ist von Max Riemelt („Auf das Leben!", „Freistatt", „Freier Fall") und Teresa Palmer, der erfahrenen Darstellerin aus „Hacksaw Ridge", „Lights Out", „Triple 9", Knight Of Cups" und „Point Break", erstaunlich glaubwürdig gespielt und teilweise ähnlich bildstark wie „Lore" fotografiert. Nur dass der Thriller zu oft die Kontrolle übernimmt, ist schade.

Der Effekt des Wassers

Frankreich, Island 2015 (L'Effet aquatique) Regie: Sólveig Anspach mit Florence Loiret Caille, Samir Guesmi, Didda Jónsdóttir, Bouli Lanners 83 Min.

Der Kranführer Samir (Samir Guesmi) verliebt sich in die Schwimmlehrerin Agathe (Florence Loiret Caille), die er zufällig in einer Bar erlebt. Also schreibt er sich für ihre Schwimmstunden ein, obwohl er längst und gut schwimmen kann. Doch nachdem einige Hindernisse im kuriosen Badebetrieb mit nett seltsamen Gestalten überwunden sind, kommt ein erstes Date auf dem 5 Meter-Brett zustande, weil er aus Versehen eingeschlossen wird und sie nach Betriebsschluss noch schwimmt. Nach dem ersten Kuss ist dann ganz schnell Schluss, weil Samir eine Ertrinkende rettet und sich als guter Schwimmer verrät. Agathe reist beleidigt zu einem Bademeisterkongress nach Island ab, er folgt ihr und gibt sich als israelischer Gesandter aus. Nicht nur wegen seines als Notlüge erfundenen israelisch-palästinensischen Projekts „Together" wird er nun der begehrteste Mann des Kongresses. Die wenig subtile Begeisterung aller anderen bleibt bei Agathe nicht ohne Wirkung, bevor sie sich aussprechen können, verliert er jedoch nach einem Stromschlag das Gedächtnis.

Das könnte selbst für einen flotten Spaß zu viel sein, doch die 2015 verstorbene isländisch-französische Regisseurin Sólveig Anspach inszeniert die wunderbare kleine und liebenswerte Komödie mit der Leichtigkeit des Wassers. „Der Effekt des Wassers" wirkt witzig von der einzelnen Bildgestaltung bis zur isländischen Ämterteilung als Stadträtin oder Stadtrat im täglichen Wechsel der Geschlechter. (Als Paten für diese Art des Humors sieht man den ostbelgischen Schauspieler Bouli Lanners auf riesigen Plakaten der Konferenz.) Die sehr streng beachteten Hygiene-Regeln in den Schwimmbad-Duschen ergeben einen herrlichen Running Gag und die teilweise spröde Romantik gewinnt letztendlich alle Herzen.

22.5.17

Rosemarí

Norwegen, Dänemark, BRD 2016 Regie: Sara Johnsen mit Ruby Dagnall, Tuva Novotny, Laila Goody, Tommy Kenter 98 Min. FSK: ab 12

Am Anfang steht ein unerhörtes Ereignis, als Unn Tove bei ihrer Hochzeit mit dem Falschen auf der Hotel-Toilette ein gerade geborenes Baby findet. Sechszehn Jahre später entwickelt der Film seine scheinbare Alltagsgeschichte träge: Unn Tove ist mittlerweile geschiedene TV-Journalistin, eine alleinerziehende Mutter, die nichts mit sich anzufangen weiß, wenn die Töchter beim Vater sind. Als Journalistin zwar engagiert und mitten im Leben stehend, geriet dieses Leben in Bezug auf Beziehungen sehr reduziert. Dass die unerfüllte Frau mit dem plötzlich auftauchenden jungen Mädchen Rosemarí recht schnell auf die Suche nach deren Eltern geht und dabei noch alles mit der Kamera aufnimmt, wirkt trotz des Geburts-Prologs recht konstruiert. Lange plätschert die kleine Geschichte vor sich hin und überrascht dann mit einer plötzlich gar nicht mehr kleinstädtischen und brav bürgerlichen Auflösung. Es schockt nicht nur alle Beteiligten, es erwischt auch den Film auf falschem Fuß, wenn Rosemarí erfährt, dass sie bei einem Pornodreh gezeugt wurde.

Der Auftritt eines alten Porno-Produzenten bereichert den Film höchsten absurd-komödiantisch. Mit dem vermeintlichen Erzeuger im alten Pornofilm das erste Mal die Mutter sehen, das ist vielleicht Stoff für Lars von Trier und generell eine bescheuerte Idee. Die Auswirkungen bleiben wie die Erklärungen erschreckend oberflächlich. Am Ende löst sich alles in einer glücklichen Porno-Patchwork-Familie auf. „Rosemarí" wurde vielleicht in Original ganz gut gespielt, geriet aber in der deutschen Synchronisation nur mäßig packend oder unterhaltsam.

Churchill

Großbritannien 2017 Regie: Jonathan Teplitzky mit Brian Cox, Miranda Richardson, John Slattery 106 Min. FSK: ab 6

Diese fragmentarische Biografie zum legendären britischen Militär und Premierminister Winston Churchill (1874-1965) setzt im Juni 1944 kurz vor dem D-Day ein und zeigt Churchill groß vor allem in dem, was heute noch nachklingt - seinen Reden. Damit versucht er anfangs, die „Operation Overlord", die lang geplante Landung der Alliierten, zu verhindern. Weil er im ersten Weltkrieg bereits die katastrophale Dardanellen-Invasion befehligt hatte (und danach zurücktreten musste) und weil der einst gefeierte Politiker mittlerweile zum Sonderling wurde, der vom US-General Eisenhower und seinen Generälen kaltgestellt wurde. Auch zuhause wahrt vor allem seine Ehefrau Clementine (Miranda Richardson) die Übersicht. Der alte Held ist Premierminister, fühlt sich aber unwichtig, mischt sich störend ein. Selbst der schwache, mit Mühen nicht stotternde König George VI. spricht ihm wie ein kleines Kind zu: „Machen sie es Ike und Monty nicht so schwer!" Und dieser kurze Satz von James Purefoy steht in einer der wenigen stärkeren Szenen des schwachen Films.

