15.7.13

The East

USA, Großbritannien 2013 (The East) Regie: Zal Batmanglij, mit Brit Marling, Alexander Skarsgård, Ellen Page, Toby Kebbell, Julia Ormond, Patricia Clarkson, 112 Min., FSK ab 12

Nachdem Brit Marling als Autorin, Produzentin und Hauptdarstellerin in dem wunderschönen „Another Earth" (2011, Regie: Mike Cahill) eine zweite Erde als Chance zeigte, um einer quälenden Schuld zu entkommen, realisiert sie nun mit Regisseur Zal Batmanglij und der gleichen Aufgabenteilung einen genialen und sehr bewegenden Film über persönliche und politische Dilemmata unserer Zeit. Marlings Figur Sarah schleicht sich als Agentin eines privaten Geheimdienstes bei einer alternativen Widerstandsgruppe ein und verliert sich zwischen Undercover- und vorheriger Identität.

Sarah (Brit Marling) ist klar, gradlinig und erschreckend selbstbewusst. Man könne ihre Arroganz riechen, meint die auch nicht an Minderwertigkeits-Komplex leidende Chefin Sharon (Patricia Clarkson). Trotzdem bekommt die kühl-elegant gekleidete Frau den Job und als Begrüßungsgeschenk ein paar Birkenstocks. Die wird sie tatsächlich brauchen, denn Sharons privatwirtschaftlicher Geheimdienst schickt die ehemalige FBI-Agentin in den Untergrund, um eine geheimnisvolle Organisation namens The East aufzuspüren, die in den USA mit originellen Anschlägen Politik macht.

Nun wird dem Freund erzählt, es ging nach Dubai, während Sarah mit dem Undercover-Namen Jane auf geklautem Fahrrad und in leeren Güterzügen durchs Land zieht, Essen aus Abfall-Containern fischt, nur um mit The East oder Sympathisanten in Kontakt zu kommen. Dabei schlitzt sich die knallharte Agentin auch schon mal mit einer Cola-Dose den Arm auf, um danach von einer modernen Hippie-Kommune verpflegt zu werden. Ein irritierend genialer Doc flickt den langen Riss mit Superkleber und danach wird der kluge Kopf von Sarah/Jane bei einem Abendessen in Zwangsjacke gefordert: Wie kommt man, ohne die Hände nutzen zu können, mit groben Holzlöffeln an den Eintopf? Die Antwort ist ein wunderschöner sozialer Akt, der zumindest schon mal den Egoismus der Intelligenz von Sarah entblößt.

Tatsächlich hat sie die Gruppe gefunden und nimmt sogar an einer ihrer, „Jam" genannten Anschläge teil: Ein Pharma-Konzern feiert einen großen Deal mit dem Militär, doch beide bekommen von The East heimlich eine Kostprobe des mit schrecklichen Nebenwirkungen eher gefährlichen Medikaments, das nun jeder Soldat erhalten soll. Das Leugnen des pharma-militärischen Komplexes wird zwecklos, als ausgerechnet die Sprecherin der Organisation die schweren Hirnschäden erleidet, die auch den Doktor der Widerständler getroffen haben. Jane ist nicht nur durch die gemeinsamen Aktionen involviert: Obwohl sie pflichtgemäß Berichte an die Auftraggeber funkt, fühlt sie sich immer mehr zu den idealistischen Kämpfern hingezogen.

Weshalb kommen Selbstgerechtigkeit und Widerstandsbewegungen immer zusammen? Diese Frage zerreißt nicht nur die Gruppe, sondern auch Sarahs Verhältnis zu ihr und zum charismatischen Anführer Benji (Alexander Skarsgård aus „Das Glück der großen Dinge"). Und: Wie weit soll der Widerstand gehen? Darf man Industrielle in die gleiche tödliche Brühe schmeißen, mit denen sie Flüsse und Kinder vergifteten? Auge um Auge bis die von der Justiz nicht verfolgten Mörder wenigstens zu ihren Taten stehen? Unterstützt man das bürgerliche Greenpeace oder die radikaleren Kämpfer von „Sea Shepherd"?

So ist die persönliche Selbstfindung und Wiedergeburt von Sarah als Jane in „The East" gleichzeitig ein eindringliches und starkes Statement zum Stand des politischen Handelns in den westlichen Gesellschaften. Diese Durchdringung des Privatlebens nicht allein durch staatliche Stellen, sondern direkt durch Privatfirmen im Auftrag der Konzerne ist die nächste Stufe nach den Prism. Die fast altmodische Kommune mit Breitband-Hacker-Anschluss erhält einige Sympathien, wird jedoch keineswegs idealisiert. Dieser wichtige und in Buch, Licht, Kamera und vor allem Schauspiel mit zahlreichen spannenden Gesichtern sehr gelungene Film nimmt einem die Fragen nicht ab, die sich auch Sarah/Jane stellen: Wer bin ich, auf welcher Seite stehe ich...?

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