15.8.17

Bigfoot Junior

Belgien, Frankreich 2017 (Son of Bigfoot) Regie: Ben Stassen, Jérémie Degruson 92 Min. FSK: ab 6

Adam ist ein ganz normaler Junge mit viel zu langem Haar. Auch wenige Stunden nachdem es kurz geschoren wurde. Als der bei seiner Mutter aufwachsende Schüler herausfinden will, wer sein Vater ist, findet er im Wald den legendären Bigfoot. Bigfoot versteckt, weil der böse Konzern HairCo seine DNA klauen will. So versteht Adam seine außergewöhnlichen Superkräfte, den Haarwuchs und seine Riesenfüße, die Fähigkeit, mit den Tieren zu sprechen. All das muss er auch bald einsetzen, denn beide werden von dunklen Konzern-Schergen verfolgt.

„Bigfoot Junior" erzählt keineswegs eine originelle Geschichte, weder bei Adams Alltag eines gemobbten Schülers noch bei der Bigfoot-Figur. Die ist im Kino-Zoo zwar nicht der Superhit, aber doch populär und bekannt. Im eigenen Stil von Ben Stassen-Produktionen wie „Robinson Crusoe", „Das magische Haus" oder „Sammy" bleiben seine Figuren mal mehr mal weniger Karikaturen, bunt und spaßig, aber Animationen ohne Anima, ohne Seele. Wirklich erstaunlich ist die Geschichte Stassens selbst mit seinem Aufstieg aus dem kleinen Dorf Aubel in Osten Belgiens zu zig Millionen schweren Produktionen, die mit Disney konkurrieren wollen. Der frühere 3D-Spezialist kann zwar ökonomische und zeitweise effektvolle Produktionen auf die Leinwand zaubern, aber immer wieder vermisst man das Herz in seinen Figuren.

Chavela

USA, Mexiko, Spanien 2017 Regie: Catherine Gund, Daresha Kyi 90 Min.

Chavela Vargas (1919-2013) war nicht nur eine großartige Sängerin aus Mexiko, die sich die traditionell den Männern vorbehaltenen Rancheras, mexikanische Lieder über die unerfüllte Liebe, Weltschmerz und Einsamkeit, aneignete. Sie trug Hosen, als das in Mexiko für eine Frau unmöglich war. In dem interessanten klassischen Dokumentarfilm erzählt Chavela mit viel bissigem Humor selbst von ihrem Aufstieg und noch lieber von ihren Abenteuern. Mit ihrer tiefen, rauen Stimme befreite die offen lesbische Chavela die Rancheras vom süßlichen Kitsch und wurde erst in Mexiko und später weltweit bekannt. Ihr burschikoses Auftreten und der Poncho machten sie unverwechselbar. Nach ihrem Comeback in den 1990ern wurde Vargas auch bekannt dafür, den Filmen Pedro Almodóvars eine Stimme gegeben zu haben. Ihr Lied „Volver" wurde zum Titel eines seiner Filme. Das Porträt einer erstaunlichen Künstlerin fasziniert vor allem im ersten Teil mit historischen Aufnahmen und Geschichten, starkem Gesang und intensiven Liedern.

Table 19

USA 2017 Regie: Jeffrey Blitz mit Anna Kendrick, Craig Robinson, June Squibb, Lisa Kudrow 88 Min. FSK: ab 0

Eine Hochzeitsfeier, bei der man ganz hinten am Rande der Wahrnehmung platziert wird, hat ungefähr den Unterhaltungswert dieses Films. Am Tisch 19, „wo man die Toilette riechen kann", versammeln sich ein Ehestreit, ein gebrochenes Herz, ein seltsamer Mann, ein junger Mann auf der Suche nach einem Date und eine junge Dame. Aber vor allem ist „Table 19" zuerst eine Ansammlung peinlicher Situationen nach dem Motto: Menschen machen sehr seltsame Sachen auf Hochzeiten. Dann lernt man sich mit etwas gutem Willen kennen und alles ist gar nicht so schlecht, sogar ganz sympathisch. Es gibt ein paar nette Einfälle, wie Lisa Kudrow Bekleidungswahl, die genau wie die der Kellner aussieht. Dann etwas Tortenschlacht und ungeschickte Tanzaufforderungen. Mit der vor kurzen noch im Aufstieg begriffenen Anna Kendrick und der schon länger im Abseits eingerichteten Lisa Kudrow kann diese kleine Nettigkeit das Sommerloch nicht wirklich füllen, aber einen Regenschauer kurzweilig überbrücken.

Ein Sack voll Murmeln

Frankreich, Kanada, Tschechien 2017 (Un Sac de billes) Regie: Christian Duguay mit Dorian Le Clech (Joseph), Batyste Fleurial Palmieri (Maurice), Patrick Bruel (Roman), Elsa Zylberstein (Anna), Christian Clavier 114 Min. FSK: ab 12

Im Paris des Jahres 1941 wird unter der Pétain-Regierung Nazi-Ideologie in den Schulen verbreitet, Läden von Juden sind gekennzeichnet. Doch der zehnjährige Joseph (Dorian Le Clech) und seinen älterer Bruder Maurice (Batyste Fleurial Palmieri) spielen noch unbeschwert, ihr Vater Roman Joffo (Superstar Patrick Bruel) bietet in seinem jüdischen Friseurläden sogar SS-Offizieren die Stirn. Aber die Deportationen in die Konzentrationslager haben bereits begonnen und nachdem Juden einen gelben Stern tragen müssen, bricht der Antisemitismus in Paris offen aus.

Recht unvermittelt werden die kleinsten Joseph und Maurice ohne Eltern oder ältere Brüder auf eine Reise in den Süden, den unbesetzten Teil Frankreichs geschickt. Die Bedrohung war bislang im Film weder zu sehen noch zu spüren. Ein dummer Mitschüler will sogar auch so einen Stern haben und tauscht ihn gegen den titelgebenden Sack voll Murmeln. Erst bei der Durchsuchung eines Zuges zeigt sich die Brutalität der deutschen Soldaten. Da ihnen der liebevolle Vater mit Ohrfeigen eingebläut hat, niemals zu sagen, dass sie Juden sind, bleiben sie auf der Reise alleine. Erst erscheint sie den Jungs mit Baskenmütze und kurzen Hosen als Abenteuer auf dem Land. Doch schon bald bekommt der weinerliche Joseph genug Gelegenheit zum tränenreichen Bangen.

Die Flucht über die Grenze innerhalb Frankreichs scheint schnell glücklich am Meer zu enden, als die Familie wieder zusammen findet. Auf dem Schwarzmarkt von Marseille wird Joseph erwachsen, die Juden spielen mit den italienischen Soldaten Karten, bis Mussolini in Italien verhaftet wird und die Deutschen auch im Süden deportieren. Nun landen die beiden Brüder nach erneut tränenreicher Trennung in einem Erziehungsheim.

Joseph Joffos autobiografischer Debütroman „Un sac de billes" („Ein Sack voll Murmeln") aus dem Jahr 1973 wurde bereits von Jacques Doillon unter dem Titel „Un sac de billes" verfilmt. Der frankokanadische Regie-Routinier Christian Duguay („Sebastian und die Feuerretter", „Anna Karenina", „Coco Chanel", „Jeanne d'Arc") hat einige Erfahrung im Kinder-, Horror- und Historien-Genre. So sieht die von Joseph im Off erzählte dramatische Geschichte vor allem gut aus. Und wird selbstverständlich immer dramatischer, so bangt und fiebert man unweigerlich mit den Kindern mit. Vor allem da sich weder Buch, noch Inszenierung oder Darsteller grobe Schnitzer erlauben, funktioniert „Ein Sack voll Murmeln" als gemäßigtes Geschichts-Stück sogar noch in der deutschen Synchronisierung. Bewegt, aber nur in dem Maße, dass es auch für Kinder und Jugendliche erlebbar bleibt.

Allerdings hält „Ein Sack voll Murmeln" keinen Vergleich etwas mit Louis Malles autobiografischen Klassiker „Auf Wiedersehen, Kinder" oder Roberto Benignis erschütterndem KZ-Drama „Das Leben ist schön". Von Anfang an nervt die erinnerungsduselige Musik von Armand Amar. Bruel als Vater kann dagegen mit kleinen Nuancen beeindrucken: Nur die Bemerkung, dass er einst als Kind alleine aus Russland vor den Pogromen floh, verursacht mehr Gänsehaut als viele andere gewollte Szenen.

14.8.17

Gelobt sei der kleine Betrüger

Jordanien, BRD, Niederlande 2016 (Inshallah istafadit / Blessed Benefit) Regie: Mahmoud al Massad mit Ahmad Thaher, Maher Khammash, Odai Hijazi 87 Min. FSK: ab 6

Der jordanische Bauunternehmer Ahmad (Ahmad Thaher) wird als Betrüger zu drei Monaten verurteilt, weil er kassiert hat, ohne auch nur mit dem Auftrag anzufangen. Das Geld investierte er in kanadische Laptops, die im Zoll festhängen. Die jordanische Justiz funktioniert mit etwas Schmiermittel reibungslos, Staatsanwalt und Richter sind pragmatisch. Es gibt auch viel zu tun, denn überall zeigen sich Gangster und Betrüger am Werk. Aber es sind alles keine unsympathischen Menschen. Sie werden im Familienumfeld gezeigt und mit Freunden.

Man weiß bei Ahmad, der bis auf ein paar fehlende Zähne Jeff Goldbloom ähnelt, nie so genau, ob er tollpatschig oder raffiniert drein blickt. Die stoisch erduldete Haft ist bestimmt von lauter absurden Randereignissen: Im Gefangenentransport ist Ahmad nur mit Anzugträgern und Bankern unterwegs, die Gefangenen haben ein Handy. Der Kommissar ist vor allem an einer Besucherin im Gericht interessiert, der Zellenchef betreibt einen florierenden Handel mit den anderen Insassen, die sich bevorzugt dramatische Hausfrauen-Soaps anschauen. Ein angeblicher Anwalt haut genauso mit dem Geld ab wie ein vermeintlicher Käufer mit den Laptops - ohne zu zahlen. Der Weg von einem Betrüger zum anderen ist ein zweiter komischer Roter Faden des Films.

Der als Dokumentarist erfahrene Regisseur Mahmoud al Massad zeichnet in seiner Komödie um die Gefängniszelle einen Mikrokosmos der jordanischen Gesellschaft. Nie besonders positiv, aber trotzdem mit Sympathie für seine um etwas Wohlstand oder auch nur einen Internetzugang strampelnden Figuren. Das läuft selbst bei einer Revolution der Zellenhierarchie richtig undramatisch aber mit viel Herz für die Figuren und auch mit sehr guten Schauspielern ab.

Locarno 2017 Demenz im Film

Eine alte Frau starrt minutenlang in die Kamera, sie kann nicht mehr sprechen, sich nicht mehr richtig bewegen. Will sie uns etwas sagen? Ihrer Familie? Oder dem Drehteam dieser Dokumentation? Der interessante aber nicht sensationell gute „Mrs. Fang" von Wang Bing sagt als Preisträger in Locarno etwas über diesen nicht umwerfenden Wettbewerb aus, zeigt aber vor allem den Umgang einer lauten und umtriebigen chinesischen Familie mit einer dementen Angehörigen. Was unweigerlich die Frage aufwirft: Was kann, was darf man zeigen? (Die übrigens in Locarno auch auf einem Workshop für junge Dokumentaristen diskutiert wurde.) Der Aachener Zinnober-Produktion „Der Tag, der in der Handtasche verschwand" von Mario Kainz, die 2002 einen Grimme-Preis erhielt, sah man das vertraute Verhältnis von Filmemacherin und Protagonistin an. David Sievekings „Vergiss mein nicht", 2013 vom Aachener Martin Heisler produziert, fühlte sich im Umgang des Regisseurs mit der eigenen Mutter hingegen übergriffig an. Der Locarno-Sieger Wang Bing versetzt das Publikum mit Nahaufnahmen der bettlägerigen alten „Mrs. Fang", mit nicht mehr zu deutendem Blickkontakt zwar in die Situation der Angehörigen, geht dann aber auf Distanz und betrachtet das Verhalten der wuseligen chinesischen Großfamilie. Das ist zwar grenzwertig und in der allgemeinen Hilflosigkeit auch schwer erträglich, doch in der Diskussion um den Umgang mit der Krankheit auch förderlich.

70. Filmfestival Locarnos vergoldet Demenz-Drama

Samstagabend wurden in Locarno die Leoparden losgelassen. Nach zehn Tagen Filmfestival mit Wetterkapriolen aber unspektakulärem Programm gingen die traditionellen Preise in Gold und Silber für beste Filme und Darsteller an einen internationalen Wettbewerb mit 18 Filmen. Mehr Bedeutung für das Tagesgeschäft Kino werden die „Piazza-Filme" haben, unter denen die amerikanische Multikulti-Komödie „The Big Sick" den Publikumspreis erhielt.

Beim Jubiläumsfestival, das vor allem durch Neuerungen auffiel, ging der Goldene Leopard für den besten Film an das chinesische Demenz-Drama „Mrs. Fang" des Regisseurs Wang Bing. Er zeigt in seiner unaufgeregten Dokumentation die letzten Lebenswochen der alten Mrs. Fang im Kreise ihrer Großfamilie. Mit Söhnen, die viel erklären, und Frauen, die still pflegen. Ein universelles, teils schwer erträgliches Thema, allerdings keine neue Kinematografie. Wang ist mit mehreren Dokumentationen und Spielfilmen ein angesehener Filmemacher, der einem breiteren Publikum noch nicht bekannt war. Er war bereits mehrere Male in Locarno, sein Sieger-Film wurde von der aktuellen Documenta 14 mitproduziert.

