7.8.12

Locarno 2012 Ehrung für Lebenswerk Harry Belafonte

Leoparden auf den Hund gekommen

Locarno. „Oh island in the sun..." - wahrscheinlich haben so viele Menschen anlässlich des Preises für Harry Belafonte und sein Lebenswerk diesen sonnigen Hit des charismatischen Sängers, Schauspielers und Vorkämpfers für Menschenrechte im Kopf gesummt, dass sich pünktlich zur Ehrung am Montagabend die Wolken beim 65. Filmfestival Locarnos (1.-11. August) verzogen. So strahlte das Festival mit dem Unicef-Botschafter um die Wette, verlor aber einige Punkte, sobald Belafonte beispielsweise erzählte, wie er Unterhaltung und Engagement verbindet: Chaplin etwa mit „Der große Diktator" sei sein großes Vorbild. Überhaupt hätten Shakespeare, Dostojewski oder Pirandello auch hervorragend unterhalten.

Belafonte beehrte Locarno aus Anlass der großen Otto Preminger-Retrospektive. Unter den vielen Meisterwerken des in die USA emigrierten Österreichers (1905-1986) wie „River of no return", „Bonjour Tristesse", „Der Mann mit dem goldenen Arm" oder „Exodus" findet sich auch die etwas skurrile, geboxte Version von Bizets „Carmen" namens „Carmen Jones" aus dem Jahr 1954. Der erste Auftritt eines schwarzen Helden auf der Leinwand war Belafontes Durchbruch, neben dem „Banana Boat"-Song. Die nicht mehr ganz aktuelle, aber immer noch gute Dokumentation „Sing your song" erzählt nach, wie der an vielen Fronten aktive Star diesen Ruhm sehr bewusst im Kampf für die Rechte der Schwarzen einsetzte und sogar Kennedy beriet.

Mit all seinem Engagement kann der 85-jährige Belafonte dem 65-jährigen Festival noch etwas vormachen, denn den politischen Punch, den Locarno vor allem unter Irene Bignardi hatte, der Vor-Vorgängerin vom Künstlerischen Direktor Olivier Père, ist längst erschlafft. So überwiegen auf der Piazza und im Wettbewerb neben eher belangloser Unterhaltung („Magic Mike", „Bachelorette") reizvolle Absurditäten und Hunde in Hauptrolle - passend zum bisherigen Hundewetter: In „Wrong" von Quentin Dupieux („Rubber") löst die Entführung eines geliebten Hundes eine Kette surrealer Ereignisse aus. Bei den britischen „Sightseers" ist der Raub eines Kläffers Beiwerk der makaber-komischen Mordserie eines Pärchens auf den Spuren der „Natural Born Killers" Mallory und Mickey. Als Wettbewerbs-Hund muss der Vierbeiner einer todkranken alten Dame in „Quelques jours du printemps" zuerst wegen Rattengift dran glauben und in „Starlet", der schönen Freundschaft einer Porno-Darstellerin und einer zurückgezogen lebenden Seniorin, trägt der titelgebende Handtaschen-Hund ebenso viel Strass wie sein Blondchen.

Unter all den mal amüsanten, mal unnötigen Albernheiten hat auf der Piazza „Lore" bislang am meisten Eindruck gemacht: Die britisch-deutsche Produktion von Cate Shortland („Somersault") erzählt von der Nachkriegsflucht einer Gruppe von Geschwistern durch drei Besatzungszone vom Schwarzwald bis zu einer Watteninsel. Die Eltern machten sich aus dem Staub, weil der Vater Massenmorde im KZ kommandierte. Hannelore (Saskia Rosendahl), die Älteste, ist noch dem Naziwahn verfallen. Selbst als der junge Jude Thomas (Kai Malina) sie mehrfach rettet, will sie nicht vom gleichen Tisch essen. Mit enorm starken Atmosphären und guten Schauspielern berührte dieser Kinderzug durch Wälder und abseits von Klischees die ganze Piazza.

Kein Nachfolger von Preminger, aber höchst spannendes Kino aus Österreich zeigen Tizza Covi und Rainer Frimmel in einem Wettbewerbs-Favoriten: „Der Glanz des Tages" ist die reizvolle Begegnung des Theaterschauspielers Philipp Hochmair (gespielt von Philipp Hochmair) mit dem Cirkus-Artisten Walter Saabel (Walter Saabel). Zwar spielen beide Neffe und entfernter Onkel, die sich noch nie gesehen haben, doch sie bringen auch ganz von ihrem eigenen Leben in die fiktionale Geschichte. Ein reizvolles Vexierbild zwischen Leben und Kunst, das selbstverständlich beides thematisiert und am Samstag bei der Preisverleihung wenigstens einen Darstellerpreis verdient hätte.

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