18.10.17

Wenn Gott schläft

BRD, USA 2017 (When god sleeps) Regie: Till Schauder mit Shahin Najafi, Leili Bazargan, Shariyar Ahadi, Majid Kazemi, Günter Wallraff 88 Min.

Shahin Najafi ist ein iranischer Musiker, der 2012 in einem satirischen Song einen schiitischen Führer kritisierte. Das führte zu einer Todes-Fatwa gegen ihn, ein Kopfgeld von 100.000 Dollar wurde ausgesetzt. Ein weiterer religiöser Wahnsinn, der weltweit für Aussehen sorgte. Seit 2005 lebt Shahin im Exil und in Köln. Günter Wallraff empfahl ihm, regelmäßig sein Äußeres zu ändern. Der Flüchtling schläft mit einem großen Schlachter-Messer neben dem Bett, hat immer ein Spray und ein Messer dabei, wenn er rausgeht. Als es endlich Polizeischutz für ihn gibt, ist das ein großes Fest. Denn der lebenslustige Sänger will seine Musik weiter veröffentlichen und auch auftreten. Dabei erweist es sich als Problem, Musiker zu finden, die mutig genug sind, mit einem „Gebannten" zu spielen. Auch Shahins leidenschaftliche Fernbeziehung leidet unter Angst und Einschränkungen.

Der persönliche Dokumentarfilm erzählt viel über die restriktiven Verhältnisse für Künstler im Iran und genau so Interessantes über das Leben eines iranischen Flüchtlings in Deutschland, über Vorurteile gegenüber einem bärtigen Mann. Parallel zum Alltag und der Arbeit des vielseitigen Musikers werden Ereignisse wie das Attentat auf Charlie Hebdo eingespielt. Die Situation für Ausländer in Deutschland verändert sich. Was Shahin anscheinend nur noch trotziger macht. So kommt nicht nur die begeisterte Gemeinschaft der iranischen Exilanten in den Genuss seiner kraftvollen Musik, auch der Film fügt seinen vielen Facetten so einige kunstvolle und auch poetische Momente hinzu.

16.10.17

The Square

Schweden, BRD, Frankreich, Dänemark 2017 Regie: Ruben Östlund mit Claes Bang, Elisabeth Moss, Dominic West, Terry Notary 151 Min. FSK: ab 12

Der Cannes-Sieger 2017, Ruben Östlunds „The Square", stellt den etablierten Kulturbetrieb mit viel feinem Humor auf den Kopf und stellt gleichzeitig im Minutentakt Fragen an die eigene Moral und Weltvorstellung.

Der charismatische dänische Kurator eines großen schwedischen Museums wird moralisch auf die Probe gestellt: Eben noch Teil der üblichen Masse in einer Fußgängerzone, Augen, Kopf und Geist ins Smartphone versenkt, schreckt ein Hilfeschrei auf. Nach einiger Konfusion wehrt Christian (Claes Bang) mit einem anderen Passanten einen aggressiven Schläger ab und rettet wohl eine hilfesuchende Frau. Was sich ein paar Schritte weiter als Farce erweist, denn Christian sind Portmonee und Smartphone durch diese Aktion geklaut worden. Ja, Christian, dieser smarte, sehr gut aussehende und selbstbewusste Kultur-Mensch, wird noch einige Male eine Achterbahn der Wertvorstellungen und Selbsteinschätzung erleben müssen. Und wir mit ihm - denn der immer wieder überraschende „The Square" macht es nicht einfach, die Guten und die Schlechten in passende Schubladen zu stecken.

Immer wieder trifft der idealistische Christian auf Bettler. Die allerdings nicht nett Danke sagen, sondern richtig unverschämt Extras einfordern. Und immer wieder wird um Hilfe gerufen in diesem Film. Christians neuestes Kunstprojekt, das titelgebende „The Square", soll mit einem leuchtenden Quadrat im Großstadt-Pflaster exakt einen Schutzraum für Hilfesuchende bieten. Ein utopischer sozialer Raum, den der Kurator selbst nicht immer beachtet. Meist hat er kein Geld für Bettler. Und schließlich, nach einer Verkettung von ungewöhnlichen Ereignissen, wimmert im Treppenhaus der unverschämte Einwanderer-Junge, den Christian selbst die Treppe herunter gestürzt hat, hörbar eine Nacht lang. Ohne dass der engagierte Mensch einschreitet.

Das Eindringliche dieser Schlüsselszene wird nur noch übertroffen durch ein großes, surreales Galadiner des Museums, das dem Film in einer erschütternden Komprimierung gesellschaftlicher Dystopie wohl die Goldene Palme einbrachte: Die feinen Herrschaften und Kultur-Sponsoren sollen als Vorspeise noch etwas Provozierendes genießen. Ein sehr muskulärer Mann verhält sich zwischen den edel gedeckten Tischen wie ein Affe, er würde die Ängstlichen aufspüren, die anderen sollen den Kopf senken und sich in der Herde verstecken. Die Begegnung zwischen Kultur und Natur läuft völlig aus dem Ruder, niemand stoppt den Schauspieler in seiner Menschenaffen-Rolle, auch nicht als er eine Frau vergewaltigen will.

Rund um diesen beklemmenden Moment demaskiert der Schwede Ruben Östlund mit Witz und genauer Beobachtung. Wie in seinem Vorgänger „Höhere Gewalt" (2014), in dem ein Familienvater angesichts einer heranrauschenden Lawine überraschende Präferenzen zeigte. Allerdings scheint die Welt der Kulturschaffenden und -Vermittler in „The Square" der ideale Nährboden für diese Methode der Demaskierung zu sein. Trefflich wird das Geschwätz von Social Media-Heinis und Kunst-Interpreten aufs Korn genommen, etwas Tourette im Publikum ist dabei sehr hilfreich. Wobei ganz großartig die Kunst selbst dies im Hintergrund erneut kommentiert. „Umwerfend" komisch das höchst peinliche Gespräch von Christian mit der Frau aus seinem letzten One Night-Stand während der große Stapel Stühle der Installation im Hintergrund akustisch immer wieder laut zusammenbricht. Auch hier erweist sich Claes Bang nach Auftritten in „Borgen" und auch deutschen TV-Folgen als ideale Besetzung. Äußerlich glänzend wie ein junger Pierce Brosnan, kracht die innerliche Selbstkonstruktion eines kulturell gebildeten, sozial engagierten guten Menschen alle paar Minuten zusammen. Ein Film, der wunderbar viele Fragen stellt und offen lässt.

Borg/McEnroe

Schweden, Dänemark, Finnland 2017 Regie: Janus Metz mit Sverrir Gudnason, Shia LaBeouf, Stellan Skarsgård, Tuva Novotny 103 Min. FSK: ab 0

Das Wimbledon-Finale von 1980, bei dem sich Björn Borg und John McEnroe ein sehr umkämpftes Fünfsatz-Duell lieferten, zählt man zu den Höhepunkten der Sport-Geschichte. Der angeblich eiskalte Schwede hatte die Gelegenheit, zum fünften Male Wimbledon zu gewinnen. Sein Gegner, der cholerische „Bad Boy" McEnroe, scheint als Aufsteiger ein ganz anderer Typ zu sein. „Borg/McEnroe" geht als reizvolle Doppelbiographie zurück in die Jugend der Tennis-Legenden.

Der 24-jährige Borg ist ausgebrannt, die Unsicherheiten, die ihm sein Trainer Lennart Bergelin (Stellan Skarsgård) austrieb und ihm damit die Eisberg-Mentalität verpasste, melden sich immer wieder. Die ersten Spiele übersteht der Favorit keineswegs souverän. Verzweifelt hält sich der verschlossene Athlet an seinen Spleens fest: Es muss immer wieder exakt der gleiche Volvo sein, der ihn abholt. Jeden Abend wird im Hotelzimmer des Trainers aus zig identischen Schlägern aufwendig der am besten bespannte ausgetestet.

John McEnroe (Shia LaBeouf) dagegen macht Party, beleidigt weiterhin Schiedsrichter und Publikum. Borg verfolgt fasziniert seine Spiele im Fernsehen. Denn als Kind war der Schwede auch so ein Choleriker. Der snobistische Tennisverband wollte ihn schon rauszuschmeißen, den talentierten Jungen aus einer Arbeiterfamilie. Bis Bereglin ihm unmenschliche Selbstdisziplin eintrichterte. Eigentlich ist Borg das gestresste Ekel, zweifelt an sich, meckert rum, entlässt den langjährigen Trainer. Aber auch der Amerikaner McEnroe kommt mit einem Rucksack voller Deformationen auf den Platz. Das hochintelligente Wunderkind aus sehr guten Verhältnissen konnte es seinen Eltern nie gut genug machen.

Bad Boy Shia LaBeouf spielt seinen Geistesverwandten vom Tennisplatz gefährlich nahe an der Grenze zur Lachnummer. Aber letztlich helfen die bekannten Markenklamotten aus der Ausstattungsabteilung der Glaubwürdigkeit kräftig aus. Sverrir Gudnason jedoch gewinnt mit seinem Borg letztendlich nicht nur das legendäre Match, er dominiert auch den Film: Das verschlossene Gesicht, in dem eine scheue Angst und ein enormes Maß an Selbstqual nicht zu verstecken sind, trägt die innere Geschichte dieses Sport-Dramas. Die Anfangs-Szene, in der Borg versucht, von seinem Heimat-Club in Monaco unerkannt zu Fuß nach Hause zu kommen, verströmt eine Panik, die überhaupt nicht zum Eisberg Borg passt.

Dem dänischen Regisseur Janus Metz gelingen vor allem solche kleinen Momente. Besonders stark ist auch die Rolle von Stellan Skarsgård als väterlicher Mentor und Trainer Lennart Bergelin. Am vermeintlichen Höhe- und Wendepunkt zweier Lebensgeschichten sucht er eine eigene Ästhetik für ein mit fünf Stunden Länge nicht besonders „fotogenes" Finale und macht dabei nur wenige Punkte. Die übliche Sport-Dramaturgie fällt seltsam uninspiriert aus. Was nicht das Schlechteste ist: Dass die beiden extremen Charaktere sich ineinander finden und aus dem bemerkenswerten Duell eine Freundschaft entsteht, ist weitaus besser anzusehen als die gewöhnliche Zerstörung des anderen.

11.10.17

Captain Underpants - Der supertolle erste Film

USA 2017 Regie: David Soren 89 Min. FSK: ab 0

Es gibt ja den Tipp fürs Selbstbewusstsein, sich die unfreundliche Autoritätsperson vor einem in Unterwäsche vorzustellen. Die kleinen Scherzkekse George und Harold machen aus ihrem grimmigen Schuldirektor mittels Hypnose direkt den albernen Superhelden „Käpt'n Superslip". Logisch: Während die meisten Superhelden nur aussehen, als ob sie in Unterhosen herumfliegen, macht es ihre Erfindung tatsächlich. So frech wie die beiden Helden dieser sehr netten Animation sind auch einige ihrer Streiche, mit denen sie für Leben und Spaß im tristen Schulalltag sorgen. Als seine Sidekicks können George und Harold Captain Underpants nach Belieben kontrollieren und manipulieren. Bis zum klassischen Schulkonzert mit Pupskissen. Aber auch die Wiedereröffnung der Kunst- und Musik-Klassen macht allen Freude. Dann entpuppt sich der neue Physik-Lehrer als sehr wahnsinniger Wissenschaftler (mit deutschem Akzent im Original), der das Lachen auslöschen will. Mit seiner „Turbo-Toilette 2000", angetrieben von hoch toxischen Essensresten, sorgt er für einen aberwitzigen Action-Spaß.

Durchgedrehte Ideen, sehr wilder Klamauk - der aber zum Glück für erwachsene Begleiter keineswegs nur infantil ist - und subversive Einsprengsel machen „Captain Underpants" zum Überflieger im Kinderkino. Nicht überraschend, weil Autor Nicholas Stoller schon die deftigen Erwachsenen-Komödien „Bad Neighbors" und „Zoolander 2" sowie den Puppen-Spaß „Die Muppets" geschrieben hat. Wie Comic-Kinder auf Zucker-Kick dreht auch der Film nach Dav Pilkeys gleichnamiger Kinderbuch-Reihe zeitweise durch, er entwickelt aber auch Mitleid für den einsamen Schulleiter und erwähnt die mageren Gehälter des Lehrpersonals. Tatsächlich ein Spaß für die ganze Klasse.

10.10.17

American Assassin

USA 2017 Regie: Michael Cuesta mit Dylan O'Brien, Michael Keaton, Sanaa Lathan 112 Min. FSK: ab 18

Weil irgendwelche arabische Attentäter die Verlobte von Mitch Rapp (Dylan O'Brien) auf Ibiza umbrachten, wird er zum Ein-Mann-Rachekommando. Bis ihn das CIA einfängt und vom Kriegs-Veteranen Stan Hurley (Michael Keaton) zum noch effektiveren Mörder ausbilden lässt. Dann wird geklautes Plutonium aus dem Hut gezaubert und wieder mal als große Gefahr an die Wand geklatscht - während doch eigentlich die Kernkraftwerke vor unserer Haustür in die Luft fliegen oder auseinanderfallen.

Aber hirnlos sind auch die unübersichtlichen internationalen Verwicklungen, die nie anstreben, irgendein Bild der politischen Welt zu vermitteln. Hauptsache, man kann in den nächsten Minuten wieder jemanden verprügeln, erschießen oder sonst wie ermorden. Folter gehört selbstverständlich auch zum Programm.