Die internationale Jury um den französischen Regisseur Olivier Assayas und die österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr vergab den Darstellerpreis bei den Frauen an den nicht anwesenden Star Isabelle Huppert („Elle"). Sie spielt in „Madame Hyde" eine verschrobene Lehrerin, die vom Blitz getroffen wird und ihre dunkle Hyde-Seite entdeckt. Bester Darsteller von Locarno 2017 ist der unbekannte, junge Newcomer Elliott Crosset Hove aus Dänemark, der den legendären Harry Dean Stanton („Paris, Texas") in „Lucky" ausstach. Im dänisch-isländischen Drama „Vinterbrødre" (Winterbrüder) von Hlynur Pálmason gerät Hoves Figur in eine Familienfehde. Er spielte zusammen mit seinem echten Vater.

Die vielen Preisträger versprühten Samstagabend so viel Begeisterung bei der Ehrung auf der Piazza Grande dass der Funke sogar auf das klatschfaule Publikum übersprang. Festival-Präsident Marco Solari bedankte sich zwar zum Abschied beim Publikum, welches das eigentliche Festival sei. Allerdings erwies sich dies 2017 als nicht besonders cinephil, als es die 84-jährige Regie-Legende Jean–Marie Straub nur mäßig würdigte. Und auch sonst ließ die Begeisterung zu wünschen übrig: Auf der Leinwand erinnerte sich Sebastian Koch, wie der Stasi-Film „Das Leben der anderen" 2006 mit einem Meer aus Feuerzeugen gefeiert wurde. Jetzt reichte es gerade für eine billige Kommerz-Aktion mit Leuchtstäbchen für die brutalen und banalen Agenten-Action „Atomic Blond". Dringend müssen jüngere Generationen an Filmkultur und -Festivals rangeführt werden. Locarno versucht es vor allem mit jungen Events rund um den Film.

11.8.17

Locarno 2017 - Reiche Vergangenheit, goldene Zukunft

Das 70. Filmfestival Locarnos wird morgen mit der Preisvergabe beendet

Locarno. Morgen Abend werden in Locarno die Leoparden losgelassen - die traditionellen Preise in Gold und Silber für beste Filme und Darsteller aus einem internationalen Wettbewerb mit 18 Filmen, der wieder nicht viele Nachwirkungen zeigen wird. Mehr Bedeutung für das aktuelle Kino haben die „Piazza-Filme", die um den Publikumspreis konkurrieren.

Nach stürmischen Tagen wird heute Abend alles gut und alles gold sein: Das Wetter hat sich beruhigt, man bangt nicht mehr um den Kino-Abend unter freiem Himmel und um Besucherzahlen, die parallel zu jedem Regen kräftigen fallen. Das Wetter war dann auch der große Aufreger, nicht verwunderlich beim Sommerfestival, das meist durch das Drumherum von Lago Maggiore, italienischer Schweiz und Voralpen umschrieben wird. In dieser Umgebung, irgendwo unten im Lago Maggiore, kommt Afrika als tektonische Platte in Europa an und trifft ausgerechnet direkt auf die reiche Schweiz. Ein schönes Sinnbild für das Aufeinandertreffen verschiedener Kultur im Festivalrahmen. Dass dies nicht ohne Reibung geschieht, zeigte „The Big Sick" von
Michael Showalter auf einfühlsame und sehr humorvolle Weise: Der aus Pakistan stammende Komiker Kumail Nanjiani spielt sich selbst beim wahren Kennenlernen seiner Frau Emily (Zoe Kazan, die Enkelin von Elia). Während seine traditionelle Mutter ihm in Chicago wöchentlich neue Kandidatinnen für eine arrangierte Ehe „zufällig" beim Familienessen vorstellt, fällt die Frau, in die sich Kumail tatsächlich verliebt hat, in ein Koma. Nun lernt der zwischen den Kulturen zerrissenen Komiker die „Schwiegereltern" (eine geniale Holly Hunter und Ray Romano) auf beinahe tragische und umwerfend komische Weise kennen. Plattitüden nur als Satire, auch über 9/11 und Fremdenhass, dafür einfühlsam das Problem geschildert, mit traditioneller Familie in einer modernen Gesellschaft zu leben. Das ist als gelungene Unterhaltung (aus der Aptow-Fabrik) mit Nährwert der perfekte Piazza-Film und Kandidat für den Publikumspreis. („The Big Sick" läuft im November in deutschen Kinos.)

Schon morgen ist in deutschen Previews der gestrige Piazza-Film, die Action-Routine „Atomic Blonde" zu sehen: Charlize Theron spielt die Top-Agentin Lorraine Broughton, die 1989 in Berlin Informationen höchster Brisanz zu besorgen soll. Während man Jürgen Vogel als „Der Mann im Eis" in Sachen Preise durchaus im Regen stehen lassen kann, schockte und berührte das indische Wüstendrama „The Song of Scorpions" von Anup Singh als weiterer heißer Kandidat: Als Nooran, Sängerin, Heilerin, Geburtshelferin und Medizinfrau in der Gemeinde Sindhi im Rajasthan, den Kamelhändler Aadam ablehnt, rächt dieser sich brutal. Doch sie kehrt zurück und besitzt die Fähigkeit, mit ihrem Gesang das Gift der Skorpionstiche zu kontrollieren. Die betörende Golshifteh Farahani („Stein der Geduld", „Pirates of the Caribbean: Salazars Rache"), die aus dem Iran vertrieben wurde, in der Hauptrolle, eine hochdramatische Geschichte und wunderbare Bilder - da könnte der Publikumspreis einen noch nicht feststehenden Kinostart in Deutschland unterstützen.

Der Hauptpreis, der Goldene Leopard, war dagegen selten karrierefördernd oder publikumsträchtig: Es begann noch ganz prominent 1946 mit René Clair und 1948 mit Roberto Rossellini. In den letzten Jahrzehnten des Festivals blinken höchstens in den 80ger-Jahren viele Namen wie Jim Jarmusch („Stranger than Paradise"), Wolfgang Becker („Schmetterlinge") oder Terence Davies („Distant Voices, Still Lives") auf. Die letzte Entdeckung Locarnos war 2014 der philippinische Regisseur Lav Diaz, nicht erst seitdem ein Festivalliebling. Und doch zeitigte die Jubiläums-Ausgabe ein tolles Festival, ein Film-Festival mit Zukunft: Am neuen Festivalkino, dem Palacinema, beeindrucken nicht Vergoldung und Kosten von 35 Millionen Schweizer Franken. Es ist die Lage mit großem Vorplatz direkt an einem alten Schloss, die zusammen einen äußerst kommunikativen Ort ergeben. Hier können sich Hardcore-Filmprofis mit kinematografischen Urlaubsgästen treffen, hier kommt der Besucher der benachbarten Festivalkirmes ebenso vorbei wie der Film-Junkie zwischen vierter und fünfter Vorstellung.

Die schönste Erfahrung zum Jubiläum lautet demnach: Das Filmfestival von Locarno lebt und man freut sich auf die weitere Entwicklung. Ein fast verwunschenes Gelände zwischen zugewucherter Kapelle, die Bar wurde, und alternativem Café bietet die aufregend designte Umgebung für neue Reihe „Locarno Talks". Im offenen Diskussionsforum sprach die Tessiner Weltbürgerin Carla Del Ponte, bis letzte Woche Mitglied der UNO-Untersuchungskommission für Syrien, über die Schwierigkeit, Heimat in kriegszerstörten Gebieten wiederzufinden. Die kanadische Elektro-Musikerin und Künstler Peaches diskutierte provokativ über Frauenkörper, über die Probleme, sich im eigenen Körper zuhause zu fühlen. So belebt das Filmfestival nicht nur den verschlafenen Ferienort, es platziert den wachen und engagierten Film auch mitten in aktuelle gesellschaftliche Diskussionen.

Locarno 2017 - Bergfilme am See

Ötzi schießt den Vogel ab

Locarno. Nein, Ötzi ist echt kein Glückspilz: Da musste er fast 5300 Jahre warten, bis es einem Spielfilm über sein Leben gibt, weil das Projekt lange auf Eis gelegt wurde. Und dann ist die Premiere so verregnet wie anscheinend das Leben der zu spätem Ruhm gelangten Gletschermumie. „Der Mann aus dem Eis" feierte gestern als „Piazza Grande"-Film mit Jürgen Vogel und André M. Hennicke seine Weltpremiere.

Die Berge sind naheliegend im Schweizer Kanton Tessin, aber so viel Gestein war selten auf der Piazza Grande wie dieses Jahr beim Filmfestival von Locarno (2.-12.8.): Die deutsch-italienische Koproduktion „Drei Zinnen" (Regie: Jan Zabeil) hatte am Wochenende gleich drei Gipfel schon im Titel und erzählte, wie sich ein Ausflug in die Berge, der ein Neubeginn markieren soll, in einen Kampf wandelt. Hoch oben in der Drei-Zinnen-Region der italienischen Dolomiten sind Aaron und Tristan mit ihrer ambivalenten Liebe zueinander und mit ihren Ängsten umeinander konfrontiert, derweil Lea dabeisteht und versucht, ihren Platz in diesem Dreieck zu finden.

Und dann gestern das große Grunzen und Schreien zur 1991 im Südtiroler Schnalstal entdeckten Gletschermumie Ötzi: „Der Mann aus dem Eis" denkt sich eine Rache- und Action-Handlung zur geheimnisvollen Leiche aus, die mit einer Sperrspitze in der Schulter gefunden wurde. Jürgen Vogel spielt dabei Ötzi als Schamanen und Jäger, dem seine ganze Klein-Sippe brutalst vergewaltigt und umgebracht wurde. Nur ein Baby überlebte. Nun verfolgt dieser Kelab die drei Mörder unter Anführung von Krant (André M. Hennicke). Im Gepäck hat er nicht nur den Säugling, sondern auch eine Ziege als vierbeinigen Milchvorrat, denn die Alpen hatten da noch nicht Nestles Babypulver hervorgebracht. Auch das Schweizer Messer war noch unbekannt, aber Religion, Patchwork-Familie und Neue Männer kommen in dieser Handlung aus dem Jahr 3300 vor unserer Zeitrechnung durchaus vor. Da liegt der spöttelnde Gedanke nicht fern, dass Ötzi mit der Erfindung des Eispickels auch Filmgeschichte geschrieben hat und Tantiemen von „Basic Instinct" erhalten müsste.

Nein, die lange Entstehungszeit dieser historischen Geschichte hat ihr nicht gut getan. „Der Mann aus dem Eis" ist tatsächlich ein Rachefilmchen im Ziegenfell und vor aufwendig rekonstruierten Kulissen. Jürgen Vogel fällt einem als erste Wahl für diese archaische Grunz-Rolle ein, aber Ötzi ist keineswegs der beste Jürgen Vogel. Weil sich Regisseur Felix Radau entschied, die Figuren einen möglichen rhätischen Dialekt sprechen zu lassen, wirkt die ganze Sache mit den alten Pelzträgern genau so verschroben wie diese lustigen Leute, die Mittelalter-Musik machen. Selbstverständlich hält sich „Der Mann aus dem Eis" nicht exakt an das, was Archäologen erforscht haben. Ötzis Durchfall auf Grund von Darmparasiten wird wahrscheinlich erst in einem Hollywood-Remake (mit Mark Wahlberg?) eine große Rolle spielen. „Der Mann aus dem Eis", der im November auch in den deutschen Kinos zu sehen sein soll, wird eine Kuriosität der Festivalgeschichte bleiben.

Zum Abschluss am Samstag wird nach der Preisvergabe „Gotthard" zu sehen sein. Anders als der Titel vermuten lässt, kein Berg- oder Felsfilm, sondern einer über Rock. Schweizer Rock der ansonsten nicht so bekannten Band namens Gotthard.

9.8.17

Der dunkle Turm

USA 2017 (The Dark Tower) Regie: Nikolaj Arcel mit Idris Elba, Matthew McConaughey, Tom Taylor 95 Min. FSK: ab 12

Ja, es ist tatsächlich nicht weit vom dunklen Turm Mordors in „Der Herr der Ringe" bis zu Stephen Kings „Dark Tower", denn „der" Suspence-Autor der Moderne ließ sich für dieses ganz spezielle erzählerische Universum von Tolkien inspirieren. Bis zu einem anständigen Film scheint der Weg allerdings viel weiter, denn wie die ausufernde Romanreihe „The Dark Tower" („Der dunkle Turm") mit acht Bänden und einem Comic in einem ausnahmsweise mal nicht überlangen Film verwurstet wurde, ist eine enorme Enttäuschung vor allem für Stephen King-Fans und -Kenner.

Der 14-jährige Einzelgänger Jake Chambers (Tom Taylor) lebt in New York, aber vor allem in seiner eigenen Welt. Er träumt immer wieder davon, wie Kinder gequält werden und ein dunkler Turm mit deren unschuldiger Energie zerstört wird. Selbst Jakes eigene Mutter erklärt ihn bald für verrückt, gerade als Wesen aus seinem Traum ihn wie viele andere Kinder einfangen wollen. Auf seiner Flucht findet er das Haus aus seinen Visionen und springt über ein Portal in die postapokalyptisch zerstörte „Mid-World".

Hier trifft Jake auf Roland (Idris Elba) - kein Ritter, kein Jedi, sondern ein Cowboy und der letzte seiner Art. Dieser „Gunslinger" bekämpft den „Man in Black" Walter (Matthew McConaughey), der mit entführten Kindern den Dunklen Turm attackiert und damit unsere Welt, „Keystone Earth" genannt, zu zerstören droht. Unterstützt wird Walter durch albtraum-reife Monster in vielen Formen, dunkle, maskierte Horden aus Kings düsteren Fantasien. Alle sind hinter Jake her, weil er mit besonderen Kräften ausgestattet ist. In der Reihe von Querverweisen zu Kings anderen Werken, wird Jakes telepathische Fähigkeit Shine genannt wird - Shine wie in Shining!

