30.4.13

Saiten des Lebens

USA 2012 (A Late Quartet) Regie: Yaron Zilberman mit Philip Seymour Hoffman, Christopher Walken, Catherine Keener, Mark Ivanir, Imogen Poots 105 Min. FSK ab 6

Beethovens Streichquartett Nr.14 in Cis-Moll: Sieben Sätze ohne Pause dazwischen. Kein Nachstimmen der Instrumente erlaubt oder möglich. Eine Katastrophe! Was soll man machen, wenn zwangsläufig Verstimmungen auftreten? Einfach weitermachen?

Verstimmungen gibt es reichlich, als ein berühmtes, seit 25 Jahren bestehendes Streichquartett nach mehr als 3000 Aufführungen das erste Konzert einer neuen Spielzeit beginnt. Cellist Peter Mitchell (Christopher Walken), der älteste, bemerkte erste Anzeichen einer Parkinson-Erkrankung. Nachdem er den Kollegen das wahrscheinliche Ende seiner Karriere verkündete, ergriff Robert Gelbart (Philip Seymour Hoffman) pietätlos und mit maximal schlechtem Timing die Gelegenheit, Veränderungen einzufordern: Er möchte auch mal die Erste Geige spielen! Wortwörtlich. Doch weder der humorlose Perfektionist Daniel Lerner (Mark Ivanir) noch Roberts gefühlskalte Frau Juliette Gelbart (Catherine Keener) unterstützten diesen Plan. Daraufhin überstürzten sich die Ereignisse: Nachdem eine jüngere Tänzerin (Liraz Charhi) beim Joggen im Central Park Roberts Konkurrenzgedanken mit sehr erotischem Stretching anfachte, ließ er sich zum Ehebruch verführen. Zu Verrat und Untreue gesellte sich eine heikle Beziehung von Daniel mit Alexandra (Imogen Poots), der Tochter von Robert und Juliette.

Wie das Bild der ehebrechenden Trapezartisten im Schwebezustand der Untreue zwischen Halt und Fallen, ist auch dieses Quartett eine starke Metapher für Freundschaft und Beziehungen. Das Einspielen von Beethovens Streichquartett ist dicht verwoben mit Gedanken über Zeit, vor allem der begrenzten: Für Beethoven, als er das Stück komponierte. Für Peter, dessen Hände es nun nicht mehr spielen wollen. Das erste Konzert der Saison soll sein Abschied sein.

Spätestens als die junge Flamenco-Tänzerin ihren Hintern Robert vor die Nase reckt, ist der Ablauf dieser „Saiten des Lebens" leicht vorhersehbar - aber doch im Detail sehr faszinierend! Der größte Applaus gilt den exzellenten Darstellern. Philip Seymour Hoffman („Synecdoche, New York") und Catherine Keener („Being John Malkovich") legen wieder ihr gewohnt unprätentiöses und extrem präzises Spiel hin. Christopher Walken darf - mal ohne Mätzchen - den in all diesem Gezänk einsam leidenden Peter geben, der dank guter Medikamente wieder spielen kann, und seinen Studenten lehrt, Differenzen freundlich auszutragen. Aber sein Quartett ist derweil völlig zerstritten. Dieser dramatische Höhepunkt ist auch einer der komischen Szenen mit sehr feinem Humor. So exzellent wie das Spiel zeigt sich das Zusammenspiel der Parallelmontagen, zudem wird das Drama über alte Filme und eine Affäre in Vergangenheit und Zukunft verlängert. Intensiv wie die bekannten Drei spielen Mark Ivanir und Imogen Poots. Ihre Tochter und Nachwuchs-Violinistin soll bei David erst einmal die dreibändige Autobiographie Beethovens lesen, bevor sie das Stück zu unreif angeht. Sie steht vor einer Entscheidung, die alle Mitglieder des Quartetts irgendwann treffen müssen: Weiter das eigene kleine Ego streicheln oder die Herausforderung annehmen, in einer Gruppe das Beste aus sich rauszuholen.

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