9.3.10

Ein Prophet


Frankreich, Italien 2009 (Un Prophète) Regie: Jacques Audiard mit Darsteller Tahar Rahim, Niels Arestrup, Adel Bencherif, Reda Kateb 150 Min.

Ein Gangsterfilm, der das Festival von Cannes gewinnt, muss etwas besonderes sein. „Ein Prophet“ erfüllt selbst hohe Erwartungen, begeistert mit einer faszinierenden Hauptfigur sowie einer Geschichte zwischen Scorseses Mafia und einer ganz eigenen Sprache des Regisseurs Jacques Audiard („Der wilde Schlag meines Herzens“).

Als Malik (Tahar Rahim) nach Jahren der Jugendhaft in ein richtiges Gefängnis verlegt wird, beginnt für ihn eine erstaunliche Entwicklungszeit. Trotz seiner arabischen Herkunft landet er bei der gefängnis-internen korsischen Mafia, die vom mächtigen Paten Cesar Luciani (großartig: Niels Arestrup) geführt wird. Den Korsen gehorcht selbst der Gefängnisdirektor, sie kontrollieren den Handel, die Jobs, entscheiden über Leben und Tod. Für einen sehr blutigen Mord an einem arabisch-stämmigen Zeugen erhält Malik einige Stangen Zigaretten, aber vor allem den Zugang zu Luciani. Der Jungen wird als Araber verachtet, verrichtet niedere Dienste, erweist sich aber immer als cleverer, als man es von ihm erwartet. Bald versteht er nicht nur französisch und arabisch sondern auch korsisch. Ein seltsamer Berater ist ihm der Ermordete, der immer wieder in makabren Visionen erscheint. Als die meisten Korsen aufgrund einer Amnestie in andere Gefängnisse wechseln, wird Malik zur rechten Hand von Luciani, kontrolliert dessen Handy, ist ihm Augen und Ohren.

Wie bei Scorsese oder anderen Filmen dieses Genres schildert der französische Regisseur Jacques Audiard den Aufstieg eines Gangsters dicht und packend. Malik beginnt als verschlossener Einzelgänger, wird zum coolen Typen mit starker Präsenz. Neben der schmutzigen Arbeit im Knast bildet er sich auch weiter, lernt lesen und schreiben. Doch der Aufsteiger zeigt sich auch ziemlich naiv, mit zig Kilo Hasch geht er staunend in den Supermarkt. Das macht das schillernde dieser Figur aus, die raffinierte Bauernschläue und die unübersehbare Unsicherheit. Doch wenn es drauf ankommt, überlebt er sogar in unmöglichen Situationen.

Mit überhöhten und durch ungewöhnliche Mittel wie Lochblenden entfremdeten Momenten gibt Audiard den raffinierten Machtspielen seinen eigenen Touch. Bis zur mysteriösen, titelgebenden Prophezeiung im Moment höchster Gefahr. Montagesequenzen der großen Machtverschiebungen vergehen hier unaufgeregt, selbstverständlich, fast natürlich. „Ein Prophet“ ist ein erstaunlicher Film, man staunt über einen Verbrecher, einen Mörder, dem man Sympathien schenkt.

Am Ende dieser „natürlichen“ Entwicklung hat ein Seitenwechsel stattgefunden. Man sieht wie Malik nun die Araber befiehlt. Der alte Mann Luciani kann nicht mal mehr alleine auf seiner Bank sitzen, denn es ist nicht mehr seine Bank. Bald wird Malik als neuer MacKeeth das Gefängnis verlassen. Davor wartet nicht nur eine Armada von Autos und Kumpels, auch eine fertige Familie.