Gut und böse sind im Film „Der dunkle Turm" klar getrennt, der Reichtum der Vorlage reduziert sich auf einen Jugend-Action- und Fantasy-Film, der höchstens als nett durchgehen kann. Die wüstenartigen Landschaften sind gut ausgewählt, zwei mit sehr viel Charisma aufgeladene Darsteller stehen sich gegenüber und machen ihren Job. Die Thematik paralleler Welten, an der sich auch Neil Gaiman mit „Interworld" versucht hat und eigentlich einen Film daraus machen wollte, scheint für den Jugendfilm prädestiniert. Typisch für King ist das Prinzip, eine andere Realität hinter der sichtbaren Oberfläche. Das führt zu gespenstigen Szenen, wenn entgeisterte Fremde Jake plötzlich wie in alten Horrorfilmen durch New York verfolgen. Und zu ein paar magischen Momente, wenn beispielsweise der „Man in Black" in den Erinnerungen von Jakes Mutter herumläuft, um sich dessen inzwischen entfernte Zeichnungen anzusehen. Nett anzusehen auch die vielen Kunstschüsse des Mannes, der „mit seinem Herzen zielt". Dies ist eindeutig nicht der Horror-King, hier agierte der Fan von Tolkiens „Der Herr der Ringe".

Überaus erstaunlicher ist vor allem, wie viele gute Leute die Produzenten über zehn Jahre hier verbraucht haben, um ein sehr mäßiges Filmchen auf den Markt zu schmeißen. „Lost"-Macher und „Star Trek"-Erneuerer J.J. Abrams hatte den Stoff als erster aufgegriffen und dann aufgegeben. Am Drehbuch schrieben die Dänen Anders Thomas Jensen und Nikolaj Arcel mit. Wobei Jensen mit unter anderem „Zweite Chance", „Love Is All You Need", „Nach der Hochzeit" und „Adams Äpfel" zu den absolut besten seines Handwerks gehört. Regisseur Nikolaj Arcel schrieb an exzellenten dänischen Thrillern wie „Erlösung", „Schändung" und „Erbarmen" mit und inszenierte mit Mads Mikkelsen den Historienfilm „Die Königin und der Leibarzt". Doch wahrscheinlich war es schon viel zu spät, als diese Leute einstiegen. Da aus diesem Produktions-Verkehrunfall wohl nicht mehr ein erfolgreiches Franchise über mehrer Kinofilme wird, müssen vor allem die Fans noch etwas länger auf eine TV-Serie zu „The Dark Tower" warten, die in Arbeit ist.

6.8.17

Dalida

Frankreich 2016 Regie: Lisa Azuelos mit Sveva Alviti, Riccardo Scamarcio, Jean-Paul Rouve, Nicolas Duvauchelle 124 Min. FSK: ab 12

Zahllose Erfolge als Sängerin, drei Partner, die sich umgebracht haben, bevor sie sich selbst mit 54 Jahren das Leben nahm: Das Leben von Dalida war schon lange Melodram, bevor jemand auf die Idee kam, daraus ein Filmdrama zu machen. 30 Jahre nach ihrem Tod überrascht Komödien-Regisseurin Lisa Azuelos („LOL – Laughing Out Loud") mit dieser berührenden und einnehmenden Biographie Dalidas.

1933 wurde Dalida in Kairo als Yolande Gigliotti geboren, der italienische Vater, ein Musiker, im Krieg als vermeintlicher deutscher Kollaborateur verhaftet. Ihre Karriere beginnt mit einem ersten Konzert im legendären Olympia in Paris 1953 und hielt Jahrzehnte an. Mitte der 70er gab es ein Comeback in den USA mit Disco und Lester Wilson, dem Choreographen von „Saturday Night Fever". Ihren Hit „Salma Ya Salama" sang sie in Arabisch, es folgten Konzerte in Ägypten und im Libanon. Noch 1986 spielte sie in Youssef Chahines „Le sixième jour" (Der sechste Tag) die Hauptrolle. Tolle Schlager wurden mit ihrer tiefen Stimme und dem Akzent mit dem rollenden R im Französischen unverwechselbar. So richtig emotional aufgeladen erscheinen sie allerdings erst in diesem Bio-Pic: Für jede Lebenslage bis hin zum Abschied mit „Pour ne pas vivre seule" scheint es einen passenden Song zu geben, was bei der reichen Auswahl vielleicht tatsächlich nicht schwer war.

Denn ihr Privatleben war kein Hit: Ihr erster Ehemann, Lucien Morisse, Leiter des damals neu gegründeten Privatradiosenders Europe 1, brachte sich ebenso um wie der Schlagersänger Luigi Tenco, mit dem Dalida 1967 während des Festivals in San Remo das gleiche Lied sang. Und auch Richard Chanfray, von dem sich Dalida 1981 trennte, beging zwei Jahre später Selbstmord. Die eigenen Krisen versuchte die Künstlerin mit Psychoanalyse und einem dreijährigen Aufenthalt in Indien zu bewältigen.

Dieses wirklich bewegte Leben wird oft aus dem Blickwinkel ihrer Männer und ihres Bruders erzählt, der auch ihre Biographie „Dalida - Mon frère, tu écriras mes mémoires" schrieb. Regisseurin Lisa Azuelos gelang in „Dalida" eine elegante Montage von Erfolg und Drama durch verschiedene Lebensphasen angefangen mit Dalidas Kindheit in Ägypten. Gut inszeniert mit sehr stimmingen Bildern, Farben und Szenen. Das Zusammenspiel von dramatischen Ereignissen und intensiver Mimik begleitet eine nicht endenden Folge von Hits und Evergreens: „Parole, Parole" (mit sprechendem Alain Delon), „Besame mucho", die Mini-Oper „Gigi l'amouroso", „Buenos noches, mi amor" oder „Il venait d'avoir 18 ans" passend als sie ihren viel jüngeren Liebhaber und Literaten zusammenkommt. Die Dalida-Darstellerin Sveva Alviti ist dabei eine Entdeckung: Mit glaubhafter Interpretation schafft sie es, Faszination und Drama dieser Frau zu verkörpern - wenn man danach Originalaufnahmen sieht, scheint Alviti die authentischere, auf jeden Fall die intensivere Dalida zu sein.

5.8.17

Der Stern von Indien (2017)

Großbritannien, Indien 2017 (Viceroy's House) Regie: Gurinder Chadha mit Hugh Bonneville, Gillian Anderson, Michael Gambon, Manish Dayal, Huma Qureshi 107 Min. FSK: ab 6

Die Britin Gurinder Chadha ist eine ausgezeichnete Regisseurin, die aus dem Punjab stammt. Ihre Filme wie „Picknick am Strand" (1993), „Kick It Like Beckham" (2002) und „Liebe lieber indisch" (2004) zeigen immer wieder Begegnungen und Konfrontationen zwischen den Kulturen. Nun zeichnet sie in einem großen, melodramatischen Epos die Trennung von Indien und Pakistan nach: 1947 kommen Lord Mountbatten (Hugh Bonneville) und seine Frau Edwina (Gillian Anderson) nach Delhi. Als Vizekönig soll Mountbatten die britische Kronkolonie in die Unabhängigkeit entlassen. In seinem Palast arbeiten auch der junge Hindu Jeet (Manish Dayal), der hier unverhofft seine einstige Flamme wiedertrifft, die schöne Muslima Aalia (Huma Qureshi). Die Verbindung zwischen Angehörigen der verfeindeten Religionen, die sich gerade im ganzen Land in blutigen Unruhen umbringen, ist nahezu unmöglich. Für Mountbatten bleibt nur die Aufteilung in die neuen Staaten Indien und Pakistan, um den Bürgerkrieg zwischen Hindus, Sikhs und Muslims zu stoppen.

Unter den Führern der verschiedenen Gruppen tritt auch Ghandi auf. Die Diskussion um die Entscheidung bleibt vor allem spannend im Gespräch zwischen dem Viceroy und seiner klügeren und mit der Situation vertrauteren Frau Lady Edwina Mountbatten, gespielt von der großartigen Gillian Anderson („American Gods", „Akte X"). Die große befriedende Idee scheitert auch an der Ausführung mit weltpolitisch orientierter Einflussnahme durch Churchill und durch unfähige Bürokraten, deren Grenzziehungen auch durch die Provinz Punjab, heute noch für Kriege sorgen. Bei dieser interessanten Aufarbeitung eines historischen Einschnitts vor 70 Jahre bleibt allerdings ohne weitere Hintergründe nur die Erkenntnis, dass Religion eine ziemlich bescheuerte Erfindung ist.

In historischer Fortsetzung der BBC-Serie „Indian Summers", die auf Arte lief, macht die History-Soap auf großer Leinwand mit geschickt einmontierten, alten dokumentarische Aufnahmen schockierend den Ausmaß der mörderischen Massenunruhen und machen die Dringlichkeit des Problems klar. Auch die unglaubliche Völkerwanderung von 14 Millionen Menschen in ihre neu zugewiesene Heimat, die eine Million Opfer forderte, erschüttert. Viele Details wurden sorgsam eingestreut, so die enorme Armut der Engländer selbst nach dem Krieg. Aber auch wenn die Großmutter der Regisseurin die Ereignisse selbst miterleben musste, „Der Stern von Indien" erzählt letztlich aus der Perspektive der Kolonialisten, was als seltsamer Beigeschmack über den ganzen Film liegt.

Lucky Loser - Ein Sommer in der Bredouille

BRD 2017 Regie: Nico Sommer mit Peter Trabner, Annette Frier, Emma Bading, Elvis Clausen, Kai Wiesinger 94 Min. FSK: ab 0

Koma-Fressen, Kirmes bis zum Abwinken und mit noch nicht ganz 16 Jahren den besoffenen Papa nachts nach Hause fahren: Mike (Peter Trabner) und seine Tochter Hannah (Emma Bading) haben sehr unkonventionell zusammen sehr viel Spaß. Was die Mutter Claudia (Annette Frier) und vor allem deren spießiger Neuer Thomas (Kai Wiesinger) überhaupt nicht gut finden. Doch Mike lässt sich nicht unterkriegen. Auch davon, dass er aus seiner Wohnung fliegt und nach Hannahs Ankündigung, sie wolle jetzt zu ihm ziehen, nur einen kleinen, schäbigen Camping-Wagen als Unterkunft anbieten kann. Doch Hannah fährt mit zum Campingplatz, weil sie vor allem endlich mit ihrem 30-jährigen Liebhaber Otto (Elvis Clausen) ins Bett will.

Es ist schon herrlich, wie Mike, Hannah und dann auch noch Otto zu dritt im engen Campingbett liegen. Auch wie Mike und Otto direkt gute Kumpels werden und der Schwiegerpapa den Freund der Tochter aus einer dieser brenzligen Situationen rausholt, die man als Schwarzer im minderbemittelten Ost-Regionen wohl erlebt. Wird aber noch besser, als Claudia voller Sorge auftaucht und wegen künstlich herbeigeführter Autopanne auf dem sehr altmodischen Zeltplatz festhängt. Ein Rückfall in die gemeinsame Vergangenheit für die zukünftige Chef-Ärztin, die vor lauter Karriere das Aufwachsen der Tochter verpasst hat. Mike kümmerte sich immer gerne und hat dafür jetzt keinen anständigen Job, kein Geld, und keine Wohnung. Ist aber immer noch verliebt in Claudia. Da meint selbst Teenager Hannah, „Werd' erwachsen, Alter!". Nicht nur, weil Mike nach 10 Jahren Trennung noch ein Bild seiner Ex im Auto hängen hat.

Dieser Typ ist total irre und das macht viel Spaß beim Zuschauen. Die Familienaufstellung im zu kleinen Camper ist erst mal kein großes Kino, aber eine vor allem stimmige, sympathische Geschichte mit guten Dialoge und guten Darstellern. Der Vater-Tochter-Spaß „Lucky Loser" bekommt diese Kino-Woche eindeutig den Vorzug vor dem Vater-Sohn-Langeweiler „Helle Nächte".

Helle Nächte

BRD, Norwegen 2017 Regie: Thomas Arslan mit Georg Friedrich, Tristan Göbel 86 Min. FSK: ab 0

„Helle Nächte" von Thomas Arslan („Der schöne Tag", „Gold") schockt als deutscher Anti-Film um schweigende und grantelnde Männer. Der Berliner Bauingenieur Michael (Georg Friedrich) hat seit Jahren kaum Kontakt zu seinem 14-jährigen Sohn Luis. Als Michaels Vater in Norwegen stirbt, reisen die beiden dennoch gemeinsam zum Begräbnis in die Einsamkeit des Nordens. Es folgt eine sehr ruhige Begehung der Wohnung vom Vater beziehungsweise Großvater. Und das war dann der Action-Teil des wunderbar meditativen Films. Während endloser Autofahrten auf endlos leeren Straßen tauchen Fragen zum gestörten Verhältnis von Michael zu seinem Vater auf, was selbstverständlich das ebenso spröde Verhältnis Michaels zum Sohn spiegelt.

Bei der Berlinale bekam der ausgezeichnet Georg Friedrich, der hier beweist, dass er auch das Nichts darstellen kann, als Bester Darsteller einen Silbernen Bären und seine konfuse Dankesrede war tatsächlich das Interessanteste an diesem Film. „Helle Nächte" bemüht das Prinzip „Wir zeigen Langeweile, indem wir einen langweiligen Film zeigen." Die Kommunikationslosigkeit zwischen Vater und Sohn wurde weitgehend kommunikations- und ideenlos abgewickelt. Dazu scheint der junge Tristan Göbel („Tschick") kein Schauspieltalent zu sein. Lockerte „Toni Erdmann" gerade noch dieses Image des deutschen Films auf, beweist dieser Anti-Erdmann, dass man traditionsgemäß nichts zu lachen hat bei deutschen Filmen. Für alle, die mal so richtig runterkommen wollen - in Tempo und Stimmung - ist dieser Film allerdings Gold!

Heartbeats

USA 2016 Regie: Duane Adler mit Krystal Ellsworth, Amitash Pradhan, Paul McGillion 107 Min. FSK: ab 0

Noch ein Tanzfilm und tatsächlich auch noch einer von Duane Adler, dem Drehbuchautor von „Save The Last Dance", „Make It Happen" und „Step Up". Doch wenn man jetzt affektierten und hirnlosen Mist differenzieren muss, ist „Heartbeats" ein noch schlechterer, extrem oberflächlich mit seinem exotischen Indien-Setting umgehender Tanzfilm.

