13.12.17

Star Wars: Die letzten Jedi

USA 2017 (Star Wars: The last Jedi) Regie: Rian Johnson mit Mark Hamill, Carrie Fisher, Adam Driver, Daisy Ridley, John Boyega, Oscar Isaac, Lupita Nyong'o, Andy Serkis, Domhnall Gleeson, Anthony Daniels 151 Min.

Spielen wir mal Science Fiction, nehmen wir an, jemand hätte die letzten Kino-Jahrzehnte krypto-verschlafen. Dabei zwar in den vergangenen Monaten als Science Fiction-Fan einiges Aktuelles gesehen, und dann jetzt dieser „Star Wars". Wie würde jemand, der einfach einen guten Film sehen will, das erleben und der seltsamen Aufregung um ihn herum trotzen können?

„Star Wars: Die letzten Jedi" zeigt als Vorspeise direkt gewaltige Feuerkraft in einem Weltall-Gefecht. Die letzten der Rebellen - heute würde man Terroristen sagen - versuchen der Übermacht einer kalten Diktatur zu entkommen. Autor und Regisseur Rian Johnson, der für diesen Mittelteil der dritten Trilogie mal kurz mit Star Wars spielen darf, vermischt flott Comedy und Märtyrertod. Es fängt eigentlich wieder mit dem klassischen Finale an, ein übermütiger X-Wing-Pilot zerstört ein riesiges Schlachtschiff.

Nach fast einer Stunde springt etwas Handlung an: Während die Nebenfiguren, die jungen Rebellen aus Teil VII auf der Suche nach einem Hacker in einem intergalaktischen Las Vegas voller kreatürlicher Waffenhändler landen, geht den letzten drei Widerstands-Schiffen auf der Flucht der Treibstoff aus. Doch das Herz der Geschichte, in der das Wort „Hoffnung" fast so oft fällt wie „Jedi", ist der mythische Lehrgang der jungen Rebellin Rey (Daisy Ridley) beim unwilligen Meister Luke Skywalker (Mark Hamill). Er will von den Jedis nichts mehr wissen und knabbert noch an seinem Anteil an dieser komplizierten Familiengeschichte mit einigen schwarzen Schafen.

Da die sich schon über einige Generationen und Galaxien spannt, sind neben den finanziellen (wegen Disneys Milliarden-Kauf von Star Wars) auch die Erwartungen an haufenweise Figuren und deren Nachwuchs zu erfüllen: So gibt es nach der geradezu albernen Retro-Hymne von Komponist John Williams noch immer diese schräge Schrift mit dem Märchen aus einer fernen Galaxie. Während Wiedersehen mit Luke, Prinzessin Leia (Carrie Fisher), sogar Meister Yoda und R2 gefeiert werden, kommt die Handlung nur schleppend in die Gänge.

Die Kraft („The Force") wird dabei esoterisch, was in einer metaphysischen Verbindung zu spannenden telepathischen Gespräche zwischen den neuen Antagonisten Kylo Ren (Adam Driver) und Rey (Daisy Ridley) führt. Überhaupt gibt es erstaunlich viel Dialog, das Gute und das Böse sind ungewöhnlich ambivalent. Was auch Lichtgestalt Luke mit einschließt. Aber selbstverständlich kommen die Lichtschwerter nicht zu kurz, wobei eine asiatisch beeinflusste Kampfeinlage mit roten Samurai und viel anderem Lichtwaffen-Gedöns eindrucksvoll den Anfang vom Ende einläutet. Das kann sich ansehen lassen, selbst wenn man kein Fan ist.

Rot dann auch der ästhetisch beeindruckende Akzent im Finale auf einem Salz-Planeten. Rian Johnson gelingt vor allem dort ein großes, bewegendes Finale, ein atemberaubendes Schlussbild mit gewaltigem Cliffhanger, den er seinem Vorgänger und Nachfolger J.J. Abrams für dessen Abschluss der dreifachen Trilogie hinterlässt. Eine wirkliche Hoffnung für die eher simpel strukturierte und racheversessene Kinolandschaft liegt im Schlusswort: Wir bekämpfen nicht, was wir hassen, sondern wir retten, was wir lieben!

12.12.17

Die kanadische Reise

Frankreich, Kanada 2016 (Le Fils de Jean) Regie: Philippe Lioret mit Pierre Deladonchamps, Gabriel Arcand, Catherine De Léan 98 Min. FSK: ab 6

Der 33-jährige Pariser Mathieu erhält aus heiterem Himmel einen Anruf aus Kanada, sein leiblicher Vater, den er nie gekannt hat, sei tot und habe ihm ein Päckchen hinterlassen. Spontan fliegt Mathieu nach Kanada, wo ihn in Montreal Pierre, der Überbringer der Todesnachricht und ein Freund des Verstorbenen erwartet. Die seltsame Anweisung: Zwei Halbbrüder wüssten nichts vom weiteren Sohn, es solle auch geheim bleiben. So erlebt Mathieu die aggressive Stimmung unter den zerstrittenen Brüdern, die in einem See nach der Leiche des Vaters suchen, um sich des Erbes zu vergewissern. Man spürt jenseits dieser cholerischen Idioten ein Geheimnis im Raum.

„Die kanadische Reise" ist ein ruhiger, ungewöhnlicher Familienfilm basierend auf einem Roman des Bestseller-Autors Jean-Paul Dubois. Regisseur Philippe Lioret („Die Frau des Leuchtturmwärters", „Welcome") begleitet den Protagonisten lange ziellos, um dafür am Ende mit allen Offenheiten umso rührender zu sein.

Leaning into the Wind - Andy Goldsworthy

Großbritannien, BRD 2016 Regie: Thomas Riedelsheimer 97 Min. FSK: ab 0

Bereits in seinem wunderbaren „Rivers & Tides" begleitete Thomas Riedelsheimer den in Schottland lebenden und arbeitenden Land art-Künstler Andy Goldsworthy über mehrere Jahre hinweg mit seiner Kamera. Mittlerweile ist Goldsworthy weltberühmt, die Kunstbücher seiner sehr vergänglichen Installationen findet man überall. Und Riedelsheimer zeigt in einem wieder sehr schönen Dokumentarfilm eine neue Phase dieses Schaffens: Es ist erneut das besondere Auge des einfachen, bescheidenen Goldsworthy, der besondere Strukturen, Farben und Materialien in der Natur findet und spielerisch für filigrane Arrangements gestaltet. Und der Kampf mit den Elementen, etwa die „Verkleidung" dunkler Steine mit gelben, nassen Blättern, die vom Wind verweht wird. Oder ein poetische Geschichte von Findlingen, die mit den Gletschern in ihre neue Heimat reisten. Die stellen allerdings direkt eine neue Dimension der Arbeiten von Goldsworthy dar: Er schildert seine Faszination für tote, umgefallene Bäume, aber man sieht ihn tatsächlich mittlerweile mehr in Städten. Zudem kommen Kräne und Kreissägen ins Bild, die Arbeiten wurden aufwändiger, benötigen helfende Hände.

„Leaning into the Wind" reflektiert Leben und Arbeit, unerwartete Ereignisse lösen die Klarheit seiner Werke auf. Der vertraute Umgang mit dem Regisseur führt zu entspannten, sehr offenen Aussagen etwa über den Ursprung seines Arbeitens in der Landwirtschaft und gewährt auch Momente des Scheiterns. Die Zusammenarbeit Goldsworthys mit seiner Tochter Holly gibt der Kunst und der Person eine neue Dimension.

Aus ganz simplen und trotzdem tollen Ideen, sich immer wieder vor einem Regen auf einen Bürgersteig zu legen und beim Aufstehen seine trockne Silhouette zu hinterlassen, entsteht eine seiner betörend schönen Naturkunstwerke, „Sleeping stone". Ein aus Stein geschnittener Leerraum einer Person (Goldsworthy), die in rauer Landschaft schläft. Das wird kongenial begleitet durch die Filmideen von Riedelsheimer, sie haben beiden den gleichen spielerischen Witz in der Inszenierung, wenn etwa die Schafe den Aufbau einer weißen Decke in schlammig grüne Weide beobachten, die sie - die Schafe - später mit ihren verdreckten Hufen zu einem Kunstwerk machen. Das ist alles nämlich auch immer wieder umwerfend komisch (den Abspann bitte nicht übersehen!) und damit weit entfernt von „hoher Kunst". Zur Vollendung dieser sehr intimen Annäherung an diesen einzigartigen Künstler stammt die Musik wieder - sehr dezent - von Fred Frith, über den Riedelsheimer ja auch ein unglaublich passendes Filmporträt („Step across the border") gemacht hat. Gerade das Vergängliche und das genial-verrückt Spontane in Goldsworthys Kunst, macht diesen Film zu einem Glücksfall, lässt spüren, dass Film einzig und allein für solche Momente gemacht ist.

Lieber Leben

Frankreich 2016 (Patients) Regie: Grand Corps Malade, Mehdi Idir mit Pablo Pauly, Soufiane Guerrab, Moussa Mansaly, Nailia Harzoune 112 Min. FSK: ab 6

Mit Leichtigkeit, Optimismus und Lebensfreude erzählt „Lieber Leben" die Krankengeschichte des französischen Poetry-Slam-Künstlers Grand Corps Malade nach dessen Roman „Patients". Der sehenswerte Film hält sich dabei ebenso angenehm von üblichen Erfolgs-Biografien wie von den Krankheitsfilm-Klischees fern.

Ganz subjektiv wird der Moment des Aufwachens aus der Perspektive des plötzlich gelähmten Benjamin erzählt. Auch wenn wir nur Neonröhren und ab und zu ein medizinisch besorgtes Gesicht sehen, macht der ruppige Spruch „Von wem ist dieser Tetra hier?" alles klar: Benjamin (Pablo Pauly) gehört zu den vielen, die nach einem übermütigen Kopfsprung in zu flaches Wasser querschnittgelähmt sind. Nun erleidet er vor allem einen schwer erträglichen, banal fröhlichen Pfleger, der mit Benjamins elektrisch verstellbarer Rückenlehne spielt und ihn permanent in der dritten Person anredet. Der „Patient" ist halt ein junger, hoffnungsvoller Sportler, dem man die ästhetischen Vorbehalte gegen Stützstrümpfe und flauschige Schon-Schuhe als Hauptproblem abnimmt. Ein optimistischer Typ, der lange glaubt, dass er bald wieder Basketball spielen und auf Sportlehrer studieren wird.

Die negative Perspektive seiner Ärztin ist zwar niederschmetternd, doch streichen Sie hier unbedingt all die Hollywood-Streicher aus dem Kopf, die jetzt immer einsetzen. Auch die wundersame „Trotzdem"-Wende zum Guten und die Hymne des „Niemals Aufgeben" erspart uns der sympathisch geerdete Film mit seiner ebensolchen Hauptfigur. Wer jetzt einen platten Witz rausliest - geerdet / Rollstuhl - ist direkt im Ton der Tetra-Truppe rund um Benjamin in dieser Reha-Klinik.

Die Stimmung auf der Station der Querschnittsgelähmten, die Freundschaften und die Spannungen untereinander, der ruppige Ton, auch Spaß mit „Tetra-Boxduellen" (trotz wenig beweglichen Armen) machen aus „Lieber Leben" tatsächlich einen unterhaltsamen, witzigen und fast schon leichten Film. Und auch wenn er nicht die emotionale Gewalt von Julian Schnabels „Schmetterling und Taucherglocke" an den Tag legt, bewegt er trotzdem. Denn nebenbei gibt es auch die scheinbar ganz banalen frustrierenden Situationen, wenn etwa der elektrische Rollstuhl nicht mehr fährt und keiner zur Hilfe kommt. Vor allem Benjamins neuer Freund Farid (Soufiane Guerrab), der schon seit vielen Jahren mit dem Rollstuhl lebt, und nach einer Operation noch einmal zur Reha da ist, zeigt den „Anfängern" Perspektiven für ein Leben mit Querschnittslähmung auf. Und dann gibt es selbstverständlich noch die schwierige Liebe zur schönen Samia, die ebenfalls im Rollstuhl sitzt.

Wie die filmischen Betonungen besonders bewegender Szenen, bleibt auch der Einsatz von Rap- und Hiphop-Musik dezent in diesem ruhigen Fluss. Der Film endet damit, dass Benjamin die Reha-Klinik verlässt. Der Autor Grand Corps Malade - „großer, kranker Körper" - wurde nach seiner Reha mit einer Krücke als Markenzeichen zum bekannten Poetry-Slamer und hat mittlerweile mehrere Alben aufgenommen. Das Video mit dem Song „Espoir adapté" zeigt ihn selbst in einem mal sehr netten „Making of" des Films.

11.12.17

Meine schöne innere Sonne

Frankreich, Belgien 2017 (Un beau soleil intérieur) Regie: Claire Denis mit Juliette Binoche, Xavier Beauvois, Valerie Bruni-Tedeschi, Gérard Depardieu 94 Min. FSK: ab 12

Im Alter von 70 Jahren dreht die bekannte französische Regisseurin Claire Denis, die seit ihrem Erstling „Chocolat - Verbotene Sehnsucht" (1987) zahlreiche immer wieder neu spannende Filme inszeniert hat, ihre erste Komödie. Die ist nicht komisch, nur seltsam. Bei Claire Denis („35 Rum", „Beau Travail", „Nénette et Boni") war die Liebe schon mal so verzehrend, dass in ihrem genialen Vampirfilm „Trouble Every Day" (2001 mit Beatrice Dalle, Vincent Gallo und der Musik von Tindersticks) tatsächlich der Geliebte gebissen und verspeist wurde. Doch zu „Meine schöne innere Sonne" fällt einem nur dieses furchtbar blöde Vorurteil vom geschwätzigen französischen Film ein. Ausgerechnet der komplizierteste von drei bis vier selbstverliebten Männern, mit denen sich der Binoche-Charakter das Leben schwer macht, sagt: Siehst du, manchmal muss man gar nicht reden!

