14.2.13

Berlinale 2013 Ehrenbär für Claude Lanzmann

Der „Goldene Ehrenbär für das Lebenswerk“, den die 63. Berlinale heute an französischen Dokumentarfilm-Regisseur und Produzenten Claude Lanzmann verleiht, ist eine ganz besondere Ehrbekundung in der Flut zahlloser Filmfestivals. Mit seiner neuneinhalbstündigen Dokumentation „Shoah“ über den Völkermord an den europäischen Juden hat Lanzman Filmgeschichte geschrieben. Er zeigt in diesem Werk ausschließlich Interviews mit Überlebenden und Zeitzeugen der Shoah, darunter auch Täter, sucht die Orte der Vernichtung auf und vergegenwärtigt den unermesslichen Schrecken des Völkermords im Nationalsozialismus. Dabei steht das eindrucksvolle und erschütternde Meisterwerk, das 1986 im Forum der Berlinale gezeigt wurde, auch für das Gesamtschaffen des Franzosen, der ein wichtiger Bestandteil der filmischen Erinnerungskultur wurde.

Keine Festivalstadt ist passender für solch eine Ehrung: Das Holocaust-Denkmal liegt nur ein paar Schritte vom Festivalzentrum am Potsdamer Platz entfernt. Der Wannsee am Stadtrand erinnert wie viele andere Orte Berlins an die planmäßige Ermordung von Millionen Juden. Die Berlinale selbst hat sich in ihrer Geschichte immer wieder der Erinnerung und Mahnung des Holocausts gewidmet.

Claude Lanzmann wurde 1925 als Sohn jüdischer Eltern in Paris geboren, kämpfte in der Résistance, studierte später in Frankreich und Deutschland Philosophie. 1948/49 hatte er eine Dozentur an der neugegründeten Freien Universität Berlin. Bis Anfang der 70er-Jahre war Lanzmann vor allem als Journalist tätig und ist bis heute Herausgeber der von Jean-Paul Sartre begründeten Zeitschrift „Les Temps Modernes“. 1972 entstand seine erste filmische Arbeit, die Dokumentation „Warum Israel“, deren Vorführung sogar noch vor kurzem zu anti-israelischen Protesten führte. In dem Film „Tsahal“, der 1995 im Berlinale-Forum lief, porträtiert er Frauen und Männer, die in der israelischen Armee dienen. Zu Claude Lanzmanns Filmschaffen gehören weitere Werke, die sich mit dem Völkermord an den europäischen Juden und mit den Zeitzeugen auseinandersetzen.

Heutzutage redet Lanzmann nicht mehr gerne nur über „Shoah“. Dass dieser Film und seine mutige wie schwierige Methode, auch die Täter zu befragen, weiterlebt, zeigte eine aktuelle Dokumentation im Panorama: „The Act of Killing“ von Joshua Oppenheimer befragt auf die gleiche Weise Täter, die nach dem indonesischen Militärputsch 1965 innerhalb eines Jahres über eine Million sogenannter Kommunisten umgebracht haben.

Verbunden mit der heutigen Verleihung des Goldenen Ehrenbären ist eine Hommage mit Vorführungen seines kompletten Werkes, inklusive einer komplett restaurierten Version von „Shoah“. Glücklicherweise ist es dank eines kleinen, engagierten Verleihers seit 2010 in einer weltweit einzigartigen Gesamtausgabe auf DVD erhältlich. Besonders erfreut äußerte sich Lanzmann, dass nach der Verleihung „Sobibor, 14. Oktober 1943“ aus dem Jahre 2001 gezeigt wird, der von einem Häftlings-Aufstand im Lager Sobibor erzählt.

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