„Ich fühle mich nur lebendig, wenn ich tanze" - solche Sätze müssen die Pappfiguren solcher Hüpfdohlen-Filmchen selbstverständlich immer absondern. Auch „Heartbeats" ist eine Steilvorlage für ein Phrasen-Bingo zum Tanzfilm-Genre. Klar, dass die junge Kelli Andrews (Krystal Ellsworth) zwischen Berufung und Beruf steht, zwischen ihrem Traum vom Tanzen und der von den Eltern erwünschten Jura-Ausbildung. Mit diesem Konfliktchen einer derart reichen Familie, dass Studienfinanzierung eigentlich keine Rolle spielen sollte, geht es zu einer indische Hochzeit - der lahmsten und humorlosesten der Filmgeschichte. Kellis Treffen mit einem Traummann führt zu vielen mäßigen Tanznummern in künstlicher und behaupteter Stimmung. Man sieht den Statisten förmlich an, dass ihr Schmerzensgeld viel zu gering ausfiel. Deshalb klatschen sie immer im falschen Rhythmus, was tatsächlich einfach schlechte Cutter-Arbeit zeigt. Eine Woche mit Hochzeitsvorbereitungen, Anproben und Tanzkursen versammelt Liebesdramen, die in einer Preview nur als Lachnummer funktionierten.

Die Hauptdarstellerin, deren Name schon vergessen ist, hat einschläfernden Charme und Charisma auf Sparflamme. Die Musiknummern, schlecht zusammengeschnibbelter Restekram aus anderen schlechten Tanzfilmchen mit billigen Popliedchen, sind kläglich. Jeder echte Bollywood-Film tanzt diese Kindergarten-Aufführung schwindelig. Dazu wird schamlos Weichzeichner über die Leinwand gekleistert und der soziale Hintergrund von Mumbai, das hier immer noch Bombay heißt, weitgehend ausgeblendet. Herzlos!

4.8.17

Die Dreharbeiten zu „Liliane Susewind“

Film-Möglich-Macher

André Sommerlatte brachte den nächsten großen Dreh in die Region

Seit dem 6. Juli 2017 wird in Aachen und der Umgebung wieder großes Kino gemacht: Die Dreharbeiten für den Kinderfilm „Liliane Susewind", der am 2018 in die Kinos kommt, starteten mit den Schauspielern Peri Baumeister („Russendisko") und Tom Beck („Vaterfreuden"). Darin hat die elfjährige Liliane Susewind eine außergewöhnliche Fähigkeit: Sie kann mit Tieren sprechen. Später werden auch Christoph Maria Herbst und Meret Becker am Set sein. Mit dem aufwändigen Dreh von Sony Pictures ist wieder mal eine große Filmproduktion in der Region zu Gast. Wie groß? 1000 Übernachtungen für den kompletten Dreh, der noch bis zum 23. August in Aachen und Belgien stattfindet. Wer das Projekt so griffig umreißen kann, ist Koproduzent André Sommerlatte von der belgischen Velvet Films.

Sommerlatte ist ein Profi, der auch schon Drehs mit Depardieu ins Grenzland holte, 2007 für die 13 Millionen-Produktion „Die Kinder von Timpelbach" in der Eyneburg von Hergenrath. Damals war André Sommerlatte in Eupen noch Medienreferent für die DG, die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens. Auch wenn die Filmwirtschaft nur 5 Prozent seiner Aufgaben ausmachte, sah man ihn auf den Festivals von Cannes, Venedig und Berlin. Federführend war er bei Koproduktionstreffen mit Nordrhein-Westfalen, Luxemburg und dem Saarland. Nebenbei machte er noch den Motivaufnahmeleiter bei Drehs an der Gileppe-Talsperre, bei aufsehenerregenden Action-Szenen für Hermann Johas Produktion „action concept" („Alarm für Cobra 11", „Der Clown").

Vor wenigen Wochen wechselte der leidenschaftliche Kommunikator und Film-Produzent vom Ministerium zur Brüsseler Firma „Velvet Films", die seit ihrer Gründung eine enorme Dynamik erlebt: Seit Januar stehen vier Langspielfilme auf dem Plan, darunter auch in Antwerpen und Gent „Brechts Dreigroschenfilm" mit großem Etat sowie Lars Eidinger (als Bertholt Brecht), Tobias Moretti, Hannah Herzsprung, Joachim Król, Claudia Michelsen, Christian Redl und Robert Stadlober in den Hauptrollen.

Diese deutsch-belgischen Koproduktionen sind kein Zufall, sondern Konzept für Velvet Films und Spezialität von André Sommerlatte. Er sieht sich als „Verbindungselement von belgischer zu deutscher Kinematografie". Der deutsche Produzent, der in Eupen lebt, weiß, dass frankophone Filmproduktionen Partner suchen, die ihre Sprache sprechen, „nicht einfach Französisch, sondern deren Art verstehen". Seine Frau stammt aus Lüttich, was von Westen her gesehen ja schon jenseits eines kulturellen Grabens liegt. So bestätigt der Fachmann den jahrelangen Trend, dass deutsche Produktionen sich eher nach Flandern orientieren. Sommerlatte präsentiert sich mit der neu aufgestellten Firma als „der erste, auf den du triffst, wenn du mit einem Projekt aus Deutschland kommst". Sein Partner und Firmengründer Sebastian Schelenz ist Deutscher mit Büro in Brüssel.

So wird die Region zum „First Exit-Punkt, um sich der romanischen Kultur zuwenden". Dabei ist klar, dass Ostbelgien zu klein ist, dass „wir nicht alles machen können". Dadurch kommen Drehs in Aachen, Antwerpen und Gent zustande. Was vor allem in Flandern als große Chance zum Städtemarketing begriffen wird. In Aachen selbst sieht der Kenner brachliegendes Potential. Daneben ist das Filmemachen auch immer Wirtschaftsförderung. Die „Film- und Medienstiftung NRW", die „Liliane Susewind" mit 657.913 Euro fördert, wurde dementsprechend im Wirtschafts-Ministerium angesiedelt. Sommerlatte ist zudem Spezialist für die belgische Form der Filmförderung, eines Steuerspar-Modells namens „Tax Shelter". Neben den 1000 Übernachtungen für „Liliane Susewind" gibt es an den Drehorten auch weniger qualifizierte Jobs wie Fahrer oder Setrunner. Die in der Branche sogenannten „Effekte" bedeuten, dass mehr Geld in der Region ausgegeben werden muss, als die jeweilige Förderung zur Verfügung stellt. Neben Sets in Aachen wird auch die Vennbahn am ehemaligen Raerener Bahnhof langfristig in diesem Sommer wieder zum Drehort. Hier drehte schon Sandra Hüller die Doku-Fiktion „Fräulein Stinnes fährt um die Welt".

Das Programm von Velvet Films ist mit der Verfilmung der Kinderbuchreihe „Liliane Susewind" von Bestsellerautorin Tanya Stewner und einem Brecht-Film kulturell eindrucksvoll. Trotzdem steht Sommerlatte zum „lauten" Teil seines Netzwerkes, zu Hermann Joha, dem Schöpfer von „Alarm für Cobra 11" und der Film-Autobahn im nordrhein-westfälischen Aldenhoven-Siersdorf. „Joha ist der erste, der erkannt hat, welches Potential Belgien hat, und seitdem dreht er regelmäßig hier." Kein anderer bekomme Stunts so schnell, kostengünstig und effektiv hin. „Ich werde ihm nie vergessen, wie er mir seinen Hubschrauber geliehen hat, weil er wusste, dass ich Bilder (für einen Image-Film der DG, red.) von oben brauche."

Aber auch wenn Velvet Films mit vier Angestellten in Brüssel ein Wirtschaftsunternehmen ist, bleibt Kultur ein begleitender Faktor für Sommerlatte. Für 2017 ist die Produktion schon ausgelastet, sie musste bereits Projekt nach 2018 verschieben. Trotz des aktuell beeindruckenden Portfolios wollen Schelenz und Sommerlatte nicht über alle Maßen wachsen, „unser Ziel ist, schöne Sachen zu machen".

http://velvetfilms.be/

1.8.17

Alibi.com

Frankreich 2017 Regie: Philippe Lacheau mit Philippe Lacheau, Elodie Fontan, Julien Arruti, Tarek Boudali 90 Min.

Grégory (Philippe Lacheau) vermittelt erfolgreich Alibis für untreue Männer und Frauen und für gemobbte Schüler. Als er Flo kennenlernt, ist er zum ersten Mal richtig verliebt. Allerdings verabscheut sie lügende Männer. Da ausgerechnet ihr Vater Gérard ein Kunde von Grégorys Alibi.com ist, wird die lahme Komödie richtig konstruiert kompliziert. Denn Schwiegermama und -papa laufen sich ausgerechnet in Gérards Liebesnest, einem Hotel in Cannes, über den Weg. Flo ist auch dabei und Grégory muss seine Lüge aufrecht halte, er sei eigentlich Stewart und irgendwo in Afrika unterwegs. Da hat „Alibi.com" längst die Grenze von Albernheit zum Blödelfilm überschritten, ist längst eine ziemlich platte Verwechselungskomödie. Das hat man alles schon mal gesehen, sogar sehr oft, zu oft. Die vielfache Konfusion wurde nicht nur inszeniert, sie ergriff den Films im Ganzen. Noch eine so eine schwer erträgliche Franco-Klamotte, die zeigt, dass wir mit Schweighöfer und Co. nicht ganz allein auf der Welt sind.

Einmal bitte alles

BRD 2017 Regie: Helena Hufnagel mit Luise Heyer, Jytte-Merle Böhrnsen, Patrick Güldenberg, Maximilian Schafroth 85 Min.

Isi Jung (Luise Heyer) hat Probleme mit dem Alter, also damit, das richtige Alter für sich selbst zu finden. Zu Anfang hat sie Sex im Altersheim - mit einem Pfleger, der ihr nicht verraten hat, wo sein Schlafzimmer ist. Die 27-Jährige gehört der Generation Praktikum an und wird von der besonders ignoranten Agentur-Chefin Ulrike Finsterwalder (Sunnyi Melles) besonders gedisst. Ihre beste Freundin und Mitbewohnerin genießt lautstark einen neuen Liebhaber, der feuchte Putz bröckelt von der Decke. Die Eltern haben ihr Kinderzimmer leergeräumt und die Freundin schmeißt sie dann auch noch aus der WG raus.

Ohne Wohnung, ohne Job, ohne Freunde findet sich Isi an einer Lebenswende. will aus Fitzgerald eine Graphic Novel machen
Zu alt für die WG-Scherze, zu jung für ein festgelegtes Leben, falls man ihr so was anbieten würde. Die Regisseurin Helena Hufnagel lässt Isis ziemlich miese Lebens-Sackgasse mit frischen, jungen Inszenierungs-Ideen und lässigen Dialoge nachempfinden. Das gelungene Debüt nimmt sich Zeit, mit atmosphärischen Momenten Stimmungen zu vermitteln. Die perfekte Hauptdarstellerin Luise Heyer begeisterte schon in „Die Reste meines Lebens" mit einer sehr emotionalen Rolle. Die Musik der Tragikomödie schrieb der aus Aachen stammende Dieter Schleip.

Die göttliche Ordnung

Schweiz 2017 Regie: Petra Volpe mit Marie Leuenberger, Max Simonischek, Rachel Braunschweig, Sibylle Brunner 96 Min. FSK: ab 6

Während Anfang der 70er in der Welt Summer of Love und Frauen-Emanzipation toben, bewegt sich in einem verschneiten Schweizer Bergdorf gar nichts. Nora (Marie Leuenberger) macht ihren Job als Hausfrau und Mutter, derweil sie von einer großen Welt träumt. Es braucht für heutiges Publikum ein paar Erklärungen der schwer vorstellbaren Situation, dass 1971 noch um das Frauenwahlrecht in der Schweiz abgestimmt werden musste und dass ein Ehemann es genehmigen muss, wenn seine Frau arbeiten will. So erleben wir mehrere Frauen-Schicksale im, Noras 18-jährige Nichte Hanna wird von ihren Eltern den Behörden übergeben, weil sie im Dorf einen schlechten Ruf hat. Es gibt die lebensfrohe italienische Restaurant-Chefin, die geschieden - Skandal! - ohne Mann zurecht kommt. Also Nora sich für das Frauenwahlrecht engagiert und beginnt, Hosen zu tragen, trifft sozialer Druck im Dorf auch die Kinder und am Arbeitsplatz den Mann.

Der Erfolgsfilm aus der Schweiz eines kleinen Kampfes für das Frauenrecht ist als große Geschichte inszeniert, schön gefilmt, sehr gut gespielt, durch die Musik (Annette Focks) stark dramatisiert und immer vorhersehbar. Was nicht nur daran liegt, dass die Suffragetten diesen Kampf ein Jahrhundert früher ausfochten. Aber nebenbei auch zeigt, wie universal und noch immer umstritten der Feminismus ist. Regisseurin Petra Volpe gestaltete ihre Geschichte wenigstens nicht schwarzweiß, Noras Mann will durchaus für das Frauenwahlrecht stimmen, obwohl er meint, dass eine Frau hinter den Herd gehört. Doch erst einmal machen die Frauen auf Lysistrata und streiken. Die Kinder müssen ihr Geschirr abwaschen und werden nicht mehr von der Mutter bedient. Das Paket aus Drama und Spaß funktioniert - für die Lacher lernen die Frauen um Nora in einem Züricher Workshop auch noch ihre Vulva kennen. Es bleibt eine Wertschätzung, diese hart erkämpften Errungenschaft zu schätzen und nicht in irgendeinem Post-Feminismus klein zu machen.

31.7.17

Final Portrait

Großbritannien 2017 Regie: Stanley Tucci mit Geoffrey Rush, Armie Hammer, Tony Shalhoub, Sylvie Testud 90 Min.

