26.10.14

Zwei Tage, eine Nacht

Belgien, Frankreich, Italien 2014 (Deux jours, une nuit) Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne mit Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Pili Groyne, Simon Caudry 95 Min. FSK: ab 6

Im Stile eines neuen Neo-Realismus folgt „Zwei Tage, eine Nacht" der Arbeiterin Sandra (Marion Cotillard), die von ihrer Entlassung bei einem Solarpanel-Unternehmen erfährt: Die Kollegen hatten die Wahl zwischen einem Bonus von 1000 Euro und dem Erhalt der Stelle von Sandra. Dank einer engagierten Kollegin soll die Wahl am Montag jedoch wiederholt werden. Diesmal geheim. Sandra, die Frau, die sich gerade von einer schweren Depression erholt hat, die mit zwei Kindern und dem Mann Luc endlich nicht mehr in einer Sozialwohnung lebt, hat zwei Tage und eine Nacht Zeit, die Mehrheit der 16 Kollegen zu bitten, für ihren Verbleib im Unternehmen zu stimmen.

Die Odyssee durch Vororte von Lüttich dekliniert in immer wieder bewegenden Begegnungen, was Solidarität heutzutage wert ist. Ein Paar mit viel Zeit und Freizeit will mit dem Bonus eine Terrasse vor ihrem neuen Haus hoch über der Maas bauen. Im Gegensatz zu dieser nüchternen Demonstration von Überfluss, die später demontiert wird, bricht ein Jugend-Trainer beim Fußball direkt in Tränen aus, so sehr drückte ihn das schlechte Gewissen. Einige haben einen zweiten Job, um über die Runden zu kommen, andere einen flotten Sportwagen, der viel verbraucht. Am erstaunlichsten ist jedoch die Haltung Sandras, die immer mehr Pillen gegen ihre Panik und Heulanfälle schlucken muss: Ohne Wut, freundlich und demütig tritt sie auf die Kollegen zu, die ihr Schicksal in der Hand haben. Sandra bittet mit einer Demut, die an religiöse „Superhelden" erinnert - da wird nicht getrickst und manipuliert.

Genau so ehrlich und gradlinig wie die Dardennes ihre Filme in den Vierteln der wallonischen Krisenstadt Lüttich drehen, die sie seit Jahren kennen. Mit den Menschen, die dort leben. (Und mit mittlerweile berühmten Schauspieler aus früheren Filmen wie Olivier Gourmet als Vorarbeiter und Jérémie Renier als Boss.) Die für ihre zwei Goldene Palmen („Rosetta", „Das Kind") gefeierten Filmemacher vermeiden mit ihrem ehrlichen, authentischen Stil jede Grobheit, jede dramaturgische Falle, die mit Effektivität lockt, aber Glaubwürdigkeit reduzierte. Selbst der Star, Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard („Der Geschmack von Rost und Knochen", „La vie en rose"), den sie sich leisten, verkörpert mit ihrer berührenden Rolle das Herz vom filmischen Schaffen der Dardennes. Ihre Sandra ist vom ersten Augenblick frei von allem Star-Image. Schon im Schlaf zeigen die dunklen Augen einen Menschen, der fix und fertig ist. Noch bevor sie von der Entlassung erfährt. Doch das kluge Meisterwerk schafft es, seinen Figuren Würde, Anstand und Stolz zu geben, ohne zum Filmmärchen abzurutschen. Zwar gab es in Cannes 2014 nicht die dritte Goldene Palme für diese ergreifende Suche nach Solidaritäts, doch mit den „working class heroes" des Films können sie sagen: „Wir haben gut gekämpft!"

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