12.11.13

Jung & schön

Frankreich 2013 (Jeune & jolie) Regie: François Ozon mit Marine Vacth, Géraldine Pailhas, Frédéric Pierrot, Charlotte Rampling, 94 Min. FSK: ab 16

Welch ein Beitrag zur notwendigen Diskussion um ein Prostitutions-Verbot: François Ozon macht in seinem Cannes-Film „Jung & schön" nachfühlbar, dass eine 17-Jährige - großartig gespielt vom bekannten Model Marine Vacth - aus guter Familie es genießt, auf den Strich zu gehen: „Geld macht die Beziehungen einfacher!" Dieser radikale Schritt in Unabhängigkeit, sexuelle Selbstbestimmung und Erwachsensein provoziert komische bis dramatische Reaktionen der Umwelt. Das spannende Experiment gestaltet der französische Meisterregisseur mit großer Sicherheit und unterschiedlichen Stimmungen über vier Jahreszeiten hinweg.

Es beginnt mit einem der voyeuristischen Blicke, denen der Film auch reich ist: Mit dem Fernglas wird eine junge Frau oder ein fast erwachsenes Mädchen am Strand beobachtet. Aber, es ist nur der kleine Bruder von Isabelle, die bald 17 wird. (Auch wenn man, bei allem, was der Bruder miterleben wird, ihm einen eigenen Film widmen sollte.) Zeit also für Isabelle, das erste Mal mit einem Jungen zu schlafen. Eine grausam großartige, nächtliche Strand-Szene mit grober, liebloser Gymnastik, die den Regisseur François Ozon wieder als sensiblen Frauenversteher ausweist. Isabelle steigt einfach aus, während sie in einer Doppelbelichtung wirklich neben sich steht und das Geschehen eher erstaunt als verletzt beobachtet.

Ein paar Monate später ist Isabelle im Pariser Herbst auf dem Weg in ein edles Hotel, die lässigen Klamotten wechselt sie mit einem edlen Kleid und auf dem Zimmer schläft sie mit einem Kunden für Geld. Es ist irritierend, wie die Frau hierhin gekommen ist. Psychologische Verbindungen zur ersten Episode kann man ziehen, der Film tut es nicht. Geld haben sie und ihre Familie genug. Man kann es sich auch nicht mit einer zerrütteten Familie leicht machen, dazu ist der Stiefvater viel zu sympathisch und richtig an seiner Stelle.

Isabelle selbst wirkt melancholisch und seltsam verschlossen, auch wenn sie sich freizügig gibt. In der Schule versucht man mit Rimbaud zu ergründen, wie es ist, 17 zu sein. Die Lust am Sex lässt sie schnell den nächsten Kunden kontaktieren, wenn der erste nicht befriedigend war. „Geld macht die Beziehungen einfacher!" lautet ihr Schlüsselsatz. Nüchtern ausgedrückt sind es 300 Euro pro Freier.

Der Winter rafft ausgerechnet mitten im Akt den älteren Dauerkunden Georges hin, bei dem alleine sich Isabelle etwas öffnete. Die Polizei kommt ins Spiel und die Familie ist in heller Aufregung. Nun ist die junge Schöne Zentrum einer Komödie um spießbürgerliche Moral. Isabelle als „Belle de Jour" von Heute, in der Rolle, die für Catherine Deneuve einst bei Bunuel etwas brutaler ausfiel. Dass die Sünderin nun herrlich mit dem irritierten Stiefvater und dem Psychologen, der im Gegensatz zu ihr lächerliche 70 Euro die Stunde macht, spielt, gibt dem Film wieder einen anderen Ton, macht es erneut schwierig, ihn einfach einzuordnen oder moralisch zu verdammen.

Und auch die vierte Episode, die Isabelle mit einem Freund, und die Familie zufrieden zeigt, hat eine besondere Note samt finaler Überraschung. Denn dies ist schließlich ein Film von François Ozon, der nicht nur wegen „Swimming Pool" oder „8 Frauen" als formvollendeter Meister gilt, aber auch immer wieder überraschen kann. Zur Einstimmung in die vier Jahreszeiten wählte er schöne Chansons der französischen Musik-Ikone Françoise Hardy. In einer der wunderbarsten unter den vielen wunderbaren Szenen trifft Isabelle auf die Witwe Georges, gespielt von Charlotte Rampling. Hier kann selbst der härteste Kritiker eines vermeintlich kühlen Spiels um eine vermeintlich gefühlskalte Frau sich der garantierten Gänsehaut nicht erwehren.

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