27.3.13

Mitternachtskinder

Kanada 2012 (Midnght's Children) Regie: Deepa Mehta mit Satya Bhabha, Siddharth, Shahana Goswami, Rajat Kapoor, Seema Biswas 148 Min.

„Mitternachtskinder" ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Salman Rushdie, der dafür 1981 den Booker-Prize erhielt. Die oscar-nominierte Regisseurin Deepa Mehta („Water") machte aus Rushdies eigenem Drehbuch, aus diesem enormen Schatz an indischen Geschichten und Geschichte ein episches Erlebnis der besonderen Art.

Exakt zur Mitternacht des 15. August 1947, als Indien seine Unabhängigkeit erklärt, werden zwei Babys in einem Bombayer Krankenhaus geboren. Die Krankenschwester Marie, das Herz der Geschichte, vertauscht ein reich geborenes und ein armes Kind in einem revolutionären Akt unerfüllter Liebe. Saleem Sinai und Shiva sind nun dazu verdammt, das Leben des anderen zu führen. Eines ist ihnen jedoch gemeinsam: Wie alle Mitternachtskinder haben sie die besondere Fähigkeit, die Gedanken anderer Mitternachtskinder lesen zu können. So treten die beiden in Kontakt und ihre unterschiedlichen Lebenswelten verbinden sich zunehmend - untrennbar verwoben mit der wechselvollen Geschichte Indiens, zwischen Aufbruchstimmung und Katastrophe.

Dieses pralle Epos ist humorvoll in vielen Situationen und im Off-Kommentar der Hauptfigur Sinai. Dann wunderbar sinnlich wenn der Großvater seine zukünftige als Arzt nur hinter einem Vorhang und durch ein Guckloch untersuchen darf. Anfassen erlaubt, aber immer nur das leidende Körperteil, bis er eine üppige Brust sieht und endlich auch - sie hat Kopfschmerzen - ihr Gesicht. Diese metaphorische Geschichte Indiens, bei denen die Mitternachtskinder die Hoffnungen eines Landes auf dem Weg in die Unabhängigkeit verkörpern, muss bei einem so zerrissenen Land aber auch dramatisch sein. Immer wieder findet der große Erzählbogen, in dem die Jahrzehnte wie in einem Atemzug verfliegen, ungemein aussagekräftige Szenen und Bilder. Da spiegelt sich das unter den Teppich kehren von Problemen im Verstecken eines vom Militär gesuchten Dichters, der in einem Verschlag, eben unter dem Teppich Unterschlupf und Liebe findet.

Die große Parabel der Geburt einer Nation zeigt dann immer wieder im Ganzen und im Detail Zerrissenheit: Religiös, sozial, geschlechtsspezifisch... Wobei es Hass, Neid und Krieg sind, die Shiva, das Prinzip der Zerstörung, nach oben bringen. Auch wenn sich die „Mitternachtskinder" mit Grausamkeiten lange zurück halten und selbst beim Krieg zwischen Indien und Pakistan das Unfassbare nur als Weißblenden zeigen oder Jahre ausblenden, weil Sinai ins Koma fällt - das Regime der Indira Gandhi von 1966-77 ist eine erschütternd dunkle Zeit. Die magische Liebe zwischen Sinai und Parvati wird nach düsteren Vorahnungen zerrissen, die Hoffnung in Form der Mitternachtskinder gebrochen.

Doch ein neuer Anfang führt das Leben als Werk der Liebe weiter und gibt diesem gewaltigen Werk einen versöhnlichen, hoffnungsvollen Abschluss. „Mitternachtskinder" vermittelt die ganze Kraft eines Stücks großer Literatur in der Folge von Dickens. Das Leben der Kinder bildet den Spiegel des Landes Indien, hält aber auch unserer Gesellschaft immer mal wieder einen Spiegel vor. Große Kunst, Leidenschaft in poetischer Form, eine aufwändige Inszenierung und (leider) nur eine kleine Einlage Bollywood-Musical machen Deepa Mehtas Film zu einem dieser unvergesslichen Epen des Films.

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