Angefangen mit der hemmungslosen Attentats-Darstellung ist „American Assassin" ein primitiver Rache-Film mit mittel-großem Trara und einem deplatzierten Michael Keaton. Ein besonders gnadenloser Killer ohne moralisches Vermögen, gefährlicher als hochexplosive Blindgänger, mordet sich losgelöst von jeglichem Verstand durch Weltpolitik auf Twitter-Niveau. „Ein paar böse Menschen planen böse Dinge, und wir müssen sie stoppen!" Das dumme und nicht besonders ansprechend umgesetzte Machwerk basiert auf Vince Flynns gleichnamigem Roman. Da ist wirklich nur die finale Atombomben-Explosion eindrucksvoll: Mit großem Trickaufwand wird dem unverantwortlichen Bomben-Gerede demokratischer Präsidenten ein erschreckendes Bild entgegen gestellt.

Vorwärts immer!

BRD 2017 Regie: Franziska Meletzky mit Jörg Schüttauf, Josefine Preuß, Jacob Matschenz, Devid Striesow 98 Min. FSK: ab 12

Wie war das eigentlich mit dem so wunderbar friedlich verlaufenden Ende der DDR im Oktober 1989? Trotz Panzer, die in Richtung der Leipziger Montagsdemonstrationen rollten, wohl das vor allem komisch, wie die Klamotte „Vorwärts immer!" erzählt:

Alles ging gut, weil im Leben von Anne (Josefine Preuß) einiges schief lief. Die Schauspielschülerin lebt mit ihrem Vater, dem angesehenen DDR-Schauspieler Otto Wolf (Jörg Schüttauf) allein in Ost-Berlin, nachdem ihre Mutter in den Westen „rübergemacht" hatte. Doch Mama schickte schon Geld für einen West-Pass und jetzt ist Anne auch noch schwanger. Ausgerechnet von Matti (Marc Benjamin), dem Sohn von Ottos ärgstem Feind und Schauspielerkollegen Harry Stein (Devid Striesow). Wie Papa Otto verständnislos den wertvollen West-Pass zerreißt und Anne darauf für einen neuen nach Leipzig abhaut, ist vor allem wegen der Stasi-Leute komisch, die alles mit Kamera beobachten. Denn Otto probt gerade ein riskantes neues Stück, in dem er Erich Honecker spielt. So täuschend echt, dass die Überwacher tatsächlich glauben, was sie sehen.

Die DDR ist im Aufruhr, es gibt Demonstrationen und Ratlosigkeit im Staatsrat. Dank eines Doppelspitzels in Ottos Theatertruppe bestätigt sich das Gerücht, dass die Führung in Leipzig auf ihr Volk schießen lassen will. Die chinesische Lösung - siehe Tiananmen-Platz. Damit nicht auch auf Anne geschossen wird, muss Otto seine Honecker-Rolle nun im Politbüro aufführen: Nur dort steht ein Telefon, mit dem er den Schießbefehl rückgängig machen könnte. Der echte Honecker ist auf einem Jagdausflug in sicherer Entfernung. Dabei gilt vor allem: Nur nicht Margot begegnen!

Klar, das Vorbild dieser laschen Polit-Klamotte ist Ernst Lubitschs unerreichtes Meisterwerk „Sein oder Nichtsein" aus dem Jahre 1942, in dem polnische Schauspieler die Rollen ihres Lebens spielen, um der SS zu entgehen. „Einen Lacher soll man nie verachten", hieß es damals rechtschaffen und genial. Nun eignet sich der nuschelnde Erich Honecker ebenso für Satire.

Er ist ein enormer Trottel, der unter der Fuchtel von Margot steht. Überhaupt besteht das ganze realitätsferne Politbüro aus Witzfiguren, was es einfach und nie spannend macht, die Macht an der Nase herum zu führen. Nein, die „Stromberg"-Regisseurin Franziska Meletzky ließ keinen Lacher liegen, egal ob platt oder auch mal treffend. Die Chance, einen durchgehend guten Film zu machen, ließ sie allerdings links - oder rechts - liegen. Echte Menschen blitzen hinter dem Boulevard-Personal nie auf. Dass Anne und ihre Freunde von der Stasi gejagt auf Widerstand machen, ist nur schleppende Parallelhandlung. Zu sehr verlässt sich „Vorwärts immer!" auf sehr gute Schauspieler, die Schauspieler spielen, die Politdarsteller doubeln. Neben Jörg Schüttauf, der vor allem im Aufeinandertreffen von Otto und Erich brilliert, hat Hedi Kriegeskotte als Margot Honecker die mit Abstand beste Rolle. Wie sie am Fernseher dem ausgewiesenen Biermann hinterher weint und gleichzeitig mit harter Hand die Witzfiguren der Führung kommandiert, mehr davon würde eine richtig gute Polit-Komödie machen.

9.10.17

Happy End (2017)

Frankreich, Österreich, BRD 2017 Regie: Michael Haneke mit Isabelle Huppert (Anne Laurent), Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz, Fantine Harduin, Franz Rogowski 108 Min. FSK: ab 12

„Happy End", der neue Film vom zweifachen Cannes-Sieger Michael Haneke, beginnt irritierend vertraut: Wieder sehen wir eine heimliche Beobachtung durch eine vorerst unbekannte Person. Das Haneke verwandte schon 2004 als Spannungselement im kühlen Thriller Caché. Eine Figur von damals hieß wie jetzt George Laurent, beide haben einen fiesen Moment mit Rasiermesser. Auch zum Frühwerk Hanekes gibt es überdeutliche Referenzen - „Benny's Video" (1992) ist jetzt eine Handy-Aufnahme. Und als Konstante spielt eine dysfunktionale Familie die Hauptrolle.

Der abgefilmte Tod eines Hamsters infolge eines Medikamenten-Experiments ist nur die Vorstufe zur familiären Grausamkeit, dass die eigene, meckernde Mutter mit den gleichen Pillen final ruhiggestellt wird. Die Eiseskälte des Kommentars dazu ist typisch Haneke. Wie ein Vater danach seine teil-verwaiste Tochter niemals herzlich aufnimmt, fügt die übliche grausame Distanz in solchen Familienaufstellungen hinzu. Dabei wirkt die zwölfjährige Eve (Fantine Harduin) in der neuen Umgebung noch recht normal.

Es ist das Stadtdomizil der reichen Familie Laurent mit ihren nordafrikanischen Bediensteten in der Flüchtlings-Hochburg Calais. Die Tabletten-Überdosis einer ehemals Angeheirateten und ein schwerer Unfall auf einer Baustelle erschüttern den Clan. Der gereizte Sohn Pierre (Franz Rogowski) wird der meckernden Mutter Anne (Isabelle Huppert) runtergemacht. Der vergessliche und gebrechliche Patriarch Georges Laurent (Jean-Louis Trintignant) gebietet Stille, will sich aber am liebsten per Selbstmord davonmachen.

Bei den Laurents sind fast alle äußerlich oder innerlich verletzt, viel dreht sich ums Krankenhaus, Annes Bruder Thomas (Mathieu Kassovitz) ist angesehener Arzt. Er bekommt von der frisch angenommenen Tochter Eve, die schnell seine Affäre entdeckt, eine knallharte Analyse vorgesetzt: „Ich weiß, dass du niemanden liebst. Das ist nicht weiter schlimm, ich will nur dass du mich (diesmal) mitnimmst, wenn du deine Frau verlässt." Diese verschlossen und streng gegen sich selbst auftretende Eve entpuppt sich als kleines Monster und die Anwesenheit ihres kleinen Baby-Bruders ergibt im Bild der bekannten Handy-Kamera gefährliche Ahnungen.

Lange hält der Film die Konstellation mit nicht direkt einzuordnenden Ebenen und Perspektiven spannend. Und auch wenn „Happy End" selbstverständlich sein Titel-Versprechen zum Trug-Schluss macht, verläuft die Handlung nicht stringent auf das irre Schlussbild zu. Formal und inhaltlich hält hier keiner Plakate vor die Kamera. Es sind kleine Irritationen, die sich im gefühlten Unwohlsein der feinen, weißen Gesellschaft einhaken: Der Familien-Hund beißt die Tochter der Haushälterin und niemand unternimmt etwas gegen den unkontrollierbaren Schäferhund.

Der unkontrollierbare Pierre bringt zur weißen Hochzeit der Mutter ein paar Flüchtlinge vom Dschungel genannten Lager am Kanal-Tunnel mit. Der mit Hasenscharte gezeichnete und verzweifelt Verletzte ist in dieser Familie noch am Menschlichsten. Franz Rogowski („Tiger Girl", „Victoria") verkörpert ihn eindrucksvoll, unter anderem mit einer atemberaubenden Karaoke-Version von Sias „Chandelier". Ein stark gealterter Jean-Louis Trintignant wiederholt seine Rolle aus Hanekes „L'amour". In einer Doublette hat auch George in diesem Film seine gelähmte Frau erstickt. Das höchst interessante Werk Hanekes wurde allerdings extrem schlecht synchronisiert. Diese Unverschämtheit schafft es sogar, das Charisma von Isabelle Huppert auszulöschen, die nach „Die Klavierspielerin" wieder in eiskalter Verachtung glänzt. Große intensive Momente des Schauspiels lenken allerdings nur raffiniert im Sinne des Films vom kaum sichtbaren Eigentlichen ab: „Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind" - so beschrieb Haneke seinen Film.

What happened to Monday?

Großbritannien, Frankreich, Belgien, USA 2017 (Seven Sisters) Regie: Tommy Wirkola mit Noomi Rapace, Glenn Close, Willem Dafoe 124 Min. FSK: ab 16

In der europäischen Diktatur des Jahres 2073 gilt die Ein-Kind-Politik, um Überbevölkerung und Hunger zu verhindern. Erzeugten doch ausgerechnet Genveränderungen an Pflanzen eine Welle von Mehrlingsgeburten. „Überflüssige" Geschwister werden in Hoffnung auf bessere Zeiten für einen Tiefschlaf eingefroren. Terrence Settman (Willem Dafoe) schaffte es allerdings, die Geburt seiner sieben Enkeltöchter, bei der die Mutter starb, geheim zuhalten. Er erzog die Mädchen in Survival-Techniken und seit dem Schulalter wechseln sich die nach den Wochentagen Monday, Tuesday, Wednesday, Thursday, Friday, Saturday und Sunday Genannten (alle: Noomi Rapace) mit dem Ausgang an „ihrem" Tag ab. Alle zusammen bilden die öffentliche Person Karen Settman. Die abwechselnde Teilhabe am Leben funktioniert dank ausführlicher Abenderzählung der täglichen Erlebnisse im Familienversteck. Bis eines Montags Monday nicht nach Hause kommt. Tuesday versucht am nächsten Tag auf der Arbeit Spuren zu entdecken, wird aber von der Ein-Kind-Polizei verhaftet. Im Versteck der Settman-Schwestern bricht Panik aus.

Noomi Rapace bewirbt sich mit dieser Siebenfach-Rolle für die Rekordbücher. Sie steht sich oft selbst gegenüber und letztlich sogar selber im Weg: Ihre Karen Settman setzt sich aus sieben Frauen zusammen, die alle gleich aussehen, aber verschiedene Charaktere und Qualitäten haben. Es gibt die Intelligente, die Hedonistische, die Romantische, die Ängstliche oder die Kämpferische. Damit hört die Charakterzeichnung auch schon auf, die schematische Actionhandlung, bei der eine nach der anderen durch die „CAB"-Miliz umgebracht werden, fordert ihren zeitlichen Tribut. So rührt es denn auch kaum, wenn wieder um eine der Schwestern getrauert wird. Das Design und ein paar nette Hightech-Spielereien sehen gut aus. Dem norwegischen Regisseur Tommy Wirkola („Dead Snow", „Hänsel und Gretel: Hexenjäger"), der mit einigen blutigen Grobheiten weiterhin zum Horrorfilm tendiert, fällt im Science Fiction-Genre viel zu wenig Interessantes ein. Die reizvolle Grundidee geriet zum Klon anderer Action-Vehikel.

4.10.17

Blade Runner 2049

Blade Runner 2049

USA, Großbritannien, Kanada 2017 Regie: Denis Villeneuve mit Ryan Gosling, Harrison Ford, Ana de Armas, Jared Leto 163 Min.

„Blade Runner 2049" ist nicht nur einer der meist erwarteten Filme des Jahres weil das Original aus dem Jahr 1982 mit Harrison Ford als Blade Runner Rick Deckard der prägende Science Fiction-Film einer ganzen Epoche war. Aus einer Geschichte des genialen und legendären Zukunfts-Autoren Philip K. Dick („Total Recall", „Next", „Paycheck", „Minority Report") machte Regisseur Ridley Scott eine Ikone des Genres. Nun inszeniert der geniale Denis Villeneuve („Sicario", „Enemy", „Die Frau, die singt", „Ein 32. August auf Erden") eine Fortsetzung, die 30 Jahre später spielt. Und mit dem Kanadier kommt eine ganz andere Fan-Gruppe ins Kino, Hardcore Science Fiction-Aficionados, die teilweise von Villeneuves letztem Meisterwerk „Arrival" geschockt, weil überfordert waren. Und dann trifft auch noch Schönling Ryan Gosling als Nachfolger auf Legende Harrison Ford...