James Lord (1922-2009) war ein amerikanischer Schriftsteller, der Pablo Picasso, Gertrude Stein und Arletty kennenlernte. Mit dem Künstler Alberto Giacometti (1901-1966) war er seit 1952 befreundet, stand ihm in Paris Modell und verfasste dessen Biographie. Gleich zu Anfang der Sitzungen, vieler Sitzungen, erklärt der alte Alberto Giacometti (Geoffrey Rush) seinem Freund James Lord (Armie Hammer) die prinzipielle Aussichtslosigkeit des Versuches, ein Porträt fertigzustellen. Kunsttheoretisches Geschwafel scheinbar, das sich aber sehr nervenaufreibend konkretisiert. Denn das bekannte Porträt war nach dieser Geschichte eine ganz, ganz schwere Geburt. Allerdings luftig leicht und humorvoll präsentiert von Stanley Tucci, dem bekannten Schauspieler („Die Tribute von Panem", „Der Teufel trägt Prada", „Spotlight") und guten Regisseur („Big Night", „The Impostors", „Blind Date").

Während Lord noch stoisch bis amüsiert Modell sitzt und seinen Abflug wieder und wieder verschiebt, verzweifelt der Meister hinter der Leinwand. „Oh fuck" lautet sein häufigster Kommentar. Wieder und wieder übermalt er die Leinwand. Die Verzögerungen wirken aber gelichzeitig wie ein Spiel, in dem der Meister sein Modell immer weiter herausfordert. Der legt eine bewundernswerte Ruhe und Geduld an den Tag, während man bei ihm Zuhause keineswegs so lange warten will.

Es sind die Gespräche und Ereignisse zwischen den Sitzungen, die Giacometti selbst porträtieren. Impressionistische Fragmente und Szenen, bei denen schon mal der Ton nicht synchron zum Bild läuft. Der recht geschäftstüchtige Künstler versteckt Millionen in Geldbündeln in seinem Atelier, ist aber emotional hoffnungslos abhängig von der Prostituierten und Geliebten Caroline, seinem bevorzugten Modell. Giacometti scheißt die Zuhälter von Caroline förmlich mit Geld zu, die immer wieder gedemütigte Partnerin (Sylvie Testud) des Egozentrikers schaut verbittert zu. Die im Alter zunehmenden Zweifel an seiner Arbeit sorgen für ausreichend Spielraum und das wieder und wieder wunderbare Bild der beiden Figuren im komplett grau gehaltenen Atelier, umgeben von vielen Plastiken Giacomettis (Kamera: Danny Cohen). Geoffrey Rush („The King's Speech", „Shine") und Armie Hammer („The Social Network", „Lone Ranger") machen den schweren kreativen Prozess zu einem leichten Vergnügen.

70. Filmfestival in Locarno 2017

Jedes Jahr im August kehren zwei wunderbare Erscheinungen zurück. Die eine seit Millionen von Jahren, die andere immerhin schon seit 70 Jahren. Anfang August ist Filmfestival in Locarno am Lago Maggiore und immer auch die Zeit der Perseiden, der Laurentiustränen, ein jährlich in der ersten Augusthälfte wiederkehrender Meteorstrom. Wer dieses Naturspektakel im Open Air-Kino der Piazza Grande beim Blick in den Himmel über der Leinwand erleben durfte, vielleicht sogar am 10. August 1982 als „Notte di San Lorenzo", der Film der Brüder Taviani lief, wird für immer vom Zauber Locarnos abhängig werden. Und nebenbei gibt es auch beim 70. „Festival Internazionale del Film Locarno" (2.-12. August) wieder viele gute Filme zu sehen.

Vor 71 Jahren wurde der Mythos des Locarno-Festivals geboren: Es begann 1946 auf einer abschüssigen Wiese vor dem „Grande Albergo", dem mondänen Grand Hotel Locarnos. In einer Zeit, die Filmfestivals weltweit aufleben ließ, gingen in dem eleganten Ferienort der Südschweiz nächtens die Lichter an, die Traumwelt bedeuten. Das Open Air-Kino unter dem Tessiner Sternenhimmel erwies sich als Markenzeichen und Erfolgsrezept des Film-Events. Mit dem Umzug auf die Piazza Grande, einem malerischen Pflaster-Platz nicht weit vom Lago Maggiore, wurde aus dem magischen ein Massen-Ereignis: 9000 Menschen können hier offiziell die zeitweilig größte Leinwand Europas anhimmeln, inmitten von Altstadt- und Berg-Panorama Filme aus aller Welt in exzellenter Qualität erleben. Unter dem freien Kino-Himmel der Piazza Grande kommen die Elemente hoch, der Mensch setzt sich und die Kunst in Relation zu den umgebenden Naturgewalten, den Zwei- bis Dreitausendern, dem riesigen Lago Maggiore. Man schwelgt angesichts dieser Inspirationen in elementaren Betrachtungen, angefeuert von bewegenden Filmthemen. Bei den Höhepunkten des Festivals, den modernen Blockbustern oder den Filmen für die benachbarten Italiener wird regelmäßig jeder Quadratzentimeter der Piazza mit Leinwandleidenschaft gefüllt. Dann drückt sich hier Liebe zu diesem ganz besonderen Kino nicht nur aus, sie quetscht sich geradezu auf den nun gar nicht mehr so mächtigen Platz.

Um das traumhafte Open Air-Kino versammelten sich im Laufe der Jahrzehnte andere Säle, ein Wettbewerb formte sich, der A-Status unter den Festivals wurde erworben und jährlich an die 200.000 Zuschauer bekunden ungebrochene Filmbegeisterung. Mal versuchen häufig wechselnde Festivalleitungen Locarno als das kleine der großen Festivals (Berlin, Cannes, Venedig) zu positionieren, mal als das Größte der Kleinen. Mal tummeln sich die Stars und Leinwandgötter, mal genießt man den offenen Umgang mit noch nicht so bekannten Filmemachern der Nachwuchs-Sektionen am Seeufer. Aber das Fallen der Sternschnuppen über der Leinwand hinterließ meist mehr Eindruck als das Kommen und Gehen der Stars auf der Bühne. Diese teilten immer wieder eines mit dem Publikum der Piazza Grande - die enorme Begeisterung! Mal euphorisch, mal sprachlos oder auch fast religiös angerührt angesichts einer Kinokult-Gemeinschaft von 9000 Menschen.

In all den Jahrzehnten präsentierte Locarno immer neue Impulse der internationalen Filmszene: Hier wurde den italienischen Neorealisten gehuldigt und den chinesischen Regisseuren der 5. Generation. Die Nouvelle Vague mit Truffaut, Godard und Co. war hier ebenso zu entdecken, wie das Osteuropäische Kino der 60-ger Jahre. Marco Bellocchio oder Abbas Kiarostami traten hier ins Scheinwerferlicht und kamen gerne mit ihren neuesten Werken zurück an den Lago. Als Konstante blieb die Hochachtung vor dem Autorenfilm, der Respekt vor persönlichen und unverwechselbaren Handschriften der Filmkünstler. Auch in der Festivalleitung tauchen große Namen auf: Moritz de Hadeln war bis bevor er die Berlinale übernahm. Marco Müller setzte Akzente, ging nach Venedig und ist jetzt in Rom. Olivier Père kam von der Cannes-Nebensektion Quinzaine des réalisateurs.

Das Grand Hotel, wo alles anfing, blieb bis zu seiner Schließung vor zwölf Jahren der wahrlich magische Ort, der Jahrzehnte lang das gesellschaftliche Herz des Festivals bildete: Hier trafen sich nachts nach den Piazza-Filmen all die Schönen, Wichtigen, Genialen mit den begeisterten Cineasten, den Produzenten und denen, die sich nur immer selbst produzieren. Kein anderes Festival bot einen atmosphärisch wie kommunikativ derart aufgeladenen Treffpunkt. Der heilige Ort des Ursprungs verfällt mittlerweile als Spekulations-Ruine, in der nur noch mal indische Filmteams für etwas Leben sorgten. Am Verlust dieses Ortes macht sich eine mögliche Bedrohung des Festivals fest: Auch andere Hotels schließen oder werden zu Eigentumswohnungen umgewandelt - der Ferienort verliert das Mondäne und wandelt sich zum verschlafenen Touri-Nest für betagtes Publikum. Die Festivalgäste übernachten im fußläufigen Ascona und in kleineren Orten der steilen Bergflanke, die sich vom See bis auf über 2000 Meter reckt.

Die Piazza - der Platz und der Platzregen
Überhaupt sind die Immobilien abseits von den üblichen Diskussionen über gute oder weniger gute Programme, über zu viel oder viel zu viel Stars tatsächlich ein ganz handfestes Problem des Sommer-Festivals. Es hat nämlich eigentlich kein richtig großes Kino. Vor allem bei Regen und Gewitter stellt sich die Frage, wohin mit den 9000 Zuschauern, die auf die Piazza passen. Denn trotz Klimawandel ist Verlass wie auf ein Unwetter und das Spektakel, dass Tausende Zuschauer in schicker Abendkleidung von der Piazza in weniger charismatische Kinos mit Bedachung jagt. Ein ehemaliger Festivalpräsident bat zur Eröffnung denn auch regelmäßig die „Madonna del Sasso", deren Kapelle auch im Dunkeln vom Berg herunterleuchtet, für gutes Wetter. Die immer eine sehenswerte Regen-Völkerwanderung geht in den Festivalsaal „Fevi" - eigentlich eine Sport- und Mehrzweckhalle, dem zwar der Scheißgeruch vom Schulbetrieb ausgetrieben wurde, doch die Bestuhlung ist schmerzlicher als Schulsport. Das alte Traditionskino Rex soll renoviert werden, reicht aber kaum für die immer sehr umfassenden und gründlichen Retrospektiven-Reihen aus. Deshalb strahlt das Festival zum Jubiläum besonders mit seinem neuen „Palazzo del Cinema", einem kleinen zusätzlichen Filmpalast: Goldene Metallplatten verzieren das rekonstruierte alte Schulgebäude, das nun in drei Kinosälen weitere 800 Zuschauer modern beherbergt. Die Eröffnung erfolgt pünktlich zur 70. Ausgabe.

Doch die Piazza ist regelmäßig voll, obwohl die Schweizer Preise auch beim Eintritt hoch sind wie die umgebenden Berge. Ein Abend auf der Piazza mit einem Film kostet 25 Schweizer Franken (ca. 22 Euro), bei einem Double Feature sind es schon 35, mit reserviertem Platz sogar 52 Franken! Eingerechnet sind da wohl auch die anderen Attraktionen des Süd-Schweizer Ferienortes, die wunderbaren Bademöglichkeiten im See und in den eiskalten Gebirgsbächen. Die Ponte Brolla, das kleine Weltwunder einer Felsschlucht am Ende des Maggia-Tales verfärbt sich regelmäßig Anfang August im schwarz-gelben Leoparden-Muster der Kataloge, Festivaltaschen und Halsbänder mit Akkreditierungen.

So wird es auch 2017 sein. Diesmal ist „Atomic Blonde" als einziger lauter US-Film auf der Piazza Grande mit Charlize Theron und Berlin in der Hauptrolle vertreten. Mit weiterer deutscher Beteiligung feiern hier „Drei Zinnen" von Jan Zabeil mit Alexander Fehling („Homeland") und Bérénice Bejo („The Artist") sowie „Der Mann aus dem Eis" von Felix Randau, eine Geschichte aus der Jungsteinzeit, ihre Weltpremieren. Sie versuchen das Fast-Abo deutscher Produktionen auf den Publikumspreis zu verlängern, den schon „Der Staat gegen Fritz Bauer", „Das Leben der anderen", „Das Wunder von Bern" und „Die syrische Braut" auf dem Pflaster ergatterten. Im Wettbewerb „Concorso Internazionale" geht mit „Freiheit" von Jan Speckenbach junges deutsches Kino ins Rennen. Insgesamt sind 28 deutsche Filme und Koproduktionen programmiert. Zum Jubiläum gönnt sich Locarno mit der Retrospektive zu Jacques Tourneur außerdem eine besonders schöne Hommage. Zeitlos gut wie das Festival selbst.

30.7.17

Planet der Affen: Survival

USA 2017 (War for the Planet of the Apes) Regie: Matt Reeves mit Andy Serkis, Woody Harrelson, Steve Zahn, Terry Notary, Amiah Miller, Karin Konoval 140 Min. FSK: ab 12

Nach „Rise - Aufstand" und „Dawn - (Morgen-) Dämmerung" nun also „War - Krieg" für den „Planet der Affen". Die deutsche Vermarktung gibt dem dritten Teil der aufsehenerregenden neuen Kinoserie wieder einmal einen völlig sinnentfremdeten Titel: Das Werk heißt im Original „War for the Planet of the Apes", also Krieg für den Planet der Affen. Man könnte auch sagen: Menschen-Krieg.

Nach der Menschwerdung der durch einen Virus intelligenter gewordenen Affen, das gleichzeitig fast die gesamte Menschheit und deren Infrastruktur ausradierte, versteckt sich das Volk des Ober-Affen Caesar (Andy Serkis) in den Wäldern Nord-Kaliforniens. In der ersten der beiden eindrucksvollen Action-Szenen, zu Beginn und am Ende, wehren sie einen Angriff menschlicher Soldaten ab. Caesar vergibt den überlebenden Angreifern und lässt sie frei - in der Hoffnung auf Frieden. Doch Colonel McCullough (Woody Harrelson), der Führer der Soldaten selbst, wird wiederkommen und Caesars Frau und Sohn ermorden.

Nun sieht anscheinend auch ein Affe rot - die Menschwerdung der hochentwickelten Tiere, die in „2001" noch in einigen Sekunden erfolgte, verläuft hier über drei bemerkenswerte Filme. Caesar lässt sein Volk alleine weiter ziehen, um sich persönlich am Colonel zu rächen. Das ist weiterhin großes Charakter-Drama und diesmal auch ein Western mit biblischen Anlehnungen.

