10.7.13

Das Glück der großen Dinge

USA 2012 (What Maisie knew) Regie: Scott McGehee, David Siegel mit Alexander Skarsgård, Julianne Moore, Onata Aprile, Joanna Vanderham, Steve Coogan 99 Min., FSK ab 12

Das Geräusch streitender Eltern ist Maisie (Onata Aprile) vertrauter als das seltene Schlaflied der Mutter - dabei ist diese doch Sängerin. Aber die Songs der Rock-Lady Susanna (Julianne Moore) seien nicht geeignet für Kinderohren. Kinderohren und -Augen, die allerdings detailliert mitbekommen müssen, wie der englische Vater Beale (Steve Coogan) ausgesperrt wird, bald das ehemals gemeinsame Kindermädchen Margo (Joanna Vanderham) heiratet und vor Gericht ein geteiltes Sorgerecht erhält.

Nun erweist sich Papa, der zusammen mit seiner Tochter auch die Espressomaschine aus der alten Wohnung mitnahm, als international sehr beschäftigter Kunsthändler. Margo übernimmt nicht nur den Haushalt sondern auch die Sorge um Maisie. Auf der anderen Seite heiratet Susanna die Party-Bekanntschaft Lincoln (Alexander Skarsgård), reist aber bald auf Tournee ab und lässt die kleine Tochter mitten in der Nacht in einer Bar zurück. Wie ein Päckchen ohne besonderen Wert.

Es ist schrecklich grausam, wie dieses Kind im Streit seiner unreifen Erzeuger verloren geht. Grausam und hoffnungslos ... bis sich wundersam - fast wie bei Woody Allen - ausgerechnet die eigentlich völlig unpassenden neuen Partner als sehr liebevolle Ersatz-Eltern herausstellen: Lincoln wirkt zuerst wie ein völlig verantwortungsloser Junkie, findet aber direkt den richtigen Draht zum Mädchen und ist immer für sie da. Auch das blonde Kindermädchen Margo, das mit dem Hausherrn abhaute, stellt ihren Schmerz über eine furchtbar falsche Ehe zurück, um Maisie zu retten. Ein realistisches Sozial-Märchen, das ganz schnell Gedanken über das Recht und die Gerechtigkeit von Fürsorge-Regelungen hervorruft.

Die leise Geschichte von einem Kind in sehr bedrückender Situation inmitten des Wohlstands eines New Yorker Stadthauses entwickelt sich zu einem ganz besonderen, zu einem wunderbaren, grausamen, schönen, guten und wichtigen Film! „Das Glück der großen Dinge" sollte ab sofort Pflichtprogramm für Trennungspaare mit Kindern sein. Denn so konsequent wie die Perspektive nimmt er auch die Position von Maisie ein: Dabei bleiben die Sitzungen bei Gericht und vieles andere ausgeblendet - der Film zeigt, wie der Originaltitel sagt, nur was Maisie selbst erfährt.

„What Maisie Knew" ist denn auch der Titel der Buchvorlage von Henry James („Die Flügel der Taube", „The Portrait of a Lady"). Dass dieser so unglaublich aktuelle Film auf einem Text aus dem Jahre 1897 basiert, ist eine noch größere Überraschung als die Tatsache, dass es auch liebende, gute Menschen für Maisie gibt. Die Drehbuch-Autoren Nancy Doyne und Carroll Cartwright übertrugen die Kritik an einer dekadenten Gesellschaft auf eine Künstler-Gemeinschaft im Osten der USA ohne dass auch nur ein Anachronismus bemerkt wird. Und sie verkürzten die jahrelange Entwicklung Maisies im Roman auf ein paar Monate.

Großen Anteil an der Vollendung dieser Filmperle haben auch die Darsteller, wobei die großartige Julianne Moore diesmal als egozentrische Rock-Schlampe voller Selbstmitleid weniger Eindruck macht. Steve Coogan legt da den Vater, dessen Liebe ab und zu aufblitzt, aber dann doch vom nächsten Anruf verdrängt wird, wesentlich subtiler herzlos an. Alexander Skarsgård und Joanna Vanderham werden als jüngeres Paar die Stars der Herzen, während Onata Aprile als Maisie schon jetzt Oscar-Kandidatin ist.

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