Und diese in Liebesdingen völlig orientierungslose Isabelle sagt nach der ersten verunglückten Sex-Szene im ersten Satz gleich alles: „Ist das mein Leben? Ich möchte Liebe!" Was untertrieben ist: Die Malerin Isabelle sucht verzweifelt nach Liebe. Deswegen „verliebt" sie sich in den ekligen Banker, einen beschissenen, selbstverliebten Idioten. Wobei es sie anfangs wenigstens anmacht, mit einem „Mistkerl" im Bett zu sein. Der ihm folgende jämmerliche Schauspieler klagt direkt über seinen Alltagstrott, windet sich dauernd und ist schon beim Zuschauen nach wenigen Minuten unerträglich. Verzweifelt, verdreht, kompliziert - Isabelle muss wirklich am Ende sein, um das auszuhalten. Dazu sind alle diese Männer sehr offensichtlich eindimensional, selbst Freunde und ein Hellseher wollen sich mit ihren Ratschlägen nur selbst in Stellung bringen.

Mit ganz hohen Stiefeln und einem selbst im Winter sehr offenen Dekolleté verkörpert die Binoche („Die Wolken von Sils Maria", „Caché") Isabelles verzweifelte Beziehungssuche, ohne dass man dem französischen Star diese Rolle abnimmt. Schon gar nicht, dass ihr „Liebesleben mit vierzig zu Ende" sein soll. So ist auch der Film in seiner linearen Abfolge falscher Männer, wenig emotional, schwer erträglich und im besten Fall rätselhaft.

6.12.17

A Ghost Story

A Ghost Story

USA 2017 Regie: David Lowery mit Casey Affleck, Rooney Mara 93 Min. FSK: ab 12

Wenige, intensive Szenen beschreiben das Leben eines jungen Paares bis er (Casey Affleck) bei einem Unfall stirbt. Nach dem Besuch der ebenfalls namenlosen Frau (Rooney Mara) in der Leichenhalle steht er auf und kehrt unter dem Bettlaken als Geist zurück nach Hause. Klingt schräg, könnte albern wirken, ist aber dank einem amateurhaft wirkenden 4:3-Format und der sonstigen, sehr stringenten und guten Inszenierung ein ungemein packender und bewegender Film. Fantastisch statt unheimlich, irritierend statt erschreckend.

Als stiller, für alle Lebenden unsichtbarer Beobachter begleitet der Geist unter dem Betttuch Alltag und Trauer seiner Witwe. Casey Affleck spielt uneitel meist ohne Gesicht, man sollte ihm einen Oscar geben, damit er den auch unter einem Bettlaken entgegen nimmt. Rooney Mara allerdings erspielt sich mit diesem ergreifenden Fast-Solo tatsächlich den Anspruch auf weitere Auszeichnungen.

Regisseur David Lowery, der vor dem Disney „Elliot, der Drache" (2016) den hochgelobten „The Saints - Sie kannten kein Gesetz" (2013) inszenierte, setzt Schwarzblenden sowie Szenen ohne Ton ein und fordert vor allem Geduld. Das kennt man vom Horror der „Paranormal Activity"-Serie, doch „A Ghost Story" ist als mutiger Arthouse-Film nur uneigentlicher Horror für Horror-Fans. Legendär wird die Szene werden, in der Rooney Mara einen kompletten Apfelkuchen aufisst. Wer weiter schaut, sich auf die meditativen Abläufe einlässt, erlebt einen verspielten Umgang mit Zeit, losgelöst aus subjektiver Wahrnehmung. Wenn sich die Geister / Bettlaken benachbarter Häuser stumm (mit Untertiteln) unterhalten und gar nicht mehr wissen, auf wen sie warten, ist das ebenso komisch wie faszinierend. Dazwischen sehr schön berührende Liebesszenen in Rückblenden oder in Einsamkeit. Letztlich erleben wir mit dem Geist das Kommen und Gehen in einem über die Jahre verfallenden Haus, eine Reflexion der Zeit mit einigen Überraschungen und Endlosschleife. Aus dem Mann wird ein „genius loci", ein Geist des Ortes. Ein ungewöhnlicher, äußerst faszinierender Film, der begeistern kann.

Daddy's Home 2

USA 2017 Regie: Sean Anders mit Mel Gibson, Mark Wahlberg, Will Ferrell 100 Min.

„Mad Max" gegen die Weihnachts-Klebrigkeit. Eigentlich ein schöner Filmtitel. Doch das Ende ist grausam, selbst Mel Gibson, dem Antisemitismus, Schlägereien und vor allem alkoholisiertes Autofahren vorgeworfen werden, kann in einer sehr persönlichen Darstellung eines Dirty Old Man der Zwangshaft dieser Patchwork-Familie nicht entkommen. In „Daddy's Home" wurde der übertrieben raue Muskel-Macho Mark Wahlberg als Dusty Mayron in die Familie seines übertrieben weichlichen und weinerlichen Nachfolgers Brad Whitaker (Will Ferrell) integriert. Im zweiten Aufguss dienen die völlig übertriebenen US-Weihnachten als Kulisse für eine Doppelung, weil die jeweiligen Väter anreisen: John Lithgow gibt einen noch lächerlicheren Opa und Mel Gibson ist der Space Shuttle-Pilot Kurt Mayron, die zynische, rücksichtlose und sexistische Hoffnung in dieser schlappen Komödie. Komisch ist bei ihr höchstens die orgiastische Zerstörung überbordender Weihnachtsdekoration mit einer Schneefräse. Drei Generationen, die alle den gleichen arg vereinfachten Konflikt zwischen Anpassung und Außenseitertum vorspielen, ermüden eher als dass sie unterhalten. Deswegen könnte ein richtig dreckiger Macho vom alten Schlag erfrischend anders sein, aber wie gesagt, der Mann, der Jesus in seinem Film „Die Passion Christi" stundenlang ausführlich und sadistisch folterte, küsst nun zu Weihnachten seinen erwachsenen Sohn ausführlich und leidenschaftlich auf den Mund. Das will man nicht sehen.

5.12.17

Die Lebenden reparieren

Frankreich, Belgien 2016 (Réparer les Vivants) Regie: Katell Quillévéré mit Tahar Rahim, Emmanuelle Seigner, Anne Dorval, Bouli Lanners 104 Min. FSK: ab 12

Voll das Leben - sinnlich und wunderbar, wie der junge Simon mit den Freunden an die Küste fährt und morgens in der Brandung surft. Dann der Tod auf der Rückfahrt im Auto. Hirntod im Krankenhaus, aber sein Herz schlägt noch. Was es den Eltern nicht einfacher macht, den Körper zur Organspende frei zu geben. Schon in den ersten rauschhaften Minuten auf dem und unter Wasser spürt man das großartige Filmemachen von Katell Quillévéré („Die unerschütterliche Liebe der Suzanne", „Ein starkes Gift"). Sie zeigt in der Verfilmung von Maylis de Kerangals Roman „Réparer les vivants" („Die Lebenden reparieren") minutiös die Abläufe in den Krankenhäusern. Dann ungewöhnlich die Rückblende zu einem wunderschönen Verlieben, was den Verlust für Eltern und Freundin unerträglich spürbar macht.

Die heftigen Gefühle werden gelebt von außergewöhnlich guten Schauspielern wie Emmanuelle Seigner („Venus im Pelz", „In ihrem Haus") und Tahar Rahim („Heute bin ich Samba", „Ein Prophet"). Der Lütticher Regisseur und Schauspielstar Bouli Lanners spielt ungewöhnlich bürgerlich den Chefarzt, der den Eltern die Situation des Sohns vermitteln muss. Was bedeutet „hirntot"? Ist das anders als ein Koma? Dabei versucht der sensible Arzt angesichts der zusammenbrechenden Angehörigen sachlich seine Arbeit zu machen. Und dann muss sein Kollege die völlig deplatzierte Frage nach der Organspende stellen. Deplatziert, brutal, unsensibel, aber lebensrettend für jemand anderen.

Im zweiten Teil bewegt die Geschichte der Mutter Claire mit ihren beiden sehr fürsorglichen, fast erwachsenen Söhnen. Eine degenerative Herzkrankheit macht sie langsam und zur alten Frau. Die allerdings noch mal ihre ehemalige Geliebte und jetzt berühmte Konzert-Pianistin trifft. Ein Spenderherz könnte Claire retten. Das klingt wie eine sachliche Dokumentation über die Segnungen der Organtransplantation. Doch auch wenn es tatsächlich als starkes Plädoyer für den eigenen Spenderausweis wirkt, ist „Die Lebenden reparieren die Toten" vor allem ein umwerfender Film mit viel mehr und stärkeren Emotionen als laute Produktionen, die mit viel (künstlichem) Gefühl werben. Ein großer Film voller Momente zum Vergehen, starken Songs, die man direkt auf der eigenen Playlist haben will. Dabei gibt es keine Diskussion über den unendlich schweren Entschluss, nur Film und seine enormen Mittel, welche die Entscheidung vermitteln. Es sind Feinheiten wie der Wunsch der Mutter, man möge Simon seine Augen lassen, die in all dem Großartigen des Films immer wieder erneut tief treffen. Die Operationen der offenen Herzen verlaufen hier nahezu poetisch.

4.12.17

Zwischen zwei Leben - The Mountain between us

USA 2017 (The Mountain between us) Regie: Hany Abu-Assad mit Idris Elba, Kate Winslet, Beau Bridges 112 Min. FSK: ab 12

Die scheinbar nicht zusammen passenden Partner, die durch kleinere bis mittlere Katastrophen auf einsamer Insel, in einsamer Hütte oder sonstwo auf jeden Fall einsam hingeworfen werden - das ist eine Geschichte, die meist im Komödien erzählt wird. Dass Frostbeulen und Rutschpartie hinzukommen, verhindert lang warme Gefühle zwischen den „flugbrüchigen" Alex und Ben. Und dass der Film durchgehend packend ist...

Ihr Flug fällt aus, doch die Journalistin Alex Martin (Kate Winslet) und der Neurochirurg Dr. Ben Bass (Idris Elba) wollen trotzdem ankommen. Vor allem sie wegen bevorstehender Hochzeit. Der schnell gecharterte kleine Privatflieger sieht gerade links ein Unwetter, da bricht schon der Pilot am Steuerknüppel zusammen und die Maschine zerlegt sich an eisigen Bergkuppen. Im Wrack übernimmt zuerst Ben die Führung für die am Bein verletzte Alex und den Hund des toten Piloten.

Bleiben oder weitergehen? lautet die Frage weit über der Baumgrenze und fern von jeder Zivilisation. Nach drei Tagen und heftigen Aussprachen brechen sie schließlich gemeinsam auf, weil Alex nicht ruhig bleiben kann. Mit verletzten Bein durch Tiefschnee, über steiles Gefälle und felsige Landschaften - solche Wanderungen schafft wahrscheinlich nur ein Filmstar. Oft meckert der Kritiker, dass alles furchtbar unrealistisch im Dienste der Spannung realisiert wird. Diesmal ist vieles furchtbar unrealistisch und vermeidet trotzdem gekonnt allzu viel Spannung.

Denn ein Film mit Kate Winslet und Idris Elba kann sich ganz auf das „Zwischen den Menschen" konzentrieren. Alex und Ben lernen sich erst nur fragmentarisch kennen. Wobei die Journalistin ziemlich unverschämt neugierig bei jeder Gelegenheit in seinen Sachen schnüffelt. Ben bleibt emotional reserviert. Doch sie kommen sich unweigerlich näher, müssen sich schließlich auch mal gegenseitig aufwärmen, ohne dass die Romantik gleich ausbricht. Dann steht eine große, atemberaubende Frage zwischen ihnen: War der erst wilde, dann kuschelige Sex in einer nach vielen Tagen gefundenen, verlassenen Hütte nur der Extremsituation des Überlebenskampfes geschuldet oder gäbe es auch sonst Anknüpfungspunkte für eine innige Beziehung, kurz: Liebe? Klar, sie redeten ja schon über Dustin Hoffman in der „Reifeprüfung" - während sie zu ihrer Hochzeit fliegt. Aber aufgesetzt oder nicht, dieser „Flug des Phoenix" mit reduziertem Personal und Schnee statt Wüste ist richtig gut vor allem im „Zwischen", im Kammerspiel in atemberaubender und lebensgefährlich einsamer Bergkulisse.

Forget about Nick

BRD, USA 2017 Regie: Margarethe von Trotta mit Katja Riemann, Ingrid Bolsø Berdal, Haluk Bilginer, Tinka Fürst 110 Min. FSK: ab 0

Wenn sich zwei Frauen über den gemeinsamen Ex unterhalten, dann kann das sehr witzig und geistreich ausfallen. Beim neuesten Film der Margarethe von Trotta („Die bleierne Zeit", „Hannah Arendt") ist es ein Totalausfall. Das ehemalige Model Jade (Ingrid Bolsø Berdal) beweint nicht nur das Verschwinden ihres untreuen, älteren Mannes Nick, sie muss auch noch in der ehemals gemeinsamen Luxus-Wohnung plötzlich die Ex-Ex von Nick ertragen, die sie doch einst aus dem Loft verjagte. Maria (Katja Riemann), die promovierte Germanistin aus Deutschland, wurde vor zehn Jahren eben wegen Jade von Nick verlassen. Nun kehrt sie nach New York in die ehemalige Ehe-Wohnung zurück - ein seltsamer Ehe-Vertrag und die erste schlecht herbei konstruierte Drehbuch-Idee machen es möglich. Anstrengend überdeutlich trifft die kühl gestaltete Jade auf die flippige, chaotische Maria. Diät-Nahrung trifft auf frisches Gemüse und kalorienreiche Kocherei. Das soll ein Rezept für flotte Komödie sein, bleibt aber fad, da hier vor allem Gegensätze rumlaufen, keine Menschen.

