27.2.06

Capote


USA 2005 (Capote) Regie: Bennett Miller mit Philip Seymour Hoffman, Catherine Keener, Clifton Collins jr. 114 Min. FSK: ab 12
 
Philip Seymour Hoffman ist genial. Philip Seymour Hoffman ist "Capote". Dieser Schauspieler kann ein zum Pinocchio recyceltes Branchenverzeichnis zur spannenden Figur machen. Bei den anstehenden Oscar-Verleihungen könnte die Konkurrenz nur aus Mitleid eine Chance haben. Doch "Capote" ist nicht nur Philip Seymour Hoffman, es ist auch ein faszinierendes Porträt des Schriftstellers Truman Capote, eine mutig unkonventionelle Film-Biografie.
 
Regisseur Bennett Miller konzentriert sich in seinem Regiedebüt nur auf eine Phase im Leben des legendären und schillernden Truman Capote. Der berühmte Autor von "Frühstück bei Tiffany" ist gern gesehener Mittelpunkt der kulturellen Elite New Yorks. Aufgrund einer Zeitungsmeldung macht er sich auf in die Provinz von Kansas, wo in einer Kleinstadt eine ganze Familie umgebracht wurde. Mit seiner Jugend-Freundin Nelle Harper Lee (die "ganz nebenbei" den Erfolgsroman "To Kill a Mockingbird" schrieb), seinem langer dotterfarbener Mantel und dem Kashmere-Schal schockiert er das Dorf fast mehr als die Bluttat. Am nächsten Tag kleidet ihn bereits schon Schwarz und mit einer ganz eigenen, gleichermaßen fordernden wie einfühlsamen Neugierde fühlt er sich in Tat und Täter ein. Capote ist ein sehr sensibler, guter Beobachter, memoriert Gespräche Wort für Wort. So gewinnt er selbst die Herzen des stockkonservativen und verhärteten Sheriffs und der beiden Mörder.
 
Akribisch sammelt der Reporter über die Jahre von Verhaftung, Verurteilung und langwierigen Einspruchsverfahren alle Details für den ersten Tatsachenroman zu einem Mordfall: "Kaltblütig". Wobei der Titel auch einen Wesenzug Capotes beschreibt, denn immer schwankt das Gefühl für ihn zwischen faszinierter Zuneigung und Abscheu wegen der berechnenden Art, wie der Schreiber alle Beteiligten benutzt. Im Warten auf die Hinrichtungen und damit auf die Veröffentlichung von "Kaltblütig" zerbricht Capote, verfällt völlig dem Alkohol und wird bis zu seinem Tod kein weiteres Buch mehr schreiben.
 
Philip Seymour Hoffman irritiert und formt die Figur Capote vor allem mit einer fipsigen, quengelnden Stimme, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und dann doch in der so ambivalenten Persönlichkeit Capotes verschwindet. Seine Gesten sind offensichtlich, doch seine Homosexualität schwingt nur latent mit, so wie auch seine Beziehung zu einem Mann dezent mitfließt. Hier verfällt man doch wieder der Meisterschaft des Charakterdarstellers, der selbst zum Schwärmen zu viele glänzende Rollen hingelegt hat. Meistens neben den Hauptdarstellern und trotzdem immer die faszinierendsten Momente einheimsend: Als Transsexueller neben DeNiro in "Makellos", als Pfleger neben Tom Cruise in "Magnolia". Wer erinnert sich an seine Wut in "Punch Drunk Love", an "Almost Famous"? Und auch im ersten Hannibal Lecter "Roter Drache" war er dabei. Hauptrollen gab es erst als Spielsüchtiger in "Owning Mahowny" oder als faszinierender Sonderling in dem völlig vergessenen Meisterwerk "Love Liza".
 
Nun trägt er diese außerordentliche Biografie, die allerdings außerdem meisterlich Stimmungen, soziale Milieus, Zeitumstände und einen kreativen Prozess schildert.