In einer schaurig visionären Eröffnungs-Szene färbt sich beim Strandspaziergang das Wasser blutrot. Mit dieser bildlichen Erinnerung an die Dardanellen hat der Film sein künstlerisches Pulver bereits verschossen. Der Rest ist recht monothematisch und beschränkt auf eine kurze, nicht die ruhmreichste, Lebensphase Churchills. Allerdings wird es hier als Senilität ausgelegt, dass Churchill als Einziger an die Leben und das Sterben der Soldaten denkt. Beschränkt ist nicht nur der zeitliche historische Ausschnitt von einigen Tagen, auch das Leben von Churchill wird auf eine Krise in der späten, zweiten Karriere reduziert. Brian Cox ist damit als Hauptdarsteller unterfordert. Selbst Miranda Richardson hat als streng liebevolle Ehefrau Clementine Churchill einen stärkeren Part.

Am Ende dieser begrenzten Psychoanalyse von Winston Churchill gibt es einen Moment der Besinnung durch den Aufschrei seiner ansonsten getriezten Sekretärin, ein paar persönliche Geständnisse im letzten Akt und dann noch eine Rede. Endlich eine Rede, bevor dieses Biopic-Fragment zu sentimental menschelnd ausklingt.

Die Reste meines Lebens

BRD 2016 Regie: Jens Wischnewski mit Christoph Letkowski (Schimon May), Luise Heyer (Milena Nelko), Karoline Bär (Jella May), Ulrike Kriener 108 Min. FSK: ab 0

Wenn ein Debütfilm direkt ein ganz großer Film wird, muss man nicht gleich Orson Welles und „Citizen Kane" denken. Aber Jens Wischnewskis Langfilm-Erstling ist als Komödie über Tod, Trauer und einen verzweifelten Neuanfang mit tollen Darstellern unbedingt sehenswert!

Die Reste seines Lebens sammelte der junge Schimon schon als Kind ein: Mit dem Kassettenrekorder nimmt er die Geschichten seines kranken Opas auf. Daraus entstand sein Job als Tonkünstler und zufällig (?) die Begegnung mit seiner großen Liebe Jella (Karoline Bär) in San Francisco. Doch der Auftakt zum Film ist ein Niederschlag, bei dem man trotzdem dauernd lachen muss. Schimon May (Christoph Letkowski) ist eigentlich ein Glückpilz - zumindest in seiner eigenen positiven Sicht auf die Dinge und das Schicksal. So findet er auch zum Schlaganfall des Vaters und der dadurch notwendigen Rückkehr aus San Francisco etwas Positives. Dabei sinkt schon das Schiff mit dem Container, in dem „das ganze Leben" von Schimon und seiner schwangeren Frau drin war. Jella wollte eigentlich auch mit dem Schiff fahren. Das Lachen über diesen Schicksalsschlag bleibt Jella beim Essen im Hals stecken, kurz darauf ist sie tot.

Nun glaubt Schimon, dass gemäß der Lebensweisheiten seines Großvaters „alles Sinn macht". So wohl auch die Begegnung mit Milena (Luise Heyer) noch im Krankenhaus direkt nach dem Tod seiner Frau. Nach holprigem - und komödiantisch großartigem - Beginn dieser neuen Liebe zieht der Witwer sehr überhastet bei der schwangeren Single-Frau ein und macht ihr einen Heiratsantrag. Was selbstverständlich die nicht verarbeitete Trauer nicht überdecken kann. Der Versuch den Tod mit viel Optimismus zu überspielen, muss scheitern. Aber eine große Liebe überwindet auch dies.

„Die Reste meines Lebens" haben einerseits eine Leichtigkeit, die mit einer frischen Swing-Melodie zur Toiletten-Spülung gar nicht nur satirisch daherkommt. Dabei ist Schimon so extrem optimistisch, dass man auch zynisch kommentieren könnte, wie leicht er sein altes Leben und seine alte Liebe versenkt. Trotz komödiantischem Ton bleibt der Hohn unübersehbar, dass Schimon beim schnellen Ersatz für seine schwangere Frau mit der schwangeren Krankenhaus-Clownfrau eine Spezialistin für Trauer und Abschied findet.

Der Witz des Films liegt darin, dass Regisseur und Ko-Autor (mit Julia C. Kaiser) Jens Wischnewski die großen Gefühls-Geschichten der beiden Lieben von Schimon a-chronologisch erzählt. Wie im Kopf des Musikers existieren die Frauen parallel. Völlig entfremdet von der Realität, ist es fast schon horrend, wie er überzeugt ist, dass Milena ein Mädchen erwartet - tatsächlich wird es ein Junge. Dass dies eigentlich eine schauerliche Geschichte von verdrängter Trauer mit grausamen Folgen ist, korrespondiert in dem erlösenden Finale mit ganz anderen Genre-Elementen. Die unweigerlich rührende Liebesgeschichte ist in Komödie, (angedeutetem) Horror oder Melodram ein großartiger Film und glücksbringend auch für die Zuschauer.

Song to Song

USA 2017 Regie: Terrence Malick mit Michael Fassbender, Rooney Mara, Natalie Portman, Ryan Gosling 129 Min.

Nach dem eher unglücklichen Treiben in der Filmwelt bei „King of Cups" stürzt sich der 73-jährige Filmemacher Terrence Malick nun in die Musikszene. In seinem „King of Cups 2" ist Michael Fassbender als arroganter, gelangweilter Erfolgsproduzent Cook das selbstverliebte Zentrum des Geschehens: Vor der Kulisse des South by Southwest-Festivals in Austin, Texas, erleben wir Konzerte mit wildem Pogo im Publikum und überkandidelte After-Partys mit Ausstellungs-Frauen, die dekorativ in den Pool fallen oder auf ihrem Körper liegend Sushi anbieten. Besser behandelt Gastgeber Cook auch seine Beziehungen nicht. Sängerin Faye (Rooney Mara) ist seit jungen Jahren bei ihm - für die Karriere, wie sie im Off erzählt. Und dass sie dafür „viel bezahlt" habe. Auf der Party verliebt sich Faye in den Komponisten BV (Ryan Gosling), das Glück bleibt allerdings getrübt, weil Faye masochistisch weiterhin heimlich die Geliebte Cooks bleibt. Der kann nicht in seiner Selbstsucht keine fünf Minuten alleine sein und zieht die einfache Kellnerin und Kindergärtnerin Rhonda (Natalie Portman) als Ehefrau in den Strudel aus schillerndem Leben und sexuellen Extravaganzen. Als BV irgendwann von Faye Beziehung zu Cook erfährt, ist die neue Liebe am Ende und beide ziehen neue Partner in den Gefühlsreigen.