„Forget about Nick" ist eigentlich ein Kammerspiel, bei dem in die Brenn-Kammer Luxus-Loft verschiedene Personen über den Aufzug eingeschoben werden, ohne dass jemals ein Funke zündet. Egal ob Marias Tochter mit dem Enkel reinschneien und von Jade vereinnahmt werden, oder ob Nick tatsächlich auftaucht, und alle auf und vor der Leinwand sich fragen, was an diesem Fatzke eigentlich dran sein soll.

Ausgerechnet die höchstens mal in „Fack Ju Göhte" erträgliche Katja Riemann sorgt für die wenigen frischen Momente in diesem weder feministischen noch komischen Exen-Treff. Leider wird das kräftig abgewürgt, weil sie sich in dieser englischsprachigen Produktion selbst synchronisiert. Die sehr wandlungsfähige Norwegerin Ingrid Bolsø Berdal lässt nur erahnen, dass sie sicher viel mehr kann. Hier nimmt man ihr die Modedesignerin nie ab. Das Tempo entspricht dem, was Leute aus dem letzten Jahrhundert als schnell ansehen. Das Ganze ist wie der Versuch, nasse Streichhölzer anzuzünden. Auch dabei sprühen nie Funken. Die Aufklärung über Männer und Nick im Speziellen soll irgendwann passieren, nachdem sich die beiden Frauen endlich respektieren. Eine stellenweise weise Aussprache als der Film schon unaussprechlich langweilt. Es bleibt ein Zickenkrieg zum Weglaufen.

Man (ohne weibliche Beratung) will sich ja für die Rollen von betrogener Ehefrau und betrogener Betrügerin interessieren. Sieht, dass in der Mode Feminismus diskutiert wird und in den Holzhammer-Dialogen die Leiden von Müttern und Nicht-Müttern. Ob Selbstverwirklichung über Bildung oder eine Karriere oder ein Mode-Label der richtige Weg sein mag, sollte die Regisseurin von „Hannah Arendt" nicht so unpointiert behandeln. Bettina Brokemper ist mit ihrer Kölner Heimatfilm und ihren Auftrags-Arbeiten unter anderem für Lars von Trier eine der besten unter den deutschen Produzentinnen und Produzenten, aber dies ist ihr schlechtester Film. Margarethe von Trotta (muss man ihren Ex Schlöndorff, nicht Nick, sondern Volker, erwähnen?) hat in deutscher Filmgeschichte enorm Wichtiges gezeigt und gesagt. „Forget about Nick" sollte man schnell vergessen.

Burg Schreckenstein 2

BRD 2017 Regie: Ralf Huettner mit Henning Baum, Sophie Rois, Alexander Beyer, Uwe Ochsenknecht 100 Min. FSK: ab 0

Es beginnt wie Harry Potter für Arme und ohne Zauber. Danach wird's nur noch schlimmer: Die Internate von Burg Schreckenstein (Jungs) und Rosenfels (Mädchen) konkurrieren in einem Wettkampf, müssen aber zusammenarbeiten, als der Bestand der Schule auf Schreckenstein durch Immobilien-Spekulationen bedroht ist. Denn des Grafen mäßig unsympathischer Vetter Kuno (Uwe Ochsenknecht) will die Burg an Chinesen verkaufen, zum baldigen Abtransport in einen Freizeitpark. Nun werden wieder kleine Detektive aktiv, dabei liegt alles überdeutlich auf der Hand, der Schatz, der Tunnel, die Rettung.

„Burg Schreckenstein 2" sieht aus wie Kino aus den 50er Jahren und ist auch im Geist noch dort verhaftet. Tatsächlich veröffentlichte Oliver Hassencamp seine gleichnamige Kinderbuchreihe von 1959 bis 1988. Doch das ist keine Entschuldigung für so eine furchtbar altbackene Verfilmung. In ländlich „heiler" Umgebung - kein AfD- oder CSU-Wähler zu entdecken - sehen wir Internatsschüler, die nicht mehr nach Hause wollen und auf Smartphones verzichten. Letzteres ist selbstverständlich Drehbuch-Krücke, um den Stoff ins Heute zu bekommen. Trotzdem bleibt der ganze Film mit seinen ganz lauen Scherzen so bieder wie die Schuluniformen. Das ärgert nicht nur bei den überkommenen Geschlechterrollen. Die Sache mit dem Küssen aus dem Untertitel „Küssen verboten" spielt nur eine Nebenrolle. Und die Aufregung dabei scheint auf ein Zielpublikum im Vorschul-Alter gerichtet. Nicht mal Sophie Rois als „Direktorin Horn" kann was retten. Das ist so lebensfern, dass man sich glatt „Fack Ju Göhte" herbeisehnt.

29.11.17

Coco

USA 2017 Regie: Lee Unkrich, Adrian Molina (Co-Regie) 105 Min. FSK: ab 0

Der „Día de los Muertos", der mexikanische Tag der Toten parallel zu Allerheiligen, ist zwar schon vorbei, aber man kann sich nun auf diesen Totentanz der Trickfilmzauberer von Pixar freuen. Wie immer ist der Stil verspielt zwischen schnellem Scherz und richtigen Verweisen zur Filmgeschichte. Bei „Coco" wird die Vorgeschichte der Familie als Papierschnitt präsentiert: Wie einst der Urahn seine Familie für die Musik verließ und die Dynastie von Schuhmachern seitdem jeden Ton verbietet. Was für den Jungen Miguel ein wahrer Fluch ist, will er doch unbedingt wie sein großes Idol Ernesto de la Cruz ein berühmter Mariachi werden. Um beim Talentwettbewerb auf dem Dorfplatz mitzumachen, klaut Miguel dessen legendäre Gitarre aus dem Mausoleum. Doch schon der erste Akkord befördert Miguel direkt in die Welt der Toten, die sich gehörig über den Jungen aus Fleisch und Blut erschrecken. Nun hat Miguel nur noch die Nacht des Día de los Muertos Zeit, seinen Ur-Ur-Großvater zu finden.

Disney, zu denen die Toy Story-Macher Pixar nun gehören, belebte sich schon immer neu mit Motiven aus Kulturkreisen außerhalb der USA, nahm in „Vaiana" Geschichten und Stile aus der Südsee mit, kupferte bei Indianern und bei Iren ab. Nun also Mexiko und der dort sehr lebendige Totenkult. Schon 2014 wurde von der Fox-Filmproduktion das Thema im Zeichentrickfilm „Manolo und das Buch des Lebens" großartig umgesetzt. Was auch einen Bruch mit der Heilewelt–Philosophie der meisten Kinder- und Trickfilme bedeutete.

Bei „Coco" ist die Animations-Qualität jetzt fast schon hyperreal, teilweise sieht man richtige Gesichter, keine Zeichentrick-Kreationen. Dazu gibt es überwältigende Bildfantasien vor allem von der Totenwelt mit Fabelwesen wie ein allen Farben schillernder fliegender Löwe. Dazu viele nette Scherze in Wort und Bild, Liedchen und pures Gitarrenspiel. Dass etwa die Verwaltung der Totenwelt mit einem unvergessenen Mac II arbeitet, Frida Kahlo schräge Choreografien plant und der herrlich dämliche Hund Dante mit in die Unterwelt rennt, liefert auch genügend Scherz-Futter für Erwachsene.

Doch was Pixar mit Regisseur Lee Unkrich („Toy Story 3", „Findet Nemo", „Die Monster AG") vor allem wieder gelingt, ist das große Menscheln: „Coco" ist ein Loblied der Erinnerungen und Geschichten, das alle Übersetzungen und Synchronsprecher überlebt. Denn das emotionale perfekte gelandete Finale rettet die vergessliche Ur-Großmutter Coco und gleichzeitig ihren Vater im Totenreich mit Musik als stärkstem Vergiss mein nicht. Diesem märchenhaften und sehr rührenden Happy End verzeiht man glatt, dass die Handlung des kurzen Films unnötig verkompliziert eine zusätzliche Schleife dreht und dass der weihnachtliche Vorfilm mit der „Frozen"-Besatzung die Geduld strapaziert. Aber auch von den schmutzigen Seiten des Showgeschäfts erfährt der kleine Miguel ja etwas in diesem sehenswerten „Coco".

ghj: 120 BPM

120 BPM

Frankreich 2017 (120 Battements par minute) Regie: Robin Campillo mit Nahuel Pérez Biscayart, Arnaud Valois, Adèle Haenel 143 Min. FSK: ab 16

Anfang der 90er-Jahre kümmert sich die Aktivistengruppe Act Up in Paris um sexuelle Aufklärung, klärt auf über Aids-Verhütung, schmeißt in aufsehenerregenden Aktionen mit Kunstblut um sich und kämpft ganz einfach um das Überleben infizierter Aktivisten. Der großartige, packende Spielfilm über diese Act Up-Gruppe wirkt anfangs wie eine Dokumentation über die Arbeit der Gruppe, wäre da nicht der Star Adèle Haenel („Das unbekannte Mädchen"). Aber im Verlauf kommen uns die Menschen mit ihren Schicksalen immer näher, das starke Drama packt mit enormer Dynamik, viel Energie, herzergreifenden Liebesszenen und auch mit einer schön tuntige Cheerleader-Gruppe.

Über die interessante Form, die von den Diskussionsabenden mit eigener Debatten-Kultur immer wieder zu den Protestaktionen zurückblendet, vermittelt „120 BPM" Informationen, auch über die Blockaden der Pharma-Industrie, sowie eine Menge Leben mit und Sterben an Aids. Was sich didaktisch anhört, ist durch große Filmkunst mitreißend und berührend. In Cannes erhielt der aus Marokko stammende französische Regisseur und Autor Robin Campillo („Eastern Boys") den Großen Preis der Jury und den FIPRESCI-Preis, beim Europäischen Filmpreis 2017 wurde der Schnitt ausgezeichnet. Campillo engagierte sich in den 90ern jahrelang selbst bei Act up (Aids Coalition to Unleash Power).

120 BPM

Frankreich 2017 (120 Battements par minute) Regie: Robin Campillo mit Nahuel Pérez Biscayart, Arnaud Valois, Adèle Haenel 143 Min. FSK: ab 16

Anfang der 90er-Jahre kümmert sich die Aktivistengruppe Act Up in Paris um sexuelle Aufklärung, klärt auf über Aids-Verhütung, schmeißt in aufsehenerregenden Aktionen mit Kunstblut um sich und kämpft ganz einfach um das Überleben infizierter Aktivisten. Der großartige, packende Spielfilm über diese Act Up-Gruppe wirkt anfangs wie eine Dokumentation über die Arbeit der Gruppe, wäre da nicht der Star Adèle Haenel („Das unbekannte Mädchen"). Aber im Verlauf kommen uns die Menschen mit ihren Schicksalen immer näher, das starke Drama packt mit enormer Dynamik, viel Energie, herzergreifenden Liebesszenen und auch mit einer schön tuntige Cheerleader-Gruppe.

Über die interessante Form, die von den Diskussionsabenden mit eigener Debatten-Kultur immer wieder zu den Protestaktionen zurückblendet, vermittelt „120 BPM" Informationen, auch über die Blockaden der Pharma-Industrie, sowie eine Menge Leben mit und Sterben an Aids. Was sich didaktisch anhört, ist durch große Filmkunst mitreißend und berührend. In Cannes erhielt der aus Marokko stammende französische Regisseur und Autor Robin Campillo („Eastern Boys") den Großen Preis der Jury und den FIPRESCI-Preis, beim Europäischen Filmpreis 2017 wurde der Schnitt ausgezeichnet. Campillo engagierte sich in den 90ern jahrelang selbst bei Act up (Aids Coalition to Unleash Power).

Facebook gesperrt

Mein Account ist gestern gesperrt worden.
Vielleicht kann ich das über diesen Umweg kommunizieren.

28.11.17

Madame

Frankreich 2017 Regie: Amanda Sthers mit Toni Collette, Rossy de Palma, Harvey Keitel 91 Min. FSK: ab 0

Ein gewöhnliches Dinner in Paris: Harvey Keitel (Bob Fredericks) lästert über die Pariser Leihräder, der Bürgermeister von London und sein Ehemann sind dabei, man verkauft nebenbei das letzte Abendmahl von Da Vinci, das am Kaminsims hängt. Madame Anne (Toni Collette) arrangiert den Abend und musste entsetzt feststellen, dass es durch den unangekündigten Besuchs ihres Stiefsohns (Tom Hughes) 13 Tischgedecke gibt. Nun muss eines der Hausmädchen einspringen. Maria (Rossy de Palma) soll dank ein paar gestreuter Bemerkungen als spanische Prinzessin inkognito durchgehen. Nun fesselt Maria nicht nur die Männer mit riesigem Dekolleté, sie erzählt zunehmend alkoholisiert auch vulgäre Witze. Ihr Tischnachbar, der wohlhabender Kunsthändler David (Michael Smiley) verliebt sich umgehend in Maria. Nun wird die Hausherrin und Societylady Anne eifersüchtig und richtig intrigant.

Der zweite Film der französischen Erfolgsautorin und Filmemacherin Amanda Sthers erzählt eine kleine Aschenputtel-Geschichte unglaublich groß und prominent besetzt. Harvey Keitel, Toni Collette und Rossy de Palma treten vor allem als die Stars auf, die sie sind, passend gerieten die Bilder eher schick als schön. Das hat zwar Potential, aber letztlich keine „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs". Nur eine reiche Aufsteigerin, die beim nächtlichen Video-Chat mit ihrem Psychiater - der untreue Ehemann liegt daneben - weder richtig komisch noch tragisch ist. Als wirklich tragische Figur erweicht nur Rossy de Palma die Herzen.

27.11.17

Whatever Happens

BRD 2017 Regie: Niels Laupert mit Fahri Yardim, Sylvia Hoeks 101 Min. FSK: ab 6

Der Film beginnt da, wo andere Liebesbeziehungen enden und mit einem schnellen Ende wäre es auch besser gewesen: Der englische Titel kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die ganze Romantik typisch deutsch ist. Eher gewollt als gekonnt und verkrampft, wo es spielerisch sein sollte.

