29.9.14

Gone Girl

USA 2014 Regie: David Fincher mit Rosamund Pike, Ben Affleck, Missi Pyle, Carrie Coon, Neil Patrick Harris 145 Min.

Was geht im Kopf des Menschen vor, mit dem man zusammenlebt? In David Finchers Verfilmung des Romans „Gone Girl" von Gillian Flynn wird die Antwort radikal gesucht: Ein Mastermind-Spiel schleppt der verkaterte Nick (Ben Affleck) unterm Arm in die Kneipe, die er mit seiner Zwillingsschwester Margo (Carrie Coon) betreibt. Doch das echte Superhirn ist zuhause seine Frau Amy (Rosamund Pike). Beziehungsweise nicht mehr zuhause, denn da findet Nick später nur noch Spuren eines Überfalls. Ausgerechnet am Hochzeitstag, an dem Amy immer trickreich Spuren zu einem Geschenk ausgelegt hatte, gibt es nun keine Spur von ihr.

Die herbeigerufene Kommissarin Rhonda Boney (Kim Dickens) ist erstaunlich engagiert, Nicks Wohnung wird gleich mehrere Tage hausdurchsucht. Vielleicht auch weil Amy als literarische Figur „Amazing Amy" über Jahrzehnte von ihren Eltern sehr populär vermarktet wurde. Aber vor allem wird der unbedarfte und heimlich untreue Gatte immer mehr zum Verdächtigen.

Aus Amys Tagebuch erfahren wir in Rückblenden vom Verlauf der Beziehung, dem euphorischen Kennenlernen, dem gemeinsamen Spaß, der Heirat, dem Bankenkrisen-Abzocke, der auch die beiden trifft, dem Umzug von New York in Nicks provinzielle Heimatstadt und der wachsenden Entfremdung. Wie beim Rätselspiel vom Hochzeitstag bekommen wir immer neue Hinweise, welche die ganze Situation auf den Kopf stellen.

Diese Überraschungen und Wenden sind allerdings für einen hochkarätigen Regisseur wie Fincher, für den Meister der Spannung in „Verblendung", „Zodiac", „Panic Room", „Fight Club", „The Game", „Sieben" und „Alien 3" überraschend ruhig getaktet. Ist es der Einfluss exzellenter TV-Serien, die sich trauen, alte Erzählweisen aufzubrechen? Jedenfalls scheint „Gone Girl" bei einer durchgehenden Handlung aus verschiedenen Filmen zu bestehen: Das ist zuerst der Krimi, bis die vermeintlich Ermordete nach der ersten Auflösung wieder auftaucht. Dann gibt es fast so etwas wie einen Gerichtsfilm, ein anderer Krimi mit neuen Karten. Bis alles in ein bitteres Ehedrama mündet. Wobei in allem auch die Spannung mal Auszeit nimmt. Allerdings geht es im Vergleich zu Finchers „Zodiac" auch nicht um etwas abgrundtief Böses. Der Rosenkrieg von „Gone Girl" ist manchmal fast komisch, wirkt wie eine Soap, eine blutige.

„Gone Girl", dieses in ihren tödlichen Auswirkungen extreme Ehedrama, wird komplett vom Scheinwerferlicht der Medien begleitet, sogar bis in die Wohnungen hinein. Von der Pressekonferenz zum Verschwinden Amys bis zum in Talkshows ausgetragenen Kampf um die Wahrheit. Für Amy ist dies allerdings nichts Neues, da ihre Eltern ja schon ihr ganzes Leben als „Amazing Amy" in die Öffentlichkeit zerrten. Könnte sein, dass frau dabei etwas seltsam wird. Dass Nick eine Möchtegern-Schauspielerin als Geliebte und eine perfekte als Ehefrau hat, gehört zu den bissigen Details dieser Beziehungs-Analyse.

Was geht im Kopf des Menschen vor, mit dem man zusammenlebt? Vor allem diese Frage krallt der Film am Beispiel extremer Verstellung in die Gedanken der Zuschauer. Projektionen, Erwartungen, Rollenspiele geraten hier in ein ganz heftiges, kriminelles und existenzielles Schlaglicht. Das fast langweilig schöne, reine Gesicht, das Rosamund Pike zeigen kann, ist dabei perfekte Oberfläche für die Täuschung ihrer biestigen, manipulativen Figur und des Films.

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