24.11.14

The Zero Theorem

Großbritannien, Rumänien, Frankreich, USA 2013 (Zero Theorem) Regie: Terry Gilliam mit Christoph Waltz, David Thewlis, Mélanie Thierry, Lucas Hedges, Matt Damon, Tilda Swinton 107 Min. FSK: ab 12

Verrückt dieser doppelte Waltz in einer Kinowoche, doch der alte Monty Python und Film-Hippie Terry Gilliam schießt in „The Zero Theorem" den Begriff „verrückt" sowieso in eine neue Dimension. Gilliams „Brazil 2.0" ist ein Update des Science Fiction-Klassikers, ein Kammerspiel in der virtuellen Einsamkeit.

Wer ist seltsamer? Dieser sonderbare Lohn-Hacker Qohen Leth (Christoph Waltz), der in einer alten Kirche haust und dem es vor dem Draußen graust, oder dieses neonbunte Draußen mit Menschen, die verzweifelt grell dagegen ankämpfen, zwischen all den Werbe-Bildschirmen unterzugehen? Qohen jedenfalls, der von seinem wahnsinnig dummen Vorgesetzten Joby (David Thewlis) immer Quinn genannt wird, verabscheut die moderne Welt. Er ist ein Mönch unter allen ziellosen Party-People, die immer mit einem Phone oder Pad in der Hand beschäftigt sind. Auf seinem skurrilen Arbeitsplatz wimmelt es von unsinnigen Tätigkeiten, die wunderbar piepsen und scheppern. Dies nur eines von vielen Elementen dieser Zukunfts-Welt, die stark an Gilliams „Brazil" erinnert.

Der extreme, glatzköpfige Nerd Qohen, der immer in einem auf den Kopf gestellten Pluralis Majestatis von sich als „Wir" redet, fühlt keine Freude, fühlt nichts. Dafür wartet er. Auf einen Anruf, der ihm den Sinn des Lebens kundtun soll. Abgesehen von der allen bekannten Antwort „42" eröffnet sich dem verrückt genialen Zahlen-Akrobaten ein neuer Ansatz: Der mysteriöse Chef des alles bestimmenden Über-Konzerns „Man-Com" (Matt Damon) taucht aus dem Nichts auf vor ihm. Perfekt getarnt im Zebrastreifen-Anzug auf Zebrastreifen-Sessel. Und meint, Qohen solle das Zero Theorem lösen. Also beweisen, dass die Summe aller Existenz letztlich Null ist. Alles ist Nichts also. Eine Aufgabe, an der schon viele scheiterten, und die auch Qohen in den Wahnsinn treiben wird. Aber war er nicht schon wahnsinnig? So bleibt unklar, ob die sehr nette Cyber-Prostituierte Bainsley (Mélanie Thierry) und der Management-Sohn Bob (Lucas Hedges) real oder nur Programme sind...

Und was ist mit Tilda Swinton als keifende, rappende Dr. Shrink-Rom? Ein wunderbar schräger Auftritt jedenfalls, zusammen mit herrlich lächerlichen futuristischen und retro Technik-Gadgets. Die Ziehharmonika-Schläuche am zentralen Gehirn stammen aus der Sanitär-Sauerei vom „Brazil"-Terrorist DeNiro als Harry Tuttle. Die Plakatwände versprechen wieder das (Urlaubs-) Paradies, diesmal nur elektronisch personalisiert. Ja, auch der Wechsel zwischen traumhaften Szenen und dem Absturz aus der Traum-Romantik wiederholt sich. Ein Kinderspielplatz mit einer meterhohen Wand voller Verbotsschilder ist bitter wie das echte Leben. Die Dauer-Überwachung im Schwarzweiß hochaktuell und kein Snowden von gestern.

„Der Sinn des Lebens" beschäftigte schon die britische Komikertruppe Monty Python, auch die gleichnamige Sketch-Sammlung war vom Scheitern an dieser Frage bestimmt. Damals war Terry Gilliam vor allem für die Animationen der Python-Truppe verantwortlich und irgendwie wirkt das Cyber-Kammerspiel „Zero Theorem" wie die bunten Papp-Bildchen damals. Es hat eindeutig das niedrigste Budget Gilliams seit langem. Seine letzten Filme „Brothers Grimm", „Tideland" und „Doctor Parnassus" konnten nur künstlerisch überzeugen. Weit zurück liegen Erfolge wie „Brazil", „Time Bandits" oder „König der Fischer" (mit dem gerade verstorbenen Robin Williams). Der Film „Zero Theorem" selbst verhält sich zu früheren von Gilliam nun allerdings so steril wie Cyber-Sex zum schwitzigen, feuchten und unkontrollierbaren echten. Wenngleich er immer noch prall vom Kitzel verrückter und spaßiger Ideen steckt. Gilliam folgt also nicht seinem Protagonisten Qohen, der sich mit dem schönen Schein zufrieden gibt und aufhört, (zuviel) zu grübeln.


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