Das Quartett verschiedener Affen, das sich mit Pferden auf den Weg zur verschneiten Berg-Festung des Colonels macht, nimmt sich eines Mädchens (Amiah Miller) an, das wie die meisten Affen nicht sprechen kann. Sie leidet an einer mysteriösen Krankheit, deren Opfer vom Colonel sofort umgebracht werden. Immer noch ist das eine große Gebot, dass ein Affe keinen anderen töten soll, eine Maxime für dieses Volk, auch wenn Caesar selbst diese Linie einmal übertreten hat. Doch im Vergleich jedoch zu dem, was Menschen einander antun, war die Ermordung des vor Hass wahnsinnigen Kobas im zweiten Film nur ein Streichelzoo. Diesmal erreicht das Grausen angesichts von „Menschlichkeit" eine neue Dimension durch den Colonel als Verkörperung des Kurtz'schen Wahnsinns aus „Das Herz der Finsternis" und „Apocalypse Now".

Mit dem Graffiti „Ape-pocalyse Now" macht Regisseur und Ko-Autor Matt Reeves den Bezug zu Ausbeutung und Sklaverei sehr deutlich. Wenn Harrelson als Colonel über der Felsen-Festung thront und zur USA-Flagge einen heiligen Krieg ausruft, wird etwas unübersichtlich, wem hier alles nachgeäfft wird: Caesar leitet wie „Spartacus" den Gefangenen-Aufstand und leidet am Kreuz. Der Vietnam-Krieg mit Hubschrauber-Attacken (diesmal ohne Wagners Walküren) verweist auf die wirklich furchtbare Realität tatsächlicher Menschen-Kriege. Und die Bibel, ja die Bibel wird von demnächst eine Copyright-Klage starten. Zu dick ist die Moses-Parallele aufgetragen, wenn Caesar sein Volks im Exodus führt, aber das gelobte Land nur sehen und nie betreten kann. Zu sehr hält sich der Film eine Weile am Ausbruchs-Genre fest.

Dann folgt allerdings auch ein mächtig rührender und menschelnder Schlusspunkt, wie überhaupt die Wirkung der enorm expressiven Mimik im computer-generiertem Affenfell ungeheuer eindrucksvoll geriet. Zwar spricht Caesar als einziger Affe, alles andere ist Äffisch mit Untertiteln (ein Killer für Deutsche, die im Kino ja alle plötzlich nicht mehr lesen können), doch versteht man diese Wesen, die weiterhin die besseren Menschen sind, nur allzu gut. Dabei wird die großartige Musik von Michael Giacchino mal nicht als emotionaler Krückstock gebraucht. Sie ist eigentlich zu gut, weil auffällig, und bei Action wie in ruhigen Momenten oft das Spannendste - auch wenn der Rest keineswegs langweilig ist. Bei dieser klassischen Western-Geschichte im Affen-Fell, bei der Menschwerdung der Kreaturen und der Animalisierung der Menschen, liegt im Mitgefühl für einander die große Hoffnung. Dass sich das Affen-Volk nun jenseits der Rockies niederlässt und eines Tages dort Filme drehen wird, wie die anderen Affen es heute tun, ist die einzige Sorge bei einer Film-Reihe, die kaum besser werden kann.

Emoji - Der Film

USA 2017 (The Emoji Movie) Regie: Tony Leondis 86 Min.

Ausgerechnet Wortwitz! Bei einem Film über Zeichen-Kommunikation! Altkluge Scherze, wahrscheinlich von arbeitslosen Germanisten, über die in einer Preview mit Kindern exakt niemand gelacht hat. So vergeigen es die Emojis direkt, für sich einzunehmen. Ganz abgesehen davon, dass dieses knallbunt angekündigte Animations-Filmchen ein lebloses Retorten-Produkt ist - genau wie die billige Popmusik, die auf der Tonspur nervt. Auf der IMDB hat der Film aktuell sagenhaft schlechte 1,4 von zehn möglichen Punkten!

In der Welt der Emojis wartet Gene aufgeregt auf seinen ersten Arbeitstag. Allerdings kann er seine Funktion als emotionsloses Emoji nicht erfüllen, dauernd verrutschen ihm die Gesichtsausdrücke. Auch ausgerechnet als der Besitzers des Handys, der Teenager Alex, seinem Schwarm eine SMS schickt. Parallel zu den Teenie-Komplikationen in der (ebenfalls animierten) Real-Welt muss Gene aus der Emoji-Welt fliehen, weil er als schadhafte Software durch bedrohliche Bots gelöscht werden soll.

Ein Film über die Emanzipation eines Emojis also, über das ewige Jugend(film)problem, seinen eigenen Weg zu finden. Das kennen wir, die Verpackung in einer Smartphone-Umgebung soll neu dran sein. Die Erklärung, wie dessen Technik funktioniert, geriet allerdings überhaupt nicht sinnig oder stimmig wie einst bei „Tron" das Innenleben eines Computers oder auch bei „Alles steht Kopf" die Funktion der menschlichen Emotionen.

So ist es ganz kurz witzig, die „eigenen" Emojis auf der Leinwand zu sehen, dann langweilen auch schon pädagogisch wertvolle Bemerkungen zu Facebook und moderner Kommunikation. Die Animation schafft es nicht, wie im Lego-Film den prinzipiell beschränkten Figuren mit witziger Mimik und flotten Sprüchen Leben einzuhauchen. Ausgerechnet die finale Idee, Gene zum Sonderling mit mehreren Gesichtsausdrücken zu machen, läutet mit der Konkurrenz der animierten Sticker das Ende der Emoji ein.

Genes Flucht durch mehrere Smartphone-Applikationen (Achtung: Werbung!) wirkt gezwungen, dass Candy Crush dabei tatsächlich erklärt werden muss, macht klar, wie flott der Film - nicht - ist. Großes Theater um kleine Idee, die sich leer und hohl anfühlt. Nur Katzenvideos rief beim Zielpublikum Reaktionen hervor, was kein Vorschlag für die nächste tolle Film-Idee zu „Irgendwas mit Internet" sein soll.

26.7.17

Das Gesetz der Familie

Großbritannien 2016 (Trespass against us) Regie: Adam Smith mit Michael Fassbender, Brendan Gleeson, Lyndsey Marshal, Georgie Smith, Kacie Anderson, Rory Kinnear 99 Min. FSK: ab 16

Edel-Schauspieler Michael Fassbender landet diesmal im wenig respektablen Milieu - und auch das steht ihm vortrefflich. Zusammen mit dem anderen Schauspiel-Giganten Brendan Gleeson verkörpert er Patriarchen des modern reisenden und raubenden Cutler-Clans in England. Sie leben in einer Wohnwagensiedlung - unangemeldet selbstverständlich. Denn die tief religiöse Bande von gesetzeslosen Außenseitern und Dieben, die vor allem wegen ihrer Nähe zum Fahrenden Volk als asozial betrachtet wird, lebt nicht nur von ihren Raubzügen bei den Reichen der Gegend. Sie halten auch gerne die Polizei zum Narren, am liebsten in Verfolgungsjagden mit geklauten Autos.

Fassbender spielt Chad Cutler, gleichzeitig sorgender Vater und kleiner Junge, der immer wieder Streiche ausheckt. Auch wenn er zu jedem Blödsinn bereit ist und liebend gern die Polizei provoziert, will er wegen seiner Kinder ein anderes Leben. Er kann selber nicht lesen, schickt sie aber trotz vieler Widerstände in der Familie und von den Behörden zur Schule. Vor allem sein Vater und Clan-Chef Colby Cutler (Brendan Gleeson), der seine Autorität mit großer Ruhe und Selbstverständlichkeit auslebt, erachtet modernen Kram wie Schule als Blödsinn. Als die Polizei Chad bei einem nächtlichen Raubzug zu nahe kommt, spitzt sich der Konflikt zu.

Chad Flucht nach dem Einbruch ist eine grandios intensive Action-Szene. Neben Action-Film und Gangster-Drama ist „Das Gesetz der Familie" aber vor allem auch Milieu-Studie. Mit Melancholie wird Abschied genommen von der Freiheit eines Kinderlebens mit Klettern auf Bäumen, mit den eigenen Hunden über Felder jagen und unangeschnallt Auto fahren. Genau: Kinder, die fahren, nicht mitfahren.

Tatsächlich hegt man Sympathien für diesen ungebändigten Chad Cutler. Zumal die Polizei in ihrer Gesetz- und Maßlosigkeit nie positiv rüber kommt. Sie entführt sogar die Kinder von der Schule, um die verzweifelten Eltern unter Druck zu setzen. Bis Chad seine Frustration im Camp an dem geistesgestörten, dauer-aggressiven Gordon raus lässt. Danach merkt auch der immer etwas besser - das heißt: nicht im Trainingsanzug - gekleidete Kerl, dass sich etwas ändern muss.

Michael Fassbender und Brendan Gleeson im Vater-Sohn-Konflikt, der gleichzeitig auch Zeitenwende bedeutet, das ergibt enorme, gebündelte Leinwand-Power dieser beiden Giganten im komplexen Gegeneinander. So bekommt der Zusammenstoß zweier Welten genügend Substanz. Auch der kleine Georgie Smith, der Chad Sohn Tyson spielt, macht Eindruck. Die Film-Musik stammt von The Chemical Brothers, für die Regisseur Adam Smith bereits Musikvideos drehte. Bis zum großartigen Schlussbild zum Abgesang der Freiheit ein sehr gelungener Debütfilm.

25.7.17

Paradies

Russland, BRD 2016 (Rai) Regie: Andrei Konchalovsky mit Julia Vysotskaya, Christian Clauß, Philippe Duquesne,
Peter Kurth, Jakob Diehl 131 Min.

Der russische Filmemacher Andrei Konchalovsky („Onkel Wanja", „Runaway Train", „Der innere Kreis"), Bruder von Nikita Mikhalkov, hatte eine sehr erfolgreiche Periode in Hollywood bevor er nach Russland zurückkehrte. Im 23. Film zeichnet der 79-Jährige in einer ungewöhnlichen wie fesselnden Form Gewalt und Faschismus nach. Die russische Adelige Olga (Julia Vysotskaya) wird in Paris verhaftet, als sie jüdischen Kindern bei der Flucht hilft. Zwar kann sie einen französischen Polizisten verführen und manipulieren, um der Folter zu entgehen, doch als dieser erschossen wird, kommt sie ins KZ. Dort trifft sie auf den jungen adligen Militär Helmut (Christian Clauß), einen linientreuen Hitler-Fan, dessen Familie eine lange Kriegsgeschichte mit Frankreich hat. Als Offizier leitete er Deportationen in Osteuropa und kontrolliert nun das Lager, in dem er in Olga seine ehemalige Liebe aus Italien wiedererkennt.

Die Spielfilmhandlung wird unterbrochen von in die Kamera gesprochenen Verhören der drei Personen in Sträflingskleidung. Eine unbestimmte, spannende zweite Ebene, in welcher der Polizeichef selbst ein Gefangener ist. Die Lebensbeichten in drei Sprachen eröffnen reich und vielschichtig Aspekte um entsetzliche Erlebnisse im KZ. Die Montage um die extremen Gegensätze ganz unterschiedlicher Leben vorher und nachher, bei Herrenmenschen und Gefangenen, einer Liebe in Freiheit, den Abhängigkeiten im Lager. Andrei Konchalovsky erhielt in Venedig 2016 den Silberner Löwe für die Beste Regie.

Sie nannten ihn Spencer

Österreich 2017 Regie: Karl-Martin Pold 122 Min. FSK: ab 0

Pünktlich zur Schwimm-WM würdigt diese kleine Doku einen der bekanntesten Schwimmer Italiens: Carlo Pedersoli, vor allem bekannt unter seinem Schauspiel-Pseudonym Bud Spencer! Die verspielte biografische Suche nach dem Leben des ewig unterschätzten und mittlerweile verstorbenen Trash-Stars (1929-2016) gefällt sich selbst zu sehr in der Kopie von Slang, Gestus und Dramaturgie der Bud Spencer und Terence Hill-Filme.

Marcus lebt inmitten seiner Devotionalien als leidenschaftlicher Bud Spencer-Fan. Er erzählt, wie er nach einem Genickbruch bettlägerig vor allem Bud Spencer und Terence Hill-Filme gesehen hat. Und dankt Pedersoli, dass er mittlerweile wieder gehen kann. Jorgo, der andere Held dieses Films, ist blind, was die Würdigung von Carlo Pedersoli auf eine Tonspur mit wahrscheinlich mäßig übersetzten Synchro-Texten reduziert.

Auf der Reise nach Italien gibt es am laufenden Kilometer krampfhaft komische Szenen, in denen die beiden kopierte Sprüche klopfen. Den Kommentar gibt die deutsche Stimme von Terence Hill, samt typisch flapsigem Tonfall. Untergemischt sind passende Ausschnitte aus den Filmen. Das weitere Leben von Carlo Pedersoli als Schriftsteller, elffacher italienischer Schwimmchampion, zweifacher Olympiateilnehmer, Wasserballeuropameister, Sänger, Komponist, Pilot, Flugunternehmer, Modedesigner, Fabrikant, Drehbuchautor, Produzent und nicht zuletzt Erfinder einer Art Einwegzahnbürste kommt so gut wie nicht vor. Dementsprechend treffen die Scherzkekse ihr Idol erst mal nicht - im Geiste des sympathischen Scheiterns ihrer Vorbilder. Untergemischt sind Interviews mit Zeitgenossen und Terence Hill selbst. Die Dokumentation geht begeistert dem Ausmaß dieses speziellen Fantums nach, ohne mal von außen auf das Phänomen zu blicken. Wenn ein Filmkritiker meint, die beiden wären das erfolgreichste Filmduo aller Zeiten, vergisst er neben Stan Laurel und Oliver Hardy. Bis zum letztendlich eher peinlichen als rührenden Treffen mit einem alten Mann und Verständigungs-Schwierigkeiten geriet die Doku selbstverliebt viel zu lang.

