6.3.13

Take this Waltz

Kanada/Spanien/Japan, 2011 (Take This Waltz) Regie: Sarah Polley mit Michelle Williams, Seth Rogen, Luke Kirby, Sarah Silverman 116 Min.

Die Menschheit ist endlich von der ewig quälenden Frage „Soll ich mir einen Film mit Michelle Williams oder einen von Sarah Polley ansehen?" erlöst! Denn „Take this Waltz" ist einer von der jungen, in jedem Film noch mehr mit ihren Fähigkeiten erstaunenden Schauspielerin und Regisseurin Sarah Polley. Und einer mit der unglaublichen Michelle Williams („My Week With Marilyn", „Blue Valentine", „Synecdoche, New York", „Wendy and Lucy"): Niemand kann so wunderbar gleichzeitig lachen und weinen. Was auch auf den Film passt, der gleichzeitig eine der schönsten Liebesgeschichten überhaupt und dann auch in voll romantischer Fahrt richtig bitterhart ist. Denn die so betörend Verliebte muss sich schließlich von der rückfälligen Alkoholikerin sagen lassen: Mädel, das ist auch nur eine Droge.

Witzig ist Margot, die junge Frau mit ihrer Vorliebe für orange Dinge. Bei der Besichtigung eines historischen Örtchens, wo in einer Kostüm-Aufführung Ehebrecher noch ausgepeitscht werden, wenn sie sich am Flughafen im Rollstuhl fahren lässt, weil sie panische Angst vor Übergangs-Situationen hat, und in ihrer Ehe mit dem Koch Lou (Seth Rogen), wenn Liebesbekundungen einen heftigen Splatter-Touch haben. Das Leben im Häuschen bei Toronto wäre ein Traum, gäbe es nicht hier und da Widerhaken, beim Sex etwa, der nicht mehr so richtig will. Dagegen muss Daniel (Luke Kirby), die Zufallsbekanntschaft aus dem Flieger, ausgerechnet gegenüber wohnen und geht auch sonst nicht mehr aus Margots Kopf. Daniels muskulöser Körper pulst vor ihr - als der Rikscha-Fahrer Margot und Lou zum Essen aus Anlass ihres Hochzeitstages fährt! Und die Zerrissenheit wird immer schlimmer, bis Daniel wegzieht....

Sarah Polley zaubert eine wunderbare Romanze auf die Leinwand, die voller Bild- und Szenen-Perlen ist. Jede allein erzählt eine perfekte Geschichte. Da gleitet die Kamera zum titelgebenden Walzer um ein neues Paar, der Cohen-Titelsong mit Sanges-Duett reicht, um Liebe von der ersten Leidenschaft im freien Raum bis zur voll eingerichteten Beziehung vor dem Fernseher auszumessen. Oder wenn Lou zu einem Feist-Cover von Cohens „Closing Time" den Nebenbuhler, von dem er nichts weiß, zur Party in der entscheidenden Nacht seines Lebens einlädt. Dass die Namen Margot, Lou und Daniel auch französisch sein könnten, liegt nicht nur daran, dass wir kulturell auf kanadischem Hoheitsgebiet sind (Polley, Leonard Cohen ...). Auch im Kino im Film läuft Französisches, die Dialoge sind un-amerikanisch sorgfältig und einzelne Szenen haben die Liebes- und Leidenskraft von Werken wie „Jules & Jim".

Die unfassbar gute Regisseurin und Autorin verführt mit warmen Bildern, mit Liebesszenen am Strand und unter Wasser nicht zu einem romantischen Märchen, denn bei aller Schönheit sieht man immer schon die Ahnung eines heftigen Meteoriten-Einschlages aus dem Sternensystem namens Realität. Polley findet scheinbar einfache und berauschende Szenen für Gefühle und Lebenssituationen. Sie schildert Räusche und Ängste, die man sich so witzig und leicht schräg nie hätte ausmalen können. Und doch findet man sich darin wieder, wenn der Glücks-Schwindel in dem altmodischen Karussell zu „Video killed the Radio Star" in voller Fahrt stoppt. Das ist romantisch und bitter, traurig und schön.

Nach dem Alzheimer-Drama „An ihrer Seite" erweist sich Polley mit dieser bei aller Verzauberung außergewöhnlich realistischer Romanze in konsequenter und verträumter Farbdramaturgie erneut als großartige Regisseurin. Ihr vorletzter, formal gewagterer Film „Stories We Tell" über ihre eigene oder fantasierte Familie soll später ins Kino kommen. Komiker Seth Rogen zeigt sich dabei als ernsthafter Charakterdarsteller und die geniale Komikerin Sarah Silverman trumpft als Alkoholikerin mit echtem Drama auf. Über Michelle Williams könnte man noch weiter schwärmen oder einfach staunend zusehen, wobei dieser Film bei ihrem Doppelstart in dieser Kinowoche die einzige Wahl ist, sich wirklich verzaubern zu lassen.

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