24.8.12

Holy Motors

Frankreich, BRD 2012 (Holy Motors) Regie: Léos Carax mit Denis Lavant, Edith Scob, Eva Mendes, Kylie Minogue, Elise Lhomeau, Michel Piccoli, Jeanne Disson, Léos Carax, Nastya Golubeva Carax, Reda Oumouzoune, Zlata, Geoffrey Carrey, Anabelle Dexter Jones 115 Min.

Der beste Film von Cannes 2012 hat leider keinen Preis bekommen: Mit „Holy Motors" zeigt Leos Carax einen sensationellen Trip in Film- und Fantasie-Welten. Geheimnisvoll wie David Lynch, immer wieder stark wie ein genialer Video-Clip. Mythisch, magisch und unvergesslich eindrucksvoll.

Monsieur Oscar (Denis Lavant) verabschiedet sich am Morgen von seinen Lieben. Die Stretch-Limousine mit Fahrerin Celine (Edith Scob) wartet mit wichtigen Terminen. Monsieur Oscar, ein Firmenboss, ein Politiker oder Banker? Ein erster Stopp verwirft das lineare Erzählkonzept, denn auf einer der Seine-Brücken von Paris bettelt Monsieur Oscar bis zur Unkenntlichkeit verkleidet als bucklige, alte Frau in folkloristischen Lumpen. Zum Nachdenken bleibt kaum Zeit, denn ein paar Ecken weiter stürmt der Protagonist aus der Limousine und attackiert Menschen in einem Straßen-Café. Dann zieht er sich wieder im Wagen um, mit engem Body-Suit tanzt er, nur über aufgeklebte Punkte erkennbar, in einer Blackbox einen erotischen Paarungs-Akt. Danach entführt das zwergenhafte Märchen-Monster Monsieur Merde, die nächste Figur, ein Fotomodell (Eva Mendes) vom Shooting auf dem Friedhof in die Katakomben unter der Stadt. Ein weiterer Schlüsselmoment für die Rolle(n) Oscar, der wie ein Auftrags-Mörder Mappen seiner Zielpersonen studiert, ist ein gespiegelter Mord an sich selbst. Oscar stürmt in eine Werkstatt, sticht einen groben Mann mit Schnurrbart nieder, um sich dann mit Schminke und Verkleidung in diesen zu verwandeln, währenddessen irgendwann der Erstochene den ersten Angreifer ersticht. Ein verwirrendes Vexierbild, aus dem sich auch Oscar nur schwer verletzt retten kann.

„Holy Motors" ist ganz großes Kino und spielt auf faszinierende Weise mit Erwartungen und Gefühlen. Gerät dabei aber nie zu einer Nummernrevue, immer bleibt man Monsieur Oscar emotional verbunden, auch wenn man nicht weiß, wer er ist. Redet er vielleicht mit seiner eigenen, scheuen Tochter, die er von einer Party abholt? Ist es wahre Liebe, die sich nach Jahren in einem verlassenen Kaufhaus wiedertrifft? Oder ist die Kollegin im Trenchcoat (Kyle Minogue) auch nur ein Auftrag? Beim Nachdenken verwindet sich der Film immer wieder in sich selbst wie eine Möbiusschleife: Das Leben inszeniert sich selbst. Alles ist ein Spiel. Aber wer sind dann die Schauspieler? Und wo gehen sie abends hin? Das kann man - gerne auch bei mehrmaligem Genuss dieses Kino-Universums - herausfinden. Eindeutig beantwortet wird nur die Frage, wo all die Stretch-Limousinen abends sind: In einer riesigen Garage unter der Leuchtschrift „Holy Motors" unterhalten sie sich über ihren Tag und ihre seltsame Fracht. Ein Cronenberg-Moment, der sein darf, denn dieser Carax ist Kino pur und auch fantastische Kino-Geschichte.

Leos Carax, der nach den sensationellen Filmen „Boy meets Girl" (1983), „Die Nacht ist jung" (1986), „Die Liebenden von Pont-Neuf" (1991) sowie dem Flop „Pola X" (1999) lange von der Bildfläche verschwand, meldet sich mit einem großen Meisterwerk zurück. „Holy Motors" ist dabei auch der Film von Denis Lavant, der in elf Rollen und Verkleidungen auftritt. Schon 1991 in „Die Liebenden von Pont-Neuf" von Carax begeisterte der drahtige Künstler. „I just can't get you out of my head" hört man Kyle Minogue irgendwann in „Holy Motors" singen und nach ihrer atemberaubenden Szene bekommt man sie genau so wenig aus dem Kopf wie die Erklärungsversuche dies existenzialistische Kinospiel mit seinen wunderbaren Szenen.

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