Denn 30 Jahre später entdeckt ein neuer Blade Runner, der LAPD Polizeibeamte K (Ryan Gosling), dass sich die Replikanten nun vermehren, was die alte Ordnung zu zerstören droht. Die Trennung zwischen den Replikanten und den Geborenen, die vielleicht eine Seele haben. Vor allem die Musik klingt vertraut bis Hans Zimmer die Vangelis-Atmosphäre übernimmt. Doch „Blade Runner 2049" ist alles andere als eine einfache Fortsetzung: Organisch mit der ursprünglichen Geschichte verwoben und kongenial übertragen auf eine höhere beziehungsweise tiefere Ebene. Dabei in Inszenierung und Kamera der Roger Deakins das Beste, was Film zur Zeit zeigen kann. Im Kern der nur oberflächlich ähnlich verlaufenden Handlung steckt immer noch eine Detektivgeschichte und die ist wieder sehr gut, wie sie den Suchenden K letztlich zu sich selber führt. Zurück in die eigene Kindheit, die vielleicht doch kein Gedächtnis-Implantat ist

Der ursprüngliche „Blade Runner" zeigte ja nicht nur sagenhafte Visionen, dank der raffinierten Geschichte von Philip K. Dick wurde auch Jahrzehnte lang diskutiert, ob Rick Deckard nicht selbst einer der Replikanten ist, die er jagen soll. Der nachträglich veröffentlichte „Final Cut" von Scott verstärkte diese Interpretation, die bei der Erzählung von Dick schon im Titel steckt: „Do Androids Dream of Electric Sheep?" Träumen Androide, also Replikanten, von elektrischen Schafen? Denn zum faszinierenden Arsenal dieser unwirtlichen Zukunft gehören künstliche Haustiere ebenso wie fabrizierte Erinnerungen und Träume für die Mensch-Maschinen.

Die Fabrikation von Erinnerungen durch eine geheimnisvolle Frau gehört zu den unglaublichen Szenen, des neuen „Blade Runner" die sich tief ins kulturelle Gedächtnis eingraben werden. Das neue L.A. erscheint weniger glänzend, noch dreckiger, noch größer. Ryan Gosling spielt so gut wie noch nie, wir erleben quasi seine Menschwerdung. Und Menschsein ist das große Stichwort: In vielen Variationen lässt der unfassbar vielschichtige Film erfühlen, wie es ist, dazu zu gehören oder Außenseiter zu sein. So wie Villeneuve erneut die Konventionen des Genres sprengt, verliert man bei vielen atemberaubenden Wendungen die Übersicht, wer Mensch und wer Maschine ist. Dabei gibt es viele gemeine Feinheiten, etwa dass die israelisch-arabische Schauspielerin Hiam Abbass die Anführerin der rebellierenden Replikanten spielt. Ob man in 35 Jahren noch über „Blade Runner 2049" spricht, ist schwer zu sagen, doch dass man noch lange, auch über die Oscars hinaus, über den neuen unfassbaren Denis Villeneuve reden wird, ist sicher.

3.10.17

Die Nile Hilton Affäre

Schweden, BRD, Dänemark, Frankreich 2017 (The Nile Hilton Incident) Regie: Tarik Saleh mit Fares Fares, Mari Malek, Yaser Aly Maher, Hania Amar 111 Min. FSK: ab 12

Noredin (Fares Fares) ist ein gewöhnlicher Polizist im Kairo des Jahres 2011. Der Chef des Reviers ist sein Onkel - Sicherheit als Familienunternehmen. Husni Mubarak regiert noch in Ägypten, Fußball ist ein wichtigeres Thema als die Unruhen und Massen-Verhaftungen auf den Straßen, die Folter in den Gefängnissen. Als in einer Luxussuite des Nile Hilton Hotels eine berühmte Sängerin tot aufgefunden wird, soll Noredin erstmals ermitteln und seine Untersuchung führen direkt in einen politischen Skandal.

Der von schwedischen Krimis und Komödien bekannte Fares Fares spielt intensiv eine sehr ambivalente Figur: Noredin kassiert gnadenlos Schutzgelder im Viertel und pflegt seinen Vater. Ein Rest an Anstand hat allerdings keine Chance in dem mächtigen und allgegenwärtigen Korruptions-Apparat. Noredin steht als Protagonist in der Handlung zentral, wir teilen seine Perspektive, doch letztlich ist er nur eine kleine, machtlose Figur. Wie dem Zimmermädchen aus dem Sudan, das zufällig Zeugin wurde, bleibt ihm nur, sein Leben zu retten.

„Alles ist gut, er hat sehr viel bezahlt." Solche Weisheiten aus dem Munde des Onkels, einem scheinbar naiven Opportunisten, erweisen sich als prophetisch - tatsächlich wird alles wie bisher weiter gehen. „Die Nile Hilton Affäre" ist ein Krimi, der in eigentlich skandinavischer Tradition sehr viel sozialen und politischen Hintergrund transportieren will.

Die klassische Detektiv-Geschichte - Nordedin ermittelt trotz anderslautender Befehle weiter - ist angereichert mit einer ganzen Reihe von politischen Stichworten in Dialog und Bild. Der kaputte Fernseher des Polizisten sorgt dafür, dass die Politiker-Kaste als schräges Zerrbild dargestellt wird. Ohne nähere Kenntnis der historischen Verhältnisse entsteht allerdings nur eine Ahnung. Der Film führt zu einem ganz anderen Blickwinkel auf die Demonstrationen vom Tahir-Platz, die durch stattliche Gewalt zu einem Massaker wurden. Im Vergleich zu den skandinavischen Sozial-Krimis wirkt er weniger dicht inszeniert und hat weniger geballte Schauspielkunst bis in die Nebenrollen - zumindest wirkt es in der Syncho-Version so. So ist der Mix aus Krimi und Politthriller interessant und engagiert, aber nicht durchweg gelungen.

Blind & Hässlich

BRD 2017 Regie: Tom Lass mit Naomi Achternbusch, Tom Lass, Clara Schramm 105 Min. FSK: ab 12

Während in dieser Kinowoche alles vor „Blade Runner 2049" in Deckung geht, traut sich der sensationelle deutsche Film „Blind & Hässlich" einiges: Hollywood verkauft meist „Bigger than life", die wunderbar leichte, echte und ehrliche Tragikomödie ist dagegen „Lifer than life". Hier steckt mehr Leben drin, als in den viel teureren Produktionen, deren Werbeetat allein so ein kleines Wunder wie „Blind & Hässlich" unterbuttern will.

Regisseur Tom Lass spielt selbst den extrem scheuen und seltsamen Ferdi, der meist im Wald haust. Ab und zu kommt er aus dem und auch aus sich raus, um eine Frau, die ihm gefällt, als erstes zu fragen, ob sie seine Freundin sein will. Wenn er nicht dafür festgenommen und zur Therapie in eine Psychiatrie eingewiesen wird, dann für die Mundraube auf Bauernhöfen, wo er aus Schweinetrögen isst und dafür von Bauern blutig zusammengeschlagen wird. Zwischen seinen Therapie-Sitzungen, in denen Ferdi mit einer eigenen Logik überzeugt, trifft er auf Jona (Naomi Achternbusch), die gerade einen „kaputten" Blindenhund zurück bringt. Da die Schulabbrecherin gerade mal blind ist, um in Berlin in einem Blindenheim ein Zimmer zu bekommen, kann der unsichere Ferdi sie an sich ran lassen. Eine wunderschöne Liebesgeschichte beginnt. Mit der süßesten Sexszene seit langem ist das Filmvergnügen allerdings noch lange nicht zu Ende.

Wie frech und raffiniert berechnend die junge Jona bei ihrer Mutter abhaut, Schmuck und das Protzer-Auto klaut, dann den Hausmeister des Blindenheims (Peter Marty) um den Finger wickelt, ist witzig, eindrucksvoll und geht eigentlich gar nicht. Doch um „eigentlich" scheren sich weder Jona noch der Film. So wie im Film verhalten sich echte Polizisten niemals, was schade ist. Und auch Therapeuten werden selbstverständlich nicht authentisch repräsentiert, was nicht verhindert, dass eine Menge Wahrheit und echtes Leben aus diesen echt guten und witzigen Szenen hervorsprudelt. Wenn das die Coen-Brüder machen würden, wäre die Welt in begeistertem Aufruhr.

Bei teilweise frappanter Klarheit der Bilder wird wild geschnitten und enorm kraftvoll erzählt. Hier muss nicht für den letzten begriffsstutzigen Popcorn-Esser alles erklärt werden, es gibt kein unnötiges Gerede. Psychologisieren darf nur des Hausmeisters Fingerpuppe Freud.

Naomi Achternbusch, Tochter des Filmemacher-Unikats Herbert Achternbusch („Das Gespenst"), zeugt in der Hauptrolle von der Wertschätzung, die Regisseur Tom Lass mittlerweile genießt. Mitgemacht hat auch der bekannte Regisseur und Autor Dietrich Brüggemann („Kreuzweg", „Renn, wenn du kannst") in einer kurzen Szene als Tom Lass, und Toms Bruder Jakob Lass (Regisseur von „Tiger Girl" und „Love Steaks") war hinter den Kulissen dabei. Man darf die beiden Anfang der 80er-Jahre Geborenen, die auch als „Lass Bros" firmieren, durchaus als die bemerkenswerteste junge Bewegung im deutschen Film herausleuchten. Mit hauptsächlich improvisierten Szenen erschaffen sie ein einzigartige Frische und Lebendigkeit, die sowohl Film-Märchen als auch echtes Melodram sehenswert beleben. Mittlerweile hebt die Senderbeteiligung von ZDF/Das kleine Fernsehspiel den neuen Lass aus dem bisherigen Bereich des No- und Low-Budget hervor. Das passt zu der Beteiligung des fetten, etablierten Produzenten Constantin Film am genialen „Tiger Girl" seines Bruders Jakob Lass. Doch keine Sorge, auch das zeichnet die tollen Figuren der Lass Bros aus - sie lassen sich von großen Autoritäten nicht unterkriegen und folgen trotzig ihrem herrlich eigenwilligen Weg.

25.9.17

Es (2017)

USA 2017 (It) Regie: Andrés Muschietti mit ill Skarsgård, Jaeden Lieberher, Jeremy Ray Taylor, Sophia Lillis 135 Min. FSK: ab 16

Das Comeback der Horror-Clowns ist für Halloween gesichert: 27 Jahre nach der ersten Verfilmung kommt Stephen Kings Roman „Es" wieder auf die Leinwand. King ist Vielschreiber und viel verfilmter Meister der Spannung, der immer noch nicht überall als exzellenter Schriftsteller anerkannt ist.

„Es" ist eine Hardcore-Version von Kings „Stand by me", beide zeigen den Prozess des Erwachsen-Werdens. In den typischen us-amerikanischen Sommerferien ziehen sieben Jugendliche mit ihren Fahrrädern los ... Müssen sich aber vorher finden. Gemeinsam ist ihnen, dass sie aus verschiedenen Gründen gemobbt, gequält, geschlagen werden. Im Städtchen Derry in Maine verschwinden aber auch immer wieder Kinder und jeder der baldigen Freunde überlebt nur knapp eine horrende Begegnung. Bald gibt es Blut überall und Zeichen an der Wand, die nur die Jugendlichen sehen können. Der kleine, dicke Bücherwurm findet heraus, dass alle 27 Jahre das Böse in der Stadt Einzug hält und sich die Kinder schnappt. Nun wehren sich die zaghaft tapferen Sieben zuerst gegen die älteren Quälgeister und dann gegen die richtigen Gespenster.

Spannung ist bei Vorlagen von King kein Problem. Eher die Dosierung. Die Produzenten entschieden sich dafür, es härter als beim Vorgänger zu machen. Das „Es" aus 2017 ist erst ab 16 freigegeben. Und „entwickelt" hat sich auch des Kinos Verhältnis zur Gewaltdarstellung: So ist schon das Verschwinden von Bills kleinem Bruder George unnötig drastisch dargestellt. Die fiesen Zähne von Pennywise zeigen ihre Wirkung.

Selbstverständlich droht auch bei „Es" die bei modernen Filmen beliebte Zurschaustellung von Schreck- und Horror-Effekten. Mit schön schreckliche Figuren und Begegnungen. Dazu viel Rennen und Schreien, allerdings mit eindrucksvollen, einnehmenden Bildern und Gestaltungsideen. Allerdings stimmen auch die persönlichen Umfelder der Kinder. Mit ihren eigenen Problemen und Dämonen, die ja letztendlich durch den Horror-Clown Pennywise und all die anderen Monster-Formen verkörpert werden. So gewinnt Beverly im Kampf gegen Pennywise den Mut, sich gegen den Vater zu wehren, der sie vergewaltigt. Zwischendurch kann die Gemeinschaft auch noch gegen die andere reale Gefahr der drei Bullies auftrumpfen, die allerdings selbst auch wieder von Angst getrieben sind. Im Hintergrund sind derweil deutlich nationale und patriotische Symbole zu sehen, doch weder der riesige Holzfäller noch die vielen Polizisten können den Kindern helfen.

Wie gesagt, Stephen King ist mehr als ein paar Hundert Seiten mit „Buh" zu erschrecken. Im Gegensatz zum Roman und zur ersten (TV-) Verfilmung von 1990 bricht diese Version allerdings die raffinierte Erzählstruktur Stephen Kings auf: Das Miteinander der gleichen Figuren als Kinder und Erwachsene, die im Abstand von 27 Jahren dem Bösen entgegentreten, wird nun hintereinander gehängt. So kann man einen zweiten Teil im Kino verkaufen! Die nächste Wiederkehr des Bösen lässt diesmal keine 27 Jahre auf sich warten.

Cars 3

USA 2017 Regie: Brian Fee 102 Min. FSK: ab 0

Der große, sympathische Trickfilm „Cars" wurde 2006 mit viel quasselnden Autos zu einem enormen Erfolg. Teil 2 war 2011 nur noch Abziehbild und nun kommt doch noch Teil 3 ins Kino. Solche Wiederholungen drohen, bald nur noch als DVD oder TV-Serie zu laufen. Nach EU-Richtlinie dürfen sowieso ab 2020 keine Verbrennungsmotoren mehr im Film rumstinken.

Lightning McQueen, der sympathische Umweltverschmutzer aus einem Hinterwäldler-Kaff, wird bei Rennen von neuen Autos abgehängt. Der Held der „Cars"-Serie der einst innovativen Pixar-Produktion ist - wie diese - bereits Legende mit eigenem Museum. Das gehört seinem neuen Sponsor, ebenso wie ein Trainings-Center. Da sich Lightning für die neuen Methoden allerdings überhaupt nicht eignet, geht es wieder in einem entscheidenden Rennen um Alles oder Nichts.

