25.2.13

Hyde Park am Hudson

Großbritannien 2012 (Hyde Park on Hudson) Regie: Roger Michell mit Bill Murray, Laura Linney, Samuel West, Olivia Colman 96 Min.

Dass King George VI., der Stotterer aus „The King's Speech", beim ersten US-Besuch eines englischen Königs sensationell in einen Hot Dog beißt, ist eine Geschichte. Die Affäre des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, während 1939 über eine Kriegsbeteiligung der USA in Europa nachgedacht wird, eine ganz andere. Wie beides und mehr mit feinem Humor und sehr menschlich in ein paar Sommertagen auf dem Landsitz des Präsidenten zusammenfließt, ist das große Kunststück des sympathischen „Hyde Park am Hudson" mit ebenso unauffällig sensationellen Bill Murray und Laura Linney in den Hauptrollen.

Es ist noch die Zeit der Großen Depression, als Daisy (Laura Linney) zum Präsidenten Franklin D.Roosevelt (Bill Murray) gerufen wird. Der noch nicht mächtigste Mann der Erde braucht Entspannung und so zeigt er der Cousine fünften Grades seine Briefmarkensammlung. Tatsächlich wird aus den Ausflügen und Gesprächen erst später mehr, was inmitten lieblich blühender Wiesen Daisy genauso überrascht wie das Kinopublikum. Dieser durch eine Polio-Erkrankung schwer gehbehinderte Präsident, wirkt auf den ersten Blick wie ein harmloser, humorvoller und vor allem netter Onkel. Zwar gibt er mit seinem Wagen, eine Spezialanfertigung, kräftig Gas, doch vor allem will er Ruhe haben auf seinem Landsitz bei Hyde Park im Staate New York, wo er im Haus seiner Mutter lebt.

Für mächtig Unruhe sorgt der Besuch von King George VI., der erste offizielle Auftritt eines englischen Königs in den USA überhaupt. Der unsichere König „Bertie" wird als Clown eingeführt, wenn er auf der Fahrt durch die Felder anhält, um einen Bauer zu grüßen - der sich dafür überhaupt nicht interessiert. Das Protokoll unter dem Regime von Roosevelts herrischer Mutter holpert furchtbar, so hängen im Zimmer der Königin alte Schlachten-Bilder, die Engländer kräftig karikieren. Richtig durcheinander gerät es aber, als die scheinbar hochnäsigen Aristokraten die Verhältnisse der Roosevelts mitbekommen: Der Präsident wohnt in einem Zimmer bei seiner Mutter, des Präsidenten Frau im eigenen Haus, wo sie mit andere Frauen Möbel baut. In einer Nacht, die vielleicht über das Schicksal einer vor dem Krieg stehenden Welt entschied, ereignen sich noch eine Reihe anderer Dramen...

Aus den Briefen und Aufzeichnungen Margaret "Daisy" Suckleys, die man unter ihrem Bett fand als sie hundertjährig starb, entsteht ein sehr intimer Blick auf Menschen, die man nur als Figuren der Weltgeschichte kennt. Da fahren Präsident und König allein im Badeanzug zum Schwimmen - die Presse läuft hinterher und knipst nur, was sie soll. Was mit den arroganten Aristokraten und den ziemlich bodenständigen Amerikanern, mit einer Mutter, die dem US-Präsidenten den Alkohol verbietet, und einer ganzen Reihe von Geliebten, die miteinander umgehen müssen, eine Komödie der Peinlichkeiten sein könnte, zeigt sich in jeder Faser sehr menschlich. Der Stotterer und der Polio-Versehrte erzählen sich witzige Geschichten, klagen über ihre Frauen, vor allem aber verstehen sie sich ganz offen. Daisy bewegt sich verliebt und leicht naiv im Kreis von persönlicher Assistentin und burschikoser Ehefrau. Nicht Dienerschaft, nicht Beraterstab, nicht offiziell Familie. Weltpolitik und gebrochene Herzen haben in dieser Vollmondnacht ganz selbstverständlich den gleichen Rang. Derweil stehen Königs komödiantisch großartig am Fenster und beobachten stauend, wie Schürzenjäger Roosevelt seine vielen Liebschaften befriedet.

Roger Michells, der bereits in „Notting Hill" ganz köstlich britisch-amerikanische Verhältnisse auslotete, gelingt in „Hyde Park am Hudson" eine ganz eigene Balance aus Romantik, Komödie und - etwas naiv - durchs Schlüsselloch beobachtete Weltpolitik. Bill Murray ist als nur vordergründig harmlos wirkender Franklin D. Roosevelt kaum wieder zu erkennen. Die Mätzchen seiner anderen komödiantischen Rollen treten zurück für ein Spiel mit ganz feinen Nuancen und Tönen. Laura Linney gibt ebenso faszinierend die spröde, unauffällige Schönheit in diesem unbedingt sehenswerten Film.

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