Terrence Malick macht einzigartige Filme: Ströme von nicht chronologischen Bildern (exzellente Kamera: Emmanuel Lubezki), Ton- und Stimm-Fragmenten erzählen eine Geschichte weniger, als das sie mit emotional aufgeladenen Puzzlestückchen impressionistisch empfunden wird. Nun verbindet er Dance Music-DJs, einen Klassik-Flow, Cameo-Auftritte von Iggy Pop, Val Kilmer als Alt-Punk und Patti Smith mit Erinnerungen und Träumereien in sehr loser Folge. Die Figuren umkreisen sich, die Kamera tanzt mit. Fish Eye oder Handkamera fangen Luxushäuser aus Schöner Wohnen ein.

Mittendrin schaut man den Schauspielern beim Schauspielen zu, was weniger inszeniert als improvisiert und später montiert funktioniert. Vor allem Michael Fassbender legt als wenig tragisches Ekel des Films haufenweise Kunststückchen hin. Gosling kann meist nur wie ein dummer junge daneben stehen. Mara trägt oft Perücken für verschiedene Rollen Fayes. Wer sie wirklich ist, darf man sich dabei fragen. Dazwischen erzählt Patti Smith immer wieder etwas über ihr eigenes Leben und das sind dann auch die besten Szenen des Films.

Denn reduziert auf die „Geschichte" erweist sich „Song to Song" als wenig originell: Zac Efron stritt sich in dem mitreißenderen DJ-Film „We Are your Friends" ebenfalls mit seinem (erfolg-) reicheren Mentor auch um eine Frau. Von all den ähnlichen Geschichten aus der Film-Szene ganz zu schweigen. Trotz seines einzigartigen Stils, der in weniger Momenten immer noch berauschen kann, erzählt Malick nun erstaunlich Banales: Letztlich soll eine Abkehr vom Künstler-Lotterleben, vom haltlosen Hüpfen von „Song to Song" die Liebe retten. Gosling macht auf Bohrarbeiter vom Lande.

Malick will also zurück zum „einfachen Leben". Aber aus seinen früheren Filmen weiß man, dass dies auch nicht besonders prickelnd war: Im wunderbaren „Days of Heaven" ging es den Landarbeitern - unter ihnen Richard Gere - ziemlich beschissen, das Liebesdrama unter ihnen war eines der stärksten. Später im epochalen Meisterwerk „The Tree of Life" mit Brad Pitt zeigte sich das einfache Familienleben - das hier immer als Utopie für Faye und Rhonda aufblitzt - als eines der furchtbarsten. Doch nicht nur inhaltlich fragt der sich Fan nach einer überlangen Enttäuschung, wo Malick eigentlich hin will.

15.5.17

Jahrhundertfrauen

USA 2016 (20th Century Women) Regie: Mike Mills mit Annette Bening, Greta Gerwig, Elle Fanning, Billy Crudup, Lucas Jade Zumann 119 Min. FSK: ab 0

Ein Jahrhundertfilm mit gleich drei großartigen Schauspielerinnen aus drei Generationen! Was will ein 15-jähriger Junge im Kalifornien am Ende der 70er Jahre mehr zum Erwachsenwerden? Eine Vaterfigur vielleicht? Gibt es in der WG der Dorothea Fields (Annette Bening) zwar auch, aber der Muster-Mann (Billy Crudup) funktioniert nur als Handwerker, Yoga- und Sex-Partner, ansonsten ist er verlässlich und langweilig. Es ist tatsächlich auch nicht viel Platz neben der selbstbewussten, kettenrauchenden und mit großer Intelligenz Sinnsprüche raushauenden Frau, die eine der ersten technischen Zeichnerinnen des Landes war. Weil die Alleinerziehende selbst an ihren Mutter-Fähigkeiten für Sprössling Jamie (Lucas Jade Zumann) zweifelt, spannt sie die jüngere Mitbewohnerin Abbie (Greta Gerwig) und Julie (Elle Fanning), die Freundin des Sohnes, als Assistentinnen ein. Mit herrlich katastrophalen Folgen. Julie, die zu Gruppensitzungen mit der eigenen Mutter als Therapeutin muss und lieblos reichlich sexuelle Erfahrungen macht, schleppt den Jungen direkt zum ersten Drogentrip nach L.A. mit. Abbi, wieder im inneren Chaos eine typische Gerwig-Figur, bringt den Teenager den Punk und die neueste feministische Literatur nahe, samt sexuellen Aufklärungsbüchern hauptsächlich über den weiblichen Orgasmus. Selbst ausprobieren kann Jamie es nicht, denn Julie schleicht sich zwar jede Nacht in sein Bett, aber schlafen will sie mit ihm nicht.

Noch weht der Hippie-Geist durch das Kalifornien dieser hemmungslos offenen, unverstellten Menschen. Zwar gibt es auch Sätze wie „Die Frage ‚Bist du glücklich?' ist der direkte Weg zu Depression!" und im Fernsehen hält Jimmy Carter seine ernüchternde Crisis-of-Confidence-Rede, doch die Leichtigkeit mit der Mike Mills autobiographisch von Frauen des 20. Jahrhunderts (so der sinnvollere Originaltitel) erzählt, erstaunt bei gleichzeitiger Tiefe der Lebensbetrachtungen. Der Plural ist angebracht, weil sich die Erzählerstimmen ablösen. „Jahrhundertfrauen" bieten nicht nur das klügste Gefühlskino seit langem, auch formal ist der Film ein großer Roman, der im mutigen Finale den Bogen bis zum letzten Tag des letzten Jahrtausends schlägt.

Mike Mills erzählt wieder wunderbar, berührend, betörend menschlich und auch biographisch: Nach „Beginners", in dem Ewan McGregor einen Sohn spielt, der mit dem späten Coming Out seines Vaters konfrontiert wird, steht nun die Mutter von Mills im Mittelpunkt. Mills war Graphikdesigner und Regisseur von Musikvideos. Klar, dass die Ausstattung ein Genuss ist! Selbstverständlich sind die musikalischen Zeit-Referenzen mit Bowie und den Talking Heads berauschend stilvoll und erneut sinnstiftend.