Julian (Fahri Yardim) und Hannah (Sylvia Hoeks) verstehen sich schon bei der Wohnungsbesichtigung so gar nicht. Doch der flapsige Fotograf schnappt sich die begehrte Hütte, indem er sich mit der gänzlich unbekannten Hannah als Paar ausgibt. Sieben Jahre später räumen sie in einer Silvesternacht die Reste ihrer Beziehung auf und müssen auch noch vor der Übergabe streichen. Reichlich Zeit, um in Rückblenden Resümee zu ziehen.

Das Hin und Her zwischen dem Endzustand eines zerstrittenen, alten Pärchens und dem Werden der Beziehung ist in den Anfangszeiten typisch deutsche Beziehungskomödie und damit einfallslos wie gehabt. Die Niederländerin Hannah muss für ihren erstrebten Abschluss lernen und Julian macht laut Party. Doch der schon länger Verliebte hilft der begehrten Mitbewohnerin, hört sich auch die Probleme mit ihrem Freund an und nach bestandenem Examen bricht die Liebe endgültig aus.

Allerdings bleibt es den ganzen Film über fraglich, was Julian an dieser nur karriere-geilen Zicke findet. Während er sich nach der Geburt des ersten Kindes zum tollen, fast allein erziehenden Vater entwickelt, jettet Hannah durch die Welt und veranstaltet surreale Manager-Motivations-Kurse. „Leadership is about seeing the Gorilla" ist der Kernsatz von diesem Business-Schmonzes. Während zu eigentlich übersichtlichen Problemen keine Gespräche stattfinden, dehnt sich der Film gefühlt auf Star Wars Trilogie-Länge. „Whatever Happens" erlaubt sich einen großen Erzählbogen, ohne viel zu erzählen zu haben.

Es folgen wenig überraschend Einsamkeit, Seitensprung, Trennung, Streit ums Kind und rührselige Szenen, dem Kind die Trennung beizubringen. Überhaupt ist rührselig angesagt, auch in rumgenuschelten Pop-Songs. Wieso letztlich ausgerechnet die sehr entfremdete Hannah die Tochter mit nach New York nehmen soll, bleibt hingegen sehr rätselhaft.

Die Inszenierung von Niels Laupert in seinem Kino-Debüt ist eine Bewerbung für den Seniorenabend bei den Öffentlich-Rechtlichen: Kein Witz, nix Schräges, nix Flottes, auf keinen Fall was Originelles. Die Schmonzette dümpelt weit weg von fühlbarer Romantik vor sich hin. Das überlange TV-Filmchen könnte mit den halbwegs unverbrauchten Darstellern gefallen, aber nur Fahri Yardim („Der Medicus", „Jerks") füllt die dünne Drehbuch-Hülle mit etwas Ausdruck, die Niederländerin Sylvia Hoeks („Blade Runner 2049", „Renegades") fällt vor allem Dank süßem Dialekt auf. Ein Film zum Abgewöhnen, der mit den üblichen Kinomechanismen und den mäßigen Erwartungen an Deutsches sicher ein guter Publikumserfolg wird.

Der Mann aus dem Eis

BRD, Italien, Österreich 2017 (Iceman) Regie: Felix Randau mit Jürgen Vogel, André M. Hennicke, Susanne Wuest, Violetta Schurawlow 96 Min. FSK: ab 12

Nein, Ötzi ist echt kein Glückspilz: Da musste er fast 5300 Jahre warten, bis es einem Spielfilm über sein Leben gibt, weil das Projekt lange auf Eis gelegt wurde. Und dann ist „Der Mann aus dem Eis" zwar von den Bildern her umwerfend, aber der gesamte Film um eine erfundene Lebensend-Action mit Jürgen Vogel und André M. Hennicke so krude, dass man sich gleich zum Vergessen ins die Tiefkühltruhe legen will.

Es herrscht ein großes Grunzen und Schreien im Leben der 1991 im Südtiroler Schnalstal entdeckten Gletschermumie Ötzi: „Der Mann aus dem Eis" denkt sich eine Rache- und Action-Handlung zur geheimnisvollen Leiche aus, die mit einer Sperrspitze in der Schulter gefunden wurde. Jürgen Vogel spielt dabei Ötzi als Schamanen und Jäger Kelab, dem seine ganze Klein-Sippe brutalst und keineswegs jugendfrei vergewaltigt und umgebracht wurde. Nur ein Baby überlebte. Mit ihm verfolgt Kelab die drei Mörder unter Anführung von Krant (André M. Hennicke). Im Gepäck hat er nicht nur den Säugling, sondern auch eine Ziege als vierbeinigen Milchvorrat, denn die Alpen hatten da noch nicht Nestles Babypulver hervorgebracht. Auch das Schweizer Messer war noch unbekannt, aber Religion, Patchwork-Familie und Neue Männer kommen in dieser Handlung aus dem Jahr 3300 vor unserer Zeitrechnung durchaus vor. Da liegt der spöttelnde Gedanke nicht fern, dass Ötzi mit der Erfindung des Eispickels auch Filmgeschichte geschrieben hat und Tantiemen von „Basic Instinct" erhalten müsste.

Nein, die lange Entstehungszeit dieser historischen Geschichte hat ihr nicht gut getan. „Der Mann aus dem Eis" ist tatsächlich ein Rachefilmchen im Ziegenfell vor aufwendig rekonstruierten Kulissen. Dass das „Heiligtum", das der rachsüchtig Zottel jagt, ein Spiegel zur Selbsterkenntnis ist, bleibt als intelligente Idee solitär unter all den Dickschädeln. Jürgen Vogel fällt einem tatsächlich als erste Wahl für diese archaische Grunz-Rolle ein - sorry! Aber Ötzi ist keineswegs der beste Jürgen Vogel. Weil sich Regisseur Felix Radau entschied, die Figuren einen möglichen rätoromanischen Ur-Dialekt (ohne Übersetzung in Untertiteln) sprechen zu lassen, wirkt die ganze Sache mit den alten Pelzträgern genau so verschroben wie diese lustigen Leutchen, die Mittelalter-Musik machen. Selbstverständlich hält sich „Der Mann aus dem Eis" nicht exakt an das, was Archäologen erforscht haben. Ötzis Durchfall auf Grund von Darmparasiten wird wahrscheinlich erst in einem Hollywood-Remake (mit Mark Wahlberg?) eine große Rolle spielen. „Der Mann aus dem Eis" wird eine Kuriosität der Filmgeschichte bleiben, die Vorfreude auf den SchleFaz-Kommentar (Die schlechtesten Filme alle Zeiten) von Oliver Kalkofe auf Tele5 ist groß

Flatliners (2017)

USA 2017 Regie: Niels Arden Oplev mit Ellen Page, Diego Luna, Nina Dobrev, James Norton, Kiersey Clemons 110 Min.

„Flatliners" ist ein sehr spannender, effektiv inszenierter Film über Medizinstudenten, die mit der Grenze zum Tod rumspielen und dabei horrende Erfahrungen machen. Der „Flatliners" aus dem Jahr 1990 wohlgemerkt, inszeniert vom Spannungs-Profi Joel Schumacher und mit Kiefer Sutherland, Julia Roberts, Kevin Bacon, William Baldwin sowie Oliver Platt erstaunlich gut besetzt. 27 Jahre mit horrend steigenden Gesundheitskosten, die seitdem vergangen sind, wären ein guter Grund, den Film für ein paar Euro noch einmal zu sehen - oder neu zu inszenieren, für ein paar Millionen Euro. Allerdings ist „Flatliners 2017" wirklich genau der gleiche Kram, nur mit schlechteren Schauspielern und ein ganzes Stück billiger produziert - so flach, dass es ein Horror ist! Man hätte „Flatliners" wirklich nicht wiederbeleben sollen.

Fünf Medizinstudenten experimentieren mit dem Vorzimmer zum Jenseits. Courtney (Ellen Page) überrumpelt zuerst zwei Kommilitonen mit dem Versuch, nach einem künstlich erzeugten Herzstillstand die Nahtod-Erfahrung im MRT-Scanner zu dokumentieren. Erst der im letzten Moment herbei gerufene Ray (Diego Luna) kann Courtney wiederbeleben. Danach braucht sie nicht mehr zu lernen, weil sie sich an alles Mögliche erinnert, und kann nach 12 Jahren Pause plötzlich wieder richtig gut Piano spielen. Nun wollen auch die Kommilitonen die Flatline - die flache Linie des Herzmonitors - ausprobieren. Nach der als Routine-Veranstaltung ablaufenden Todeserfahrung tauchen allerdings - ebenso geistlos inszenierte - Schrecken aus der Vergangenheit im Leben der Studenten auf. Und wie in Stephen Kings „It", nur viel schlechter, muss jeder mit seinen Fehlern fertig werden.

Bei minimaler persönlicher Ausstattung der überarbeiteten jungen Mediziner voller Zweifel bekommen moralische Einwände im nicht besonders rasanten Ablauf gerade mal drei Halbsätze Zeit. Selbstverständlich ist der Horror wichtiger - ohne würde keiner dieses Filmchen nachdrehen. Aber weder die digital erzeugten Tunnelvisionen noch die Schrecken können Zuschauer aus der Langeweile-Flatline erwecken.

Dass die 25-jährige Sophia (Kiersey Clemons) den Mut fasst, bei ihrer Mutter auszuziehen, zeigt ungefähr, wie erwachsen die Themen ausgearbeitet wurden. In der Auflösung ist es geradezu peinlich, wie sich die fünf aus ihrer selbstverschuldeten Geisterstunde mit einer schnell hingeworfenen Entschuldigung retten können. Kiefer Sutherland, ein Überlebender des Originals, gibt jetzt einen Professor, der Medizinstudenten ausbildet und ihnen Druck macht. Ellen Page, das bekannteste Gesicht des Nachbaus, schaut lange Strecken wie tot in die Kamera und dann ist der Star tatsächlich bald hinüber. Auch schauspielerisch wurde gespart: Die weitgehend unbekannten James Norton als ein notorischer Anmacher Jamie und Kiersey Clemons als gestresste Studentin Sophia sind weitere Argumente, sich „Flatliners" aus 1990 anzusehen und nicht dieses missglückte Labor-Experiment von Regisseur Niels Arden Oplev („Verblendung").

22.11.17

Aus dem Nichts

BRD, Frankreich 2017 Regie: Fatih Akin mit Diane Kruger, Denis Moschitto, Johannes Krisch, Ulrich Tukur 106 Min. FSK: ab 12

Nach einer langen Durststrecke sorgte Fatih Akin mit „Aus dem Nichts" und dem Cannes-Preis für seine Hauptdarstellerin Diane Kruger fast wie selbstverständlich für einen deutschen Festivalerfolg. Entstanden aus persönlicher Wut über die falschen und sehr voreiligen Schuldzuweisungen an die türkischen NSU-Opfer in der Kölner Keupstraße.

Das glückliche Familienleben von Katja (Diane Kruger) wird aus heiterem Himmel - oder: Aus dem Nichts - zerstört, als ihr Mann und ihr Sohn bei einem Bombenanschlag sterben. Seltsamerweise ermittelt die Polizei beim Opfer und dringt ins Privatleben von Katjas Familie ein. Die Dealer-Vergangenheit ihres Mannes wird herausgekramt, seine türkisch-kurdische Abstammung gilt als verdächtig. Dann fasst die Polizei doch die Täter, ein junges Neo-Nazi-Paar. Aber auch das Gerichtsverfahren verläuft gegen die Erwartungen, die hämischen Mörder werden freigesprochen.

Bislang zeigte Fatih Akin das Zusammenleben verschiedener Ethnien als schwierig aber auch funkenschlagend reizvoll. So war es bereits 1998 bei seinem Debüt „Kurz und schmerzlos" und besonders schön 2009 in „Soul Kitchen". Politische Probleme gerieten allerdings auch filmisch problematisch: „The Cut" (2014) über das türkische Massaker an der armenischen Bevölkerung fiel trotz einiger Qualitäten bei der Kritik durch und die ökologische Doku „Müll im Garten Eden" (2012) über das Dorf seiner Eltern ist sein schwächster Film. Wenn einer der besten deutschen Regisseure nun einen mehrfach aufgeladenen NSU-Film dreht, ist also eine gewisse Skepsis vorhanden.

Und tatsächlich hängt ein ungeheuer packendes Melodram auf dem Weg zum fein spannenden Rachethriller im Mittelteil Gerichtsfilm durch. Fatih Akin taucht, was er unglaublich gut kann, voll ins dichte Leben toller Menschen mit Ecken und Kanten und schön vielen Tattoos. Was passieren wird mit der Familie Sekerci, weiß man schnell, wenn eine blonde Frau ihr Fahrrad vor dem Laden des Mannes im Hamburger Türkenviertel abstellt. Der Schock angesichts des Verlustes von Mann und Kind ist ungeheuer - und von Diane Kruger ungeheuer gut gespielt. Das immer noch unglaubliche Verhalten der auf dem rechten Auge blinden und tauben Polizei bekommt eine Breitseite ab. Sie tappt im Dunkeln, legt falsche Fährten aus, macht eine Hausdurchsuchung beim Opfer und schnüffelt in dessen Steuerunterlagen.

Doch wie und weshalb die Justiz scheitert, bleibt völlig beliebig. Man hätte den ganzen Gerichtsteil in einer Szene abhandeln können, dann aber Ulrich Tukurs Auftritt verpasst, der als Vater des Täters mit einer Entschuldigung ein selten anständiges Gegenbild gibt. Erst als Katja eigenhändig die Mörder verfolgt, blitzten wieder Momente von Akin freiem Inszenierungsstil auf, fällt die Eindeutigkeit an vielen emotionalen und moralischen Bruchstellen auf packende Weise auseinander.