Tatsächlich zeigt „Cars 3" nur noch, wie glänzend die digitale Tricktechnik mittlerweile ist, wenn die Bilder fast fotorealistisch geraten. In Sachen Handlung fällt den Machern nichts mehr ein - kein Wunder, dass Modernisierung ein Thema ist. Die Abfolge von Erfolg, traumatischer Niederlage und Comeback von ganz unten ist es allerdings nicht - das ist weiterhin „Rocky" auf Rädern.

Die Penetranz, mit der das uralte Sport-Programm mit Fitness und Motivation durchgezogen wird, langweilt nicht nur, sie nervt geradezu. Auch gewinnt die Rennerei derart an Übergewicht, dass die charakterliche Entwicklung Lightnings die Rücklichter zu sehen bekommt. Auch die ewige Erinnerung an seinen alten Meister ist verfilmte Gähn-Vorlage. Dabei gibt es mit Motivations-Trainerin Cruz wenigstens eine interessante neue Figur, die als Renn-Frau sexistische Hindernisse überwindet.

Manchmal sind die Nebenfiguren noch nett und witzig, die Musik dagegen furchtbar US - von und für Rock-Hinterwäldler. Das verfehlt das Zielpublikum um einige Kontinente und Generationen.

Victoria & Abdul

Großbritannien, USA 2017 (Victoria and Abdul) Regie: Stephen Frears mit Judi Dench, Ali Fazal, Adeel Akhtar, Simon Callow, Michael Gambon, Eddie Izzard 106 Min.

Nach „The Queen" lässt Frears nun „Queen Victoria" menscheln und zeigt Judi Dench als schnarchende, schlürfende, keifende und einsame Königin, die beim Bankett mit hunderten Gästen vor dem Nachtisch einschläft. Die enge Beziehung mit dem naiven indischen Diener Abdul in den letzten Jahren vor ihrem Tod basiert auf einer wahren Geschichte, welche die Nachwelt nicht ganz auslöschen konnte.

Im frei erfundenen Ethno-Kostüm soll 1887 ein junger, aus Indien importierter Beamter der Thron-Jubilarin Victoria (Judi Dench) irgendeine Münze überreichen. Es kommt doch zu einem streng verbotenen Augenkontakt und die bislang völlig abwesende Monarchin empfindet den Fan aus Indien sehr gutaussehend. Bald ist Abdul Karim (Ali Fazal) ihr persönlicher Kammerdiener. Die Herrscherin, die schon über 50 Jahre auf dem Thron sitzt lebt auf, lernt begeistert seine Sprache und erfährt viel über Indien: Romantisches über das prächtige Mausoleum Taj Mahal, aber auch einiges über die Räubereien der britischen Soldaten in Indien. Die müde, alte Königin, die den Sinn ihres Handelns aus den Augen verloren hatte, wird vom Schreiber, Diener, Poeten und schließlich „Munshi" Abdul, einem muslimischem Lehrmeister, neu belebt.

Diese besondere Beziehung wird vom Hofstaat beunruhigt beobachtet und belauscht. Vor allen von den eifersüchtigen Kammerdamen und -Herren, die Abdul den „braunen John Brown" nennen. Denn nach dem Tod ihres Mannes wurde Victoria vom Schotten John Brown aufgemuntert. Doch die Intrigen schützen Abdul letztlich, weil sie auf die Hofschranzen zurückfallen, die herrlich ihre Contenance verlieren.

Ja, während Victoria und Abdul sehr menschlich werden aber immer würdevoll bleiben, erlaubt sich der Film auch viel Spaß. Beim Treffen mit Puccini, der nicht singen kann, revanchiert sich die Königin mit einem schiefen Liedchen von Gilbert und Sullivan. Kronprinz „Bertie" muss dazu Piano spielen. Flott und leicht erzählt, spielen die Verdauungsprobleme der „Herrscherin über fast eine Milliarde Menschen" eine wichtige Nebenrolle. Nur der Bericht des Premierministers über Unruhen in Suez, Problemen mit den Buren und die Annexion von Zululand erwähnt, was draußen in der Welt und im Namen Victorias passiert.

„Victoria & Abdul" geht durchgehend spöttisch mit Pomp und erstarten Konventionen um, aber auch rücksichtsvoll mit den Menschen. Dabei bilden der naiv begeisterte Abdul und sein kritischer Begleiter Mohammed, der nicht nur wegen der Kälte möglichst schnell nach Hause will, ein tragisch-komisches Paar. Mit der überwiegenden Aufmerksamkeit für Abdul, für den das Leben ein großes Abenteuer ist. Bei meisterlicher Inszenierung, bei üppiger Ausstattung und einer historisch guten Besetzung bildet das Zusammen-Spiel von Judi Dench und Ali Fazal das Herz des Films. Zudem ist reizvoll, dass Dench bereits vor zwanzig Jahren als „Ihre Majestät Mrs. Brown" (von John Madden) zu sehen war, in einer Episode Victorias, die sich sehr ähnlich mehr als dreißig Jahre vor diesen Ereignissen abspielte. Dass Frears, davon inspiriert, seine Königin Dench nun zum dritten Male, nach „Lady Henderson präsentiert" (2005) und „Philomena" (2013), zu großen Kamera-Momenten führte, erfreut uns bei einem anrührenden Kinogenuss.

24.9.17

Rock My Heart

BRD 2017 Regie: Hanno Olderdissen mit Lena Klenke, Dieter Hallervorden, Emilio Sakraya, Annette Frier 110 Min. FSK: ab 6

Eine Herzklinik ist von der Pleite bedroht und die Mädels vom Reiterhof verkaufen ihre Lieblinge zur Finanzierung. Das wäre mal was anderes - doch auch im Mädchen- und Pferde-Film „Rock My Heart" hat der Pferdehof Schwierigkeiten und eine besondere Freundschaft zum Vierbeiner könnte Jana bei ihren Herzproblemen helfen. Auch voll hipp - oder hopp - ist das Thema Galopprennen, das nächste Ding nach Snapchat und Binge-Watching. Aber Pferde gehen ja immer bei Mädchenfilmen und Krankengeschichten werden immer jünger.

Die 17-jährige Jana (Lena Klenke) lebt mit einem angeborenen Herzfehler. Oder eigentlich lebt sie gegen ihr Herzproblem: Sie riskiert immer wieder Kopf und Kragen, will jeden Augenblick auskosten. Und sich auf keinen Fall durch die Betablocker einlullen lassen, die ihre kontroll-süchtige Helikopter-Mutter verfüttern will. Auch gegen eine riskante Operation wehrt sich Jana. Als sie dem Vollbluthengst Rock My Heart begegnet, kommen die beiden störrischen Wesen erstaunlicherweise gut miteinander zurecht. Rocks schon lange erfolgloser Trainer Paul Brenner (Dieter Hallervorden) überredet Jana zu einer Kurzausbildung zum Jockey, um ein wichtiges Galopprennen zu gewinnen. Das Preisgeld soll die Schulden abzubezahlen.

Für diese in Serie produzierten Filme ist es ein Muss, dass der Reiterhof finanziell vor dem Abgrund steht. Das steht in den Förderbedingungen deutschen Filmschaffens. Und wie bei vielen anderen Kinderfilmen stehen Stars Schlange, für die sich Eltern oder Großeltern des Zielpublikums begeistert hätten. Hallervorden als zwiespältiger, weil verzweifelter und rücksichtsloser und ungeeigneter Trainer. Milan Peschel als gestürzter Jockey im Rollstuhl und Annette Frier als unerträgliche Mutter. Dazu kommen viele atmosphärische Schönbilder aus dem Katalog der Mädchen- und Pferdefilme. Aus dem Hit-Katalog leistete sich die Produktion ein paar bekannte Liedchen.

Doch eigentlich geht es ja um die Krankheit, nach dem Südtirol-Langeweiler „Amelie rennt" mit Asthma als Thema, jetzt der Herzfehler. Eine Entwicklung in der Frage „Operation oder nicht" wird lange aufgeschoben. Und als dann die Mutter eine Einwilligung für Jana unterschreibt, kommt das sehr unglaubwürdig daher. Das Rennen, das ja Spannungshöhepunkt sein soll, beleidigt jeden Verstand mit einem völlig unrealistischen Ablauf. Aber letztlich ist das ermüdende Schema des Sportfilms durch gutes Schauspiel halbwegs erträglich. Auch wenn eine kleine Liebesgeschichte ebenso unter die Hufe kommt, wie die Geschichte um Brenners Tochter Sabine, die er lieber verschweigt.

20.9.17

Kingsman - The Golden Circle

Großbritannien, USA 2017 Regie: Matthew Vaughn mit Taron Egerton, Colin Firth, Julianne Moore, Mark Strong, Halle Berry, Channing Tatum, Jeff Bridges 140 Min.

Wieder erklingt John Denvers „Country Road", wieder ist Channing Tatum dabei. Doch im Vergleich zu Soderberghs „Lucky Logan" ist „Kingsman 2" eindeutig der schlechtere Film. Auch im Vergleich zum sensationell unterhaltsamen ersten „Kingsman". Der Fluch des zweiten Teils brennt sich wieder ins Gedächtnis.

Ein brutaler Anschlag auf die Kingsman-Organisation, die sich als besonders geheimer britischer Geheimdienst-Orden mit ihrem ersten Film bestens eingefügt haben: Große Explosionen, viele Trümmer. was übrig bleibt sind nur Fragmente... tolle Ideen, aber kein toller film. Zuviel funktioniert nicht ins dieser sehr misslungenen Fortsetzung eines tollen Films.

Es beginnt mit Vollgas–Aktion, gleich drei Einführungs-Szenen machen rasant umständlich klar, worum es letztendlich geht: Wieder mal die Welt retten! Obwohl, ein paar Leute, unter ihnen der US-Präsident, würden sagen, es geht nur um ein paar überflüssige Junkies. Denn die schrille Drogenbaronin Miss Poppy (Julianne Moore) hat ihre Waren mit einem gemeinen Gift vermischt und so einen Großteil der Weltbevölkerung tödlich infiziert. Der US-Präsident soll nun auch die illegalen Drogen wie die legalen Alkohol, Zigaretten und Konsum legalisieren, und schon wird das Gegengift zur Verfügung gestellt. Doch dieser skrupellose Vollidiot meint, mit dem Massenmord hätte er den hirnrissigen „Kampf gegen die Drogen" gewonnen.

Nachdem sein Kingsman-Mentor Harry Hart (Colin Firth) im ersten Teil per Kopfschuss ausstieg, muss nun der zum Edel-Agenten umerzogenen Gossenjunge Gary „Eggsy" Unwin (Taron Egerton) die Sache regeln. In den USA trifft der britische Ritter auf artverwandte Agenten, deren Nomenklatur nicht aus Artus- sondern aus Alk-Namen besteht. Diese hochprominente Mischung kreiert allerdings nicht mal den üblichen Witz der freundschaftlich verfeindeten Kulturen. Als Eggsys Gimmick- und Technik-Ausstatter „Q" ist wieder „Merlin" (Mark Strong) dabei, und tatsächlich lebt Eggsy mit der schwedischen Prinzessin zusammen, die er bei seiner letzten Weltenrettung befreite.

Diese schon unverschämt rein dekorative Nebenfigur steht am Anfang einer ganzen Reihe von unvollendeten Dreingaben: Der Arm-Ageddon-Metallarm des schlagkräftigen Gegenspielers und gefallenen Agenten-Engels Charlie (Edward Holcroft) ist eine von mehreren Terminator-Anleihen. Julianne Moore trumpft als knallbunt durchgeknallte Miss Poppy und Chefin vom Golden Circle karikaturistisch gut auf, um dann ohne Tiefe zu versanden. Hier und bei den vielen Gimmicks sowie Science Fiction-Einlagen ist bei der zu oft lahmen Inszenierung noch am ehesten die Herkunft vom Comic „The Secret Service" der Herren Mark Millar und Dave Gibbons zu erkennen.

Bei aller Enttäuschung über „Kingsman 2" ärgert vor allem das Durcheinander: Besonders stilvolle Agenten, heftige Fleischwolf-Szenen und Anschläge auf die Geschmacksnerven mit Kloake und Kannibalismus. Insgesamt ein totaler Flop bis zum Auftreten von Colin Firth, das ja schon im Trailer verraten wird. Da Channing Tatum als amerikanischer Kingsman-Verwandter schnell auf Eis gelegt wird, sind nur Firth und Elton John als von Miss Poppy gekidnappter Elton John richtig gut. Der Paradiesvogel ist sogar sagenhaft, wenn er sich selbst auf den Arm nimmt und auf Action macht. Reicht für einen YouTube-Clip, aber nicht für über zwei Stunden lang Film.

The Book of Henry

USA 2017 Regie: Colin Trevorrow mit Naomi Watts, Jaeden Lieberher, Jacob Tremblay, Sarah Silverman 105 Min.

Die typisch us-amerikanische Schulvortrags-Frage „Was wollen wir hinterlassen?" wird für den 12-jährigen, hoch-intelligenten Henry (Jaeden Lieberher) ganz schnell konkret. Er musste sich schon immer um seinen kleinen Bruder und seine wilde, unkonventionelle Mutter Susan (Naomi Watts) kümmern. Sie ist Videospiel-Junkie, spielt allerdings den Kindern auch Gutenacht-Lieder mit dem Banjo vor. Susan lebt selbstverständlich alleine, denn „so erwachsen wie Henry kann kein anderer Mann sein". Er erfindet auch tolle Maschinen und inszeniert herrlich spaßige Szenen für den kleinen Bruder, der wieder gemobbt wurde. An der Börse macht er so viel Geld, dass seine Mutter eigentlich nicht mehr im Café zu arbeiten bräuchte und auch ein neues Auto kaufen könnte.