All diese großartigen Anlagen, die intensiven Dialoge, die ganz eigenen und doch so universalen Stimmungen würden wohl nicht funktionieren ohne die drei Hauptdarstellerinnen. Annette Bening („Valmont", „American Beauty", „The Women") gibt die traurig-einsame Kettenraucherin Dorothea Fields mit den seltsamen Erziehungsideen wie eine ältere wirre Greta Gerwig. Die beiden besten Nachwuchs-Schauspielerinnen der USA, Greta Gerwig selbst und Elle Fanning begeistern im ersten Fall mit einer fast tragischen Variante ihres immerwährenden Typus'. Fanning hingegen erstaunt erneut mit ihrem breiten Rollenspektrum: Nach einer drogensüchtigen Prostituierten und Heiligen in „Live by Night", nach dem Modell in „The Neon Demon" und der Transsexuellen in „Alle Farben des Lebens" nun also eine hochintelligente junge Frau, die sich emotional abhärten will. Geringere Autoren und Regisseure als Mike Mills könnten aus den Figuren drei bis vier Filme machen, doch diese Intensität an (liebevollen) Figuren und Geschichten machen eben Meisterwerke aus.

You’ll never walk alone

BRD 2017 Regie: André Schäfer 100 Min. FSK: ab 0

Die rührselige Schnulze „You'll never walk alone" war jahrzehntelang international der absolute Hit in Fußballstadien bis Jack Whites „Seven Nation Army", bei allen Toren größerer Turniere angespielt, diesen Oldie abgelöst hat. Dabei stammt das von zehntausenden Fans gegrölte Lied aus dem Budapest vom Beginn des 20. Jahrhunderts. In dieser ausgezeichneten Dokumentation - nicht nur für Fußball-Fans - schickt Regisseur André Schäfer den Schauspieler und bekennenden Anhänger eines Dortmunder Sportvereins Joachim Król auf Recherche-Reise zu den Ursprüngen und seltsamen Wegen dieses Liedes.

Die Reise führt überraschend nicht zu den mehr schlecht als recht singenden Hooligans, sondern zuerst zu Hörbinger, Mavie. Die Schauspielerin an der Wiener Burg spielt gerade in Ferenc Molnárs Theaterstück: „Liliom". Geschrieben 1909 in Budapest wurde das Drama eines Taugenichts, der seine Liebe schlägt, bereits 1934 von Fritz Lang verfilmt. Aber erst über den Umweg des Rodgers & Hammerstein-Musicals zur Hollywood-Schmonzette „Carousel" von 1956 erlangte der Stoff weltweite Popularität. So entdeckte der Liverpooler Rocker Gerry Marsden zufällig das Lied im Kino - eigentlich wollte er Laurel & Hardy sehen. „Gerry and the Pacemakers" machten „You'll Never Walk Alone" zum Nummer-Eins-Hit, der Rest in der zweiten Halbzeit ist tatsächlich Fußball-Geschichte und ab dann etwas weniger packend.

Doch selbst wenn man dem Profifußball und der bei ihm verbreiteten Überbewertung nur mäßig sportlicher Balltreter nichts abgewinnen kann, ist dies doch als großer kultureller und historischer Rundumschlag ein unterhaltsamer und guter Dokumentarfilm. Darin wird eine als selbstverständlich erachtete Gewalt gegen Frauen bei „Liliom" ebenso thematisiert wie die Heiligen-Verehrung historischer Stätten eines Fußballvereins. Sogar der Antisemitismus, mit dem Ferenc Molnár konfrontiert war, taucht auf. Was für ein Affront gegen häufig rechtsradikale Fußballfan-Gruppen!

Von Dortmund aus nach Wien und Budapest, über New York und Los Angeles nach Liverpool geht die Reise von Joachim Król. Als Fan von Kindesbeinen an ist mehr als ein gedungener Reiseführer und Sprecher. Es ist nett, wie Król im Plattenladen stöbert, immer wieder alte Aufnahmen des Stücks hervorkramt. Der Interviewer Król lockt vor allem wunderschöne Momente mit Zeitzeugen hervor, wie das Gespräch mit dem alten Tänzer von „Carousel", der über all seine heftigen körperlichen Gebrechen berichtet. Oder das Pub-Gespräch mit einem Zeugen der Katastrophe im Hillsborough-Stadion mit 96 Toten und 766 Verletzten: Der schockierende Bericht eines der eingeklemmten Zuschauer sorgt für mehr Emotionen als das Pathos um das titelgebende Lied, in dessen Mythos auch diese Toten eingeflossen sind.

Dass man tatsächlich nie alleine ist, inmitten der Fan- und Hooligan-Horden stellt halt auch den Kern vieler teurer Probleme der Massen-Erscheinung Profi-Fußball dar. Gewalt, Regellosigkeit und Rechtsextreme verstecken sich hinter der Fan-Fahne. Diesen ganzen Komplex übersieht der Film in seiner Fan-Seligkeit. So ist der Film vor allem auch ein Fan-Projekt für einen Aktiengesellschaft, die mit Trikotverkauf und einigen Millionären viel Geld verdient. Und ansonsten vor allem in der ersten Halbzeit eine richtig gute Dokumentation.

Beuys

BRD 2017 Regie: Andres Veiel 107 Min.

Beuys ist einer dieser Menschen, „die man ja kennt" ohne wirklich mehr als Fettecken-Anekdoten und Filzhut-Aufnahmen von ihnen zu kennen. Das sehr interessante kurzweilige Porträt Andres Veiels über den legendären Künstler Joseph Beuys (1921 - 1986) haucht dem Namen Leben ein, erteilt Beuys selbst das Wort und montiert aus zahlreichen bisher unerschlossenen Bild- und Tondokumenten ein assoziatives, durchlässiges Porträt, das, wie der Künstler selbst, eher Ideenräume öffnet, als Statements verkündet. Hinter der Aura von Filz und Fett-Ecken taucht ein oft lachender, geistreicher Mensch auf, während chronologisch Lebensstationen mit dem Absturz als Kriegspilot, den Depressionen in den Fünfziger Jahren, der Aktion „7000 Eichen" auf der dokumenta und der Beteiligung an der Gründung der Grünen abgehandelt werden.

Denn Joseph Beuys war nicht immer und nicht nur der weltweit gefeierte Kunst-Star mit Ausstellungen bis - als erste deutscher Künstler - ins New Yorker Guggenheim. Als Kampf-Pilot im 2. Weltkrieg formte ein Absturz seine Gesichtszüge. Zeiten der Zweifels und schwerer Depressionen standen vor dem Durchbruch. Und auch dem Bild der Kunstszenen-Ikone werden weitere Ebenen hinzugefügt. Der solidarische Protest für mehr Schüler an der Düsseldorfer Akademie, dieser Kampf mit dem früheren Minister Johannes Rau wird ebenso mit vielen Filmaufnahmen nachgezeichnet wie das letztlich erfolglose Engagement bei der Gründung der Grünen. Die kämpferische Haltung für einen demokratischen Sozialismus und gegen die Machenschaften der Banken war damals in der Partei allerdings noch nicht angesagt.

