25.3.13

Die Jagd

Dänemark, Schweden 2012 (Jagten) Regie: Thomas Vinterberg mit Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Annika Wedderkopp, Lasse Fogelstrøm 120 Min. FSK ab 12

Ein Kindergärtner soll sich vor einem kleinen Mädchen entblößt haben. Doch er ist unschuldig. Eindeutig. Mit dieser Prämisse nimmt Thomas Vinterbergs Film direkt eine nicht schwierige Position ein. Doch genau darum geht es beim sympathischen Lucas (Mads Mikkelsen), dem sympathischen, stillen Mann, der von Klara, der kleinen Tochter seines besten Freundes Theo, so gemocht wird, dass diese eifersüchtig einen Vorwurf erfindet. Grethe, die unfähige Leiterin des Kindergartens, greift diesen gierig auf und verbreitet ihn reflexartig überall. Der Hobby-Jäger Lucas wird zum Gejagten, in einer Massenhysterie gibt es plötzlich noch mehr Vorwürfe. Alle Kinder beschreiben den gleichen Keller bei Lucas zuhause, das Sofa, die Tapete. Nur - das alles existiert nicht, Lucas' Haus hat gar keinen Keller! Trotzdem schlagen Väter den Verdächtigen im Supermarkt zusammen, er darf seinen 15-jährigen Sohn nicht mehr sehen und alle Freunde wenden sich von ihm ab.

„Die Jagd" ist eine andere Seite von „Das Fest", der Missbrauchs-Geschichte von Vinterberg, die 1998 so sensationell einschlug. Und vom beklemmenden (in Deutschland unterschlagenen) „Submarino" (2010), in dem zwei Brüder die Misshandlungen ihrer Kindheit überleben müssen. Mittlerweile ist vom Dogma-Stil aus Vinterbergs Anfängen nichts mehr zu sehen, wie schon in „Dear Wendy" (2005) und „It's All About Love" (2001) braucht feinste Dreh- und Inszenierungskunst keine Gimmicks mehr, um erschütternde, aber leider sehr gegenwärtige Situationen intensiv auszuleuchten.

Die erste Zusammenarbeit des dänischen Stars Mads Mikkelsen, der in Cannes 2012 als Bester Darsteller ausgezeichnet wurde, und Thomas Vinterberg in dessen siebtem Film beeindruckt nachhaltig. „Die Jagd" ist wieder so ein ganz genauer, wichtiger Film von Vinterberg. Er passt zu den Lynchmobs, die selbst in Deutschland immer wieder das Recht in eigene Hände nehmen wollen! Die unfassbare Situation der Hexenjagd wird glaubhaft erzählt. Fast immer. Nur dass irgendein Bekannter Grethes ein regelrechtes Verhör mit Klara führt und ihr die erwarteten Worte in den Mund legt, wirkt unrealistisch unprofessionell. Da gibt es andere Methoden und irgendwie erwartet man so beschränktes Verhalten in Skandinavien nicht. Doch die Wahrheit hat danach ebenso wenig eine Chance wie das Mädchen, das bald sagt, es sei nichts passiert. Das Vertrackte an der Situation ist, dass selbst bei offensichtlicher Unschuld ein Zweifel bleibt. Man versteht durchaus die Eltern in ihrer Verzweiflung. Wie vertrackt die Situation ist, zeigt eine Szene am Ende, nachdem sich alles aufgeklärt hat und man wieder gemeinsam feiert. Ein Küchenboden mit exzessivem Linienmuster liegt zwischen Lucas und Klara. „Verdammt viele Linien, die man nicht überschreiten darf", meint Lucas und es geht längst nicht mehr um das Tritt-auf-keine-Linie-Spiel, das beide auf dem Nachhauseweg hatten. Lucas, der in der Extremsituation lange einen vernünftigen, aufrechten Weg suchte, findet auch hier eine Lösung, nimmt das Kind in den Arm und trägt es zum Papa. Eine ganz einfache Handlung, tragischerweise atemberaubend aufgeladen.

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