Als sich das Pfeifen im Kopf zur Ohnmacht steigert, erklärt Henry dem Arzt auch die Diagnose seines Hirntumors selbst. Und den anderen Erwachsenen ihre Gefühle. Dann regelt er seinen Nachlass, zuerst die finanziellen Dinge und die letzten Einträge in sein Notizbuch. Der Plan, den ekligen Nachbarn zu überführen, wird für seine Mutter zum Lebenssinn.

Denn Henry weißt, dass seine Mitschülerin Christina (Maddie Ziegler) von ihrem Stiefvater Glenn (Dean Norris) sexuell misshandelt wird. Da die Schul-Direktorin nicht auf seine Hinweise gegenüber dem respektablen Polizeichef reagiert, entwickelt der Junge auf Basis seiner wachen Beobachtungsgabe und eines enormen Gerechtigkeitssinn seinen eigenen Mord-Plan, den er für seine Mutter auf witzige Weise zur Ausführung notiert.

Der sehr emotionale, schöne Film über Trauer und Weiterleben führt zur großen Frage: Was muss, was kann man tun, wenn man Unrecht miterlebt? Das betrifft das Nachbarhaus und die Weltpolitik. Die gelungene Inszenierung kann sich auf gutes Schauspiel bei Stars (Sarah Silvermann als alkoholkranke Kollegin) und Nachwuchs verlassen. Allerdings dreht der Film am Ende zu einem Thriller ab, bevor das märchenhafte Happy End alles wieder gut macht.

Amelie rennt

BRD, Italien 2017 Regie: Tobias Wiemann mit Mia Kasalo, Samuel Girardi, Susanne Bormann, Denis Moschitto 97 Min. FSK: ab 6

In einem Atemzug stur, trotzig, unverschämt - so sollte man die 13-jährige Amelie (Mia Kasalo) aus Berlin beschreiben. Wenn die Sache mit dem Atem nicht so schwierige wäre, denn Amelie hat schweres Asthma. Was sie keinem zeigen und auch sich selbst nicht eingestehen will. Bis sie wieder einmal fast an Atemnot stirbt und von ihren getrennt lebenden Eltern in eine Südtiroler Spezialklinik gefahren wird. Doch auch da bockt das Mädchen, verachtet Atemübungen und haut bald ab. Selbstverständlich nicht zum Bahnhof oder zur Autobahn, sondern in die andere Richtung, da wo die hohen Gipfel unerreichbar scheinen - vor allem mit Atemnot.

Der aufwendig mit Alpenlandschaft unterlegte Jugendfilm soll den Umgang mit Asthma thematisieren, macht es sich aber dabei und auch sonst im Drehbuch recht einfach. Die Begegnung mit dem geerdeten Berg-Buben, der auch eine flotte Tanzeinlage in den computergesteuerten Kuhstall legt, also das Prinzip „Zurück zur Natur" besänftigt den widerspenstigen Teenager über recht viele Stationen mit der die dramatischen Wucht einer TV-Serienfolge am Nachmittag. Das ist nicht sehr abenteuerlich oder spannend. Auch die naive Gläubigkeit des Ziegen-Peters, der hier ein Milchkuh-Bart (Samuel Girardi) ist, sollte eine echte Reibungsfläche bieten, verbindet sich aber auf bedenkliche Weise mit Amelies Interesse an okkultem Aberglauben. Eine ideologisch verbrämte, kleine Geschichte in großer Landschaft Südtirols, die nicht nur in diesem Film gut vermarktet wird.

19.9.17

Norman

USA 2016 (Norman: The moderate rise and tragic fall of a New York Fixer) Regie: Joseph Cedar mit Richard Gere, Lior Ashkenazi, Michael Sheen, Steve Buscemi, Charlotte Gainsbourg 119 Min. FSK: ab 12

Norman Oppenheimer (Richard Gere) ist ein ganz kleiner Fisch in der New Yorker Finanzwelt. Fortwährend jongliert er mit Namen von angeblich befreundeten Menschen, die ihn alle nicht kennen, verspricht Begegnungen und Kontakte mit Leuten, die ihn nicht mehr sehen wollen. Er hat kein Büro, kein Zuhause, zieht wie ein Obdachloser durch die kalten Straßen New Yorks. Gepflegt, freundlich, aber unübersehbar verzweifelt, „wie ein Ertrinkender, der einem Ozeandampfer winkt". Man hat keine Ahnung, worum es geht, aber man ist sofort gefesselt. Vom Spiel Richard Geres und von der peinlichen bis faszinierenden Weise, wie sich Norman an „wichtige" Menschen ranmacht.

Dann kauft Norman bei einer dieser unangenehmen Begegnungen dem aufstrebenden israelischen Politiker Micha Eshel (Lior Ashkenazi) ein Paar Schuhe für über 1000 Dollar. Der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft zahlt sich drei Jahre später in einer Welle des Erfolges aus, als Eshel Premierminister wird. Dieser legt eine faszinierende Position im Nahost-Konflikt hin, doch die fantastischen und fantasierten Beziehungen, die Norman ihm einst anbot, drohen ihn politisch zu stürzen.

Staunend, bangend, voller Mitgefühl folgt man diesem Porträt einer tragischen Figur. In einer der vielen faszinierenden Szenen durchschaut ihn Alex Green (Charlotte Gainsbourg) in einem furchtbar traurigen Moment, in dem sich das Tragische Normans kristallisiert. Großartig auch die fast surreale Begegnung mit einer heruntergekommenen Kopie seiner selbst. Die raffinierte Inszenierung macht den Stress körperlich, in denn der nun bekannt gewordene Norman durch eine Flut von Anfragen gerät. Ein Rabbi will Millionen für den Erhalt der Gemeinde, ein Neffe den Segen des Rabbi, ein reicher Investor Infos aus Israel. Immer wieder spielen die Schuhe eine besondere Rolle, treten letztlich sogar die Regierungskrise los. Trotz allem macht Norman im letzten Akt den Match seines Lebens.

Mr. Long

Japan, BRD 2017 Regie: SABU mit Chang Chen, Runyin Bai, Yiti Yao 128 Min. FSK: ab 16

Er ist ein cooler, ein guter, ein effektiver Auftragskiller (Chen Chang). Doch dann geht ein Mord in einer überfüllten Disco schief und der Taiwanese strandet in einer ärmlichen japanischen Siedlung aus lauter Bruchbuden. Ganz auf sich selbst gestellt hat er im Nirgendwo nun fünf Tage Zeit, um Geld für die Rückreise aufzutreiben. Und es zeigt sich, dass der Killer auch im Urwald oder auf einer einsamen Insel überleben könnte. Aus den Abfallhaufen besorgt er sich einen Topf und kocht erst einmal eine leckere Suppe. Dabei trifft er auf den kleinen Jun (Runyin Bai), der fortan nicht von seiner Seite weicht. Jun kümmert sich um seine drogenabhängige Mutter (Yiti Yao). Bald räumt „Mr. Long" auf ganz andere Weise im Viertel auf, zieht den Entzug der Abhängigen durch, und nette Anwohner, die von seinen Kochkünsten begeistert sind, organisieren ihm eine fahrbare Garküche. Mr. Long scheint seine wahre Bestimmung gefunden zu haben.

Grausam gut, so muss man den neuen Film von Sabu („D.A.N.G.A.N. Runner", „Monday"), dem japanischen Autoren-Regisseur vieler Gewalt-Filme, bezeichnen! Manipulativ und gelungen verspritzt ein Killer in der Eröffnung Gewalt und Blut, um dann im wunderschönen glücklichen Momenten als taiwanesischer Koch in einer kleinen japanischen Gemeinde aufzuleben. Selbstverständlich gehört die Liebe zu einer ehemaligen Zwangs-Prostituierten und Heroin-Anhängigen dazu. Und auch ein kleiner, herzerweichender Junge, der gerettet werden muss. Dies alles ist so großartig, erinnert an „Kikujiros Sommer", die Gangster-Kind-Geschichte vom älteren Japaner Takeshi Kitano. Aber Sabu bleibt letztlich ein Gewalt-Filmer. So wirkt das Ende, das den ganzen Film mit seiner Drohung spannend machte, überflüssig, einfallslos und platt.

18.9.17

Körper und Seele

Ungarn 2017 (Testről és lélekről / On Body and Soul) Regie: Ildikó Enyedi mit Alexandra Borbély, Géza Morcsányi, Réka Tenki, Zoltán Schneider, Ervin Nagy 116 Min.

Der Gewinner des Goldenen Bären der diesjährigen Berlinale, die traumhafte Liebesgeschichte „Körper und Seele", märchenhaft auf einem Schlachthof erzählt, prägte das Festival mit einer besonders faszinierenden Szene: Flirtende Hirsche im Winterwald scheinen ihre ganz eigene Romanze zu erzählen, die Kamera ist nah dabei, ohne dass die Idylle gestört wird. Aber alles ist nur ein Traum von Endre (Géza Morcsányi), einem älteren Mann mit Lähmung in einem Arm, der ... tatsächlich als Chef eines Schlachthofes in Budapest arbeitet. Hier öffnet sich bereits eine reizvolle Dialektik des Fleisches, welche die nicht nur wunderschöne Romanze auf eine andere Ebene hebt.

Endre ist fasziniert von der neuen Qualitätsprüferin, versucht sich ihr in der Kantine zu nähern, doch Mária (Alexandra Borbély) erweist sich als ein extrem scheues Reh und wirkt sehr spröde im Sozialverhalten. Die nüchterne Kontrolle von Zahlen, Daten, Gewicht und Fettgehalt ist so ihr passendes Habitat, selbst wenn es das zarte Wesen dafür in eine Schlachterei verschlägt. Bis ein routinemäßiger Psychotest der Firma etwas Unglaubliches zeigt: Mária und Endre haben den gleichen Traum, sie träumen tatsächlich Nacht für Nacht die Begegnung des Hirschen und der Hirschkuh im Winterwald!

Geboren 1955 in Budapest, begann Ildikó Enyedi ihre Karriere als Konzept- und Medienkünstlerin und wandte sich später als Regisseurin und Drehbuchautorin sowohl dem Kurz- als auch dem Spielfilm zu. Für ihre Arbeiten gewann sie über 40 internationale Preise. Ihr Film „My 20th Century" (1989) wurde unter die besten ungarischen Filme aller Zeiten gewählt und machte international Furore. Auch „Magic Hunter" (1997), eine moderne Freischütz-Adaption, lief in Cannes. Nachdem fast zwanzig Jahre kein Film von Enyedi mehr bekannt wurde und sie in den letzten Jahren eine TV-Serie drehte, gleicht ihr Comeback auf internationaler Bühne nun einem sanften, subkutanen Donnerschlag: „Körper und Seele" erhielt bei der Berlinale 2017 nicht nur den Goldenen Bären, auch der Preis der ökumenischen Jury und der renommierte FIPRESCI-Preis gingen an der Meisterwerk.

In gleich zweifach ungewöhnlicher Umgebung entwickelt sich eine sehr zarte Liebesgeschichte zwischen einem angeschlagenen Mann und einer Frau, die sich langsam ins Leben zurück traut. Dabei sind sowohl Márias Besuche bei ihrem Psychologen wie auch die eifersüchtigen Einlagen des kultivierten Machos Endre humorvoll und feinfühlig inszeniert. Wie die schöne schüchterne Maria, pedantisch genau mit einigen Ticks durch den Alltag kommt, amüsiert und berührt gleichzeitig tief. Wie die Geschichte beglücken die nüchtern schönen Bilder von Máté Herbai. Es ist vieles widersprüchlich, gegensätzlich und ungewöhnlich, bis zu einem Happy End, das woanders als Tragödie verlaufen wäre. Der Mut zu kleinen Schritten der Veränderungen wird mit einem großen Glücksgefühl belohnt - im Film und im Kino.

Kingsman - The Golden Circle

… sollte hier besprochen werden …

Aber der deutscher Verleiher will nicht, dass Meinungen vor dem Start veröffentlicht werden!

Meist ein Zeichen, dass der Film nicht so prickelnd ist und die Erwartungen enttäuscht.

Und nebenbei eine Unverschämtheit der Freien Presse gegenüber.

13.9.17

mother!

mother!

USA 2017 Regie: Darren Aronofsky mit Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Ed Harris, Michelle Pfeiffer, Domhnall Gleeson, Brian Gleeson, Kristen Wiig 122 Min. FSK: ab 16

Da gab es wohl letztens Ärger im Hause Aronofsky... Ob der Erfolgsregisseur von „Black Swan" vielleicht seine häuslichen Pflichten vernachlässigt hat? Jedenfalls wird in „mother!" eine selbstzerfleischende Künstler-Beziehung auf drastische Weise dargestellt, der Kampf ums Privateste als Kammerspiel und als Splatter-Horror. Das Duell zwischen künstlerischer Produktion und menschlicher Reproduktion wurde ganz frisch in Venedig ausgebuht und startet jetzt ironischerweise im Mainstream-Kino. Die einzig schlechte Entscheidung, die bei diesem gewaltigen und teilweise wahnsinnigen Film getroffen wurde.

Die Superlative eilten dem Film voraus: Das Schlimmste, Extremste, Bizarrste - selbst für einen Regisseur wie Darren Aronofsky, der einiges auf dem filmischen Kerbholz hat: Die Biographie „Jackie" (2016), das Sportlerdrama „The Wrestler" (2008), der Fantasyfilm „The Fountain" (2006), der Drogen-Strudel „Requiem for a Dream" (2000) oder das wahnsinnige Debüt „Pi" (1997) - Darren Aronofsky inszeniert exzellent in vielen Formen und Genres. Nach „Black Swan" (2010) erschuf Darren Aronofsky mit „mother!" nun wieder einen Psychothriller.

