15.10.13

Einzelkämpfer

BRD 2013 Regie: Sandra Kaudelka 93 Min.

Es sind fast poetisch schöne Aufnahmen von Kindern, die in einem Riesenbecken unter Wasser spielen. Doch diese verzauberten Aufnahmen sind vergiftet: Die Regisseurin Sandra Kaudelka erlebte selbst eine Kindheit bestimmt von Chlorwasser - „zu einer anderen Zeit in einem anderen Land". Sie rettete das Ende der DDR vor dem Leben einer Leistungssportlerin. Und in ihrer sehenswerten Dokumentation „Einzelkämpfer" stellt sie vier unterschiedliche ostdeutsche Spitzelsportler vor.

Die DDR ist längst Geschichte, aber ihre großen Vorbilder gibt es noch. Der berühmte
Kugelstoßer Udo Beyer arbeitet in seinem eigenen, eher trostlosen Potsdamer Reisebüro. Die Kugel, die drei Weltrekorde miterlebt hat, beschwert ein paar Kataloge. Klar und ohne Reue fast er zusammen: „Leistungssport war Kapitalismus im sozialistischen System".

Seinem Stolz, seiner Zufriedenheit steht die kämpferische Kritik von Ines Geipel gegenüber, die für ihre Aufbereitung des DDR-Sportsystems ein Bundesverdienstkreuz erhielt. Oder als lebende Legende, die absolute Ausnahmesportlerin Marita Koch. Sie ist bis heute schnellste 400 Meter-Läuferin der Welt. Einer ihrer 16 Weltrekorde, bei denen sie sich meistens nur selbst übertraf, hat nach 28 Jahren mit 47,6 Sekunden immer noch Gültigkeit. Marita Koch wollte einfach etwas von der Welt sehen- und kennenlernen.

Erstaunlicherweise kann man in der offenen Dokumentation die Kritikerin Geipel ebenso verstehen wie die vermeintliche „Mitläuferin" Koch. Wobei die konkrete körperliche Verstümmelung durch das System, von der Ines Geipel nur zögerlich erzählt, schwer erschütternd bleibt. Beim unausweichlichen Thema Doping erweist sich diese Offenheit des Film als schwierig: Beyer erzählt, dass er alles wusste, was mit ihm gemacht wurde, meint „einem Ackergaul, kannst du soviel Doping geben wie du willst, der wird nie ein Rennpferd". Doping sei vielleicht zwei, drei Prozent, der Rest sei harte Arbeit. Die vermeintliche Rebellin Geipel, die Vertreter des „Unrechtsstaates" erfolgreich verklagte, reflektiert die Praktiken, nachdem sie von der Stasi aus dem Leistungssystem rausgeworfen wurde.

Dass ein breites Angebot an Südfrüchten die Entscheidung für eine Sportschule fallen lässt, ist jenseits der Klischees immer noch ein echtes Stück DDR-Geschichte. „Einzelkämpfer" verbindet persönliche, Sport- und Welt-Geschichte in einer eher unauffällig daherkommenden Dokumentation, mit immer wieder ästhetisch gelungenen Aufnahmen.

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Dem aus Aachen stammende Produzent Martin Heisler gelang mit seiner Berliner Firma Lichtblick nach den Erfolgen mit David Sieveking („David wants to fly", „Vergiss mein nicht") erneut eine bemerkenswerte Doku-Produktion, kurz bevor das große Spielfilm-Projekt „Houston" mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle in die Kinos kommt.

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