9.4.13

Ginger & Rosa

Großbritannien, Dänemark, Kanada, Kroatien 2012 (Ginger & Rosa) Regie: Sally Potter mit Alice Englert, Elle Fanning, Alessandro Nivola, Christina Hendricks 90 Min.

Die Explosion der Atombombe über Hiroshima und gleichzeitig die Parallelgeburt (siehe „Mitternachtskinder") zweier Mädchen in London ist der Beginn einer innigen Freundschaft: Nachdem in wunderschönen, kurzen Szenen ihre zusammengefasste Kindheit abläuft, finden wir die rothaarige Ginger (Elle Fanning) und ihre Freundin Rosa (Alice Englert) im London des Jahres 1962 wieder. Die tiefe Freundschaft (fast wie in Peter Jacksons „Heavenly Creatures") zeigt sich beim gemeinsamen Jeans-Schrumpfen in der Badewanne, auch wenn Ginger dabei Simon de Beauvoir und die andere in der Mädchenzeitschrift Girl liest. Der Gleichschritt in gleichen Klamotten zum Erwachsensein erlebt eine Zerreißprobe, als Ginger bei ihrem Vater Roland (Alessandro Nivola) einziehen möchte und Rosa sich gleichzeitig in ihn verliebt.

Die rebellische Teenager-Zeit im London Anfang der 60er wird aufgeladen vom Kampf gegen die drohende atomare Vernichtung, die über allem schwebt. Nicht die durch Kraftwerke wie heute, sondern durch „die Bombe". Wobei sich die Frage stellt, was die größere Krise ist: Die um Kuba oder die eines jungen Menschen, der weder bei Vater noch bei Mutter und - am schlimmsten - auch nicht bei der besten Freundin Halt findet. Ginger und Rosas Lebenswege trennen sich auf ins Politische und das Private: Die eine will die Welt retten, die anderen einen „seelisch verletzen", älteren Mann.

Sally Potters erlesener Film mit betörend schönen Bildern (Kamera: Robbie Ryan) und wie immer bei Potter, ausgewählt guter Musik (Monk, Miles Davis, Django Reinhardt, Gershwins „The Man I love", auch von Christina Hendricks gesungen!) ist die berührende Abrechnung Gingers mit dem Vater Roland und die Geburt einer Autorin
aus dem Schmerz der Verlassenheit. Roland enttäuscht als bewunderter Freiheits-Kämpfer und -Autor, der sein verantwortungsloses Privatleben mit kämpferischen Politphrasen verteidigt. Er nutzt links-intellektuell unterfütterte Freiheiten, um Frau und gleichzeitig die Tochter zu betrügen. Eine besonders miese Variante von linkem Machismo. Gleichzeitig erzählt „Ginger & Rosa" vom Generationskonflikt zwischen Mutter, die den Krieg tatsächlich erlebte, und der Jugendlichen, die von der Bombenstimmung vor Kuba bedrückt wird.

Oberflächlich begeistert „Ginger & Rosa" mit tollen Gesichtern und Schauspielern: Alice Englert, die in „Beautiful Creatures" noch das Beste war, hat als Rosa in der Rand-Hauptrolle viel Leinwand-Präsenz. Dazu ist der sehr schön warm fotografierte Film bis in kleinste Nebenrollen nicht nur prominent, sondern auch mit Schauspielern wie Timothy Spall, Oliver Platt, Annette Bening, trefflich besetzt. Christina Hendricks, die Joan Holloway aus der Fernsehserie Mad Men, spielt Gingers Mutter.

„Ginger & Rosa" ist nicht nur schön, sondern auch klug. Selbst wenn Potter, die Regisseurin des epochalen „Orlando" (1992), sich und ihre anderen, im Geschlechter-Diskurs verankerten Filme wie „Tango Lessons" (1997) auf den Arm nimmt, wenn sie sagt, man sollte nicht zu viel denken. Annette Benings humorlose Feministin Bella jedenfalls gehört nicht zu den sympathischen Figuren des Films. Diese, vor allem die beiden schwulen Paten Mark und Mark 2, empfehlen immer wieder: „Entspann dich und genieße deine Jugend". So entspannt, emotional, aber immer noch klug hinschauend, gelang Sally Potter ihr bester Film seid langem. Und einer des sehenswertesten zur Zeit.

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