„Er" (Javier Bardem) und „Mutter" (Jennifer Lawrence) leben in ihrem einst niedergebrannten Haus, das sie liebevoll wieder aufbaut. Er ist ein ehemals erfolgreicher und jetzt blockierter Schriftsteller. Sie federführend bei der Restaurierung des Hauses, das scheinbar weit weg von anderer Besiedlung liegt. Daher überrascht das Klopfen von „Mann" (Ed Harris), gefolgt einen Tag später durch „Frau" (Michelle Pfeiffer). Es folgen zu persönliche Fragen, unverschämtes Eindringen in die Privatsphäre und in dreiste Schlafzimmer-Fragen. Dazu ein bedrohlicher Ofen, ein seltsames Ding in der Toilette und eine typische Horror-Kamera, immer nah an den Figuren, auf der Schulter oder direkt vor dem Gesicht von Jennifer Lawrence. Auch überall andauernd Blut, und weil das Haus gerade umgebaut wird, knarren nicht nur die Dielen.

Man erwartet „Rosemaries Baby" bei den schwarz gekleideten, einnehmenden Gästen. Man amüsiert sich über den weinerlichen, selbstverliebten Dichter, der angesichts einer Schwangerschaft wieder wie wild zu schreiben beginnt. Während „mother!" in der ersten Hälfte dicht und atemlos erzählt wird, steigert sich dann alles in einen surrealen Wahnsinn. Ein überbordender Trip mit Revolutions-, Kriegs- und Sklavenszenen - allein auf der ersten Etage des Hauses - liefert ein reichlich überstrapaziertes Bild, dass alles Private bei kreativen Stars ausgeweidet wird.

Es geht um Geschlechterrollen, um den Unterschied zwischen literarischer und wortwörtlicher Schöpfung. Hier wird oberflächlich das private Zuhause für öffentlichen Ruhm oder auch nur ein paar Schmeicheleien aufs Spiel gesetzt. bilden einen Widerspruch in sich. Das ist vor allem nicht der Realismus, den man im Mainstream erwartet, wo selbst das Horror-Genre ähnlich fantasielos gewöhnlich daherkommt wie Fantasy oder der Science Fiction. Das ist tatsächlich abgründig, vielschichtig und visuell überwältigend. Einmalig, gut und gar nicht so schockierend wie es aus Venedig lautete.

12.9.17

Barfuß in Paris

Frankreich, Belgien 2016 (Paris pied nus) Regie: Dominique Abel, Fiona Gordon mit Dominique Abel, Fiona Gordon, Emmanuelle Riva, Pierre Richard 83 Min.

Die Bibliothekarin Fiona (Fiona Gordon) reist aus Kanada nach Paris, um ihrer alten, bedürftigen Tante (Emmanuelle Riva) zu helfen, die ins Altersheim soll. Doch direkt fällt die orientierungslose Fiona in die Seine, verliert ihren knallroten Rucksack mit der Kanada-Fahne und sitzt triefnass im Konsulat. Der obdachlose Dominique Abel hingegen, findet das Treibgut, zieht sich damit neu an und geht erstmal gut essen. Denn er hat Geschmack und schaute sich immer die Speisekarte an, bevor er im Müll des Restaurantschiffes wühlte. Dass Fiona nun auch auf der Seine zu Abend isst, die beiden einen flotten Gotan-Tango hinlegen und man dabei selbst im siebten Kinoseher-Himmel ist, stellt erst den Anfang einer Kette aberwitziger Zufälle dar.

Dominique Abel und Fiona Gordon inszenieren sich selbst, wie in vielen circensischen Theaterauftritten eingeübt, als Dom und Fiona, als Charlie Chaplin im Restaurant, als Jacques Tati in Paris unter der (kleinen) Freiheitsstatue, als Harold Lloyd auf dem Eiffelturm. Das ist Slapstick, herzerwärmend und angesichts eines Tricktechnik-Overkills ungemein erfrischend. „Barfuß in Paris" könnte ein Stummfilm sein, ein kunterbunter in der comic-haften Raumgestaltung von Wes Anderson. Könnte auch ein Kaurismäki sein im leichten, trockenen Humor, aber vor allem ein Tati im warmen Blick auf das oft skurrile Menschliche. Und das alles machen mit Abel und Gordon mit viel Können sowie den Senior-Stars Emmanuelle Riva und Pierre Richard. Ein bis zum akrobatischen Finale äußerst charmanter Film mit Garantie für anhaltend gute Laune.

Porto

Portugal, USA, Frankreich, Polen 2016 Regie: Gabe Klinger mit Anton Yelchin, Lucie Lucas, Paulo Calatré 74 Min. FSK: ab 6

Jake (Anton Yelchin) jobbt in Porto. Zwischen seine mehr oder weniger kläglichen Versuche, Frauen anzumachen, setzt sich ein längeres Gespräch mit Mati (Lucie Lucas), mit der er schließlich eine sehr leidenschaftliche Nacht verbringen wird. „Porto" zeigt in drei Kapiteln, wie Jake und Mati zusammenkommen, sind und sich wieder verlieren. Allerdings nicht linear, sondern mit in der Zeit verstreuten Häppchen, was zum spielerischen Charakter dieses Liebesfilms beiträgt. Nicht nur das zwischendurch altmodisch schmale Format (aufgrund von verschiedenen Filmmaterialien für unterschiedliche Zeiten) sieht nach altem Film aus. „Porto" atmet insgesamt eine stimmungsvolle Verspieltheit wie bei Truffaut oder bei Woody Allens Filmanfängen. Was nicht verwundert, bei einem Regisseur, der am Columbia College in Chicago Film lehrt. Emotional wird die in ihrer Retrospektive schon wieder moderne Form vom Spiel Anton Yelchins getragen, der bei einem Autounfall ums Leben gekommenen und in „Porto" in einer seiner letzten Rollen zu sehen ist.

Das Löwenmädchen

Norwegen, BRD 2016 (Løvekvinnen) Regie: Vibeke Idsøe mit Ida Ursin-Holm, Mathilde Thomine Storm, Aurora Lindseth-Løkka, Rolf Lassgård 118 Min. FSK: ab 12

Unter sehr dramatischen Umständen wird im Winter 1912 in einer kleinen norwegischen Stadt ein Mädchen geboren, während die Mutter stirbt. Nur langsam gewährt der Film einen Blick auf das haarige Baby. Das Entsetzen in den Gesichtern der Menschen deutet etwas an. Ebenso das Widerstreben des Vaters, das Kind anzunehmen. Denn Eva Arctander trägt dichtes Fell am ganzen Körper und auch im Gesicht. Doch der sehr großherzige Stationsmeister Gustav Arctander (Rolf Lassgård) findet eine Amme, die bei ihm einzieht, und lässt Eva mehr als behütet aufwachsen. Denn sehr wohl bewusst von der Aufmerksamkeit, die ein „Löwenmädchen" nicht nur in der Provinz erregt, darf Eva nicht aus dem Haus und sich nicht am Fenster sehen lassen. Ein erster Versuch, mit dem Kind in die Öffentlichkeit zu gehen, kippt nach vielversprechendem Beginn. Allerdings blitzt hier auch zum ersten Mal der unbeugsame Charakter des Mädchens auf.

Nach Erik Fosnes Hansen gleichnamigem Roman erzählt „Das Löwenmädchen" zuerst von den Gefühlslagen des liebevollen Stationsvorstehers. Die runde Inszenierung schafft es tatsächlich, im Detail diese extreme Situation des isolierten Aufwachsens zu vermitteln. Das ist rührend und bedrückend, die Musik verstärkt diese Stimmungen im grenzwertigen Maße. Dass Eva letztlich doch in einem Zirkus landet, der „Gesellschaft der Außergewöhnlichen" von Direktor Johannes Joachim (Burghart Klaußner), und mit anderen besonderen Menschen zur Schau gestellt wird, wäre ein trauriges Ende gewesen. Freundlicherweise zaubert die Geschichte noch ein Happy End aus dem Hut.

Eva erlebt viel: Den Gewalttaten grausamer Kinder folgen die Perversionen skrupelloser Wissenschaft, bei der Eva wirklich zum Ausstellungsobjekt wird. Allerdings bleibt das Innere der Hauptfigur seltsam bedeckt. „Das Löwenmädchen" erreicht selbstverständlich nicht die menschlichen Tiefen und den emotionalen Einschlag von David Lynchs „Elefantenmensch". Es bleibt eine bei allem Kampf und aller Ausgrenzung immer nur mäßig temperierte Geschichte.

Wie die Mutter, so die Tochter

Frankreich 2016 (Telle Mère, Telle Fille) Regie: Noémie Saglio mit Juliette Binoche, Camille Cottin, Lambert Wilson, Michaël Dichter 94 Min. FSK: ab 0

Das Zimmer der Mutter aufräumen - das ist mal was anderes! Und erst mal lustig, vor allem, wenn es Juliette Binoche ist, die als arbeitslose, 47-jährige Mado (Juliette Binoche) im Jugendwahn bei ihrer Tochter haust. Kippen, Alkoholfahne und erst früh morgens zuhause sein. Das nervt das brave Pärchen aus Tochter Avril (Camille Cottin) und deren langweiligem Freund, dem ewigen Studenten Louis (Michaël Dichter). Als Avril dann schwanger ist, wird die enge Lebens-Situation unerträglich ... komisch, dachten sich die Filmemacher in noch einer Variante französischer Familienkomödien. Dass die rotzfreche Lebefrau Mado noch selbst mit einer eigenen Schwangerschaft kontert, wobei der Vater ausgerechnet der schon lange getrennte Ex-Mann Marc Daursault (Lambert Wilson) ist, setzt dem ganzen Ulk die Krone auf.

Die beiden Stars Juliette Binoche und Lambert Wilson spielen gut überdreht in einer oberflächlich originellen aber letztlich nicht mehr als bemühten Komödie. Ein paar freche Scherze zünden, auch wie die hedonistischen sowie sehr unkonventionellen Alten die Fassade eines funktionierenden Paares übertreiben, ist deftiger Klamauk. Der Clash aus wilden Eltern und spießigen, langweiligen Kindern verhalt allerdings und irgendwann ist der Film auch so langweilig wie diese spaßfreie Generation. Der Scherz wiederholt sich nur noch wie das unendlich variierte Leitmotiv, der eigentlich schöne Chanson „Boum" von Charles Trenet. Und tatsächlich, da können die beiden dicken Bäuche nicht drüber hinweg täuschen, spielt Juliette Binoche als unreife (Groß-) Mutter die Alterstausch-Rolle vieler Hollywood-Vorlagen nach. Eine große Banalität, die sich, wenn alle Scherze verbraucht sind, von alleine in Wohlgefallen auflöst.

11.9.17

Logan Lucky

USA 2017 Regie: Steven Soderbergh mit Channing Tatum, Adam Driver, Daniel Craig, Seth MacFarlane, Katie Holmes, Hilary Swank 119 Min. FSK: ab 12

Steven Soderberghs Rückkehr zum Kino nach einem kurzen Flirt mit dem Pay-TV ist so sensationell, wie Soderbergh immer war: Statt „Ocean's Eleven" im glitzernden Vegas gibt es jetzt „Ocean's 7-Eleven" in West-Virginia, ganz volkstümlich benannt nach der Kiosk-Kette für Jedermann. Denn ein sagenhafter Raub wechselt an einem 7-Eleven seinen Besitzer ...

Der einfache Arbeiter Jimmy Logan (Channing Tatum) ist erst in einer Mine ganz unten, dann richtig als er seine Kündigung erhält, weil er unfallträchtig humpelt. Ohne Job wird es doppelt problematisch, dass seine Ex mit der geliebten Tochter und einem dämlichen Mustang-Händler in den nächsten Staat ziehen will. Deshalb plant Jimmy mit seinem einarmigen Bruder Clyde (Adam „Paterson" Driver) die Wochenend-Einnahmen einer benachbarten Nascar-Rennstrecke zu rauben. Also nicht Bonnie sondern Jimmy und Clyde. Das originell triste Brüderpaar braucht allerdings die Hilfe der Bleifuß-Schwester und eines Ex-James Bond, der als Panzerknacker im Knast sitzt.

Allein der Auftritt eines auch blondiert, tätowiert und etwas gehirn-amputiert sehr coolen Daniel Craig lohnt diesen Film. „Logan Lucky" ist wieder ein mehrschichtiger Soderbergh, der in seinem absurden Humor stellenweise von den Coen-Brüder sein könnte. Dabei fängt er ganz gemächlich an, wenn Jimmy seiner Tochter Sadie (Farrah Mackenzie) den John Denver-Song „Country Road" erklärt. Denn „Logan Lucky" unterhält nicht nur als grandioser Film über einen verrückten Raubzug. Gleichzeitig zeichnet er auch ein Porträt der Menschen im verarmten Staat West-Virginia. Das Kunststück des Regisseurs liegt darin, eine stupide lokalpatriotische Hymne zu demontieren und gleichzeitig ein wunderbares emotionales Finale damit zu gestalten. Dass Jimmy als „Redneck Robber" zu einem Robin Hood wird, dass letztlich die Besitzenden die eigentlichen Gewinner und Betrüger sind, passt zur grund-solidarischen und sympathischen Haltung des ganzen Films.

Denn West-Virginia ist nicht nur das tolle Land aus „Country Road", hier gibt es auch verseuchtes Grundwasser und viele Kriegs-Veteranen, die sich wie Clyde keine anständige Prothese leisten können. Das klingt ernst, ist aber nur der sorgfältig gezeichnete Hintergrund einer langen und langsam spannenden Vorbereitung, die von einer wahnsinnigen Knast-Revolte, weiteren irren Szenen und einer dicken Überraschung gekrönt wird.

