27.5.14

Kathedralen der Kultur

BRD, Dänemark, Österreich, Norwegen, Frankreich, USA, Japan 2014 Regie: Wim Wenders , Michael Glawogger, Michael Madsen, Robert Redford, Margreth Olin, Karim Ainouz 156 (auch in zwei Teilen: 78 & 78) Min.

Wim Wenders, dessen internationale Karriere vor fast genau dreißig Jahren mit der Goldenen Palme für „Paris, Texas" begann, erlebt gerade mit seinen Dokumentationen einen neuen Karriere-Höhepunkt. Schon „Buena Vista Social Club" war eine Sensation, dann der Welterfolg mit „Pina" und vor ein paar Tagen ein Spezialpreis in Cannes mit „The Salt of the Earth". Wie dieser ist auch „Kathedralen der Kultur" ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer Regisseure. Doch vor allem der Auftakt von Wenders ist ein Paukenschlag: Unter den sechs Regisseuren, die sechs Bauwerke vorstellen, erwählte er die Berliner Philharmonie. Das in jeder Hinsicht auffallende, seit 50 Jahre moderne Gebäude von Hans Scharoun gewährt Ein- und Aufblicke, reizt mit einem Mix aus inszenierter Doku und spiel(film)erischer Inszenierung, bei denen ein geisterhafter Dirigent, eine begeisterte Zuhörerin unsere Identifikationsfiguren sind.

Im Brechtschen Sinne zeigt Wenders uns nicht nur Chefdirigent Simon Rattle und die Musiker, sondern auch viele Arbeiter des Hauses. Über die sich die Einzigartigkeit in Sachen Akustik und Architektur erklärt. Ineinander gelegte Pentagramme brachten erstmals Dirigenten und Orchester in die Mitte des Raumes. Dazu Stadtgeschichte mit der Philharmonie als Gegenpol früher zur Berliner Mauer und heute zu den Ungetümen am Potsdamer Platz. Oder die Geschichte der Chefdirigenten Karajan, Claudio Abbado und heute Sir Simon Rattle. Die Philharmonie erzählt von all dem ganz persönlich (mit der Stimme von Meret Becker).

Der vor kurzem verstorbene Österreicher Michael Glawogger entdeckt im zweiten Film die Russische Nationalbibliothek vor allem mit langsamen Fahrten und Schwenks, begleitet von literarischen Texten in Russisch und Deutsch, während es bei Michael Madsens (nicht der Schauspieler) Vorstellung des dänischen Gefängnisses Halden eher um ein sehr bewegendes, anrührendes Porträt der Menschen in diesem geht. Auch wenn aus der Perspektive der langen (weiblichen) Gefängnismauer oder der Zelle erzählt wird und ein Foucault-Zitat vorangesetzt ist, dass heute viele Gebäude und Institutionen Gefängnissen ähneln.

Robert Redford zeigt das Salk Institut, das bei der Polio-Bekämpfung entscheidend mitgeholfen hat, historisch und architektonisch in einem sachlichen Ton. „Das Oslo Opernhaus" hingegen ist wieder ein wunderbares Kunststück zu diesem wunschschönen, 2008 vollendeten Kunstwerk. Margareth Olin dokumentiert die zahllosen Menschen, die das schneeweiße Dach täglich überqueren, Proben und Häppchen aus Inszenierungen. Auch im letzten Beitrag, „Centre Pompidou" von Karim Aïnouz, beantwortet der Filmemacher die konzeptuelle Frage: „Wenn Gebäude sprechen könnten, was würden sie uns erzählen?" Die Antworten der sechs verschiedenen Filmbeiträge begeistern unterschiedlich auf der Skala von „Meisterwerk" bis „sehr interessant", können aber insgesamt über zweieinhalb Stunden fesseln - das ist nicht nur für einen Dokumentarfilm außerordentlich!

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