Diane Kruger, die für diese Rolle in Cannes als Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, erweist sich hier wieder als sehr, sehr gute Schauspielerin, die einen Großteil der Films trägt. Sie entwickelte sich vom Modell und von „schönen" Rollen wie der Helena in Petersens „Troja" mit „Mr. Nobody" (2009) und „Barfuß auf Nacktschnecken" (2010) zur exzellenten Arthouse-Schauspielerin. Auftritte in „lauten" Filmen wie „Inglourious Basterds" komplettierten ihre Bekanntheit. Dass Kruger nach Leben und vielen Rollen wieder mal in Deutschland drehte, sorgte für Aufsehen. Wahrscheinlich letztlich für mehr Aufsehen, als „Alles aus dem Nichts" als nur streckenweise gelungener NSU-Film erzeugen wird.

21.11.17

Manifesto

BRD, Australien 2015 Regie: Julian Rosefeldt mit Cate Blanchett 98 Min. FSK: ab 0

Im bemerkenswertesten Film seit langem verkörpert die zweifache Oscar-Gewinnerin Cate Blanchett in 13 Rollen unterschiedliche Manifeste, die sie selber (meist im Off) spricht - vom Futurismus über Blauer Reiter und Fluxus bis zur Pop Art und Dada bei einer Trauerrede. Der deutsche Experimental-Filmer Julian Rosefeldt konnte den australischen Star zuerst für eine Installation gewinnen, die im Berliner Museum Hamburger Bahnhof zu sehen war. Die Kinoversion verschränkt die parallelen Projektionen in einer packenden, immer wieder überraschenden Abfolge. Divenhaft als russische Choreografin einer Tanztruppe in Alien-Kostümen (Fluxus), magisch als Puppenspielerin mit Blanchett-Puppe (Surrealismus).

Selbstverständlich bietet das Manifest zur Architektur, das Blanchett als einfache Arbeiterin auf den Weg zu einer Müllverbrennungsanlage begleitet, faszinierende und im Kontrapunkt spöttische Blicke auf Architektur. Exzellente Bildkunst, die der ganze Film bietet, und die bei den starken, dichten Texten und dem atemberaubend intensiven Spiel der Miniaturen nicht übersehen werden darf. Denn „Manifesto" ist pure Filmkunst auf höchstem Niveau ohne die üblichen Kinkerlitzchen wie Action oder billigen Emotionen.

Detroit

USA 2017 Regie: Kathryn Bigelow mit John Boyega (Dismukes), Will Poulter (Krauss), Algee Smith (Larry), Jacob Latimore 144 Min. FSK: ab 12

Das schockierende historische Drama „Detroit" beginnt mit einer pointierten Animation, die Jahrzehnte Geschichte afroamerikanischer Bevölkerung der USA zusammenfasst, bis im Sommer 1967 die Razzia in einem Club für Afroamerikaner Unruhen auslöst. Feuer werden gelegt, Läden geplündert, willkürliche, weiße Polizei-Gewalt eskaliert, das Militär marschiert in das Ghetto ein, ein Kind, das auf die Straße schaut, wird beschossen.

Die Situation wird noch dramatischer durch den blöden Scherz eines frustrierten Besoffenen, der mit seiner Schreckschuss-Pistole aus dem Algiers Motel auf Soldaten schießt. Das Motel wird brutal gestürmt, ein junger Lynch-Polizist erschießt direkt den nächsten Schwarzen, um darauf alle Bewohner „wegen der Ermittlungen" festzuhalten. Er reiht all an einer Wand auf, prügelt und foltert, führ Schwein-Exekutionen durch. Im Rahmen der historischen Unruhen bildet diese schockierende Gewalt innerhalb einer schon extremen Kriegssituation von Belagerung der eignen Bevölkerung, einen Tiefpunkt an rassistischer Menschenrechtsverletzung. Drei farbige Hotelgäste wurden ermordet, die Sicherheitskräfte angeklagt, aber freigesprochen.

Aus den in Protokollen und Gerichtsverfahren festgehaltenen Ereignissen gestalten Regisseurin Kathryn Bigelow und ihr Autor Mark Boal, der mit Zeitzeugen sprach, einen ungemein spannenden, intensiven, hautnah gefilmten und nahezu unerträglich beklemmenden Thriller. Als Katherine Bigelow 1989 mit dem Polizeifilm „Blue Steel" und Jamie Lee Curtis das Action-Kino unter weibliche Regie brachte, sprach man von Emanzipation und Fortschritt. Dass Bigelow neben ihrem großen Können auch noch etwas zu sagen hatte, wurde auch dem letzten mit ihren Filmen „Tödliches Kommando – The Hurt Locker" (sechs Oscars) und „Zero Dark Thirty" (fünf Oscar- Nominierungen) deutlich. „Change is coming" hieß es damals schon für die afroamerikanische Gemeinschaft, doch noch heute werden Polizisten, die unschuldige Schwarze erschießen, freigesprochen.

Paddington 2

Großbritannien, Frankreich 2017 Regie: Paul King mit Sally Hawkins, Hugh Grant, Brendan Gleeson, Julie Walters, Jim Broadbent 104 Min. FSK: ab 0

56 Jahre dauerte es, bis der liebenswerte Bär Paddington aus Michael Bonds Kinderbuchreihe „Paddington Bear" 2014 im Realfilm ankam. Nun folgt schon ein zweites Bündel mit Abenteuern des peruanischen Teddy-Bären mit seiner Adoptiv-Familie in London. Und während der erste Film mit einem nervig altklugen Hauptdarsteller zwiespältig ankam, gewinnt „Paddington 2" die Herzen im Stolpern und Kochen.

Es ist ein sehr liebevoll komischer Blick auf das menschliche Treiben, den der gänzlich angenommene Bär Paddington auf seine Londoner Umgebung wirft. Er schreibt einen Brief an seine Tante Lucy, für deren 100. Geburtstag er ein kunstvolles Pop Up-Buch der Stadt auserkoren hat. Um es zu kaufen, probiert der tapsige Meister Petz mit umwerfendem altmodischen Slapstick einige Jobs aus. Doch der eitle, hinterhältiger und vor allem herrlich wahnsinnige Ex-Schauspieler Phoenix Buchanan (Hugh Grant) klaut vor Paddingtons Augen das Buch, entkommt und erkannt und den Bär schickt ein Richter ins Gefängnis. Nun ist ein ganzer Knast voller knallharter Kerle, die beste Bewährungsprobe für Paddingtons positive Lebenshaltung, immer nur das Beste im Menschen zu sehen. Zuerst färbt er die Anstaltkleidung aus Versehen rosa, dann macht er aus haferschleimverseuchter Kantine mit Hilfe von Orangenmarmeladen-Stullen eine bunte Konditorei mit Mädcheninternats-Stimmung.

Brendan Gleeson als gefürchteter Knast-Koch Knuckles McGinty ist ein toller Neuzugang unter den erstaunlich guten realen Schauspielern, die perfekt mit dem animierten Bären agieren. Eine Sensation ist neben der wunderbaren Sally Hawkins jedoch der furchtlos selbstspöttelnde Hugh Grant, dessen hinterlistiger Schurke in haufenweise klasse Kostümen eine spannende Schnitzeljagd hinlegt. Geocaching und Verbrecherjagd mit zwölf Londoner Sehenswürdigkeiten gehen etwas auf Kosten des bärigen Spaßes. Doch die sehr sorgfältige und liebevolle Inszenierung achtet bei vielen schönen Einfällen immer auf kindergerechte Action und letztlich verzeiht man diesem Bären unter seinem Schlapphut fast alles.

Battle of the Sexes

USA, Großbritannien 2017 Regie: Valerie Faris, Jonathan Dayton mit Emma Stone, Steve Carell, Andrea Riseborough, Sarah Silverman, Alan Cumming, Elisabeth Shue 124 Min. FSK: ab 0

Es war ein Medienereignis, ein Event, eine Zirkusnummer, als 1973 ein abgehalfterter Tennis-Champion die aktuelle Nr. 1 des Frauen-Tennis Billie Jean King zu einem Duell herausforderte. Der außergewöhnlich gute Spielfilm über dieses „Battle of the Sexes" wirbt zwar im Trailer grell und bunt mit dem Showkampf, ist aber tatsächlich eine packende, bewegende Geschichte über Billie Jean Kings Kampf um Gleichberechtigung und ihr Recht auf freie Liebe.

In wenigen Minuten kommen sie zur Sache, der Film sowie die damals „erfolgreichste Tennisspielerin aller Zeiten" Billie Jean King (Emma Stone) und ihre Managerin Gladys Heldman (Sarah Silverman): Für nur 1500 Dollar Preisgeld wird die Seriensiegerin nicht mehr in der Tennis-Serie mitspielen - vor allem, weil die Männer das Achtfache erhalten! King gründet den immer noch bestimmenden Frauen-Tennisverband WTA, Heldman besorgt einen Sponsor und die Frauen machen erst einmal alles selbst. Die Siegerinnen von Wimbledon und den US-Open verkaufen eigenhändig Eintrittskarten auf den Straßen, rollen den Boden auf den Plätzen aus und teilen sich zu zweit die Hotelzimmer auf der Tour. Für den riskanten Schritt heraus aus einer eklig arroganten, patriarchalen Organisation bekommen sie ihre Freiheit, erstmals farbige Tennisklamotten sowie einen Friseurtermin vor der Pressekonferenz. Dass sich dabei die verheiratete Billie Jean King auf dem ersten Blick in die Friseurin Marilyn (Andrea Riseborough) verliebt, passt in eine große, starke Geschichte von neuen Freiheiten nach der 68er-Revolution.

Damit die sympathische und gewitzte, aber keineswegs extrovertierte Leistungssportlerin Billie Jean King so richtig aus sich herauskam, bedurfte es ausgerechnet eines ganz besonders peinlichen Chauvis: Der ehemalige Wimbledon-Sieger Bobby Riggs (Steve Carell) ist mittlerweile 55, ein netter Vater, aber unheilbar spielsüchtig. Als ein Rolls Royce als Wettgewinn ungeplant vor der Tür steht, schmeißt ihn seine reiche Frau Priscilla (Elisabeth Shue) raus. Mittel- und ziellos fordert der selbstverliebte Showman die beste Tennisspielerin heraus - weil Frauen nichts auf dem Tennis-Platz zu suchen haben, sie gehören in Küche und Bett. Zuerst schlägt Briggs tatsächlich klar Margaret Court im „Muttertags-Massaker". Dann bereitet er sich mit albernen Einlagen auf King vor, spielt mit Schafen und Hunden als Handicaps. Die kluge Billie Jean King durchschaut auch diesen Clown sehr klar, trotzdem will sie eine Sache deutlich machen: Frauen sind nicht weniger wert!

Auch die heutige Weltranglistenerste Serena Williams muss immer noch für gleiches Preisgeld und gegen Sexismus kämpfen. Den aktuellen Clown gab Novak Djokovic noch im letzten Jahr. Doch „Battle of the Sexes" ist so ein großartiger Film, weil nicht nur Sexismus und Machismo in finanziellen, albernen, ekligen und erschreckenden Formen vorgeführt werden. Auf außergewöhnlich gekonnte Weise greift alles ineinander, die Liebesgeschichte, der Kampf gegen den Macho-Verband und die ganz persönliche Entwicklung von Billie Jean King. Valerie Faris und Jonathan Dayton sind die Regisseure von „Little Miss Sunshine" (2006) und „Ruby Sparks" (2012), das garantiert auch bei schauerlich übergriffigen Momenten eine sehr humorvolle und leichte Präsentation. Zum allgemeinen Happy End - King heiratete später ihre Partnerin, sie hatten Kinder - gibt es die großen Worte vom schwulen Kostümdesigner (Alan Cumming): Eines Tages werden wir die Freiheit haben, zu sein, wer wir sind und zu lieben, wen wir wollen.

Liebe zu Besuch

USA 2017 (Home again) Regie: Hallie Meyers-Shyer mit Reese Witherspoon, Michael Sheen, Candice Bergen 98 Min. FSK: ab 0

Eine wohlhabende und wohlbehütete Tochter aus Hollywoods Künstlerkreisen sitzt an ihrem 40. Geburtstag mit groß empfundener Lebenskrise heulend im Bad. Die unterschätzte und meist unterbesetzte Reese Witherspoon („Devil's Knot", „Der große Trip – Wild") spielt diese Alice Kinney glaubhaft und gewinnt ihr im Alleingang viele Sympathien. Um zu verstehen, weshalb diese kleine Komödie aus dem Ausstattungskatalog der Reichen und Schönen so holperig daherkommt, muss man auf die Familienverhältnisse der Regisseurin schauen: Hallie Meyers-Shyer ist Tochter der Komödien-Königin Nancy Meyers. „Liebe braucht keine Ferien", „Was das Herz begehrt", „Was Frauen wollen", das Remake von „Vater der Braut" - wenn zuhause solche Filme geschrieben werden und man als Kind selbst oft mitspielt, muss frau einfach die eigenen Probleme als kleine Drama-Queen auf die Leinwand bringen. Mama produziert ja behütend mit.

So sehen wir die Tochter aus der Filmbranche als Hauptfigur. Und eine Lebenskrise, die aus Entfremdung vom Ehemann besteht, worauf Alice zurück nach Los Angeles zieht, in eine Villa, die problemlos drei Untermieter aufnimmt. Bei Rundum-Betreuung der beiden Töchter und genügend Langeweile, um sich mal als Raum-Dekorateurin auszuprobieren. Dass die drei Mieter ihren ersten eigenen Film realisieren wollen und alle mehr oder weniger in die viel ältere Alice verliebt sind, gibt der romantischen Komödie etwas Futter. Allerdings verlaufen die Gefühlswirrungen zu selten mit diesen leichten, eleganten Montagen, die an das Erzählen von Mutter Meyers erinnern. Dafür gibt es im luftigen Mini-Drama „Liebe zu Besuch" einen Hauch vom Independent-Film, zeitweise wirkt es gar französisch. Mit Michael Sheen als plötzlich zurückkehrendem Ehemann und Candice Bergen als Mutter ganz fantastisch besetzt, ergibt sich eine sympathische Geschichte. Ein ganz interessantes Debüt, nur nicht unbedingt Stoff fürs große Kino.

