3.12.12

Anna Karenina (2012)

Großbritannien 2012 (Anna Karenina) Regie: Joe Wright mit Keira Knightley, Jude Law, Aaron Taylor-Johnson, Matthew MacFadyen, Domhnall Gleeson, Ruth Wilson, Alicia Vikander, Emily Watson, Susanne Lothar 130 Min. FSK ab 12

Das Leben ist eine Bühne. Zumindest das gesellschaftliche Leben und da ist es nur konsequent, wenn Regisseur Joe Wright und Drehbuch-Autor Tom Stoppard „Anna Karenina" komplett im Bühnenraum spielen lassen. Dass dieser sich in der immer wieder verblüffenden Umsetzung von vielen Hundert Tolstoi-Seiten auch mal unvermittelt zu einer russischen Steppe öffnet oder Zugfahrten erlaubt, macht die altbekannte Geschichte ganz anders packend.

Der Vorhang hebt sich und schon werden all die von Tolstoi so genau beschriebenen Figuren einfach mal vorgeführt: Komödiantisch, karikierend. Oblonskij (Matthew MacFadyen) tänzelt in Moskau im Takt zahlloser Bürokraten-Stempel von der Amts- zur Ausgeh-Uniform. Die Dienerschaft bei dessen Schwester Anna Karenina (Keira Knightley) und deren Mann, dem strengen Minister des Zaren Karenin (Jude Law) dreht in Sankt Petersburg absurd unnötige Kreise um die Herrschaften. Die Kreise der Kamera sind in durchgehenden Plansequenzen hingegen derart effektiv, dass in kürzester Zeit die Handlung abgehakt ist: Oblonskij hat sich beim Fremdgehen erwischen lassen, nun muss Anna nach Moskau, um die Schwägerin zu besänftigen. Beim schweren Abschied von ihrem Sohn - es ist das erste Mal - entführt sie dessen Modelleisenbahn mit noch so einem genialen Übergang aus dem Spielraum der Bühne in ein echtes Abteil. Bei der Ankunft trifft sie auf den blasierten Schnösel Wronskij (Aaron Taylor-Johnson), der eigentlich beim Ball um die Hand der verträumt jungen Kitty (Alicia Vikander) anhalten wollte. Eine furiose Einlage mit rauschendem Kostüm, Bewegungen modernen Tanzes und erhebenden Momenten macht jedoch klar, dass ihn jetzt nur noch die Karenina interessiert. Zu dumm, dass der ebenfalls liebestrunkene Bauer Levin (Domhnall Gleeson) sich schon vorher bei der noch hoffnungsvollen Kitty eine schnöde Abfuhr einhandelte. Für den alten Theaterhasen Tom Stoppard ist diese Umsetzung ein gefundenes Fressen, verwob er doch schon bei „Shakespeare in Love" (1998) und „Rosenkranz & Güldenstern" (1990) Leben und Bühne aufs Köstlichste. (Dass er auch die Drehbücher zu „Das Rußland-Haus", „Das Reich der Sonne" oder „Brazil" schrieb, zeigt die Breite seines Könnens.)

Es ist einfach faszinierend, wie Joe Wright zusammen mit seinem Kameramann Seamus McGarvey mittels kunstvoll gleitender Übergange, raffinierter Kulissenschiebereien, gewagter Schwenks und wunderbarer Bildeinfälle erzählt. So ist „Anna Karina" längst kein verruchtes Kulturgut mehr, der Text Tolstoi wird zum äußerst gelungenen Konzentrat, die Gefühle und Strukturen der russischen Oberschicht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermitteln Bewegung, Bilder und Metaphern, wie der selbstverständlich immer wieder ins Bild dampfende Zug. Bis zum Tiefpunkt der gesellschaftlichen Ausgrenzung, wenn die Aufgeregtheit der Gesellschaft mit dem nervösen Fächern längst in offene Abneigung gegen die Ehebrecherin Anna Karenina umgeschlagen ist. Selbstverständlich im Theater, das die Bühne des Lebens und Mittelpunkt der Inszenierung bleibt.

Die großartige Freiheit dieser Inszenierung im Umgang mit Raum und Zeit kann sich beim Schicksal einer unfreien Frau nicht endlos austoben. Doch ist es schade, dass Annas Niedergang konventioneller ausgewalzt wird, dass es etwas zäh zu Ende geht. Waren doch in der ersten Hälfte die Wechsel der Szene fast spannender als die Inhalte. Aber nun kann man sich auf die exzellente Besetzung konzentrieren, allen voran Jude Law, der nur anfangs hinter dem Bart Karenins uninteressant wirkt, dann aber sehr treffend im Ausdruck der lange unterdrückten Gefühle ist. Keira Knightley überzeugt auch in der dritten Zusammenarbeit mit Regisseur Wright nach „Stolz und Vorurteil" sowie „Abbitte". Nur zerstört von Streit und Morphium entgleiten auch als Karenina mal wieder die Gesichtszüge. Emily Watson kann mittlerweile die spießige Alte Gräfin Lydia geben und Susanne Lothar ist in ihrer letzten Rolle als Mutter Kittys leider nur für Sekunden zu sehen. Dass der Tod auch so zwischen den Kulissen lauert, bestätigt nur noch einmal wie gelungen die äußerst freie Umsetzung eines Romans über die Unfreiheit in der Gesellschaft ist.

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