30.9.14

Hüter der Erinnerung - The Giver

USA 2014 (The Giver) Regie: Phillip Noyce mit Jeff Bridges, Meryl Streep, Brenton Thwaites, Alexander Skarsgård, Katie Holmes 98 Min. FSK: ab 12

In einheitlichem Schwarz-Weiß zeigt „The Giver" auf einem in den Wolken schwebenden Stück Land eine erschreckend egalitäre Gesellschaft und mittendrin, kurz vor der zeremoniellen Erwachsenwerdung, Jonas (Brenton Thwaites). Wie in „Die Tribute von Panem" oder „Die Bestimmung – Divergent" wieder jemand, der sich anders fühlt - in einer dystopischen Welt, in der alle gleich sein sollen. Die Gleichheit geht so weit, dass es in dieser Welt kein Wetter gibt, auch keine Hügel, die ja nachteilig sein könnten. Morgendliche Injektionen töten Gefühle ab, denn auch die führen ja bekanntlich zu Neid, Eifersucht, Streit, dann schließlich zu Mord und Totschlag.

Doch Jonas wird bei der öffentlichen Aufgaben- und Berufsverteilung übergangen, denn er hat alle vier wichtige Eigenschaften, ist als „Receiver of Memory", als Empfänger der Erinnerung ein Auserwählter. Jonas ist also wie die Älteren, die alles entscheiden, etwas gleicher als gleich. Er darf fortan als einziger lügen, aber auch nichts von seiner folgenden Ausbildung erzählen. Am Rande der Klippe ins Nichts wartet in einer riesigen Bibliothek mit - ihm bislang etwas unbekannten, Büchern - der „Giver" (Jeff Bridges) auf ihn.

Jonas wird nun mit den Erinnerungen der Menschheit geflutet. Ein auch im Kino großartiger Rausch an Farben, Freuden, Klängen, mit allem, was in dieser Welt ausradiert wurde. Jonas sieht schließlich alles wieder in Farbe und sein schon vorher nicht übersehbares Rebellentum bricht endgültig aus, als ihm klar wird, dass die Älteren das Morden nicht beendet haben, sie haben ihm nur einen anderen Namen gegeben.

Eine der ersten Erinnerungen mit denen Jonas konfrontiert wird, ist eine Schlittenfahrt. Der Verweis zu Orson Welles Über-Film „Citizen Kane" ist überdeutlich. Nur wandelt sich die greise Lebenserinnerung eines einzelnen Mannes zur Rückerinnerung auf wahres Leben aus einer grauen Zeit. Man muss bei diesen freudlosen Regeln unweigerlich an die puritanische Zensur des „political correctness" denken. Doch man sollte besser nicht weiter an große Filmkunst denken. „The Giver" hat eine reizvolle Geschichte, auch wenn man sie in dieser Art zuletzt recht oft gesehen hat. Lois Lowrys Romanvorlage für diesen interessanten Jugendfilm stammt aus 1993, ist also Vorläufer von „ Panem"und „ Divergent". Aber so ist es halt mit diesen Konflikten und Brüchen in einer Gesellschaft und im Erwachsenwerden, sie bleiben sich gleich. Und das Ringen mit ihnen ist hier unterhaltsam und mit eindringlichen Bildwelten dargestellt.

Jeff Bridges, der selbst Ko-Produzent des Films ist, wirkt auch nuschelnd hinter einem dichten Bart noch eindringlich. Meryl Streep ist als Chefin des Ältestenrates wie in „1984" als Projektion allgegenwärtig und durch Überwachungskameras allwissend. Ein Besetzungs-Leckerbissen stellt Katie Holmes als erschreckend systemtreue Mutter dar, da man unweigerlich an ihren Scientology-Hintergrund denken muss.

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