20.2.07

Tagebuch eines Skandals


USA/Großbritannien 2006 (Notes on a Scandal) Regie: Richard Eyre mit Cate Blanchett, Dame Judi Dench, Bill Nighy 92 Min. FSK: ab 12
 
Scharf. Exakt. Treffend. Brillant. Schon die ersten Sätze der zynischen Geschichtslehrerin Barbara Covett (Judi Dench) liefern den Kinogenuss einer Schauspiellegende, die viel mehr ist als nur die Chefin von James Bond. Hier ist sie Urgestein und moralische Distanz in einer Schulgemeinschaft, die - wie der Rest der Gesellschaft - dem kulturellen Verfall rettungslos ausgeliefert ist. Ihre Schüler haben die Wahl, Klempner oder Terrorist zu werden, so kommentiert die bittere Dame Szenen ausgelassenen Blödsinns. Die Kollegen kommen auch nicht besser weg. Ein schöner Einblick ins ach so harte Leben überforderter Lehrkräfte.
 
Alles ändert sich als Sheba Hart (Cate Blanchett) ihre neue Stelle als Kunstlehrerin antritt. Ein fragiles Luftwesen, völlig verloren im rauen Klima des Klassenzimmers. So muss Barbara die wesentlich jüngere Kollegin förmlich aus einer Schlägerei ihrer Schüler herausziehen und retten. Nach diesem Ereignis freunden sich die Frauen an, Sheba lädt die einsame Seniorin zu sich nach Hause ein. Wo Barbara vom älteren Ehemann und den beiden Kindern der gut situierten jungen Frau überrascht ist. Spitze Bemerkungen über das imaginierte Sexualleben der Gastgeber und den geistig behinderten Sohn halten sich die Waage mit Schwärmereien angesichts der schönen Sheba.
 
Die Tagebuchaufzeichnungen Barbaras erzählen uns all dies, aber längst nicht alles. Als Barbara Shebas Verhältnis mit dem 15-jährigen sexy Schüler Steven entdeckt, spielt sie kurz die Moralische, um direkt darauf die Situation für sich auszunutzen. Denn Barbara will mehr als nur Freundschaft von Sheba...
 
Frisch von der Berlinale kommt dieses Gänsehaut-Drama, das dort keinen Preis bekam. Was bedeutet, es muss zu den besseren Filmen gehören! Cate Blanchett brillierte dort in "The Good German" als Marlene Dietrich-Verschnitt und dann ganz anderes diesem "Tagebuch eines Skandals". Regisseur Richard Eyre ist einer dieser unglaublich erfahrenen Leute, die meist im Fernsehen gearbeitet haben. Er faszinierte schon mit dem Bühnen-Drama "Stage Beauty" (2004) und der herzergreifenden Alzheimer-Geschichte "Iris" (2001). Letztere auch mit Judi Dench als Autorin, die ihr Gedächtnis verliert.
 
Die Situation wirkt schnell aussichtslos. Vor allem für Sheba. Wie das Drama trotzdem immer dramatischer wird, gehört zu den gelungenen Kunststücken dieses dichten Strudels der Emotionen. Den Sog ins Verderben treibt auch die sanft serielle Musik von Philip Glas an. Wie die naive Kunstlehrerin mit der neurotisch berechnenden Hexe ihr ungleiches Duell ausfechten, die exakt gezeichneten heftigen Emotionen, das atemberaubende Drama ist britisches Psycho-Kino vom Besten.