2.12.13

Inside Llewyn Davis

USA, Frankreich 2013 Regie: Joel & Ethan Coen, mit Oscar Isaac, Carey Mulligan, Justin Timberlake, John Goodman, Garrett Hedlund 104 Min.

Die Coen-Brüder (Goldene Palme 1991 mit „Barton Fink") können herrlich albern („Brother, were art thou") aber auch düster tiefgründig („No country for old man") bis metaphysisch („The man who wasn't there"). Diesmal wollten sie vor allem wieder einen Musikfilm wie „Brother, were art thou" machen. „Inside Llewyn Davis" reicht vom Spott auf alle möglichen Verirrungen der Folkmusik bis zu ein paar Takten eines näselnden Typen, der später garantiert auch noch Mundharmonika spielen und als Bob Dylan erfolgreich sein wird. Dieser böse Humor, der in Cannes Lachanfälle und Szenenapplaus einheimste, wird im Film selbst beantwortet: Der Ehemann einer verspotteten Sängerin schlägt Llewyn Davis in der Gasse hinter einem Club zusammen. Damit beginnt und endet der Film.

Anfang der Sechziger Jahre erleben wir in New York den begnadeten aber erfolglosen Folksänger Llewyn Davis (Oscar Isaac) beim Couch-Hopping. Auf seinen Auftritt in einem kleinen Club in Greenwich Village fällt ein göttliches Licht: „Amelie"-Kameramann Bruno Delbonnel gestaltete nicht nur diese Szene als Gemälde wie von großen niederländischen oder italienischen Meistern. Auf den Alltag von Llewyn fällt meist Regen und Schnee. Ohne Wohnung und Geld übernachtet er mit seiner Gitarre mal bei seiner ehemaligen Affäre Jane (Carey Mulligan) und deren neuem Freund Jim (Justin Timberlake), mal bei einem intellektuellen Ehepaar, das den Bohemien gerne Freunden vorführt. Als deren Katze ihm morgens entwischt, bekommt der Film sogar noch so was wie einen roten Faden, denn eigentlich fehlt ihm ein Plot. Was bei der äußerst vergnüglichen und andeutungsreichen, hervorragend gespielten und wunderbar inszenierten melancholischen Komödie überhaupt nicht auffällt.

Jede Szene der kleinen historischen Stadt-Führung und USA-Odyssee (New York, Chicago und zurück) „Inside Llewyn Davis" ist ein Hochgenuss. Die schrägen Nebenfiguren interessieren fast mehr als der wohnungs- und ziellose Antiheld Llewyn: John Goodman spielt auf dem Roadtrip nach Chicago einen völlig abgedrehten Jazzer auf Droge und ihr Fahrer Johnny Five wird von Garett „On the Road" Hedlund ultracool gegeben. Timberlake spielt hinter nerdigem Bart wieder richtig gut und bildet mit Carey Mulligan ein Duett im Stile des Trios „Peter, Paul & Mary".

Dass Llewyn die von ihm schwangere Jane oder eine Tochter, von der er nichts wusste, nur einen Seitenblick wert sind, charakterisiert treffend den ziellosen Künstler, der nur in seinem Auftritt ganz da zu sein scheint. Der Abschied vom pflegebedürftigen Vater ergibt zwar einen Song, doch ein paar große Emotionen in dessen Gesicht stellen sich ganz fies als Begleiterscheinungen der Verdauung heraus. Wir sind schließlich in einem Coen-Film!

Allerdings amüsierten die us-amerikanischen Regie-Brüder nur scheinbar musikalisch nichtig. Die Geschichte der Coens basiert frei auf dem Leben und der Biografie des Folk-Sängers Dave Van Ronk, der auch eine LP mit dem Titel „Inside Dave Van Ronk" einspielte. Das stilistische Meisterwerk bildet quasi die B-Seite, die Verlierer-Seite von Martin Scorseses Dylan-Geschichte „No Direction Home". Allerdings entstand mit Unterstützung von Marcus Mumford, Sänger und Songwriter der britischen Band „Mumford & Sons", entstand ein erlesener Soundtrack, der moderne und klassische Musiktraditionen verbindet. Und die Coens selber finden sich mit „Inside Llewyn Davis" in der Tradition ihres eigenen Künstlerfilms „Barton Fink" wieder.

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