4.11.13

Das große Heft

BRD, Ungarn, Frankreich, Österreich 2013 (A Nagy Füzet) Regie: János Szász mit András Gyémánt, László Gyémánt, Piroska Molnár , Ulrich Thomsen, Ulrich Matthes 108 Min. FSK: ab 12

Ein Messer spitzt den Bleistift in Großaufnahme. Schon diese Einstellung, als Vorbereitung für die Notizen zweier Zwillingsbrüder in ihrem „großen Heft", verstrahlt elementare Kraft, atmet die Farben eines historischen Epos. „Das große Heft", basierend auf dem Roman „Le grand cahier" der ungarisch-schweizerischen Autorin Ágota Kristóf, erzählt von Kindern und der Erziehung des Bösen. In einem großen, fein geschnitztem und gezeichneten Werk.

Mitten im Zweiten Weltkrieg trennt sich eine ungarische Familie: Der Vater (Ulrich Matthes) muss an die Front, die Mutter bringt die beiden dreizehnjährigen Zwillingsbrüder zu der Großmutter auf einem abgelegenen Hof am Rande eines Dorfes. Dort werden die Jungen aus bürgerlicher Familie nur noch als Hundesöhne bezeichnet und müssen für ihr karges Essen arbeiten. Zur Kartoffelsuppe gibt es Schläge. Auch Briefträger, Dörfler in der Kneipe und andere prügeln grundlos. Deshalb beginnen die Zwillinge, sich abzuhärten. Mit gegenseitigen Hieben und Schlägen mit einem Gürtel, bis sie in Ohnmacht fallen. Selbst der ebenfalls bei der Oma einquartierte deutsche Lagerkommandant (Ulrich Thomsen) staunt da nur.

Die Großmutter darf zuerst ihre Wandlung zu kleinen Monstern miterleben. Legten sie anfangs noch Anstand an den Tag, wehren sie sich nur über alle Maße und Vorstellung hinaus. Immer mehr imitieren die Zwilling Ereignisse und Verhalten rund um sie herum. Ein desertierter Soldat, dem sie noch Essen bringen wollen, erfriert vorher im Wald. So hungern sie auch. Vier Tage, länger als der Soldat. Zur Abhärtung der Seele verbrennen sie den Brief der Mutter, der nach viel zu langer Zeit kommt. Weitere Übungen in Grausamkeit beginnen mit der Tötung von Käfern, dann Fischen. Irgendwann schlagen sie ein Schwein mit dem Kopf an die Wand, was der Film nicht zeigt. Wie andere Grausamkeiten auch.

Die Brüder töten nun ohne Notwendigkeit. Die schöne, blasse und rothaarige Frau, die beide zu einem Bad verführt, verhöhnt später die Juden, die in einem schauerlich stillen Wintermarsch durch die Straßen getrieben werden. Und gibt den Häschern noch einen Hinweis auf den Schuster, einen Freund der Jungen. Wieder gerät, was anderswo Schelmenstreich wäre, zur blutigen Rache. Letztendlich sind sie schlimmer als die Erwachsenen.

Eine große Geschichte, ein großer Film. „Das große Heft" kann man vielleicht als eine Art „Das weiße Band" für Ungarn sehen. Schnell denkt man über aktuelle totalitäre Tendenzen und Antisemitismus nach. Im Kino gab es selten ein eindringlicheres Bild für den verheerenden Einfluss von Krieg und Faschismus. Der meisterlich inszenierte und fotografierte Film zeigt eine horrende Lausbuben-Geschichte unter dem furchtbaren Einfluss des Krieges. Diese Verpanzerung der Jungen erlebt man als einen faszinierenden und erschreckenden Prozess.

Der Einmarsch der Russen ändert nicht viel. Hasenscharte, eine Freundin der Jungen, wird direkt von den Soldaten vergewaltigt und stirbt. Nun ist die Rache gänzlich sinnlos und allein Verzweiflung. Am Ende steht noch so eine unglaubliche Tat, die wieder an Schlöndorffs „Die Blechtrommel" erinnert, genauer an den nicht ganz unbeabsichtigten Todesfall des Vaters. Einer der letzten Einträge lautet: Der Krieg ist aus. Es ist Frieden, aber nicht für uns.

„Das große Heft" enthält wunderschöne Kamerazeichnungen, bei den ineinander verschmolzenen Gesichtern der schlafenden Kinder, neben animierten Collagen und Zeichnungen aus dem Heft. Dabei immer wieder im Daumenkino die Erschießungen, die sie im Lager hinter dem Bach gesehen haben. Außer den eindrucksvollen Darstellern der Jungen (András Gyémánt, László Gyémánt) und vielen starken ungarischen Auftritten sind auch ein paar gute deutsche Schauspieler zu sehen: Ulrich Thomsen als der Wehrmachts-Offizier und Ulrich Matthes als Vater, der mit einer Eindringlichkeit, die an seinen Priester aus „Der neunte Tag" erinnert.

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