Der Plan für den Raubzug ist als Papp-Modell nicht so schick wie bei „Ocean's Eleven", doch neben Soderberghs perfekter Inszenierung, seiner eleganten Montage und großartigen Kamera ist auch die darstellerische Ausstattung wieder vom Feinsten: Channing Tatum, Soderberghs „Magic Mike", ist hier als Papa vor allem ein Räuber der Herzen. Daniel Quaid zeigt im Chemieunterricht, wie man mit Gummibärchen und Bleichmittel eine Bombe bastelt. Katie Holmes macht als künstlich braune Ex von Jimmy Angst und Hilary Swank als unnachgiebige FBI-Kommissarin Hoffnung auf die Fortsetzung „Ocean's 7/12". Dieser großartige Wohlfühl-Film darf gerne verlängert werden.

6.9.17

Meine Cousine Rachel (2017)

USA, Großbritannien 2017 (My Cousin Rachel) Regie: Roger Michell mit Rachel Weisz, Sam Claflin, Holliday Grainger 106 Min. FSK: ab 6

Daphne du Mauriers Roman „Meine Cousine Rachel" erfährt eine neue Verfilmung nach der Version von 1952 mit Olivia de Havilland und Richard Burton. Packend gespielt und opulent inszeniert verfällt der junge Engländer Philip Ashley (Sam Claflin) der Witwe seines geliebten Vetters und Vormunds. Eigentlich will sich Philip nur an der Italienerin Rachel rächen, doch ihr Charme lässt die ganze Gesellschaft aufleben. Die um 1830 spielende, dramatische Liebes-Geschichte von Daphne du Maurier („Rebecca") überzeugt immer noch und besonders mit Rachel Weisz als Rachel. Regisseur Roger Michell („Jane Austens Verführung", „Hyde Park am Hudson") erfreut mit schönen Landschaften und historischer Ausstattung und lässt nachvollziehbar aus der mysteriösen Verführerin eine Frau werden, die um ihre gesellschaftliche Position kämpfen muss.

On the Milky Road

Serbien, Großbritannien, USA 2016 (Na mliječnom putu) Regie: Emir Kusturica mit Monica Bellucci, Emir Kusturica, Predrag Manojlović, Sloboda Mićalović 125 Min. FSK: ab 16

Emir Kusturica wurde in den 80er- und 90er-Jahren mit Preisen in Venedig („Schwarze Katze, weißer Kater"), Cannes („Time of the Gypsies", „Underground", „Papa ist auf Dienstreise") und Berlin („Arizona Dream") überhäuft. Der große Egomane, der in „Maradona by Kusturica" (2008) unbedingt mit Maradona Fußball spielen wollten, spielt nun mit Monica Bellucci und präsentiert wieder vertraute Reize seiner Werke: Pralles Tierleben („Schwarze Katze, Weißer Kater") und Bürgerkrieg („Underground"), burleskes Chaos im einfachen Volk, unterlegt mit Balkan-Klängen und durchlöchert vom Kugelhagel. Märchenhaftes, wenn die Realität unerträglich wird.

Kusturica spielt selbst den Milchmann Kosta, auf seinem Esel der stille Narr, der sich im Kriegs-Treiben treiben lässt, der unentschieden beobachtet und lange braucht, bevor er doch einmal handelt. Das schöne Pistolenweib Milena will ihn als Bräutigam. Aber er hat sich in die geheimnisvolle Italienerin Nevesta (Monica Bellucci) verliebt, die Milena für ihren Bruder, den Kriegshelden Žaga „eingekauft" hat. Zudem wird Nevesta von ihrem rachsüchtigen Ex-Mann, einem UN-General, gejagt.

Monica Bellucci, das älteste Bond-Girl aller Zeiten, sieht gut aus, trällert ein italienisches Liedchen und leidet als bedrohte Braut. Sie ist die Helena im jugoslawischen Bürgerkrieg, im Troja Kusturicas. Ja, auch diese verrückte Liebesgeschichte voller schön verrückter Figuren und traumhaft poetischer Situationen ist nicht frei von selbstverliebten Längen. Aber das teilweise groteske Theater ist auch reich an magischen Momenten. Die Tiersymbolik des Falken mit der freundlichen, milchgenährten Schlange, der Schwäne im Blutbad des frisch erlegten Schweines, ist eine ganz eigene Welt. Die Verwüstungen des Krieges, die erst durch einen UN-General richtig schrecklich werden, sind in einem verzweifelten poetischen Versuch dargestellt, wenn ein Schmetterling den mordenden Schergen, die vorher ein ganzes Dorf mitsamt der Bewohner abgefackelt haben, auf der Nase herum tanzt. Das Huhn, das eitel unablässig vor einem Spiegel rum hüpft, die riesige, durchdrehende Uhr aus Habsburger Zeiten, die nicht zu stoppen ist ... „On the Milky Road" schwappt über vor Bildern und Ideen. Ein bitteres Märchen und ein filmisches Spektakel - einzigartig wie Kusturica selbst.

4.9.17

Die Pfefferkörner und der Fluch des Schwarzen Königs

BRD 2017 Regie: Christian Theede mit Devid Striesow, Katharina Wackernagel, Marleen Quentin, Ruben Storck 99 Min. FSK: ab 0

Der Abenteuerfilm für Kinder beginnt wie die TV-Serie, die er eigentlich auch ist, und wird danach auch nicht besser: Rastlose Action für Kids startet mit einem Prolog vor Hamburg-Kulisse, danach dürfen die braven und angepassten Ordnungshüter in Kindergestalt zum Schulausflug nach Südtirol. Im Bergdorf verfärbt sich das Wasser und ein Stall brennt ab. Aus dem vermeintlichen Fluch wird die Spekulation eines Konzerns, der die Wasservorräte der Berge abgraben und verkaufen will. Der Konzern heißt nicht Nestlé, aber gemeint sind die Schweizer eindeutig.

Seit 1999 ermitteln die „Pfefferkörner" mit unterschiedlicher Besetzung, dies ist nun der lange Kino-Trailer für 14. Staffel. Rastlose Handlung mit den austauschbaren Figuren und wild durcheinander gemischte Elementen „großer" Genre-Filme wie „Indiana Jones" sowie moderner Technik-Ausstattung sorgen für seelenlose, glatte Unterhaltung mit extrem dick aufgetragener Musik.

Eine fantastische Frau - Una Mujer Fantástica

Chile, USA, BRD, Spanien 2017 (Una Mujer Fantástica) Regie: Sebastián Lelio mit Daniela Vega, Francisco Reyes, Luis Gnecco, Aline Küppenheim 104 Min. FSK: ab 12

Ein Paar feiert ihren Geburtstag mit aufwendigem Essen, einem Party-Abend und einer leidenschaftlichen Nacht. Dann wird dem älteren Orlando schlecht, voller Angst schleppt Marina ihn ins Krankenhaus, doch er ist dort schon tot. Die junge Frau (Daniela Vega) ist am Boden zerstört, rennt aus dem Krankenhaus weg... „Eine fantastische Frau" ist ein starkes Drama um Trauer und Familien-Streit, das in der sicheren Inszenierung von Sebastián Lelio ganz für sich selbst stehen könnte. Doch den Ärger, den die Geliebte Marina mit der Familie und der Ex des Verstorbenen hat, ist ein besonderer. Denn in Marinas Ausweis steht immer noch der Name Daniel. Die Geschlechtsumwandlung des Transsexuellen ist noch nicht abgeschlossen.

Orlandos Familie will Marina von den Trauerfeierlichkeiten ausschließen. Eine Kommissarin untersucht den Fall und Marinas Körper schikanös, der Gerichtsmediziner fotografiert wie im Zoo. Ein homophober Sohn des Toten schmeißt Marina aus der Wohnung, die sie gemeinsam mit Orlando hatte und entführt den Hund des Paares. Das Treffen mit Orlandos Ex-Frau läuft zwar zivilisierter ab, doch ihre Stiche sind raffinierter. So begegnen fast alle Marina mehr oder weniger unsensibel, eher mehr. Wenn nicht gar feindlich und sogar gewaltvoll.

Der Name Orlando taucht nicht zufällig auf: Sally Potter drehte bereits vor einem Vierteljahrhundert mit „Orlando" und Tilda Swinton eine Transsexuellen-Biografie nach Virginia Woolfs Roman, an der sich nicht nur die chilenische Gesellschaft noch ranarbeitet.

Schon vor vier Jahren beeindruckte der chilenische Regisseur Sebastián Lelio mit seinem starken Frauen-Porträt „Gloria". Nun erhielt „Eine fantastische Frau" bei der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären für das beste Drehbuch und den Teddy Award. Lelios neuer Film berührt und begeistert mit unglaublich starken und eindrucksvollen Bildern, wunderbaren Spiegel-Spielereien sowie grandiosen Musikeinsätzen. Ein besonders raffinierter Moment findet in einer gemischten Sauna statt - der Ort, an dem sich Marina in beiden Geschlechtsbereichen bewegen kann. Dabei sind Handlung und Kamera ist immer ganz nah bei Marina, die Hauptdarstellerin Daniela Vega trägt die Rolle eindrucksvoll. Sie ist im wahren Leben Schauspielerin, Sängerin und selbst transsexuell. Vega war zuerst nur als Beraterin am Projekt beteiligt und wurde für den Regisseur zur einzig möglichen Marina.

Dabei erzählt „Eine fantastische Frau" keineswegs eine rührende Leidensgeschichte. Marina ist tatsächlich eine fantastische Frau, eine sensible und starke Frau mit vielen Facetten von den hedonistischen Party-Nächten bis zu den Auftritten mit klassischem Gesangsrepertoire. So ist „Eine fantastische Frau" auch ein fantastischer, begeisternden und Mut machender exzellenter Film.

Barry Seal - Only in America

USA 2017 (American Made) Regie: Doug Liman mit Tom Cruise, Domhnall Gleeson, Sarah Wright 115 Min. FSK: ab 12

Unglaublich, aber wahr. Das gilt für die Geschichte des Piloten Barry Seal (1939-1986), der für die CIA Waffen und Drogen schmuggelte. Aber vor allem auch für den Hintergrund des Iran-Contra-Skandals, mit welchem der heutzutage geschätzte Präsidenten-Schauspieler Ronald Reagan Weltpolitik auf Cowboy-Manier betrieb.

Pilot Barry Seal (Tom Cruise) sorgt schon mal persönlich für Turbulenzen, weil ihm Linienfliegen so extrem langweilig erscheint. Da kommt Anfang der 80er Jahre der mysteriöse Mr. Schaefer (Domhnall Gleeson) von der CIA gerade recht: Er bietet Barry eine eigene Firma mit einem super-schnellen Propeller-Flieger an, um damit in Mittelamerika Rebellenstellungen auszuspionieren. Mit Aufdeckung des kleinen Zigarren-Schmuggels, den Barry nebenbei betreibt, braucht er gar nicht zu drohen. Denn diesen neuen Job erfüllt der Draufgänger mit wahnsinniger Begeisterung und zu größter Zufriedenheit. Auch als den immer optimistischen, auch kognitiven Tiefflieger irgendwann beim Nachtanken in Kolumbien ein paar Herren mit Schnäuzern und Pistolen bitten, hunderte Kilo Koks auf dem Rückweg mitzunehmen. Das kolumbianische Drogen-Kartell um Pablo Escobar macht mit Seals eine neue Schmuggelroute auf und alle schwimmen im Geld. Als dann die US-Regierung unter Reagan linke Rebellionen mit Waffenlieferungen untergraben will, hebt Barrys Unternehmen völlig ab: Eine ganze Luftflotte transportiert Drogen und Waffen. Allerdings auf Umwegen: Die Maschinengewehre landen bei Escobar in Kolumbien, denn die rechten Contras in Nicaragua wollen gar nicht kämpfen, nur Geschäfte machen. Und auch General Noriega in Panama bekommt noch seinen Anteil ab, um das Schurkenszenario der Freunde Reagans komplett zu machen. Irgendwann stapeln sich hunderte von Millionen Dollar jeweils in den Banken, die um den Wohnort von Barry Seals herum wachsen. Der Hund kann nicht mehr im Garten buddeln, weil überall Geldtaschen vergraben sind.

Doug Liman ist ein erfolgreicher Regisseur, der nach seinem ersten Erfolg „Swingers" (1996) mit „Jumper" (2008), „Mr. & Mrs. Smith" (2005) und „Die Bourne Identität" (2001) ins Action-Fach wechselte. Nun verfilmte er das abenteuerliche Lebensende von Barry Seal mit Tom Cruise als millionenschweren Star-Ballast, der verhindert, dass die unglaubliche Geschichte wirklich abhebt. Cruise ist zwar der richtige Darsteller für diesen eindimensionalen und eigentlich langweiligen Typen. Doch da man sich so nie wirklich für Seal oder seine geldgeile Frau interessiert, da der Film eher Farce als lustiger Thriller ist, wird alles schnell so kurzweilig wie ein langer Langstreckenflug nach Asien. Im Gegensatz zu Filmen, die damals noch versteckte schmutzige Seiten der Politik aufdecken wollen, dekoriert Zeitgeschichte hier nur den Hintergrund.

Seals Weg von der TWA zur CIA ist zwar anfangs flott erzählt und geschnitten, doch irgendwann geht der Autopilot an und die Passagiere können ruhig schlafen. Der naive Patriot und Idiot Seals agiert immer mal wieder unfreiwillig pazifistisch in seinem kriminellen Treiben, diese bekloppte wahre Geschichte ist weder packend noch politisch.