15.11.17

The Justice League

USA 2017 Regie: Zack Snyder mit Ben Affleck, Gal Gadot, Jason Momoa 115 Min,

Kurz: Supermann macht den Jesus und erlebt seine Auferstehung, der nie wirklich erklärte Streit mit Batman aus dem letzten Film-Debakel wird beigelegt und ein Team aus Action-Figürchen verhindert die völlige Zerstörung der Erde. Das war es denn auch schon mit diesem großen, stinkenden Haufen Schund namens „The Justice League".

Das Wichtigste ist das Team. Nicht für die primitive Handlung um rudimentäre Figuren, sondern für die Verkaufsstrategie des Konzerns hinter den DC-Comicverfilmungen. Nach dem Vorbild Marvels wird ein Kosmos aus Figuren und möglichen Einzel-Filmen aufgeblasen. Dabei ist dieser aktuell „heiße Scheiß" das Gleiche der Diesel-Boom vor einigen Jahren - ein großer Beschiss. Die Folgen dieser Monokultur für Kinobetrieb und Filmangebot sind trotzdem enorm.

Ganz in diesem Geiste bleibt auch bei der „Justice League", der Konkurrenzveranstaltung zu den „Avengers", nicht viel von einem richtigen Film übrig. Nach Supermans Tod fühlen sich finstere Zombie-Wespen aus dem All gemüßigt, unter ihrem Führer Steppenwolf die Erde zu zerstören. Batman (Ben Affleck) sucht per Stellenanzeige die Team-Mitglieder Wonder Woman (Gal Gadot), Aquaman (Jason Momoa), Cyborg (Ray Fisher) und The Flash (Ezra Miller) zusammen, die Erfahrung im Weltenretten haben. Letztendlich klappt dies aber nur, nachdem Superman (Henry Cavill) mit Hilfe eines Zauberwürfels wiederbelebt wurde. Der Rest ist eine halbe Stunde hirnloses Raufen mit exakt drei lahmen Scherzen.

Nach zehn Minuten starker Eröffnung legt die Super-Langeweile mit mühsamem Team-Buildung los. Nichts funktioniert, vor allem nicht das krampfhafte Zusammenwürfeln von Plastik-Figuren aus Mythologie, Science Fiction und Comic. Aquaman aus Atlantis, Batman aus Gotham City, die Amazone Wonder Woman, ein Cyborg mit außerirdischen Ersatzteilen und der alberne Flash - so was lässt man üblicherweise für ganz billige Trash-Filme zusammenkommen, wo Kopfschütteln eingeplant ist. Bei dem ganz teuren Trash „Justice League" scheint das niemanden zu stören. Allerdings gilt auch hier der Satz: Der hat ja gar nichts an. Dieser Film ist erbärmlich schlecht.

So schafft es „The Justice League" - trotz Musik von Danny Elfman - nicht einmal, die existenzielle Bedrohung der Menschheit klar zu machen. Ein fünfminütiger Vortrag muss das richten. Und im Finale behilft sich die millionenschwere Einfallslosigkeit mit der Rettung einer kleinen russischen Familie als Nebenhandlung. Genau wie beim Trash bleiben die Effektbilder erschreckend entleert von Menschen und Menschlichem. Das Trauerspiel wurde dabei quälend lang- und mühsam inszeniert. Schematisch haut alle dreißig Minuten mal Action rein, um das Publikum aufzuwecken. Bis dieser große Schwindel um die einträglichen Teams aus Action-Figürchen jedoch auffliegt, werden noch einige Filme das Kino verstopfen.

14.11.17

Teheran Tabu

BRD, Österreich 2017 Regie: Ali Soozandeh 96 Min. FSK: ab 16

Immer wieder mal werden im Film Gesichter übermalt, um den Diktatoren und Zensoren zu entgehen: Die Aussagen israelischer Soldaten über ihr Massaker in libanesischen Flüchtlingslagern verfremdete Ari Folman zum eindrucksvollen „Waltz with Bashir". Der nachträglich im Rotoskopie-Verfahren übermalte „Teheran Tabu" erzählt die Geschichte von einer Handvoll Menschen in Teheran, einer Stadt voller Verbote und doktrinärer Prinzipien.

Voller Doppelmoral regt sich ein Taxifahrer über seine Tochter auf, die händchenhaltend durch die Straßen geht, während ihm selbst eine Prostituierte gerade im Auto einen bläst. Ein muslimischer Richter besteht für eine Scheidung auf die Zustimmung des Mannes, der als Drogendealer im Knast sitzt. Er würde sich aber mit sexuellen Dienstleistungen umstimmen lassen. So reihen sich im Figurenreigen schematisch die Unmenschlichkeiten des Lebens und Klischees wie eine böse Schwiegermutter. In dieser Anklage ist niemand ambivalent gezeichnet, die Schicksale bleiben oberflächlich, schockieren nicht so sehr wie beispielsweise Bahman Ghobadis „Persian Cats". Erst als sich über die Verbindung der Menschen und Geschichten neue Abgründe auftun und die Brutalität der Gesellschaft zunimmt, können poetische Momente berühren.

13.11.17

Happy Death Day

USA 2017 Regie: Christopher Landon mit Jessica Rothe, Israel Broussard, Ruby Modine 96 Min. FSK ab 12

Und ewig grüßt das Murmeltier aus der Filmgeschichte: Wenn dem totgerittenen Horror-Genre nichts einfällt, klaut es einfach einen sehr guten Einfall von früher: Das ein eingebildete blonde Ekel Tree Gelbman (Jessica Rothe) wird von einem unbekannten mit Babymaske ermordet und wacht aber wieder am Morgen ihres Todestages im Bett eines unbekannten Studenten auf. Tree braucht recht lange, um zu verstehen und im nächsten Durchgang überall Zeichen zu erkennen. Sie gewinnt wie alle Protagonisten der gleichen Film-Idee selbstverständlich an der Selbsterkenntnis, dass die kein guter Mensch ist. Die Suche nach der Identität ihres Mörders verläuft nicht wahnsinnig spannend. Dafür wird unheimlich viel geschrien, aber nicht mal das kann Hauptdarstellerin Jessica Rothe gut. Ganz zu schweigen von dem Durchdrehen angesichts der ewigen Wiederholungen. Es dauert Dreiviertelstunden bis sich der Film mit dieser anderen, nicht interessanten, höchstens erstaunlich fremden Studentenwelt selbst langweilig wird und er kurz mit ein paar schnellen Montagen für Unterhaltung sorgt. Das entschädigt nicht für einen hauptsächlich einfallslosen, unterdurchschnittlichen Fließband-Film.

12.11.17

The Big Sick

USA 2017 Regie: Michael Showalter mit Kumail Nanjiani, Holly Hunter, Ray Romano, Zoe Kazan 120 Min.

Als sich der in Pakistan geborene Komiker Kumail und die Studentin Emily verlieben, prallen zwei Kulturen aufeinander. Kumail befindet sich im Zwiespalt zwischen seiner Familie und seinen Gefühlen. Dann fällt Emily wegen einer mysteriösen Krankheit ins Koma und Kumail muss die Krise ganz besonderen Schwiegereltern bewältigen. Der große Sieger beim Publikumspreis von Locarno beruht auf der wahren Liebes- und Ehe-Geschichte der Drehbuchautoren Emily V. Gordon und Kumail Nanjiani.

„The Big Sick" von Michael Showalter zeigt das Aufeinandertreffen der Kulturen in westlichen Gesellschaften auf einfühlsame und sehr humorvolle Weise: Der aus Pakistan stammende Komiker Kumail Nanjiani spielt sich selbst beim wahren Kennenlernen seiner Frau Emily (Zoe Kazan, die Enkelin von Elia). Während seine traditionelle Mutter ihm in Chicago wöchentlich neue pakistanische Kandidatinnen für eine arrangierte Ehe „zufällig" beim Familienessen vorstellt, fällt die Frau, in die sich Kumail tatsächlich verliebt hat, in ein Koma.

Da klingt ein Song von The Smith im Kopf an: „Girlfriend in a coma". Mit dem Problem, dass Emily nicht mehr seine Freundin ist, seitdem sie die Schachtel mit all den von der pakistanischen Mama vorgeschlagenen Heiratskandidatinnen samt Bewerbungsfoto gefunden hat. Trotzdem lernt der zwischen den Kulturen zerrissenen Komiker die „Schwiegereltern" auf beinahe tragische und umwerfend komische Weise kennen. Eine geniale Holly Hunter und Ray Romano legen dieses alt-eingespielte Paar mit so viel Charakter, Ecken und Kanten hin, dass sie auf die Hauptrollen Anspruch machen. Während der stille Ex-Schwiegervater ungeschickt Sympathien zeigt, lehnt die energische Mutter von Emily den Herzensbrecher herrlich brüsk ab, um ihn darauf mit schlagkräftigem Mund und harten Fäusten gegen einen dumpfen Rassisten zu verteidigen.

Während man bei Holly Hunter Erstklassiges erwartet, überrascht Hauptdarsteller und Autor Kumail Nanjiani: Wenn in Deutschland Bühnenkomiker Filme machen, muss man so schnell wie möglich weglaufen. Beim Komiker Kumail muss man lachen, weinen, mitleiden und -bangen, wenn er sich selbst als erfolgloser „Stand up comedian" spielt. Er überfällt einen mit enorm geistreichen Witzen, provoziert mit Kontern auf Anti-Islamismus („Wir haben bei 9/11 unsere besten Leute verloren"), macht aber auch herzzerreißend einfühlsam das Problem erfahrbar, mit traditioneller Familie in einer modernen Gesellschaft zu leben. Eine dicke Dosis Romantik der sehr witzigen Sorte gibt es gratis dazu. Das ist aus der Aptow-Fabrik („Jungfrau (40), männlich, sucht …", „Superbad", „Ananas Express", „Brautalarm") sehr gelungene Unterhaltung mit zeitgemäßem Mehrwert.

Flitzer

Schweiz 2017 Regie: Peter Luisi mit Beat Schlatter, Bendrit Bajra, Doro Müggler 98 Min. FSK: ab 0

Kleider machen Leute. Kleiderlos macht Quote bei illegalen Wetten. So könnte man das bekannteste Werk des bekannten Dichters Gottfried Keller und die bescheuerte Idee dieses sicherlich unbekannt bleibenden Films zusammengefassen. In ganz langsamer, einfacher Sprache - so wie alle Schweizer im Film und auch dieser selber redet: Der langweilige Lehrer und Keller-Fan Baltasar Näf verwettet 700.000 aus dem Sparschwein seiner Schule (glückliche Schweiz) und muss fortan im Nebenberuf Flitzer auf die Fußballfelder der Deutschschweizer Ligen schicken. Denn auf Nackedeis wetten, bringt Gewinn, wenn man die Flitzer selber ausbildet und im Spielplan einsetzt.

Das alles ist - Stichwort Keller - unterirdisch schlecht inszeniert und gespielt. Witwer und unfähiger Alleinerzieher Näf ist peinlich und macht peinliche Sachen. Alle Vorurteile über Anti-Geschwindigkeit der Schweizer treffen auf dieses negative Erzähltempo zu. Der in einem gutturalen Nichtkomisch-Sein verendende Komödien-Versuch will „Ganz oder gar nicht" kopieren, scheitert aber erbärmlich. Sehr mäßige Schauspieler geben eindimensionale Figuren. Das ist nicht nur schlechtes TV Niveau, das ist furchtbares Laien-Boulevard, dazu altbacken in Inhalt und Form. Dass mit irgendeinem gutturalen Deutschschweizer Dialekt („dä chellar") gesprochen wird, soll es wohl doch noch irgendwie witzig machen, sorgt aber nur für Untertitel, als wenn es Filmkunst wäre! Nicht „Kleider machen Leute", sondern „Des Kaisers neue Kleider" sollte mehrfach erwähnt werden: Dieser elende Unspaß über Flitzer hat ja handwerklich und künstlerisch „gar nichts an"!

7.11.17

Suburbicon

USA, Großbritannien 2017 Regie: George Clooney mit Matt Damon, Julianne Moore, Noah Jupe, Oscar Isaac 106 Min. FSK: ab 16

Wie wäre es, wenn George Clooney mal nicht für die Coen–Brüder als Star vor der Kamera steht, sondern mit ihnen zusammen einen Film dreht? „Sububicon" ist dieser sagenhaft spannende, politisch hochaktuelle Film. Zudem kann man sich begeistert anschauen, wie es gewesen wäre, wenn Hitchcock „Fargo" gedreht hätte.

Dem Postboten entgleist das festgeklebte Grinsen, die Nachbarn starren unverhohlen und fahren gegen die nächste Laterne. Eine schwarze Familie zieht in den weißen, protestantischen Vorort ein. Wir befinden uns nicht im interkulturell zurückgebliebenen Sachsen, sondern in den USA des Jahres 1959. Nicht mal eine Viertelstunde braucht der Erfolgs-Regisseur George Clooney, um unglaublich dicht zwei Verbrechen und ein innerfamiliäres Drama um eine gelähmte Frau aufzuziehen. Denn direkt neben der ersten und einzigen schwarzen Familie der Siedlung, die wie in Hoyerswerda zunehmend bedrohlicher vom weißen Mob belagert wird, muss der Junge Nicky (Noah Jupe) miterleben, wie Einbrecher seine Mutter umgebringen. Ein Verbrechen, dass mächtig stinkt. Nicht nur nach dem Chloroform, von dem Rose zu viel einatmen musste. Denn Papa Gardner Lodge (Matt Damon) scheint nun mit Mamas Schwester Margaret Lodge (Julianne Moore in einer Doppelrolle) viel glücklicher zu sein.