Der Kunstbegriff von Beuys fließt beim Betrachten eines prallen und atemlosen Lebens spielerisch ein und wird nie didaktisch vorgetragen. Besonders reizvoll ist „Beuys" wenn die Kunst-Vorstellungen von Veiel und Beuys zur Deckung kommen, wenn der Regisseur mit seiner Dokumentation einen beuysschen Kunstakt hinlegt. „Es muss ja eine Frage vorliegen, die ich versuche mit den Menschen gemeinsam zu lösen", diesen Satz würden beide unterschreiben. Und wenn Beuys eine „letzte Warnung an die Deutsche Bank" ausspricht, ist der Schritt zu den RAF-Protagonisten in Veiels früherer Doku „Black Box BRD" nicht weit. Andres Veiel machte sich sowohl auf der Bühne mit seinen eigenen Stücken „Der Kick" über die Neonazi-Szene und „Das Himbeerreich" über die Verbrechen der Banken, sowie auf der Leinwand mit „Black Box BRD" und der eigenen Verfilmung von „Der Kick" einen Namen. So ist es tatsächlich immer noch unterhaltsam, wie Beuys boxt, diskutiert, doziert, dem toten Hasen die Kunst erklärt und fragt: „Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen?" Ein Spaß an Provokation und heftigen Reaktionen des Publikums ist bei Beuys und Veiel gleichermaßen zu spüren.

10.5.17

King Arthur: Legend of the Sword

Großbritannien, Australien, USA 2017 Regie: Guy Ritchie mit Charlie Hunnam, Jude Law, Astrid Bergès-Frisbey, Djimon Hounsou, Aidan Gillen, Eric Bana 126 Min. FSK: ab 12

Guy Ritchie („Bube Dame König grAS") macht mit der alten Arthur-Geschichte gleich mehrere Zeitsprünge. Der beliebte Ritter-Mythos landet mit aufpolierten Schwertern und Fantasy-Rüstungen im Kinostil des neuen Jahrhunderts.

Nach einer gigantischen Schlacht gegen den Zauberer Mordred und seine telepathisch gelenkten, haushohen Kampf-Elefanten - siehe „Star Wars" - beginnt eine Hexenjagd auf die Magier, dabei sitzt der Verräter am Kabinettstisch: König Uther Pendragons (Eric Bana) Bruder Vortigern (Jude Law) revoltiert und der kleine Prinz Arthur landet als Waise in Londium. Mit fantastischen wie schäbigen Gebäuden und dämonischen Gewölben ist es das England nach den Römern. Die Wikinger sind willige Alliierte von König Vortigern, der das Land terrorisiert. Arthur wächst in einem Bordell als geschickter Dieb auf. Bis er das sagenhafte Schwert Excalibur aus dem Stein zieht, ihn ein Rebellentrupp aufnimmt und ein Guerilla-Krieg beginnt.

Guy Ritchie hat einen Namen wegen ... ja weswegen eigentlich? „Bube Dame König grAS" war 1998 frech und stilistisch ein Knaller, „Snatch - Schweine und Diamanten" 2000 dann schräg und flott. Aber dann kam schon die Peinlichkeit „Stürmische Liebe - Swept Away" mit seiner nun Ex Madonna. Die Gangsterfilme „RocknRolla" (2008) und „Revolver" (2005) waren solide, erfolglose Unterhaltung, die beiden „Sherlock Holmes"-Wiederbelebungen mit Robert Downey Jr. und Jude Law toller Steam Punk. Aber vor allem macht heutzutage jeder den Guy Ritchie-Stil, das Original enttäuscht dementsprechend.

Nun geht Guy Ritchie den berühmten und beliebten Arthur-Mythos an - angeblich in sagenhaften sechs Teilen. Selbstverständlich nicht mit märchenhaften Elementen wie in den wunderbaren Arthur-Romanen von T.H. White. Mit dem Weg Arthurs zur Krönung wird in diesem Film nur ein erstes Tischbein der berühmten Tafelrunde geschnitzt. Dabei ist an diesem Arthur nichts Bemerkenswertes, was den Mythos rechtfertigen würde: Die Hauptfigur gewinnt nicht durch Persönlichkeit sondern mit Fantasy-Gedöns, das stark an „Herr der Ringe" erinnert. Jude Law gibt hingegen als Vortigern einen coolen Drecksack, grandios in seiner selbstbewussten Machtbesessenheit. Das Drumherum bleibt austauschbar, es könnte eben so gut Robin Hood sein. Belanglos und der Stil nur punktuell eindrucksvoll. Vor allem bei virtuosen Montage: In Sekundenbruchteilen kommentiert ein schneller Schnitt die Handlung aus einer anderen Lebensphase, das Aufwachsen Arthur ist ein rasanter, atemloser Film-Clip.

Die unausweichliche langweilende Action, dank Merlins Botin Mage (sehr passend gespielt von Àstrid Bergès-Frisbey) mit einem Schuss Magie, hält sich unauffällig zurück, erst als Arthur die psychologischen Probleme mit seinem Schwert in den Griff bekommt, sieht das interessant aus. Format vermissen lässt auch der unbekannte Charlie Hunnam als frecher kleiner Gauner ohne königliche Statur. Da will man eigentlich mehr Law sehen, doch der schafft es leider nicht in die Fortsetzung - sollte die überhaupt diesen schwachen Auftakt überleben.

9.5.17

Pyromaniac

Norwegen 2016 (Pyromanen) Regie: Erik Skjoldbærg mit Trond Hjort Nilssen, Per Frisch, Liv Bernhoft Osa 98 Min.

Regisseur Erik Skjoldbærg ist wegen Christopher Nolan und Al Pacino bekannt: Sein Film „Insomnia" wurde 2002 im Hollywood-Remake weltweit verbreitet. Der neueste Thriller des Norwegers folgt einem Pyromanen von seinem ersten Feuerlegen über eine Serie von Brandstiftungen, die ein kleines Dorf in Angst versetzen. Dass der Täter auch dieses Mal bei der Feuerwehr selbst zu suchen ist, soll nicht überraschen. Spannend ist die Konstellation, dass es gar der Sohn des Feuerwehr-Chefes ist. Dies entdeckt ein Polizist...

