15.7.14

Wir sind die Neuen

BRD 2014 Regie: Ralf Westhoff mit Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, Michael Wittenborn, Claudia Eisinger, Karoline Schuch, Patrick Güldenberg 92 Min. FSK: ab 0

Von der frisch studierenden Nichte aus der Wohnung geschmissen, will Anne (Gisela Schneeberger) ihre alte Studenten-WG wieder aufleben lassen. Nach 35 Jahren, in denen sich viele jahrzehntelang nicht mehr gesehen haben, ein schwieriges Unterfangen. Denn es ist ja nicht vorrangig die Begeisterung für die alte Zeit und Lebensform, es ist die (nicht nur in) München prekäre Wohnsituation, welche die quirlige Sechzigerin Anne nach einer WG suchen lässt. Die ersten Kandidaten disqualifizieren sich schon über ihre Wohnungen und Lebensstile. Der Spießer von früher rechnet in seiner großen Luxuswohnung mit den alten Genossen ab.

Letztlich bleiben nur zwei Mitbewohner übrig: Der Lebemann Eddi (Heiner Lauterbach), dessen geschiedene Frau und Kinder nicht mehr mit ihm reden, und Johannes (Michael Wittenborn), ein Rechtsanwalt, der zu viel für die gute Sache und zu wenig auf eigene Rechnung gearbeitet hat. Tatsächlich bekommt das Trio dank einer alten Liebschaft Eddis und viel Mitleid eine Altbauwohnung. Die aufgekratzte Begeisterung beim Einzug wird aber schnell von den Nachbarn getrübt: Eine Studenten-WG von heute sieht die drei Alten als Pflegefälle an, hat „keine Kapazitäten" im Prüfungsstress und will keinen Kontakt. Wobei das Jura-Studenten-Paar und die Kunsthistorikerin auch ansonsten langweilig sind. Die Konfrontation mit echtem Spießertum und erschreckend aufgeräumter Wohnung ist „die Hölle". Der andere Nachbar scheint freundlicher, hat aber erst in einigen Wochen einen freien Termin.

Dünne Decken sei Dank kommt es schnell zu Streit sowie zu herrlich spitzen und treffenden Diskussionen untereinander und mit den Spießern von obendrüber. Es entwickelt sich ein Lautstärke-Krieg bei dem die Alten die Lauten sind. Dafür schlägt Anne, Eddi und Johannes blanker Sozialhass einer verwöhnten Generation entgegen: An Altersarmut sei schließlich jeder selbst schuld. Noch besser wird der Klassenkampf zwischen den Generationen als sich die Alten irgendwann um die völlig überforderten Jungen am Rande des Nervenzusammenbruchs kümmern.

„Wir sind die Neuen" macht mit tollen Schauspielern so viel Spaß, dass man das „Thema" längst vergessen hat. Was mit DeNiro und Co als Rentner-Gang in Las Vegas oder in französischer Variante mit Jane Fonda bei „Und wenn wir alle zusammenziehen" unterhält, funktioniert auch auf Deutsch hervorragend, da ausgetretene Szenen vermieden werden. Der Aufstand gegen die Wohnsituation in München und anderswo, gegen Rollkoffer-Typen und Coffee to go, weil man doch seinen Kaffee gar nicht im Gehen trinken will, kommt richtig frisch rüber. Gleichzeitig reflektiert er ziemlich klar und nüchtern eine aus heutiger Sicht völlig unökonomische Studienzeit. Und ist umwerfend komisch, wenn Eddi / Heiner Lauterbach seinen unwiderstehlichen Blick auflegt und eine junge Frau fragt, ob es ihm nicht gut geht. Gisela Schneeberger („Man spricht deutsh") ist wie gewohnt großartig, hier vertraut sie mehr auf die leiseren Töne.

Ralf Westhoff gelingt es diesmal wesentlich runder und unterhaltsamer als in „Shoppen" (2006) oder in „Der letzte schöne Herbsttag" (2010) Reflektionen über Leben und Wandel mit vermeintlich lockerer Handlung zu verbinden. Ein klasse Spaß für WGs und Spießer jeder Altersklasse.

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