The Circle

USA, Vereinigte Arabische Emirate 2017 Regie: James Ponsoldt mit Emma Watson, Tom Hanks, Karen Gillan 110 Min. FSK: ab 12

Wenn Sie diese Filmkritik vielleicht auf irgendeine Weise digital lesen und demnächst Anzeigen für einen Roman von Dave Eggers auf den Schirm bekommen, ist das nur eine winzige Vorahnung der schönen neuen Digitalen Welt, die „The Circle" als bitterböse Zukunftsvision entwirft. Die Dystopie wurde mit Emma Watson als kluge, engagierte Aufsteigerin und Tom Hanks als zwielichtigem Steve Jobs-Double genial besetzt.

Die Versuchsanordnung startet überdeutlich: Die 24-jährige Mae Holland (Emma Watson) ist mehr als unzufrieden mit ihrem Service-Job am Telefon, ihr kleines Auto fällt auseinander, der schwer kranke Vater wird von der Krankenversicherung im Stich gelassen. Da ist der Job bei der alles überschauenden Medienfirma Circle perfekt: Nicht nur die fortschrittlichen Ideen und Techniken, die Aufbruchsstimmung auf dem (Arbeits-) Campus voller junger Leute begeistern. Die konzern-interne Gesundheitsabteilung kümmert sich auch noch um die Multisklerose des Vaters und sogar die Klapperkiste wird zum modernen Hybrid-Wagen.

Was hinter „The Circle", dem Kreis, steckt, wurde nicht sehr verrätselt: Die unübersehbare Ähnlichkeit mit dem neuen, kreisförmigen Gebäude der Firma Apple, der kindergarten-bunte Campus von Google, die süchtig machende, zwanghafte Soziale Plattform von Facebook. Die Auftritte des charismatischen Firmengründers Eamon Bailey (Tom Hanks) vor einer euphorischen Masse gläubiger Jünger kopieren die Shows von Apple-Gründer Steve Jobs eins zu eins. Bald mischt sich in den neuen Job von Mae Bedenkliches: Seltsame, fast roboterhaft freundliche Kollegen weisen die Neue darauf hin, dass sie der Firmen-Gemeinschaft ein großes Rätsel sei. Wenn Mae ganz alleine mit dem Kajak in der San Francisco-Bay unterwegs ist, erscheint ihnen das als Affront. Schließlich wird die junge Frau Gallionsfigur der Konzern-Philosophie, dass man sein Leben nicht der Öffentlichkeit vorenthalten dürfe. Der Film kippt, als Mae sich bereit erklärt, ihr ganzes Leben live ins soziale Netzwerk zu stellen, jede Minute völlig transparent zu sein. „The Circle" wird zur „Truman Show 3.1". Eine Flut von Reaktionen aus dem Netz pflastert nun die Leinwand zu, der reale Kontakt zur Familie bricht völlig ab. Die Überwachungs-Fantasie mit allgegenwärtigen Mini-Kameras im Geiste von Big Brother führt zu einen Menschenjagd auf eine Mörderin und dann auf einen alten Freund Maes.

Science Fiction ist ... wenn man es schon längst im Haus hat! „The Circle" ist von gestern, nicht nur weil er vor dem deutschen Start sehr oft und lange verschoben wurde. Eigentlich kein gutes Vorzeichen. Aber immerhin sind die Action-Szenen, die in einem der Trailer steckten, nicht mehr im Film zu sehen. Selbst wenn ein Großteil der Überwachung aus Dave Eggers Roman von 2013 damals schon gängig war und selbst wenn einige Argumente, mit denen der Film vorangetrieben wird („Privatsphäre ist Diebstahl") zu schnell behauptet sind, das gar nicht besonders futuristische Gedankenexperiment von „The Circle" reizt. Der eine Account für alles, die eine Firma für alles, die auch noch die nächsten Wahlen übernehmen will und schon jetzt Politiker stürzt - da steckt ein ganzer Haufen von sozialen und politischen Folgen drin. Trotz einiger nicht überzeugender Schlüsse packt die hell leuchtende und doch bedrohlich düstere Zukunftsvision dank einer engagierten Hauptfigur, gespielt von der sehr engagierten Schauspielerin und UN-Sonderbotschafterin für Frauen- und Mädchenrechte Emma Watson. Das Update von Orwells „1984" ist auch mit Tom Hanks sehr, sehr gut besetzt. Also nicht nur prominent und fähig, sondern im Typ frappant passend: Der sympathische Hanks als großer Verführer mit üblen Absichten funktioniert bestens. Aber auch wenn einige bizarre Ideen, wie Kindern Tracking-Chips in Knochen einpflanzen zu wollen und alle Leute mit Fitness-Armbändern auszustatten, haften bleiben, das beste Argument gegen eine Machtübernahme der „wahren Demokratie" sozialer Medien ist ein Blick auf die Meinung des Volkes in Facebook oder den digitalen Kommentar-Spalten.

29.8.17

Auguste Rodin

Frankreich 2017 (Rodin) Regie: Jacques Doillon mit Vincent Lindon, Izïa Higelin, Séverine Caneele 119 Min

Direkt zu Anfang spannen sie den Konflikt auf: Rodin (Vincent Lindon), ein alter, müder Künstler, und die wache, lebendige Camille Claudel (Izïa Higelin), die beständig klein gehalten wird. Auguste Rodin benennt seine Modelle nicht mit Namen, sondern mit Körperteilen oder Haarfarben, sie müssen sich biegen und winden. Ihn selbst sieht man bei diesem hauptsächlich im Atelier spielenden Künstlerfilm getrieben bei der Arbeit mit dem Ton und von Selbstzweifeln. Eine Haltung für die der Schauspieler Vincent Lindon („Der Wert des Menschen", „Ohne Schuld") selbst ein Jahr lang Unterricht bei einem Bildhauer nahm. Was er in Sachen Sexbesessenheit getan hat, steht nicht im Presseheft, denn das Bio-Pic beschäftigt sich viel mit dem nicht besonders interessanten oder genialen Leben eines Machos, der immer mehrere Frauen hinhält. Selbstverständlich muss im Leben von Auguste Rodin (1840 – 1917) das Unverständnis der etablierten Kunst-Szene und seine Inspiration durch die mutige Assistentin Camille Claudel vorkommen. Es werden mehrere seiner bekannten Werke vorgestellt, diskutiert und verteidigt. Immerhin gönnt die traurige Biografie Claudel neben ein paar Zickenkriegen ein eigenes Drama der unterschätzten und nur als Geliebte geduldeten Künstlerin. Dieses Arbeitskammerspiel, dieser Atelier-Film, bei dem wenig Spiel ist, hat leider nichts mehr von der Radikalität der früheren, persönlicheren Filme Doillons.

Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt

BRD 2017 Regie: Arne Feldhusen mit Charly Hübner, Detlev Buck, Marc Hosemann, Annika Meier, Bjarne Mädel 111 Min. FSK: ab 12

Herr Lehmann geht auf Techno-Tour: Autor Sven Regener setzte mit seinem Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt" die Geschichte seines Protagonisten aus „Herr Lehmann" fort. In Leander Haussmanns Verfilmung aus dem Jahr 2003 spielte Detlev Buck Karl Schmidt, der in der Psychiatrie endete. Nun, Mitte der 1990er-Jahre, finden wir Karl Schmidt - diesmal klasse gespielt von Charly Hübner - in einer Hamburger Reha-WG mit Ex-Alkis und -Drogensüchtigen. Mit stoischer Seltsamkeit pflegt Schmidt tagsüber Tiere und lauscht dem penetranten Betreuer Werner Meier („Tatortreiniger" Bjarne Mädel). Richtig seltsam wird es allerdings, als Schmidts Kumpel von früher auftauchen, die mittlerweile bei ihrem Berliner Techno-Label „Bumm Bumm-Records" mit Geld „zugeschissen werden".

Bumm Bumm-Boss Ferdi (Ex-Schmidt Detlev Buck) hat die geniale Idee, dass der Abstinenzler Karl der beste Roadie für die kommende Tour wäre. Weil er der erste war, der wegen „Techno in der Klapse war, da hieß das noch nicht mal Techno!" Im herrlich albernen Hin und Her zwischen China-Lokal, Club und Büros fragt man sich angesichts dieser herrlich spinnerten Typen unter Leitung von Ferdi/Buck, wer jetzt wirklich Therapie und Betreuung bräuchte. Sie reden selbstverständlich auch von der Liebe, die in der Musik stecken soll. Deshalb heißt die Tour, auf der ein immer weniger ausgeschlafener Schmidt die Truppe immer morgens um 8 aus den Clubs fegen soll, wo der Rave noch lange nicht zu Ende ist, auch in Anlehnung an die Beatles „Magical Mystery".

Im freundlich melancholisch Blick auf alle Beteiligten hat das sanft komödiantische Road-Movie „Magical Mystery" viele Ähnlichkeiten mit Cameron Crowes autobiografisch eingefärbtem, genialen Tour-Film „Almost Famous". Dabei entwickelt sich die Magical Mystery-Tour zur Chaos-Tour von heftigen Kiffern, Koksern und Säufern sowie einem Abstinenzler. Die Truppe kommt schon aus dem ersten Kreisverkehr nicht mehr raus und man selber nicht aus einem Dauergrinsen.

Zeit-Kolorit grüßt mit mobilen Telefonen so groß wie Bügeleisen, Faxe piepsen noch, wenn die neuen Charts-Listen reinkommen, geraucht wird immer und überall. Die mitreisenden Meerschweinchen werden Kruder und Dorfmeister getauft, die lebende Legende Hans Nieswandt („From: Disco To: Disco") tritt persönlich auf. Und selbstverständlich kennt „Element of Crime"-Musiker Sven Regener die Szene persönlich.

„Manchmal bewegt sich einer nicht, aber dann ist er noch lange nicht tot." Diese Betrachtung aus Schmidts Tierleben ist selbstverständlich auf ihn selbst gemünzt. Viel bewegt er sich zwar nicht, während die anderen wild rumhibbeln. Doch langsam und vorsichtig nähert er sich der burschikosen DJane Rosa (Annika Meier) an, die sich direkt an ihm interessiert zeigt. Geradezu zärtlich begleitet der Film auch Karl Schmidt weiter, der schließlich wieder in Berlin ankommt. Tolle Schauspieler, denen man mit und ohne Bekanntheit diese Typen direkt abnimmt, reichen, um ihrem Lebens-Flow eine Regener-Tour lang mit Sympathien zu verfolgen.

28.8.17

The Comedian (2016)

USA 2016 Regie: Taylor Hackford mit Robert De Niro, Leslie Mann, Harvey Keitel, Danny DeVito, Billy Crystal 120 Min. FSK: ab 12

Der „King of Comedy" ist wieder da! 35 Jahre nachdem Robert De Niro in Scorseses Film einen wahnsinnigen Fan des echten Komödianten Jerry Lewis spielte, darf De Niro in einem wunderbaren Film von Taylor Hackford („ When We Were Kings") komödiantisch die Sau raus lassen.

Ausgerechnet eine Woche nach dem Tod der Komiker-Legende Jerry Lewis erinnert De Niros Rolle an den tollen Scorsese-Film. Allerdings ist „The Comedian" so satt voller Stars und alten Bekanntheiten, da war die Chance auf einen prominenten Todesfall nicht besonders klein. Womit wir beim bösen Humor des Films und von De Niros Figur Jackie Burke wären. Populär ist er wegen einer alten Serie, die mittlerweile zu seinem Fluch wurde. Bei jedem Auftritt als bissiger Stand Up-Comedian wollen immer ein paar Leute die Jahrzehnte alten Sprüche hören. Als Burke nach vielen verbalen und einer handfesten Attacke auf einen dummen, respektlosen Blogger-Idioten zu Sozialstunden verurteilt wird, trifft er in der New Yorker Suppenausgabe auf Harmony Schiltz (wunderbar: Leslie Mann). Eine aufbrausende, herrlich wütende und emotionale Frau, die ihren Ehemann und dessen Geliebte treffend zugerichtet hat. Die wenig harmonische Harmony und Burke helfen sich gegenseitig als Anstandsdamen bei Familienfeiern aus, dabei sind beide nicht gesellschaftsfähig, Burkes Scherze dabei nicht nur schmutzig, sondern auch grenzwertig. Das ist ein großes Spektakel und gleichzeitig tief traurig.

Denn Burke hat eine Haltung, auch wenn er sie sich nicht leisten kann. Er kommt mit seiner ehrlichen Art auch im Seniorenheim an, weil er die Alten als einziger nicht in Watte und Windeln einpacken will. Seine auch nicht nett behandelte Managerin bringt es auf den Punkt: „Willst du einen Job oder ein Arschloch sein?" Seine Antwort: „Muss ich wählen?"

Burkes Bruder und seine Schwägerin können nicht verhindern, dass dieses exzellente Schandmaul ein paar provokante Worte bei der Hochzeit der lesbischen Nichte (Lucy DeVito) sagt. Dabei sind die Szenen mit deren (echtem) Vater Danny DeVito bester Komödienstoff. Überhaupt versammelt der Film gleich fünf oder mehr Oscar-Kandidaten. In einem von mehreren Giganten-Treffen machen die Scorsese-Kumpels Harvey Keitel und De Niro böse auf „Vater der Braut". Billy Crystal spielt Billy Crystal und macht Burke auf die typisch gehässige Art der Komödianten dieses Films an, während der Kellner zwischen den beidem im Aufzug mühsam eine unbewegte Miene bewahrt.

Vor allem aber ist „The Comedian" etwas, was man alle paar Jahre braucht, um zu sehen, was wirklich gute Komödien sind: Mit viel Herz und Verstand, das richtige Tempo, perfekt gespielt, begleitet von einem stimmungsvollen Jazz-Score. Taylor Hackfords Meisterstreich, diese Tragik-Komödien-Tragödien-Komödie hat die Melancholie, das feine Mitgefühl wie Billy Wilders „Das Appartement".