22.1.13

Lincoln

USA, Indien 2012 (Lincoln) Regie: Steven Spielberg mit Daniel Day-Lewis, Sally Field, David Strathairn, Joseph Gordon-Levitt, James Tommy Lee Jones 152 Min. FSK ab 12

Mit „Lincoln" kommt der perfekte Film zur Inauguration von Präsident Obama ins Kino. Obwohl sich nicht so geplant, gewinnt die historische Nahaufnahme vom Gesetzgebungsverfahren zur Abschaffung der Sklaverei durch den aktuellen Bezug an emotionaler Stärke. Überhaupt ist der neue, gänzlich untypische Spielberg als Verfilmung von politischer Dialektik sehr gelungen, während er in der Glorifizierung von Abraham Lincoln eher schwer erträglich ist.

Man möchte nach diesem Film wie Lincoln sein, dies Textchen mit einer kleinen, scheinbar belanglosen Anekdote beginnen und am Ende alle von wirklich allem überzeugt haben. So jemand war der ehemalige Anwalt Abraham Lincoln (1809 -1865), der als Präsident der USA zu einer berühmten historischen Figur wurde. Der Bürgerkrieg, der fast seine gesamte Amtsperiode bestimmte, markiert auch den Anfang der vier Monate, die der Film „Lincoln" beleuchtet. Ein grausames Gemetzel im Schlamm, der den Unterschied zwischen blauen und grauen Uniformen fast egalisiert. Töten und Sterben als Handarbeit in Nahaufnahme. Diesen, für die Südstaaten zu Beginn des Jahres 1864 eigentlich schon verlorenen Krieg könnte Lincoln (Daniel Day-Lewis) mit Friedensverhandlungen beenden. Doch andererseits will der bereits wiedergewählte Präsident das Verbot der Sklaverei noch während seiner ersten Amtsperiode in die Verfassung einschreiben. Und die Mehrheit dazu kann er nur in einer durch Spaltung und Krieg terrorisierten Nation bekommen.

Ein eigentlich zynischer Vorgang, der in vielen treffenden Szenen detailliert als das Wesen von Politik dargestellt wird. Dem Lincoln von Daniel Day-Lewis ist es zu verdanken, dass dies schmutzige Geschäft keinen einzigen Flecken auf der Weste der historischen Glanzfigur hinterlässt. Lincoln ist ein humorvoller Mann, der sich ebenso um Rechtsstreitigkeiten der Bürger wie um das Leben eines 16-jährigen Soldaten kümmert, der aus Angst vor dem Kampf sein Pferd verletzt hat und gehängt werden soll - nach 600.000 Menschenleben, die der Krieg schon forderte. Ganz privat erzählt der liebevolle Vater seiner Frau Mary (Sally Field) im Weißen Haus von einem Traum, und auch ein Ehestreit der Lincolns über die Trauer um den verstorbenen Sohn wird eingeblendet.

Doch vor allem geht es darum, mit dem 13. Zusatz zur Verfassung die Sklaverei zu verbieten, auch wenn der republikanische Präsident dafür exakt 20 Demokraten, die bald ohne Parlamentssitz sein werden, grenzwertig legal mit Jobangeboten bestechen muss.

Sein schärfster Gegner kommt aus den eigenen Reihen: Der alte Thaddeus Stevens (Tommy Lee Jones), bissiger Redner und überlegener Denker, ist im Gegensatz zu Lincoln Idealist und Zyniker in einem. Er will viel mehr für die Schwarzen erreichen und das sofort. Doch auch ihn überzeugt der beinahe messianische Redner Lincoln. Das Prinzip der kleinen Schritte siegt über den alten Idealisten, der nur noch am Stock humpeln kann. Politik war ein einer Zeit, in der man noch mit einer Decke um die Schultern durch das unterheizte Weiße Haus laufen musste, ein schmutziges Geschäft. Nicht wegen der Spuknäpfe und heftigster Beleidigungen im Parlament, die sogar einen Wehner hätten erröten lassen.

Es ist eindrucksvoll inszeniert, wie Lincoln wieder mal eine seiner Anekdoten erzählt, zerstreut wirkt, doch dies nur als rhetorisch geschickte Einleitung nutzt, um beispielsweise aus einem Satz des Euklid über die Elemente die allgemeine Gleichheit der Menschen abzuleiten. Doch es ist gleichzeitig schwer zu ertragen, dass Lincoln in fast jeder Szene ein überlegen gerechter, weiser, gütiger und kluger Edelmensch ist. Dies ist die Abteilung Hagiografie, in der ein Präsident sich die Stiefel selbst putzt und schon am Ende der zweiten Szene ein Schattenriss seiner markanten Gesichtszüge zum Denkmal wird.

Den anderen, ungewöhnlicheren Film sollte man vielleicht zusammen mit „Hannah Arendt" oder dem Politik-Seminar sehen. Dies ist so gar kein üblicher Spielberg-Film, auch wenn beide hervorragend inszeniert sind und Daniel Day-Lewis so ausgezeichnet und völlig von sich selbst befreit spielt, dass man nach wenigen Minuten glaubt, bei Lincoln im 19. Jahrhundert zu sein. Bei haufenweise weisen Sprüchen fällt es einem ruppigen Tommy Lee Jones allerdings leicht, ihm einige Szenen zu stehlen. Und in dessen großartig rührender Schlussszene, die Stevens mit seiner schwarzen Haushälterin im Bett zeigt, lebt ein Funke ehrlicher, nicht korrumpierter Politik weiter.

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