Mit eindrucksvoller Sicherheit analysiert der norwegische Star-Regisseurs Erik Skoldbærg die Psyche des Pyromanen und seine Umgebung. Hauptdarsteller Trond Nilssen gibt den verschlossenen jungen Mann derart intensiv, dass keinerlei Wunsch nach noch einem Remake mit US-Star aufkommt. „Pyromaniac" läuft in deutscher Erstaufführung. Skoldbærgs Film „Pioneer" aus 2013 ist gleichzeitig online als „Kino on Demand" zu entdecken.

Überflieger - Kleine Vögel, großes Geklapper

BRD, Belgien, Luxemburg, Norwegen, 2017 Regie: Toby Genkel, Reza Memari 84 Min. FSK: ab 0

In der weltweiten Trickfilm-Produktion hechelt trotz des technischen Vorsprungs alles Disney & Co hinterher. Große japanische Animationskunst oder Höhepunkte französischer Zeichentrickfilme gehen mangels Werbeetat meist unter. Von deutschen Bemühungen ganz zu schweigen. Nur der Belgier Ben Stassen kann aus der Dritten Welt des Trickfilms etwas mithalten. So fällt auch bei der neuen europäischen Koproduktion „Überflieger" direkt die hölzerne Gestaltung der Vogelfiguren auf. Erschreckend für Kinder mag auch sein, wie der Spatz Richard in einer heftigen Anfangsszene direkt zum Waisen wird. Adoptiert von einer Storchen-Familie steckt Richard schnell in einer Geschichte vom hässlichen Entlein drin. Nach vielen komischen kleinen Unverträglichkeiten beim Fischen mit zu kurzem Schnabel und Schlafen auf einem Bein stellt der Winterzug nach Afrika ein echtes Problem dar. Doch Richard hat scheinbar all die anderen gleichen Trickgeschichten gesehen und kennt sein Motto: „Gib niemals auf". Zusammen mit der Zwergeule Olga und dem Wellensittich Kiki macht er sich auf eigene Faust auf den Weg.

Tatsächlich können Animationsfilme, wenn sie nicht mit hyperrealer Trick-Power überwältigen, nur mit originellen Geschichten überzeugen, wie es der deutsche „Molly Monster" oder der wunderbare irische „Melodie des Meeres" vormachen. „Überflieger" versucht jedoch mit beschränkten Möglichkeiten die erfolgreichen Marktführer zu kopieren. Im Überflug soll didaktisch wertvoll die Vogelwelt vorgestellt werden, mit vermeintlich modernen Einfällen wie elektrisierte Internet-Tauben versucht man Kindern von heute die Natur zu vermitteln. Das wirkt statt lustig eher seltsam, um nicht zu sagen: oft bescheuert. Wenn das Absicht war, hat dieser Unterflieger des Qualitäts-Radars wenigstens ein Alleinstellungsmerkmal. Ansonsten muss man abraten.

Ein Tag wie kein anderer

Israel 2016 (Shavua ve yom) Regie: Asaph Polonsky mit Shai Avivi, Evgenia Dodina, Tomer Kapon 98 Min. FSK: ab 6

Gerade sieben Tage ist es her, seit Eyal (Shai Avivi) und Vicky (Evgenia Dodina) ihren 25-jährigen Sohn beerdigt haben. Die Shiva, das jüdische Trauerritual, ist nun beendet, die Wohnung wird aufgeräumt, ein paar Nachzügler vergrätzt Eyal herrlich grob. Vicky will so schnell wieder als Lehrerin arbeiten, dass sie die Vertretung aus dem Klassenzimmer wirft. Eyal hingegen weiß nicht wohin: Langatmig scheitert er daran, sich selbst einen Joint zu bauen, jemand muss ja das medizinische Marihuana des Sohns aufbrauchen. Als der auf andere Art ebenfalls seltsame, kindische Nachbars-Sohn Zooler als Kiff-Unterstützung ins Spiel kommt, ist er zwar kein Ersatz für den Sohn, aber er kann drehen, wild Luftgitarre und bekifft Tischtennis spielen.

Der humorvolle israelische Film umkreist ungewöhnlich aber treffend ein trauerndes Paar. Eyal und Vicky haben in diesem Fall ganz unterschiedliche Arten, mit dem Unfassbaren umzugehen. Während er nur nett skurrile Dinge tut, macht sie erstaunlich nüchtern einfach weiter. Die innere Verschlossenheit spiegelt sich in dem Öffnen und Schließen der Rollladen zum Garten, im krassen Laut und Leise auf der Tonspur mit den starken Liedern. Stellvertretend für die Trauer, die Eyal nicht rauslassen kann, hört er die extrem berührende Begräbnisrede eines Fremden, im Film bebildert mit einer großartigen Montage der Belanglosigkeiten, mit denen einen das Leben in solch furchtbaren Zeiten quält. Wie bei der Sterbehilfe-Komödie „Am Ende ein Fest" aus Israel zeigt auch diese Tragikomödie wieder ein breites, lebendiges Spektrum des Alltagslebens. Die guten Schauspieler zeigen das Paar mit eingespielter Vertrautheit, in der noch Momente der Liebe aufblitzen. Ein in seiner ruhigen, unaufdringlichen Art, sehr gelungener leiser Film über Wege des Trauerns.

8.5.17

Das Ende ist erst der Anfang

Belgien, Frankreich, 2015 (Les premiers, les derniers) Regie: Bouli Lanners mit Albert Dupontel, Bouli Lanners, Suzanne Clément, Michael Lonsdale, Max von Sydow 97 Min. FSK: ab 12

Lange hat man nichts vom großen Schweden gehört, doch Max von Sydow lebt noch und singt nun sogar! Im neuen Film des aus dem ostbelgischen Moresnet stammenden Schaupielers und Regisseurs Bouli Lanners hat dieser seine persönlichen Filmhelden versammelt: Michael Lonsdale und Max von Sydow spielen in „Das Ende ist erst der Anfang" zwei kauzige alte Herren, Killer und Bestatter. Der Film sieht aus wie ein Western, spielt aber in einer post-industriellen Brache Nordfrankreich von heute. Zwei hartgesottene Gangster (Bouli Lanners, Albert Dupontel) auf der Suche nach einem Handy, ein geistig behindertes Pärchen auf der Suche nach einer verlorenen Tochter und der übliche Abschaum mit vielen Knarren sowie Pferdestärken unter der Motorhaube. Dass ein obdachlos herumirrender Jesus mitspielt und ein Wundmal genre-gerecht per Kugel erhält, wirkt hier ebenso selbstverständlich wie ein fast märchenhaftes und kitschfrei rührendes Happy End. „Das Ende ist erst der Anfang" ist ein Drama, ist Komödie, Liebesfilm, Roadmovie und auch Thriller.