24.7.17

Dunkirk

USA, Frankreich, Großbritannien, Niederlande, BRD 2017 Regie: Christopher Nolan mit Fionn Whitehead, Tom Glynn-Carney, Tom Hardy, Kenneth Branagh, Cillian Murphy 106 Min. FSK: ab 12

Der erste erfolgreiche Brexit war eine Katastrophe. Im militärischen Denken auf jeden Fall: Deutsche Armeen schlossen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges im Mai 1940 französische und britische Truppen bei Dünkirchen ein. Der stockende Vormarsch ermöglichte innerhalb einer Woche eine hektische Evakuation von über 300.000 Soldaten. Wobei nicht nur Kais zum Anlegen fehlten, es kamen auch keine Kriegsschiffe - die wurden zur Verteidigung der Insel zurückgehalten.

In diese aussichtslose Situation stürzt Christopher Nolan („Interstellar", „Inception", „The Dark Knight"-Trilogie) uns mit „Dunkirk": Ein verängstigter junger britischer Soldat stolpert als letzter Überlebender seines Trupp aus den Straßen der Stadt an den riesigen Strand, an dem viele Tausend Soldaten auf Rettung warten, während sie unter Beschuss deutscher Flugzeuge stehen. Der namenlose Soldat, der erst im Abspann Tommy genannt wird, versucht sich als Träger von Verwundeten an den eindrucksvoll endlosen Schlangen vorzumogeln. Der Film wird seine Odyssee beschreiben, dauernd auf rettende Schiffe drauf, von sinkenden runter, aus dem Wasser gefischt, nur um wieder am Strand von Dünkirchen zu landen.

Parallel wird gezeigt, wie an der englischen Küste im Rahmen der legendären „Operation Dynamo" alle Privatboote angewiesen werden, Kurs auf Dünkirchen zu nehmen. Eine Flotte von Schiffen und Schiffchen jeder Größe, vom Fischerkahn bis zur Wochenend-Schaluppe. Mit einem kleinen Freizeit-Kahn macht sich ein auch Vater mit seinem Sohn auf den Weg, nimmt zuerst einen völlig verstörten Schiffbrüchigen (Cillian Murphy) auf. Die Überfahrt wird garniert mit Luftgefechten, die wir aus der Perspektive eines britischen Spitfire-Piloten (Tom Hardy) bis zu dessen letzten Benzin-Tropfen verfolgen.

Das große erzählerisches Kunststück von Nolan, der „Dunkirk" nach seinem eigenen Drehbuch inszenierte, liegt darin, die drei Ebenen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten ablaufen zu lassen: Wirkt es anfangs noch wie eine Parallelmontage, ist es auf dem Boot noch Tag und am Strand plötzlich Nacht. Während die Ereignisse in Dünkirchen im Laufe einer Woche passieren, dauert die Bootsfahrt dorthin einen Tag und die Handlung in der Luft eine Stunde. Auch schon „Memento", Nolans erstes großes Kino-Kunststück, überraschte mit zwei gegenläufigen Zeitsträngen.

Nolan blendet sowohl die militärische Führung in London unter dem Kommando von Churchill als auch die nahezu unsichtbaren deutschen Angreifer aus. Er pickt sich ein paar Einzelschicksale zu Land, zur See und in der Luft heraus, zu ihnen gibt es allerdings keine biografischen Hintergründe, keine Fotos oder Briefe von den Lieben daheim. Es sind auch keine großen Helden, nur einfache Leute, die still tun, was zu tun ist. Das geriet sehr spannend, immer wieder beklemmend, nicht nur bei den vielen Szenen mit unter Wasser gefangenen Soldaten. Auch Cillian Murphy als Gesicht der Verstörung prägt sich nachhaltig ein. Die Darstellungen des Sterbens, des Ertrinkens, Verbrennens sind zurückhaltend, die Schreie der Sterbenden dagegen eindringlich.

Doch selbst ein Kriegsfilm von Christopher Nolan bleibt ein Kriegsfilm, bleibt die Behauptung, mit Waffen könne man Konflikte lösen, bleibt eine Verharmlosung von Morden, Grauen, Gewalt. Bei aller optischer Brillanz, bei allem inszenatorischem Können Nolans und all seinen technischen Spielereien verhindert die eigentlich positive Perspektive des „einfachen Soldaten" mit seinem - bei aller Weite der guten Bilder von Hoyte van Hoytema - begrenzten Horizont, dass irgendein weitergehender Gedanke über diesen Krieg, den Einsatz von „einfachen" Soldaten und das Scheitern von Politikern auftaucht.

23.7.17

The Party

Großbritannien 2017 Regie: Sally Potter mit Kristin Scott Thomas, Timothy Spall, Patricia Clarkson, Bruno Ganz, Cherry Jones, Emily Mortimer, Cillian Murphy 68 Min. FSK: ab 12

Komödie, kurz und knackig. Dieses erfrischende aber seltene Prinzip hat eigentlich der lakonische Finne Aki Kaurismäki für sich gebucht. Sally Potters „The Party" ist mit einer eindrucksvollen Riege Charakterdarstellerinnen mit nicht minder bekannter Herrenbegleitung geistreich, spritzig und sehr witzig.

„The Party" soll ein kleines, feines Essen unter Freunden werden. Janet (Kristin Scott Thomas) wurde gerade zur Ministerin im Schattenkabinett der Opposition ernannt. Die Krönung der politischen Laufbahn muss gefeiert werden. Dazu ahmt Janet einem historischen Vorbild nach („Doing a Thatcher") und bereitet das Essen für die meist feministischen Freunde selbst. Doch um die Gesundheit des Mannes der Gesundheitspolitikerin steht es nicht zum Besten. Bill (genial: Timothy Spall) sitzt zuerst geistesabwesend Rotwein trinkend nur rum und verkündet noch vor dem Toast eine unheilbare Erkrankung. Nun folgen esoterische Sprüche zum Totlachen vom „deutschen" Guru Gottfried (Bruno Ganz), die Bekanntgabe einer erfolgreichen Drillings-Invitro-Befruchtung beim lesbischen Paar und der Auftritt eines extrem eifersüchtigen Bankers Tom (Cillian Murphy), dessen Frau ihn mit einem der Gäste betrügt. Doch Bill hat noch etwas bekanntzumachen, bald fliegen die Sekt-Gläser und die Fetzen.

Die feministische Regisseurin Sally Potter („Orlando" 1992, „The Tango Lesson" 1996) präsentierte ihre spannenden Themen bislang oft verkopft - diesmal geht die herrliche, beidseitige Geschlechter-Karrikatur ganz über den Bauch, vor allem über die Lachmuskeln. In knapp 70 Minuten exquisitem Schwarzweiß-Film schießt sie ein unvergleichliches Feuerwerk an Typen und Themen ab. Die gesundheitspolitische Diskussion des Parlaments wird hier direkt wunderbar komisch in die Praxis umgesetzt. Die feministische Politik-Richtungen der Londoner Upper Class, Post-Post-Feministinnen und alteingesessenen Linksintellektuellen bekommen alle ihr Fett ab, die Männer sowieso.

Baby driver

Großbritannien, USA 2017 Regie: Edgar Wright mit Ansel Elgort, Lily James, Kevin Spacey, Eiza González, Jon Hamm, Jamie Foxx 113 Min. FSK: ab 16

„La La Land" schon wieder - nur diesmal nicht im Stau der Musical-Geschichte sondern mit Vollgas voraus. Edgar Wright („The World's End", „Shaun of the Dead", „Hot Fuzz") legt den eindrucksvollsten und rhythmischsten Film des Jahres hin. Der perfekt auf 23 großartige Songs geschnittene Thriller hängt locker „Driver" und im romantischen Kitsch sogar „La La Land" ab.

Es begann 2003 mit einem Musikvideo Wrights zu „Blue Song" von Mint Royale: Ein Fahrer fragt seine Gang, wie lange sie für den Überfall brauchen und sucht - noch von CD - den passenden Song raus. Während er ein grandioses Playback hinlegt, läuft der Heist im Hintergrund ab. So steigt auch „Baby Driver" ein: "Bellbottoms" von The Jon Spencer Blues Explosion ist lang genug und im zweiten Teil richtig rasant für eine atemberaubende Verfolgungs-Jagd, bei der „Driver" Baby (Ansel Elgort) einen ganzen Polizei-Fuhrpark abhängt. Der nächste Spitzen-Song auf der Playlist ist vielleicht die am besten choreografierte Szene dieses an Superlativen reichen Meisterwerks. Baby holt zu „Harlem Shuffle" Kaffee für die Gang - sein Gang durch die Innenstadt von Atlanta greift den Text in Tags und Graffitis auf den Wänden auf, die coolen Bewegungen des sehr jungen Fluchtfahrzeug-Fahrers spielen exakt auf die Note passend mit einer Trompete im Schaufenster des Musikalienhandels.

Die Erklärung, weshalb Baby dauernd Musik hört und so gut wie nichts sagt, gibt Doc (Kevin Spacey), Boss und Planer der Raubzüge: Der Junge hatte als Kind einen schweren Unfall und übertönt so seinen Tinnitus. Derweil wird das Geld zum Rhythmus von „Egyptian Reggae" auf die Stapel verteilt. Baby bekommt seinen gleichen Teil, den Doc ihm später in der Tiefgarage abnimmt. Dem knallhart lässigen Gangster klaute der Junge einst einen Wagen voller „Waren" und muss nun seine Schulden abfahren.

Im Soundtrack taucht kurz nach diesem unfassbar genialen und kompakten Auftakt Debora gleich zweifach auf: Als „Debra" von Beck und als „Debora" von T. Rex. Songs für den Namen der Kellnerin (Lily James), mit der Baby vom ersten Anblick an die große Flucht plant. Denn Baby will kein Blut sehen, aber vor allem der Psychopath Bats (Jamie Foxx) betont, dass es kein Verbrechen ohne Gewalt gibt. Was dem gefährlich lässigen Mit-Räuber Buddy (Jon Hamm) und seiner extrem heiß emanzipierten Gangster-Braut Darling (Eiza González) extrem auf die Nerven geht. Wetten werden angenommen, wer von den grundverschiedenen Machos den anderen umbringen wird. Baby selbst hat zusätzlich eine tragische Geschichte und einen tauben, schwarzen Stiefvater, um den er sich vor der Flucht vom Fluchtautofahren kümmern muss. Hinter seinen Sonnenbrillen, für die er in jeder Tasche Ersatz hat, den vielen iPod-Generationen und seinen endlosen Popkultur-Zitaten steckt ein sensibler, symphytischer Typ.

„... some Oscar-Shit right there" - Bats, der zum Rhythmus von „Tequila" ballern darf, erkennt selbst, was für ein Oscar-Material „Baby Driver", benannt nach einem Song von Simon & Garfunkel, ist. Sorgte Edgar Wright mit seiner „Blood and Ice Cream"-Trilogie („The World's End", „Shaun of the Dead", „Hot Fuzz") noch für überbordenden Spaß mit Genre-Parodien gut, führt er hier in sagenhafter Perfektion Gangster-Film und Musical zu etwas Einzigartigem zusammen. Da kann „Driver" Ryan Gosling Wagen-Waschen gehen und Haudrauf Tarantino wieder Videos verkaufen. Diese rasanten, witzigen, spannenden, romantischen Szenen machen süchtig, diesen Stoff muss man sich immer wieder reinziehen. Alles hat hier Stil, angefangen mit einem Soundtrack vom Feinsten bis zu den meisten Figuren.

17.7.17

Das unerwartete Glück der Familie Payan

Frankreich 2016 (Le petit locataire) Regie: Nadège Loiseau mit Karin Viard, Philippe Rebbot, Hélène Vincent 104 Min.

Immer kommt sie zu spät, immer verpasst sie was: Nachdem Nicole Payan (Karin Viard) diesmal am Hafen den Untergang ihres Sohnes verpasst hat - er ist auf einem U-Boot stationiert, steht ein verärgertes Lebens-Resümee an. Doch viel Zeit zum Überdenken bleibt nicht, denn prompt kündigt sich auch sehr spät bei der 49-Jährigen eine weitere Schwangerschaft an. Ist dafür noch Zeit bei der Pflege der verwirrten Mutter, der herrlich verantwortungslosen und kindischen Tochter, der Enkelin im Hotel Mama? Und neben dem Geldverdienen, denn ihr Mann Jean-Pierre (Philippe Rebbot) träumt ohne Gehalt vom Erfolg der Turner-Mannschaft, die er betreut. Eine Abtreibung wird kurz angedacht, aber schnell verworfen. Als Mama dann zusammenbricht und im Krankenhaus absolute Ruhe verordnet bekommt, ruft das die ganze Mehrgenerationen-Familie zur Verantwortung. Mit sehr komischen Konsequenzen.

Die Regisseurin Nadège Loiseau „verlängerte" ihren Kurzfilm „Le locataire" (2013) zu einer ebenso flotten wie einfühlsamen Komödie. Sie beweist dabei großes Talent für pointierte Szenen: Das „Familien-Gespräch" am Schlagbaum der Maut-Station, bei der Nicole arbeitet, ist nicht nur dank Philippe Rebbots trottelig gespieltem Ehemann komisch. Als sie die Schwangerschaft ihrem Mann mitteilt, ist das ein Dialog aus lauter Auslassungen. Dazu gibt es gute, treffende Bilder: Die vielen Jobs der „Wonder Woman" werden einfach ausgedrückt in den Schuhwechseln von Arbeiterschuhen, zu Pantoffeln, zu den hochhackigen und wieder von vorne. Selbst alte Scherze wie die hilflosen Männer vor der Waschmaschine funktionieren hier noch herrlich gut.

„Das unerwartete Glück der Familie Payan" dreht sich denn auch hauptsächlich darum, die Geschlechterrollen durcheinander zu wirbeln. Das Thema der späten Schwangerschaft wird gestreift und sorgt für ein bewegtes Finale, aber in der gekonnt spielerischen Aufdeckung der ganzen Bequemlichkeiten, die Nicole (er-) tragen muss, liegt das Pfund dieser klugen Komödie. Erst als die Tochter, Mutter, Großmutter und Ehefrau in Personalunion mit einem Blutdruckmesser konstant vor Aufregung gewarnt wird, stoßen die Lieben um sie herum an eine Grenze, die sich laut piepend deutlich macht. Was in diesem Spaß bedeutet, dass es ziemlich oft sehr laut piepsen wird. Karin Viard („Delikatessen", „Verstehen Sie die Béliers?") spielt wie immer großartig. Aber das Gelingen, dieses sehenswerten Films basiert vor allem auf den vielen einfallsreichen, lebensnahen, glaubhaften und witzigen Ideen der Autorin Nadège Loiseau in ihrem bemerkenswerten Kinodebüt.

