14.1.13

Django Unchained

USA 2012 (Django Unchained) Regie: Quentin Tarantino mit Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Samuel L. Jackson, Kerry Washington 165 Min. FSK ab 16

Schultz schießt schneller

Quentin Tarantino wird noch einen Friedensnobelpreis an den Hals gehängt bekommen, wenn er so weiterdreht: Erst jagt der Freiheitskämpfer im Regiestuhl eine ganze Nazi-Bande in die Luft und schreibt mit „Inglourious Basterds" Geschichte neu. Nun knüpft er sich die Aufknüpfer, die weißen Sklavenhalter und Rassisten vor und rechnet gnadenlos ab. Bei diesem filmischen Tänzchen zu Blut und Bleikugeln ist Christoph Waltz als deutscher Kopfgeld-Jäger Dr. King Schultz derjenige, der führt.

Der frisch gebackene Globe-Gewinner, einstiger und vielleicht auch zukünftiger Oscar-Sieger, wird grandios eingeführt als verrückter Deutscher der mit seinem Pferd Fritz und einer mobilen, bedrohlich schaukelnden Zahnarztpraxis im Western unterwegs ist. Erst entschuldigt er sich für seinen Dialekt, aber vor allem für seine gedrechselte Sprache, bei der jeder Satz ein Leckerbissen ist. (Wie das in der Synchronisierung rüberkommen soll, bleibt abzuwarten.) Dann verschaukelt er, knochentrocken und so sachlich, dass sich die Kinobalken biegen, im nächtlichen Auftakt ein paar grobe Sklavenhändler. Auch die greifen, ganz Ami, erst mal zum Gewehr, doch Schultz schießt schneller. So kommt der höfliche und immer korrekte Mann zu seinem Helfer Django (Jamie Foxx). Der soll zuerst ein paar üble Brüder identifizieren, die ihn und seine Frau einst ausgepeitscht haben. Doch der Mann erweist sich als ein derartiges Naturtalent in Sachen Abknallen und Kopfgeld kassieren, dass er nach ein paar geschmacklichen Unsicherheiten in Sachen Bekleidung Schultzens Partner wird. Alles andere ist Staffage und der Film hier fast Klamotte: Selbst ein ganzer Haufen von Kukluxern kommt nur angeritten, um sich lächerlich zu machen. Deren Diskussionen um in Heimarbeit schlecht geschnittene Kapuzen erinnert irgendwie an Kassenprüfung bei der NPD oder Weihnachtsfeier der V-Leute beim Verfassungsschutz. Ein Haufen Chaoten ohne Hirn.

Lässig schießen und quatschen sich Schultz und Django durch die Prärien und über die Berge. Man hat den Eindruck, die Ortswechsel finden nur statt, damit Tarantino diese großen Western-Landschaften vor die Kamera bekommt und findet es gut. Begleitet von schmissigen Songs aus schäbigen Spaghetti-Western - unter anderem des Meisters Ennio Morricone - ist der Winter des Abknallens und Absahnens zu kurz, als dass aus Männer-Freunden längerfristig Schultz & Schulz werden könnte. Django will mit dem Kopfgeld seine Frau freikaufen und in den freien Norden ziehen. Schultz bleibt an seiner Seite.

Beim großen Schauspiel-Duell zwischen Schultz und dem sadistischen Sklavenschinder Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) gewinnt Waltz auf ganzer Linie, auch wenn er irgendwann auf der Strecke bleibt. Selbst Samuel L. Jackson, der coole Killer aus „Pulp Fiction", macht in seiner sehr ambivalenten Rolle als schwarzer Haus- und Hofmeister mehr Punkte als der ganz große Star. Klüger als sein Boss benutzt er diese Position als Einflüsterer - devot aber einflussreich. Jackson zeigt, wenn er seine unsolidarischen Drohungen direkt in die Kamera spricht, dass nicht der Mensch des Menschen Wolf ist. Nein, der eine Schwarze ist der Mörder der anderen. Das wird nochmals für Diskussionen sorgen.

Derweil schweigt Django vor allem, er bekommt seinen Auftritt später: Ab dem Moment, wo Tarantino selbst im Film auftaucht, gibt es ein gerüttelt Maß an Leichen und einige Blutfontänen. So ist „Django Unchained" ein Drittel mit entfesselter Waltz, dann ein Kammerspiel mit und gegen DiCaprio bis im letzten Teil Black Power die Leinwand im Tarantino-Blutrausch rot färbt und ein cooler Django beim Rachezugs etwas Hiphop mit auf den Weg bekommt. Oder für die neutralen Österreicher: 20 Prozent Gewalt und 80 Prozent Ge-Waltz.

Bei allem Western- und Filmspaß zeigt Tarantino in seiner fast linearen Erzählung ein schockierendes Bild von Rassismus und Unterdrückung. Der Spaß an der Gewalt funktioniert hier nicht als Selbstzweck, der große Fan-Boy hält sich zurück. Bis zum Finale, wenn er das weiße Herrenhaus in die Luft jagt, wie er es mit der Nazi-Bagage gemacht hat. Fast durchgehend ist der lange aber kurzweilige Film nicht auf die großen Szenen hin inszeniert, davon gibt es nur ein paar. Tarantino kann auch anders unter- und Spannung halten.

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