Alles spielt sich ab in einem apokalyptischen Szenario, das nach Bouli Lanners „Hoffnung machen soll". Dabei gab es in der Dreh-Region nicht ein Hotel für das Filmteam. (Dem Bahnhof des heimatlichen Montzen gab Lanners eine Nebenrolle). Vor allem begeistern beim Hit der letzten Berlinale der trockene Humor auch von Lanners, der neben seinem Hund selbst die Hauptrolle spielt, und die tollen Szenerien, die „anstelle vom Grand Canyon" Eindruck machen. „Ein Western, für den ich nicht ins Flugzeug steigen musste" (Lanners). Nach dem Meisterwerk „Eldorado" (2008), dem völlig übersehenen Jugend-Road Movie „Kleine Riesen" (2011) und der subversiven Alltags-Implosion „Ultranova" (2005).

Der gleichermaßen eindrucksvolle, in französischen Komödien fast omnipräsenten Darsteller („Asterix", „Der Geschmack von Rost und Knochen") und Regisseur Bouli Lanners erfreut mit lässigem Road Movie-Stil und einer gelungen verpflanzten Begeisterung für große US-Klassiker. Aber der leidenschaftliche Filmemacher berührt auch mit offenen, verletzlichen Figuren.

Rückkehr nach Montauk

BRD, Frankreich, Irland, 2017 (Return to Montauk) Regie: Volker Schlöndorff mit Stellan Skarsgård, Nina Hoss, Susanne Wolff 106 Min. FSK: ab 0

Schlöndorffs Altherren Sentimentalität

Volker Schlöndorffs „Return to Montauk" wirkt theoretisch wie ein kreatives Remake: Ein bekannter Stoff von Max Frisch auf einer anderen Ebene weitergeführt. Dazu locken Stellan Skarsgård und Nina Hoss als Stars dieser Alters-Romanze. Beim Stichwort Montauk muss man an Max Frischs gleichnamige Erzählung aus 1975 denken und an Schlöndorffs Frisch-Verfilmung „Homo Faber" aus 1991. So tauchte der international sehr angesehene deutsche Regisseur Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel") zwar ins Universum seines Freundes Max Frisch ein. Doch zu Lebzeiten des Schweizer Dichters verwarfen beide eine Verfilmung der „zu autobiografischen" Montauk-Geschichte eines Wiedersehens des älteren und verheirateten Dichters mit der Geliebten von damals. So ist nun ein Original-Drehbuch Vorlage, das Schlöndorff gemeinsam mit Colm Tóibín („Brooklyn") schrieb:

Der Schriftsteller Max Zorn (Stellan Skarsgård), Anfang 60, reist darin zu seiner Buchpremiere nach New York, wo ihn seine Frau Clara (Susanne Wolff) erwartet, die seit einer Weile in der Stadt lebt. Zorns sehr persönlicher Roman handelt vom Scheitern einer großen Liebe. Schon bald trifft Max die Frau von damals wieder: Rebecca (Nina Hoss), in Deutschland geboren, lebt als erfolgreiche Anwältin in New York. Sie hat anfangs keine Zeit für und kein Interesse an Zorn. Überfallartig muss er an der Pförtnerloge des Kanzlei-Hochhauses vorstellig werden. Doch irgendwas von damals muss noch wirken und schließlich kehren sie gemeinsam für ein Winterwochenende nach Montauk zurück, ins Küstenstädtchen, in dem sie einst glücklich waren.

Volker Schlöndorff drehte zwar in New York oft ohne Drehgenehmigung wie ein junger Guerilla-Filmer. Doch das Ergebnis ist eine Senioren-Romanze von und für Kreative, die sich großartig und von ihren Frauen verlassen fühlen. Aber sonst nicht mehr viel vom Leben der anderen mitbekommen. „Return to Montauk" quälte den Wettbewerb der letzten Berlinale als beschauliches, träges Kino von gestern. Die an sich exzellenten Schauspieler Stellan Skarsgård, Nina Hoss und Susanne Wolff wirken wie unter Betäubungsmittel, wenn sie reihenweise leblose Sätze aufsagen. Alles erinnert an Linklaters „Before Sunset" in Paris, nur der ist ein bis zwei Generationen jünger, verspielter und weniger offensichtlich. Wie Schlöndorffs Hauptfigur Max Zorn ist auch dieser Film gefangen in der Vergangenheit, in seiner Fixierung auf die eine Liebe nur öde. Die Selbstbezogenheit des alten Dichters verpasst sowohl das Leid der Ex wie das Leben der jetzigen Partnerin. Nicht nur für einen Schlöndorff sehr enttäuschend.

2.5.17

5 Frauen

BRD, Frankreich 2016 Regie: Olaf Kraemer mit Julia Dietze, Odine Johne, Anna König, Korinna Krauss, Kaya Marie Möller 100 Min. FSK: ab 12

Schon zur Begrüßung beim Frauen-Wochenende im französischen Landhaus gibt es ein paar Lebens-Plattitüden. Pilze im Abendessen machen dann die Bilder verschwommen und den Film nicht klarer. Das Trauma einer zurückliegenden Vergewaltigung führt dann dazu, dass zwei der Frauen im Rausch einen Einbrecher massakrieren. Für den Erhalt von Karrieren soll die Leiche verschwinden, was schwieriger wird, als ein Fremder auftaucht, der seinen Bruder sucht.

Der Thriller-Versuch „5 Frauen" ist der Kinofilm-Erstling von Olaf Kraemer, bei dem einem durchgehend der Aufwand weh tut, der für diese völlig uninteressante Nichtigkeit verschwendet wurde. Platter noch als die Handlung ist das Figuren-Ensemble und schlimmer als der küchenpsychologische Umgang mit einem furchtbaren Erlebnis sind nur die unerträglich dämlichen Dialoge dazu. Heftige Themen fallen hier einem dramaturgischen Splatter zum Opfer, effektheischende Szenen lassen wirklichen Stil vermissen, am Ende klingt alles in wohlgefälligen Urlaubsaufnahmen aus. Ein Film zum schnellen und unauffälligen Begraben.

