22.4.13

The Broken Circle Breakdown

Belgien / Niederlande 2012 (The Broken Circle Breakdown) Regie: Felix van Groeningen Buch: Felix van Groeningen, Carl Joos mit Johan Heldenbergh, Veerle Baetens, Nell Cattrysse 111 Min.

Ein überbordendes Maß an Gefühlen und eine deutliche politische Agenda sind die Extreme, zwischen denen der flämische Regisseur Felix van Groeningen („Die Beschissenheit der Dinge") eine leidenschaftliche Liebesgeschichte und einen dramatischen Krankheitsfall spannt. Alles begleitet und durchdringt die Bluegrass-Musik der Band, die Liebe, Leben und Leiden nicht nur vertont, sondern in besonders emotionalen Höhepunkten auf noch mehr Sinne loslässt. „The Broken Circle Breakdown" ist die Sensation nicht nur dieses Kinojahres.

Didier (Johan Heldenbergh) lebt wie ein „echter Cowboy" auf dem Land beim flämischen Gent und schwärmt von Bluegrass-Musik. Als die Tätowiererin Elise (Veerle Baetens) seine Band beim Konzert hört, verfällt sie ihm endgültig. Nach einer ekstatischen Zeit zu zweit, wird die junge, von Tattoos übersäte Frau Sängerin der Truppe. Die Schwangerschaft Elises verwirrt den hinter wildem Bart sensiblen Bären Didier zuerst, dann schnappt er sich einen Vorschlaghammer, um das Haus familiengerecht umzubauen. Dem Glück der Geburt folgt nach wenigen Jahren der Schmerz einer Leukämie-Diagnose. Ihre Tochter Maybelle (Nell Cattrysse) durchleidet eine Chemotherapie und dieser Schicksalsschlag belastet auch die große Liebe. Während Elise Sterben und Jenseits in kindgerechten Konstrukten vermitteln will, lehnt Didier den Glauben als Zuflucht ab. Zudem macht er konservative Politiker religiös verankerter Parteien dafür verantwortlich, dass die Stammzellen-Therapie noch nicht fortgeschritten genug ist, um seiner Tochter zu helfen. In einer verbitterten Klagerede mitten im Konzert schreit Didier seine Wut heraus. Eine Atheisten-Predigt, die Elise noch mehr von ihm entfernt. So leidenschaftlich wie ihre Liebe war, die in der Kneipe von einem Elvis-Parodisten für „gute wie für schlechte Zeiten" besiegelt wurde, so zerstörerisch ist ihr Ende.

„The Broken Circle Breakdown" ist nicht nur eine überwältigende Liebesgeschichte, nicht nur ein mitreißender Musikfilm, mit dem schärfsten Country-Paar seid Johnny Cash und June Carter. Es ist mehr als ein schmerzlicher Krankheitsfilm, der in seinen Chemo-Szenen sehr zurückhaltend bleibt. Die Fragen nach dem Sinn und Unsinn von Religionen, nach den Nutzen und Schaden von Kirchen, ziehen sich von kindlichen Erzählungen bis zu großen gesellschaftlichen Anklagen. Selbstverständlich haben auch die Songs des Films, die als Soundtrack in seiner Heimat die Hitparaden mit historischen einmaligen Platzierungen eroberten, auch dazu eine Meinung: „Will the circle be unbroken?" erklingt als Evergreen und als recht fröhlich klingendes Trauerlied über den „besseren Ort im Himmel". „The Broken Circle Breakdown" ist selbst für Nichtfans dieser Musik-Richtung eine Offenbarung

Mit seinen überbordenden Gefühlen ist das junge flämische Meisterwerk eigentlich ein Melodram, doch schafft die Inszenierung eine glaubwürdige Illusion von Natürlichkeit der Figuren, die mit beiden Beinen fest am Boden stehen. Hinzu kommt das ausgezeichnete Spiel von Heldenbergh, der diese Rolle schon auf der Bühne spielte, und von der in Freud und Leid zauberhaften Veerle Baetens. Aus allem ergibt sich eine Achterbahn-Fahrt der Gefühle, die nach riesigem Erfolg in Belgien auch die Berlinale eroberte.

Der nach „Die Beschissenheit der Dinge" (2009) und dem dazugehörigen Stunt nackter Fahrradfahrer auf der Croisette auch international renommierte Regisseur Felix van Groeningen ist mit dem Koautor Johan Heldenbergh befreundet, so konnte er sich früh die Film-Rechte sichern und sein eigenes Drehbuch erarbeiten.

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