Die Geschichte der Liebe

Frankreich, Kanada, Rumänien, USA 2016 (The History of Love) mit Gemma Arterton, Derek Jacobi, Sophie Nélisse, Elliott Gould 135 Min. FSK: ab 6

Der rumänische Regisseur Radu Mihăileanu beeindruckte 1998 mit seinem „Zug des Lebens", eine Tragikomödie über die Flucht eines jüdischen Shtetls vor der Deportation. Auch sein zweiter Erfolg, „Das Konzert" aus 2009, behandelte mit einem in Russland verfolgten jüdischen Dirigenten den Antisemitismus. Nun verfilmte Mihaileanu mit dem gleichnamigen Roman von Nicole Krauss einen geistesverwandten Stoff, in dem mehrere Generationen mit den Nachwirkungen von Verfolgung und Flucht leben.

Der künstliche verschachtelte Film folgt der langen Reise eines Manuskripts mit dem Titel „Die Geschichte der Liebe" von Polen in den 30er Jahren bis ins New York von heute. Im Shtetl liebte Leo Alma und Alma versprach, den besten Schriftsteller von drei konkurrierenden Freunden zu heiraten. Leo schreibt sein Buch über seine „meistgeliebte Frau der Welt", doch der Einmarsch der Deutschen lässt die schwangere Alma nach New York fliehen. Leo kommt erst nach, als Alma mit einem anderen verheiratet ist. Das Manuskript landet mittlerweile in Chile und wird durch Verrat in der spanischen Übersetzung ein Erfolg. Jahrzehnte später ist Leo (Derek Jacobi) in New York ein verbitterter alter Mann, der täglich im Buchladen nachfragt, ob „Die Geschichte der Liebe" mittlerweile veröffentlicht wurde. Er trifft auf ein trotziges Teenager-Mädchen, das auch Alma heißt und das einem berühmten Schriftsteller Kapitel eines gerade übersetzten Buches liefern soll...

Dieser knappe Rote Faden fasst kaum die unübersichtliche Vielfalt der Verbindungen und Verwirrungen um das Manuskript „Die Geschichte der Liebe" zusammen. Von den vielen Geschichten wird leider keine überzeugend präsentiert. Einige Szenen wirken so falsch wie der Kunst-Regen am Set. Einfach schlecht inszeniert - oder zumindest schlecht synchronisiert. Auch das Durcheinander der Ebenen und Zeiten aus dem Roman von Nicole Krauss verdichtet sich nicht zu etwas Großem, es irritiert nur. Beispielsweise damit, dass auf ein Pogrom in Polen ein Brand in New York folgt. Das könnte bedeutungsvoll sein, erschließt sich aber nicht. Die ach so große Liebe wirkt albern wie in einer burlesken Komödie. Ihr Drama besteht in langer Erklärung, nicht in großem Gefühl. Da kann selbst der Star Gemma Arterton („Tamara Drewe") nicht gegen anspielen. Unbeteiligt schaut man zu, wie ein Film scheitert, wo sich die Geschichten finden sollten. Vielleicht hätte es der Verfilmung gut getan, nicht einen verbitterten Hanswurst als Hauptfigur zu etablieren. Bei Leo bleibt man sogar ungerührt, wenn er mit seinem, von Deutschen umgebrachten, eingebildeten Freund streitend durch New York zieht. Zwei Generationen später wird das Leben als Holocaust-Überlebende auch im Teenager-Alter problematisiert: Alma muss entscheiden, ob sie an ihrem Schwarm vielleicht nicht nur die osteuropäische Vergangenheit einer „Survivor"-Familie fasziniert.

Auch die Großeltern der 1974 in New York geborenen Autorin Nicole Krauss („Kommt ein Mann ins Zimmer", „Das große Haus") waren Juden, denen rechtzeitig die Flucht aus Europa gelang. Ihr Roman „Die Geschichte der Liebe", der 2006 erschien, trägt so autobiografische Züge. Sie war mit dem Schriftsteller Jonathan Safran Foer („Alles ist erleuchtet", „Extrem laut und unglaublich nah") verheiratet. Regisseur Radu Mihăileanu ist Sohn von Holocaust-Überlebenden, doch merkwürdigerweise ist in dieser sicherlich sehr persönlichen Arbeit kaum etwas von persönlicher Leidenschaft zu spüren. Da war wohl der große Apparat des Filmemachens zu erstickend. Die Leichtigkeit, mit der sich Mihăileanus Kamera einst über schwerste Schicksalsschläge erhob, ist jedenfalls verschwunden.

16.7.17

Valerian - Die Stadt der tausend Planeten

Frankreich 2017 (Valerian and the City of a Thousand Planets) Regie: Luc Besson mit Dane DeHaan, Cara Delevingne, Clive Owen, Ethan Hawke 137 Min.

Als Mix aus „Blade Runner", „Star Wars", „Das fünfte Element", „Avatar" und LSD trumpft die wahrlich fantastische Comic-Verfilmung „Valerian - Die Stadt der tausend Planeten" auf, mit der Luc Besson nach „Lucy" und „Malavita" mal wieder sein Können auch als Regisseur beweist. Im Herzen des eindrucksvollen Bilder- und Idee-Rausches zeigt sich ein starkes, antimilitaristisches Plädoyer für Völkerverständigung.

Mit „Space Oddity" von David Bowie beginnt - hier - die Geschichte der Raumfahrt. Im Laufe der Jahrhunderte entstand aus der IS-Raumstation die Stadt und Förderation der Tausend Planeten. Wie in der großartigen Eröffnungssequenz (mit Rutger Hauer aus „Blade Runner") die Station Alpha um viele Nationen und schließlich auch Außerirdische wächst, ist herrlich komisch und eine Utopie, die in der Realität gerade eingespart wird. Valerian (Dane DeHaan) und Laureline (Cara Delevingne) sind im 28. Jahrhundert Raum-Agenten für die Regierung, die mit banalem Partner-Gezicke den Ton für zynische oder ironische Sprüchen am laufenden Lichtjahr vorgeben.

Den ersten Einsatz erledigen sie, gekleidet wie Strand-Touristen, in einem gigantischen interplanetarischen „Big Market" auf mehreren virtuellen Ebenen. Was zu ganz neuer, sehr reizvoller Action führt, in der man die Helden im leeren Raum gegen irgendwelche unsichtbaren Gegner kämpfen sieht. Das ist ein großer Zukunfts-Blick auf die aktuellen VR-Brillen, und auch an Amazons Alexa muss man denken bei der virtuellen Raumschiff-Assistentin Alex. Die Version von Alexa als Kampf-Roboter verhindert später sprachgesteuert fast auf brutale Weise das Happy End. Doch zuvor begeistert die traumhafte Eröffnungssequenz um den paradiesischen Planeten Mul mit seinen wunderschönen Kreaturen, die im Stile von „Avatar" im Kreislauf der Natur leben und durch den intergalaktischen Krieg der Menschen vernichtet werden.

Selbstverständlich liest uns auch dieses vertriebene Volk die Leviten: Sie haben viel gelernt und wollen keine Rache. Neben dem nebenher eingeflochtenen Konzept der Seelenwanderung schneidet „Valerian" auch andere große und längst nicht bewältigte Themen an: „Wer keinen Frieden mit seiner Vergangenheit macht, hat keine Zukunft." Dieser Satz gilt nicht nur dem General (Clive Owen), der einen Genozid auf dem Gewissen hat. Auch einige Länder, in denen der Film erfolgreich laufen wird, müssen ihn auch bedenken. Selbst das zynische Argument, eine Ausgleichszahlung für die Verbrechen würde die heimische Ökonomie schädigen, wird hier schon vorweg genommen. Bei einer Serie mal dominanter, mal peinlicher, mal schleimiger Handschläge zwischen den neuen Bewohnern der Raumstation bis zum Satz „Our Citizens first" muss man übrigens sogar an Trump denken.

Die französische Comic-Serie „Valérian et Laureline" (dt.: „Valerian und Veronique") von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin, erstmals erschienen 1967, feierte schon früh die universale Vielfalt der Kreaturen, die sich später in den Bars von „Star Wars" tummelte. Obwohl sie eigentlich Laureline, aber in Deutschland aus den üblichen unerklärlichen Gründen Veronique und in Dänemark etwa Linda hieß, war Valerians Partnerin keineswegs austauschbar wie die Bond-Girls. Meistens rettete Laureline der Hauptfigur den Kragen. Dane DeHaan („Life", „Spiderman") gelingt der spöttische, aber doch sensible Action-Held. Cara Delevingne („Margos Spuren") darf kämpfen, etwas schmachten und Liebes-Lektionen erteilen. Ethan Hawke hat einen kurzen Auftritt als Zuhälter-Cowboy, sein „Mädel", Pop-Sängerin Rihanna, legt einen Pole-Dance hin. Der Soundtrack, der unter Mitwirkung von Herbie Hancock entstand, beginnt klassisch mit Bowies „Space Oddity" und mischt einige populäre Songs („Staying Alive") als Cover unter.


„Ein Soldat wählt immer den Tod vor der Erniedrigung"
„Valerian" gehört zu der Art klugem Science Fiction wie „Arrival", in dem Gewalt und Militär abgelehnt werden. Das große Weltraum-Kriegsspektakel ist hier nur ein Verbrechen, das die Vertreibung aus dem Paradies verursacht. Mit dem konsequenten Verzicht auf übermäßige Action geht dabei keineswegs der Verlust von Spannung oder Unterhaltungs-Wert einher.

Auch in der Verfilmung ist Valerian der eher wagemutige als clevere Raum-Agent. Die gigantische Station Alpha ist teils gewaltig mechanisch, aber in Zonen anderer Lebewesen auch ozeanisch oder elektronisch. Das Einsatzfahrzeug beim Big Market erinnert an das Taxi von Bruce Willis aus „Das fünfte Element", auch wenn es diesmal ein gelber Bus ist. Die Straßenschluchten wirken noch eindrucksvoller als damals oder als in „Blade Runner", auch weil sie diesmal in lohnenswertem 3D sind. Zwischendurch erinnern die Abstürze durch viele verschiedene Ebenen an Computerspiele, doch so farbig und einfallsreich lässt man sich das gerne gefallen. Auch der übliche einfallslose Standard-Kram wie Verfolgungsjagden oder Sidekicks taucht nur angenehm dosiert auf. Irgendwann ist in der abfolge fantastischer Szenen nur noch schwer eine Steigerung möglich, so dass der optische und Ideen-Overkill auf hohem Niveau stagniert. Ausufernde Zwischenepisoden hätten gekürzt werden können, doch wie sagt es Valerian selbst: „Time flies when you're having fun"!

11.7.17

Begabt - Die Gleichung eines Lebens

USA 2017 (Gifted) Regie: Marc Webb mit Chris Evans, Mckenna Grace, Lindsay Duncan, Jenny Slate 101 Min. FSK: ab 6

Der erste Schultag ist immer aufregend, die siebenjährige Mary Adler (Mckenna Grace), die mit der Trachtenberg-Methode zum einfachen Lösen komplexer mathematischer Formeln bekannt ist, langweilt jedoch nicht nur das Einmaleins, auch die Mitschüler unterfordern sie. Die erste Klasse ist ein lahmer Witz für sie, doch Onkel Frank (Chris Evans), der sie erzieht und immer wieder von den Büchern zum Strand schleppt, schickt sie trotzdem hin, damit sie endlich Freunde findet. Er kennt das alles, auch er war hochbegabt und gilt jetzt als verkrachte Existenz. Und seine Schwester Diana galt als mathematisches Genie, bevor sie sich mit 22 Jahren umbrachte. Dank einer guten Lehrerin, die Mary herausfordert, scheint alles gut zu gehen. Bis Marys Großmutter Evelyn (Lindsay Duncan) auftaucht, die sie mit einem MacBook kaufen will, und deren ersten Auftritt sie mit „Holy Shit" kommentiert. Evelyn erweist sich als fast faschistischer Elite-Mensch, der die verstorbene Tochter, die fast das Navier-Stokes-Problem gelöst hat, als schwach bezeichnet. Nun soll Evelyns eigenes Scheitern auf dem Gebiet der Mathematik von der Enkelin aufgehoben werden. Beim Gerichtsstreit ums Sorgerecht wird viel schmutzige Wäsche gewacht und es kommt heraus, wie Evelyn die erste Liebe der Tochter mit einer Anzeige wegen Kidnapping bedrohte. Die Liebe eines - nicht biologischen - Vaters steht gegen die materialistischen Vor(ur)teile einer Oma, die nur den Erfolg sieht und akzeptiert.

Doch keine Angst vor Klischees, hier sind echte, selbstbewusste Menschen zu erleben. Meist unglaublich und sympathisch offen, dazu klug auch auf menschliche Weise. Nachdem Mary einen kleinen Mitschüler vor einem fünf Jahre älteren mit einem beherzten Schlag verteidigt hat, kommentiert Frank: Wenn man unsere zukünftigen Führer von den einfachen Menschen trennt, zieht man Kongressabgeordnete groß. Es ist wunderbar rührend, aber nicht abgeschmackt, wie der ehemalige Philosophie-Professor Frank seiner Nichte Mary Eltern-Liebe vermittelt, indem er sich mit ihr lange in den Wartesaal eines Krankenhauses setzt, wo nach vielen Stunden eine Familie die Geburt eines Kindes erlebt. Dieser begabte Film ist ein tatsächlich kluger Film, bei dem man jeden Satz freudig aufnehmen kann und sollte. Nur das Finale geriet mit einem „deus ex machina" als Überraschung etwas holperig. Gute Schauspieler, schöne Bilder und eine kräftig unterstützende Musik-Soße komplettieren die Wirkung.