Regisseur George Clooney („Monuments Men", „The Ides of March", „Good Night, and Good Luck") macht die klügsten politischen Filme unserer Zeit. Nun pflanzt er zwei parallele Verbrechen in eine Bilderbuch-Siedlung, die Schmelztiegel nur für weiße WASP-Abarten aus vielen US-Staaten sein will. Dass Clooney mit seinen regelmäßigen Regisseuren Joel und Ethan Coen („Fargo", „No Country for Old Men", „Hail, Caesar!") das Drehbuch schrieb, sorgt für den herrlich schwarzen, bitterbösen Touch. Denn während wir mit dem hellwachen Nicky um dessen Leben bangen, wächst wie bei „Fargo" dem gierigen kleinen Mann die Dynamik seines Verbrechens über den Kopf. Wieder einmal eine Musterrolle für Matt Damon, der dem komischen Krimi eine schauerliche Tiefe gibt.

Das wird bis zum irren Finale unheimlich spannend. Hitchcock fällt einem auch ohne das schöne Vertigo-Zitat durch die erblondende Julianne Moore ein. Allerdings Hitchcock mit einer politischen Agenda: Clooney geht immer gerne zurück in die Vergangenheit, um das Heute exakt zu kritisieren. Parallel zum Verbrechen der hässlichen, gierigen und dummen Weißen zeigt sich der Pöbel vor dem Haus der schwarzen Nachbarn als Abbild heutiger Fremdenfeindlichkeit. Das ist bei all der exzellenten und in Details (wie der TV-Fernbedienung mit Taschenlampe) wunderbar genießbaren historischen Kulisse hochaktuell. „Wir begrüßen die Rassenintegration, aber ..." Dieses berühmte, entlarvende „aber" von AfD und Genossen erweist sich als ebenso universell wie der Zaun als Schutz vor den „Anderen".

Wenn Hitchcock „Fargo" mit großem Thriller-Orchester gedreht hätte und auch noch eine politische Agenda gehabt hätte, es wäre nicht besser ausgefallen wie in dieser genialen Zusammenarbeit von Regisseur George Clooney mit Joel und Ethan Coen. Dass sie bei allem Horrenden noch ein positives, hoffnungsvolles Schlussbild finden, ist die Krönung eines engagierten Filmvergnügens.

5.11.17

Simpel

BRD 2017 Regie: Markus Goller mit David Kross, Frederick Lau, Emilia Schüle, Devid Striesow 113 Min. FSK: ab 6

Simpel gesagt ist „Simpel" eine extrem aufdringliche Heulsuse. Also der Film „Simpel", nicht die geistig behinderte Hauptfigur namens Simpel, die mit dem fürsorglichen Bruder für schön fotografierte Rührung von der Stange sorgt.

Ein Sirtaki im Watt, aus dem Ben (Frederick Lau) seinen geistig behinderten Bruder Simpel (David Kross) immer retten muss, zum Auftakt. Dann stirbt die krebskranke Mutter und der schon seit Jahren verschwundene Vater will sich nicht um das nur körperlich erwachsene Problemkind Simpel kümmern. Ben bringt es nicht übers Herz, den Bruder in einem Heim zu sehen und deswegen hauen sie gemeinsam ab. Direkt mit dem Polizei-Bulli, aus dem der Beamte der Fürsorge während der Fahrt geschmissen wird. Eine Odyssee zum Vater nach München beginnt. Der Autoverkäufer (Devid Striesow) freut sich, den gesunden Sohn wiederzusehen, will mit Simpel aber nichts zu tun haben.

Selbstverständlich stolpert der überforderte Ben von einer unmöglichen Situation ins nächste Problem. Und trifft auf die Ärztin Aria (Emilia Schüle), die sehr lässig aushilft. Hier finden sich zwei, deren Lebensweisen komplett gegensätzlich sind. Die nur berufliche, einsame, gänzlich unabhängige Heilerin und der selber sozial zurückgebliebene Ben, der sich sein ganzes Leben lang um seinen Bruder gekümmert hat.

„Simpel", Verfilmung von Marie-Aude Murails gleichnamigem Roman und Remake eines französischen TV-Films, ist der perfekte deutsche Film, mit dem man und frau sich die Tränenkanäle durchspülen kann. Da er die Tragik ausgespielt, bis die letzte Tränendrüse überläuft wird, kann er zudem den Blutdruck hochtreiben mit viel Ärger über die simple Ausnutzung der emotionalen Klaviatur. Nie scheinen die Figuren ihren inneren Antrieben zu folgen, immer allein einem abgedroschenen Drehbuch-Standard. Bis zu extrem unfähigen Polizisten dient alles dem Drama. Mit Inbrunst geklampfte Popsongs und Weichspül-Gedudel wie Ben Howards „Keep your head up" halten die Stimmung auf hohem sentimentalen Niveau. Das ist dann doch arg simpel - aber auf jeden Fall rührend.

Allerdings auch richtig gut gespielt: David Kross („Die Vermessung der Welt", „Der Vorleser") ist als Simpel kaum wiederzuerkennen. Jungstar Frederick Lau („Victoria", „Traumfrauen") zeigt seine ganz weiche Seite. Emilia Schüle („High Society", „Mann tut was Mann kann") erfüllt als schöne Aria alle Erwartungen an ihr Können, überrascht jedoch nicht. Den Vater David gibt Devid Striesow („Ich bin dann mal weg") gekonnt widerlich. In seinen besten Momenten zeigt das wohl kalkulierte Rührstück, dass die Situation von Ben komplexer ist, als es im Film weitergeht.

Bad Moms 2

USA 2017 (A Bad Moms' Christmas) Regie: Jon Lucas, Scott Moore mit Mila Kunis, Kristen Bell, Kathryn Hahn, Christine Baranski, Cheryl Hines, Susan Sarandon 104 Min.

Naaa? Schon alle Weihnachtsgeschenke zusammen? Und auch die neue, aufwändige Deko eingekauft? Dieses schlechte Gewissen garantiert in voller Ladung und verlogen „Bad Moms 2", der erste Weihnachtshasser–Film des Jahres.

Amy, Kiki und Carla (Mila Kunis, Kristen Bell, Kathryn Hahn) sind schon einige Tage vor Weihnachten fix und fertig. Vorbereitungen für ein perfektes Weihnachtsfest fordern vor allem Mütter, auch wenn Carla die Geschenke für ihren debilen Sohn nur aus dessen Zimmer raussucht und noch mal verpackt. Doch nachdem die „Bad Moms" in ihrer ersten, dreckigen Komödie vor einem Jahr radikal die Verhaltens-Regeln für (Schul-) Mütter auf den Kopf stellten, sind diesmal die Mütter der Mütter die „Bad Moms Nummer 2". Erst als sie perfektionistisch (Christine Baranski) bei Amy, besoffen und bekifft (klasse: Susan Sarandon!) bei Carla beziehungsweise psychotisch anhänglich (Cheryl Hines) bei Kiki einfallen, werden die Feiertage zur wahren Hölle.

Da hilft nur wieder einmal kräftig saufen, am besten schon früh am Morgen. Die Frauen in Doppelrolle als Mütter und Töchter beschließen, diesen Wahnsinn nicht mehr mit zu machen. Stattdessen rennen sie wie besoffene Stripperinnen im Kaufhaus rum. Wenn die drei Frauen und der Humor wirklich mal ausbrechen, wird es grob aber auch lustig. Dann erfahren wir interessante Details der amerikanischen Weihnacht, dass zum Beispiel vor den Feiertagen ein großer Andrang beim Intimbereich-Waxing herrscht. Doch „Bad Moms 2" ist leider hauptsächlich Küchen-Psychologie. Im wahrsten Sinne des Wortes. Da wird um zu wenige Wut- und sonstige Ausbrüche herum das Mutter-Tochter-Verhältnis aufgearbeitet. Und im Gegensatz zum Humor ist es dabei ärgerlich, dass alles grob gestrickt wie ein billiger Weihnachtspullover daherkommt.

Die Moral der typisch us-amerikanischen Geschichte ärgert schließlich besonders: Selbstverständlich müssen sich Mütter zu Weihnachten völlig aufopfern und fertig machen, damit eine repräsentative Weihnacht verkauft werden kann. Aber wir haben wenigstens probiert, so zu tun, als wäre die Menschheit entwicklungsfähig.

28.10.17

Good Time

USA 2017 Regie: Ben Safdie, Joshua Safdie mit Robert Pattinson, Ben Safdie, Jennifer Jason Leigh 101 Min. FSK: ab 12

Bei einem dämlich ausgeführten Banküberfall ließ Constantine (Robert Pattinson) seinen geistig behinderten Bruder zurück. Nun will er ihn aus dem Gefängnis rausbekommen, bekommt aber die Kaution nicht zusammen. Doch die Flucht aus dem Krankenhaus klappt, was nur der Beginn einer nächtlichen Odyssee ist. Twighlight-Star Pattinson ist mittlerweile beim kleinen, dreckigen Film angekommen. Aber noch nicht bei den guten kleinen, dreckigen Filmen: Die Brüder Safdie schicken ihn auf einen chaotischen Trip, bei dem die Neon-Farben ebenso rau sind, wie die sozialen Verhältnisse. Garniert wird der Independent-Film von einem Synthie-Soundtrack wie aus den 80ern liegengeblieben.

The Secret Man

USA 2017 (Mark Felt: The Man who brought down the White House) Regie: Peter Landesman mit Liam Neeson, Diane Lane, Marton Csokas 103 Min. FSK: ab 0

Der Mann, der Nixon stürzte

Ein Amtsenthebungsverfahren erscheint gerade die einzige Hoffnung, wie man die Welt von der Geißel Trump befreit. Der ungemein spannende und hochpolitisch aktuelle Film „The Secret Man", über den Mann, der laut Original-Titel „das Weiße Haus stürzte", zeigt wie das geht, beziehungsweise wie der unmoralische und kriminelle Präsident Nixon überführt wurde. Die Hauptfigur Mark Felt legt zwar definitiv zu Anfang einen Colt an, der wird jedoch im ganzen Geschehen nicht ein einziges Mal mehr angepackt. Denn Spannung geht auch ohne Schießerei.

1972 bestimmen Proteste gegen den Vietnamkrieg und Wahlkampf die USA. Dann lässt Noch-Präsident Nixon kriminelle Typen in die Zentrale der Demokratischen Partei einbrechen. Die Aktion im Watergate-Hotel verhindert allerdings nicht Nixons Wiederwahl. Nur das FBI ahnt, was wirklich passiert ist. Doch nach dem Tod des legendären Schnüfflers Edgar Hoover setzt das Weiße Haus seinen Mann an die Spitze des Geheimdienstes und steuert das FBI - völlig im Widerspruch zur Verfassung. Ein Affront für einen Mann, der seit 30 Jahren mit Überzeugung unter Hoover gedient hat: Mark Felt (Liam Neeson), ist Vize-Chef des FBI und wurde bei der Nachfolge grob übergangen. Doch noch unerträglicher ist, dass Informationen des FBI beim Präsidenten-Team landen und dass er nicht mehr in Sachen Watergate ermitteln soll. Mark Felt entscheidet sich zu einer Tat, die ihn an ein schreckliches Kindheits-Erlebnis erinnert: Sein Vater zwang Mark, das eigene, kranke Pferd zu erschießen!

Watergate, saubere Trennung der Institutionen im Staat, Amtsmissbrauch ... klingt nach Politik-Seminar, ist aber in der Inszenierung von „The Secret Man" mit einem sensationellen Liam Nesson der spannendste Film im aktuellen Kino. Schon Alan J. Pakulas Kinoklassiker „Die Unbestechlichen" von 1976 behandelte die Watergate-Affäre, die eigentlich Nixon-Affäre heißen müsste. Damals spielten Dustin Hoffman und Robert Redford die Journalisten der Washington Post, Carl Bernstein und Bob Woodward, die ihren mysteriösen Informanten „Deep Throat" in einer Tiefgarage trafen. Nun erzählt „The Secret Man" die Perspektive dieses berühmten Whistleblowers.

Und tatsächlich beruht der Film auf der Autobiographie „Felt: The Man Who Brought Down the White House". So beeindrucken zwar Standfestigkeit, mit der Mark Felt Grundprinzipien moderner Demokratien verteidigt, und die persönlichen Opfer, die er dafür bringt, aber der Vize-Chef des FBI wird kaum immer ein so ehrenwerter Kerl gewesen sein, als der er sich hier selbst darstellt.

Liam Neeson zeigt sich ohne Action aber trotzdem sensationell eindrucksvoll. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet der ungemein körperlich auftretende Schauspieler Liam Neeson diesen extrem standhaften Mann spielt. Eine lang unbewegte, fast versteinerte Miene, die Stimme tief wie bei Clint Eastwood. Das Drehbuch von Regisseur Peter Landesman gibt dieser eindrucksvollen Persönlichkeit durch eine Tochter, die seit mehr als einem Jahr in der linken Subkultur verschwunden ist, zusätzliche Schattierungen. Unglaublich gute Kamera und Musik komplettieren diesen sehr wichtigen und spannenden Film.

Thor: Tag der Entscheidung

USA 2017 (Thor: Ragnarok) Regie: Taika Waititi mit Chris Hemsworth, Tom Hiddleston, Cate Blanchett, Idris Elba, Jeff Goldblum 131 Min. FSK: ab 12

Fantasy, Science Fiction, Trash, Kinderkram und ganz große Witznummer - der neue „Thor" müsste sich eigentlich entscheiden, was für ein Film er sein will. So unterhält das kurzweilige Durcheinander mit Chris Hemsworth und Cate Blanchett, bleibt aber nur noch ein Superhelden-Filmchen einer schon jetzt unübersichtlichen Sammlung.

