8.10.13

Prisoners

USA 2013 (Prisoners) Regie: Denis Villeneuve mit Hugh Jackman, Jake Gyllenhaal, Maria Bello, Terrence Howard, Melissa Leo, Paul Dano153 Min. FSK ab 16

Da fährt ein Wohnmobil so bedrohlich wie der Laster in Spielbergs „Duell" durch das Wohngebiet. Man sieht die Perspektive eines Beobachters, ihn sieht man nicht. Mit solchen Einstellungen, die unbestimmt bedrohlich wirken, beginnt „Prisoners", um sich in Sachen Spannung und Erschütterung bis zum kaum Erträglichen zu steigern.

Die sechs- oder sieben-jährigen Töchter der befreundeten Familien Dover und Birch verschwinden zu Thanksgiving auf den paar Schritten von einem Haus zum anderen. Der Thriller, der sehr schnell zur Sache kommt, lässt den energischen und klugen Inspektor Loki (Jake Gyllenhaal) umgehend einen Verdächtigen fassen. Doch es gibt keine Beweise gegen den geistig behinderten Alex Jones (Paul Dano), der nach 24 Stunden freigelassen wird. Obwohl Loki wie Jack Nicholson in „Das Versprechen" (nach Dürrenmatts gleichnamiger Geschichte) sein Versprechen gibt, die Tochter zu finden, schreitet der verzweifelte Vater Keller Dover (Hugh Jackman) zur Selbstjustiz. Was er macht, nachdem er Alex entführt, ist ähnlich entsetzlich, wie die Gedanken an das Schicksal der Mädchen.

Wobei wir exakt bei der Problematik des Frankfurter Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner sind, der einem geständigen Täter Folter androhte, um vielleicht ein Entführungsopfer zu retten. Keller Dovers Schlussfolgerung „er ist kein Mensch mehr", verschiebt die ganze Situation außerhalb des Rahmen jeglicher zivilisatorischer Übereinkunft. Dabei bleibt es nicht bei dem kontrastierenden Kunststück, dass ein Verbrechen mit dem daraus folgenden verflochten wird. Regisseur Denis Villeneuve fächert die Situation mit Spiegel- und Dopplungen in verschiedene Möglichkeiten auf: Zwei Männer, zwei Elternpaare reagieren unterschiedlich, ein engagierter Polizist tut tatsächlich alles Mögliche, um die Mädchen zu finden, und muss gleichzeitig einen ausrastenden Vater unter Kontrolle halten.

Der Kanadier Villeneuve ist einer dieser Importe, mit dem sich Hollywood regelmäßig eine Blutauffrischung verpasst. Er hat mit „Die Frau, die singt" einen der besten, packendsten und berührendsten Filme der letzten Jahre gemacht. Darin ging es um die Abgründe der Nahost-Konflikte. Scheinbar komplexer als zwei verschwundene Mädchen in einer amerikanischen Kleinstadt, aber mit vielen gleichermaßen beteiligten Figuren wird auch hier ein unentrinnbares Erzähl- und Denk-Netz gespannt. Dazu sorgt die Kamera von Roger Deakins für dunkle, extrem intensive Atmosphären in strömendem Regen und dunklen Räumen, die horrende Überraschungen enthalten. Blutige Kisten voller Schlangen oder der geheime Keller eines verurteilten Sexualverbrechers und Priesters sind nur eine Auswahl.

Zudem ist „Prisoners" extrem gut besetzt, wobei dank bester Schauspielführung beispielsweise Hugh Jackman, der auch als Wolverine ein paar düstere Wölkchen um die Stirn hat, hier ganz in der Rolle des Cowboys Keller Dover (was für ein gemein sprechender Name - stellt man am Ende fest) aufgeht, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt. Jake Gyllenhaal, der immer noch den melancholisch-düsteren „Donnie Darko"-Blick drauf hat, beeindruckt in einer neuen Reife und Altersklasse auf andere Weise. So erweist sich die Verzahnung zweier Filmwelten, Hollywood und Arthouse, ebenso extrem spannend wie die Verknüpfung zweier Verbrechen. Die gezielte und gewollte Adoption zahlt sich für Studio und Publikum aus.

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