Victoria - Männer & andere Missgeschicke

Frankreich 2016 Regie: Justine Triet mit Virginie Efira (Victoria Spick), Vincent Lacoste (Samuel Mallet), Melvil Poupaud 96 Min. FSK: ab 12

Nach Wochen der Einfalt und des offenen Rassismus bei den französischen Film-Importen können wir nun endlich etwas von der vielfältigen Qualität des Kinos im Nachbarland genießen: Das Porträt der Anwältin Victoria Spick (Virginie Efira) ist zwischen Drama, Komödie und Liebesfilm im Kleinen und Großen so komisch, das es schon wieder tragisch ist. Und umgekehrt. Victoria verteidigt einen Ex, der mitten auf einer Hochzeitsfeier seine Freundin niedergestochen haben soll. Ein anderer Ehemaliger veröffentlich eine enthüllende Analyse von ihr in seinem Blog, samt geheimster Details illegaler Honorierungen. Ein Junkie, den sie mal verteidigt hat, darf als Baby-Sitter für ihre beiden ziemlich vernachlässigten kleinen Töchter einziehen und erhält gleich die Pin ihrer Kreditkarte. Ein absurdes Gerichtsverfahren hat gar einen Dalmatiner und einen Affen als Zeugen.

Genau wie ihre Fälle verläuft auch das Leben der Victoria recht skurril. Die alleinerziehende Anwältin wirkt zwar entschlossen und erfolgreich, sie hat viel Sex mit vielen Männern, läuft aber tatsächlich nur mit in ihrem Leben. „Ich hatte keine zwei Sekunden innerer Ruhe", entschuldigt sie sich einmal. Bis zum Zusammenbruch und zum zeitweisen Entzug der Zulassung. Charakterisierend für die Situation könnt ihr gummi-ummanteltes Militär-Handy sein, das man auch als Flummi an die Wand werfen kann. Die reizvoll sprunghafte Montage spiegelt den rastlosen Lebenswandel wieder, das endlose Anzünden von Zigaretten gibt die Begleitmusik dazu. Victoria bespricht ihre Probleme im flotten Wechsel mit Klienten, Psychiatern und Liebhabern. Ihr „Sinn fürs Drama ist abnormal stark entwickelt", erkennt der verliebte Junkie-Babysitter treffend. Die Männer halten zwar in Sachen Komik mit, bleiben dabei aber nur lächerlich. Das ungewöhnliche Porträt, das in der Liebesgeschichte ein Happy End in petto hat, wird exzellent gespielt von Virginie Efira und Vincent Lacoste als stillem Liebhaber.

Sieben Minuten nach Mitternacht

USA, Spanien, Großbritannien 2016 (A Monster Calls) Regie: J.A. Bayona mit Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver, Liam Neeson, Geraldine Chaplin 109 Min. FSK: ab 12

Die sensationelle Verfilmung des Romans „A Monster Calls" von Patrick Ness ist in ihren Real- und Animationsteilen (trick-) technisch so sagenhaft wie „Transformers", nur dazu auch poetisch und gut, natürlich im mehrfachen Sinne: Die Mutter (Felicity Jones) des jungen Conor (Lewis MacDougall) ist unheilbar krank, er wird in der Schule gemobbt und verprügelt. Zudem droht die strenge Großmutter (Sigourney Weaver) damit, dass er bei ihr wohnen soll. Und dann verfolgt ihn noch, immer sieben Minuten nach Mitternacht, ein Alptraum, in dem ein riesiger Baum mit Armen, Beinen und feurigen Augen eine idyllische Landschaft mit kleiner Kapelle und Friedhof zerstört, bis die Erde vor Conor aufklafft. Als sich der Zustand von Conors Mutter verschlechtert, spricht der Gigant den Jungen direkt an: Drei Geschichten wird er ihm in drei Nächten erzählen, dann müsse der Junge seine eigene preisgeben.

Eingebettet in den Realfilm mit ungeheuer guten Darstellern sind Märchen in wunderbarer Animation, die als feiner, farbiger Schattenriss daherkommen. Mit ihrem trockenen, sehr gegenwärtigen Humor präsentieren sie eine Moral, die zum Erstaunen des trotzigen Conor gerade nicht märchenhaft einfach ist. Da ist die Stiefmutter plötzlich gar nicht böse und der Prinz tatsächlich ein Mörder, der als König allerdings ein Segen für sein Land war. Nichts ist, wie es scheint. Und: Menschen seien komplizierte Wesen, Wahrheit und Lüge liege bei ihnen in einem.

Mit gemischten Gefühlen kennt Conor sich aus: Traurig und wütend erduldet er viel, vertieft sich in die Welt seiner Zeichnungen, bis er mit Unterstützung seines Baum-Freundes den Ober-Bully in der Schule zusammenschlägt. Als sich andeutet, dass auch die Mutter das Monster gut kennt, eröffnen sich überraschende Perspektiven im spannenden Rätsel des Films. So lehrt das alte Wesen weit mehr, als dass es einfach verständlich ist, wenn sich der Junge nach all der miterlebten Qual auch den unausweichlichen Tod der Mutter bald herbeisehnt.

„Sieben Minuten nach Mitternacht" ist nicht nur in eher unaufgeregten Kinowochen ein absoluter Höhepunkt, ein kluges, mutiges, tief bewegendes und auch handwerklich herausragendes Meisterwerk des Gefühls-Kinos. Lewis MacDougall überzeugt in der Hauptrolle des zerrissenen Jungen Conor, zurückhaltend unterstützt von Felicity Jones und Sigourney Weaver. Im besonders empfehlenswerten Original erschüttert die tiefe Stimme Liam Neesons in der Rolle des Baums schon rein physikalisch. Die Animationen sind ein Augenschmaus, der überwiegende Realfilm verwöhnt mit tiefen Bildern und spannenden Perspektiven. Dass Regie, Kamera und Schnitt auf höchstem Niveau begeistern, überrascht eigentlich nicht. Denn Juan Antonio Bayona ist ein auch international sehr erfolgreicher spanischer Regisseur mit Tendenz zum Gruseligen. Für „The Impossible" schickte er 2012 Ewan McGregor und Naomi Watts als Elternpaar in die Tsunami-Katastrophen. Nun gelingt es ihm, in einem Jugend- und Fantasy-Film die schwierige Situation schwer kranker Eltern zu thematisieren und dabei nicht genehme Wahrheiten auszusprechen.