„Thor: Ragnarok" heißt es im Original und dieses Ragnarok aus den nordischen Mythen ist wie die inflationäre Apokalypse der Christen - so richtig endgültig das Ende. Göttersohn Thor (Chris Hemsworth) spielt noch voller Muskeln und Ironie den Superhelden und trauert etwas um den irgendwie und doch nicht ganz verstorbenen Vater Odin. Doch das wirkliche Problem liegt wie so oft in der eigenen Familie: Die ältere Schwester Hela kehrt aus der Vergessenheit zurück und hat als mächtige Göttin des Todes alle Waffen für eine ganz große Racheaktion. Nun erzählt der Film mit einer grandios düsteren Cate Blanchett mit pieksigem Hirschgeweih und scharfem Lederklamotten eine durchaus tiefgründige Familiengeschichte um die zu unrecht verstoßene Tochter. Und schickt den entmachteten Thor auf eine alberne und mehr als holperige Abenteuer-Reise samt Werbeeinblendungen für andere Marvel-Konzernabteilungen.

„Thor" liefert Kindergarten-Dialoge, bevor lächerliche Kloppereien auf gleichem Niveau losgehen. Statt Thors mythischem Hammer Mjölnir sorgt Led Zeppelins fast noch 60er Wikinger-Rock „Immigrant Song" für Schwung. Allerdings hat alles, was aus den nordischen Mythen geklaut wurde, Hand und Fuß, fasziniert und lässt nachdenken. So wie Neil Gaimans Roman „American Gods" und deren grandiose Verfilmung ja auch nur eine ganz große Ragnarok-Geschichte ist. Wenn jedoch der Verräter der Götterheimat Asgard seine „Maschinengewehre aus Texas" mit „Des" und „-troy" benennt, ist das echt der Comic, der „Thor" einst war.

Ein Comic, aufgewertet mit erstaunlichen Schauspiel-Einlagen. Damit ist jetzt nicht die Lach-Nummer von Matt Damon gemeint, der in einer Theater im Film-Einlage einen heldenhaften Loki gewollt schlecht spielt. Während sich dieser hinterlistige Halbbruder Thors wieder einmal als Odin ausgibt und die ganze Maskerade im Shakespeare-Stil inszeniert. Die wenigen, kurzen Szenen, die Anthony Hopkins als Odin noch hinlegt, haben alle Gänsehaut-Potential. Und dann Cate Blanchett (demnächst völlig wandlungsfähig in „Manifesto"), die das Böse so gut wie noch nie aussehen lässt! Unter all den Effekten und Tricksereien ist es wieder mal echte Schauspiel-Superkraft, die einen hammermäßig umhaut.

Jeff Goldblum hat als alberner Grandmaster einen großen Auftritt auf einem Gladiatorkampf-Planeten, von dem man durch des „Teufels Anus" fliehen muss! Benedict Cumberbatch tritt als Dr. Strange dramaturgisch völlig unnötig auf. Wie auch die trampelhafte Einlage von Hulk und Bruce Banner nur Werbung für das Superhelden-Arsenal von Marvel darstellt.

Aber letztlich passt dies zu einem Film, in dem nichts zueinander passt: Science Fiction fliegt durchs All, politische Dystopie blitzt auf, wenn eine Weltraum-Müllhalde auf Blade Runner-Kopie macht. Haufenweise Auftritte, Welten, Stile und Gast-Einlagen purzeln durcheinander, auch die Musik findet keine Linie. Aber wenigstens vergeht bei diesem holperigen Walküren-Ritt - ja, auch die gibt es - die Zeit mit Lichtgeschwindigkeit.

27.10.17

Lady Macbeth

Großbritannien 2016 Regie: William Oldroyd mit Florence Pugh, Cosmo Jarvis, Paul Hilton 89 Min. FSK: ab 12

Für den Preis eines Stückchens Land wurde sie verkauft. Wir sind in England, zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Nun ist Katherine (Florence Pugh) Ehefrau von Alexander Lester (Paul Hilton), der sie abends im Schlafzimmer nicht anfasst, sondern sie nur nackt anschaut. Auch der Film sperrt Katherine ein - in einen Rahmen der Räumlichkeiten. Selten sorgt ein Sonnenstrahl oder ein Ausflug für Aufhellung. Doch als sowohl Alexander als auch der dominante Schwiegervater Boris Lester (Christopher Fairbank) ohne Ankündigung vom Anwesen abreisen, beginnt die geknechtete Hausherrin ein leidenschaftliches Verhältnis mit einem ungehobelten Arbeiter. Diese, auch sexuelle Befreiung führt zu einer Selbst-Ermächtigung gegen den schlagenden Schwiegervater. Auch der gemeinsame Mord des Paares am nach langer Zeit zurückkehrenden Ehemann zeigt eine schockierende Gewalt und Entschlossenheit. Das schwarze Hausmädchen Anna verstummt vor Schock und Schuld, doch die wahre „Lady Macbeth" ist noch nicht am Ziel.

Anders als in Nikolai Leskows Vorlage, dem Roman „Lady Macbeth von Mzensk" aus dem Jahr 1865, und der gleichnamigen Oper von Dmitri Schostakowitsch und Alexander Preis wird sich das Ende des Dramas gestalten. Mit der Verlagerung ins England des 19. Jahrhunderts kommen in der äußerst packenden Verfilmung zum Schlachtfeld Geschlecht auch das von Klasse und Ethnie hinzu. Ein in dichter Inszenierung und exzellenter Kamera (Ari Wegner) sehr eindrucksvolles Kinodebüt von William Oldroyd. Bei einer fesselnden und schockierenden Geschichte vor allem auch die Entdeckung der Hauptdarstellerin: Die bislang unbekannte Florence Pugh spielt Katherine in allen Gefühlslagen und Macht-Positionen geradezu atemberaubend intensiv. So blickt die Kamera nach Katherines dritten Mord eine gefühlte Nacht nur auf ihr Gesicht, das die Tat im Wandel verarbeitet. Ein unvergesslicher Kinomoment!

24.10.17

Die Unsichtbaren - Wir wollen leben

BRD 2017 Regie: Claus Räfle mit Max Mauff, Alice Dwyer, Ruby O. Fee, Aaron Altaras, Victoria Schulz, Florian Lukas, Andreas Schmidt 110 Min. FSK: ab 12

Das bewegende Doku-Drama re-inszeniert vier Geschichten von jungen Berliner Juden, die vor den tödlichen Transporten der Nazis untertauchten: Cioma Schönhaus gibt kurz vor dem Abtransport vor, dass er in einem kriegswichtigen Betrieb unabkömmlich sei. Mit weiteren Tricks wechselt er als angeblicher Soldat auf Heimaturlaub die Wohnungen. Dabei fälscht er nicht nur seinen eigenen, sondern auch viele andere Pässe. Aus Hanni Lévy wird mit blonden Haaren Hannelore Winkler. Eugen Friede verteilt nachts im Widerstand Flugblätter. Tagsüber versteckt er sich in der Uniform der Hitlerjugend und im Schoße einer deutschen Familie. Und schließlich ist da noch Ruth Gumpel, die als Kriegswitwe getarnt, NS-Offizieren Schwarzmarkt-Delikatessen serviert.

Regisseur Claus Räfle und seine Ko-Autorin Alejandra López haben die vier Überlebenden schon 2009 für einen anderen Film interviewt. Nun erzählen sie vor der Kamera, während Schauspieler die Erinnerungen nachspielen. So ist „Die Unsichtbaren - Wir wollen leben" in den Spielszenen ein spannend gestalteter Historienfilm, der seine Glaubwürdigkeit von den Gesichtern und den Stimmen der Überlebenden erhält. Das ist auch mit ein paar historischen Aufnahmen so gelungen, dass es in die Zeit hineinzieht. Dabei passt die Wahl der Schauspieler gut, vor allem der gewitzte Fälscher Cioma Schönhaus scheint als alter Mann und von Max Mauff als Untergetauchter dargestellt eine Person zu werden. Vor allem vermittelt das im Kino seltene Format des Doku-Dramas unter Ausblendung des wirklichen Horror des Holocaust, der nur eine Ahnung bleibt, die allgegenwärtigen Ängste, die dauernden Lügen und Verstellungen der „Unsichtbaren".

Maudie

Kanada, Irland 2016 Regie: Aisling Walsh mit Ethan Hawke, Sally Hawkins, Kari Matchett 116 Min. FSK: ab 12

„Maudie" ist Künstlerporträt, ist Biopic und lässt doch alle Klischees der Gattung weit hinter sich: Die Geschichte der kanadischen „Folk-Art-Künstlerin" Maud Lewis (1903-1970) beginnt trist im Haus ihrer Tante, wo die junge Frau „abgestellt" wurde. Als Kind an rheumatischer Arthritis erkrankt, wirkt sie zerbrechlich, humpelt und ihre Hände sind verkrüppelt. Man traut ihr nichts zu und so nutzt Maud (Sally Hawkins) die erste Gelegenheit, von ihrer grausamen Familie wegzukommen. Die Gelegenheit bietet sich in Form des polternden, groben Klotzes Everett Lewis (Ethan Hawke), der für seine schäbige Hüte eine Haushälterin sucht. Nun ist Maud überhaupt nicht als Haushaltshilfe geeignet, aber Everett gleichermaßen nicht fürs Zusammenleben. Trotzdem zieht sie bei ihm ein, schleppt den schweren Kochtopf mit krummen Händen und geht mit ihren krüppeligen Füßen den weiten Weg aus der Einöde zum kleinen Laden des Kaffs.

Es wäre untertrieben, Everett als sehr einfach gestrickten Mann zu beschreiben, der viel Mühe hat, mit ausgerechnet dieser Frau zurecht zu kommen. Aber in besonders schwierigen Momenten beginnt Maud zu malen: Auf der Wand, den Möbeln und auf kleinen Zetteln. Sie bringt auch seinen kleinen Fischhandel in Ordnung. Dabei bekommt sie allerdings bald mehr Aufmerksamkeit und Geld für die selbst gemalten Karten, die als Quittung herhalten. Sie beginnen, die Bilder zuhause auszustellen und zu verkaufen. Die bunten Zeichnungen aus Tier- und Pflanzenwelt werden ein großer Erfolg, sogar Präsident Nixon will eine, bekommt sie aber nur, wenn er zahlt. Da sind sich die beiden Käuze einig!

Heute ist Maud Lewis als Folk Art Künstlerin anerkannt, ihre Gemälde hängen in zahlreichen Kunstsammlungen. Doch in „Maudie" bleibt diese Erfolgsgeschichte beiläufig. Dies ist ein wunderbarer Liebesfilm der besonderen Art. Vor allem Everett ist verschroben in einer Weise, die richtig komisch wäre, wenn man nicht mit ihm leben müsste. Wie er allerdings betont, dass sie rausfliegt, wenn sie ihren Haushaltsjob nicht mehr macht, und dann selbst zum Besen greift, damit sie mehr Zeit zum Malen ihrer einträglichen Bilder hat, ist schon fast liebevoll. Er bleibt ein sehr grober Idiot und sie liebt ihn weiterhin. So kommt es auch in einer Mischung aus Pragmatismus und spröder Zuneigung sogar zur Hochzeit.

„Maudie" zeigt dieses Glück sehr schön, spielt zwischendurch die passend raue Landschaft und das Wetter an Kanadas Ostküste aus. Dazu gibt es sehr schön passende Folk-Musik. Aber der Film gewinnt einen vor allem über die Darstellung Mauds durch Sally Hawkins, die fast wieder ihren unerschütterlichen Poppy-Charakter aus „Happy-Go-Lucky" (2007) aufnimmt. Ein reiner Sonnenschein - so wie bei ihren Bildern ist die einfache Fröhlichkeit keineswegs naiv, sie kommt aus tiefem Herzen. Was einen kleinen Glücks-Film mit viel leisem Humor ergibt. Ethan Hawke ist in der assistierenden Hauptrolle so groß, dass er einige Filmpreise erhalten sollte. Da wird am Ende jeder tief gerührt in den Kinosesseln versunken sein, trotzdem der Hinweis, es gibt im Abspann noch ein paar wunderbare Originalbilder.

23.10.17

Django

Frankreich 2017 Regie: Etienne Comar mit Reda Kateb, Cécile de France, Beata Palya 117 Min. FSK: ab 12

Die Finger fliegen so rasant und ungewöhnlich über die Saiten wie bei Sean Penn in Woody Allens Biografie „Sweet and Lowdown". Doch dieser Django Reinhardt ist ein anderer, die Zeit ist brutal in ihrem Rassenhass: „Django" erzählt eine Episode im Leben des Belgiers Jean „Django" Reinhardt (1910-1953). Es ist die erfolglose Flucht vor den deutschen Besetzern in Paris in die Schweiz im Jahr 1943. Das Regie-Debüt des französischen Produzenten Etienne Comar („Von Männern und Göttern", „Mein Ein, mein Alles") zeigt den Wandel des unpolitischen Bohemiens und Genies des Gypsy-Swing zum Komponisten einer ergreifenden „Zigeunermesse" für die verfolgten und ermordeten Roma. Deren Partitur ging zwar verloren, der erhaltene Teil bildet aber den Schlussakkord des Films.

Bis zu diesem tieftraurigen Moment erlebt Django (großartig gespielt von Reda Kateb), der ersten Warnungen von Transporten nicht glaubt und von Angeboten der deutschen Führung lebt, wie immer mehr Menschen verhaftet werden und verschwinden. In einer schockierenden Szene werden die Wagen einer befreundeten Sippe im Flammenwerfern abgefackelt. Die absurden Forderungen der Kultur-Nazis, Django dürfte nicht improvisieren, keine „Negermusik" spielen und nicht mit dem Fuß wippen, sind noch der amüsante Teil eines schon verlorenen Kampfes um die Freiheit der Musik und damit der Kultur. Die andere Belgierin des Films, Cécile de France, verkörpert in der tragischen Figur der gefolterten und gebrochenen musikalischen „Königin von Montparnasse" dieses Ende der Freiheit. „Django", der Eröffnungsfilm der letzten Berlinale, gemahnt auf ergreifende Weise, zu was Rechte an Macht fähig sind.