28.4.13

Der Tag wird kommen (2012)

Frankreich, Belgien, BRD 2012 (Le Grand Soir) Regie: Gustave Kervern, Benoît Delépine mit Benoît Poelvoorde, Albert Dupontel, Brigitte Fontaine, Areski Belkacem, Bouli Lanners 92 Min.

We are Not Dead! Dieser ungemein kraftvolle Ausruf steht am Ende einer der verrücktesten Buddy-Komödien, die man sich vorstellen kann. Die ungleichen Brüder Benoît und Jean-Pierre Bonzini, der alte Punk und der angepasste Matrazenverkäufer, sind dabei noch weiter voneinander entfernt als ein Raumfahrer und ein Alien. Das auf internationalen Festivals gefeierte Regieduo Gustave Kervern und Benoît Delépine ist nicht erst seit „Louise hires a contract killer" und „Mammuth" berüchtigt für einen schrägen Humor mit Herz für die einfachen Arbeiter. Unter ihnen darf Benoît Poelvoorde, seit „Mann beisst Hund" das genialistische Enfant terrible des französisch-belgischen Films, eine seiner krassesten Rollen spielen.

Auf dem Kopf versucht ein Mini-Irokese noch bei fortgeschrittenem Alter und rückschreitender Haarlinie den Geist des Punk hochzuhalten: Benoît Bonzini (Benoît Poelvoorde) ist ein Fremdkörper in der Vorstadt-Konsumlandschaft, die wiederum ein Fremdkörper im Universum überhaupt ist. Hier lebt Benoît, der sich den Namen seiner Wahl „Not" in die Stirn geritzt hat, Widerstand mit kindlich naiver Anarchieaus. Dazu gehört auch, Alkohol aus billigen aber großen Dosen unter enormen persönlichen Einsatz zu vernichten. In Begleitung eines kleinen, treuen Hundes, der oft klüger wirkt als Benoît, findet er sich deshalb oft im Gebüsch des riesigen Parkplatzes wieder. Die gigantischen Einkaufsläden und Möbelhäuser auf dieser Brache des Lebens versuchen, den Eindringling mit Kameras und prekär bezahlten Überwachungskräften (großartig: Bouli Lanners!) zu kontrollieren.

Nur Mutters Geburtstag kann Benoît noch mit seinem Bruder Jean-Pierre (Albert Dupontel), einem angepassten Betten-Verkäufer, zusammenbringen. Erst als der Spießer den Druck von Job, Familie und Konsum-Terror nicht mehr aushält und in einer grandiosen Koma-Aktion (siehe "Hangover") ausrastet, landen die Brüder in einem Boot. Die Hilfsversuche des Bruders machen auch aus Jean-Pierre einen Punk, gezeichnet von einem üppigen Irokesen und dem neuen Kampfnamen DEAD auf der Stirn.

Diese kleine aber großartige Rebellion im Einkaufszentrum ist der fünfte und ein besonders gelungener Spielfilm des Regieduos Gustave Kervern & Benoît Delépine. Hier verbindet sich ihr ganz spezieller Spaß mit ernster und dringend notwendiger Gesellschafts- und Konsumkritik. Die Qualitäten des Teams sind wieder mannigfaltig: Es ist meisterlich darin, die Tristesse von schäbigen Kneipen und durch Stadtplaner versaute Gegenden einzufangen. Kleine Bildwitze am Rande und in den ausgesuchten Kadrierungen, herrliche Situationskomik, hintersinnig absurde Dialoge aber vor allem die perfekten Darsteller, auf die man immer wieder gerne zurückgreift. Der neueste Anschlag auf „nettes" Kino feierte in Cannes seine Weltpremiere und gewann den Spezialpreis der Jury. Treffende Sozialkritik mit Esprit und anarchischem Humor sind zum Glück NOT DEAD.

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