17.7.17

Das unerwartete Glück der Familie Payan

Frankreich 2016 (Le petit locataire) Regie: Nadège Loiseau mit Karin Viard, Philippe Rebbot, Hélène Vincent 104 Min.

Immer kommt sie zu spät, immer verpasst sie was: Nachdem Nicole Payan (Karin Viard) diesmal am Hafen den Untergang ihres Sohnes verpasst hat - er ist auf einem U-Boot stationiert, steht ein verärgertes Lebens-Resümee an. Doch viel Zeit zum Überdenken bleibt nicht, denn prompt kündigt sich auch sehr spät bei der 49-Jährigen eine weitere Schwangerschaft an. Ist dafür noch Zeit bei der Pflege der verwirrten Mutter, der herrlich verantwortungslosen und kindischen Tochter, der Enkelin im Hotel Mama? Und neben dem Geldverdienen, denn ihr Mann Jean-Pierre (Philippe Rebbot) träumt ohne Gehalt vom Erfolg der Turner-Mannschaft, die er betreut. Eine Abtreibung wird kurz angedacht, aber schnell verworfen. Als Mama dann zusammenbricht und im Krankenhaus absolute Ruhe verordnet bekommt, ruft das die ganze Mehrgenerationen-Familie zur Verantwortung. Mit sehr komischen Konsequenzen.

Die Regisseurin Nadège Loiseau „verlängerte" ihren Kurzfilm „Le locataire" (2013) zu einer ebenso flotten wie einfühlsamen Komödie. Sie beweist dabei großes Talent für pointierte Szenen: Das „Familien-Gespräch" am Schlagbaum der Maut-Station, bei der Nicole arbeitet, ist nicht nur dank Philippe Rebbots trottelig gespieltem Ehemann komisch. Als sie die Schwangerschaft ihrem Mann mitteilt, ist das ein Dialog aus lauter Auslassungen. Dazu gibt es gute, treffende Bilder: Die vielen Jobs der „Wonder Woman" werden einfach ausgedrückt in den Schuhwechseln von Arbeiterschuhen, zu Pantoffeln, zu den hochhackigen und wieder von vorne. Selbst alte Scherze wie die hilflosen Männer vor der Waschmaschine funktionieren hier noch herrlich gut.

„Das unerwartete Glück der Familie Payan" dreht sich denn auch hauptsächlich darum, die Geschlechterrollen durcheinander zu wirbeln. Das Thema der späten Schwangerschaft wird gestreift und sorgt für ein bewegtes Finale, aber in der gekonnt spielerischen Aufdeckung der ganzen Bequemlichkeiten, die Nicole (er-) tragen muss, liegt das Pfund dieser klugen Komödie. Erst als die Tochter, Mutter, Großmutter und Ehefrau in Personalunion mit einem Blutdruckmesser konstant vor Aufregung gewarnt wird, stoßen die Lieben um sie herum an eine Grenze, die sich laut piepend deutlich macht. Was in diesem Spaß bedeutet, dass es ziemlich oft sehr laut piepsen wird. Karin Viard („Delikatessen", „Verstehen Sie die Béliers?") spielt wie immer großartig. Aber das Gelingen, dieses sehenswerten Films basiert vor allem auf den vielen einfallsreichen, lebensnahen, glaubhaften und witzigen Ideen der Autorin Nadège Loiseau in ihrem bemerkenswerten Kinodebüt.

Die Geschichte der Liebe

Frankreich, Kanada, Rumänien, USA 2016 (The History of Love) mit Gemma Arterton, Derek Jacobi, Sophie Nélisse, Elliott Gould 135 Min. FSK: ab 6

Der rumänische Regisseur Radu Mihăileanu beeindruckte 1998 mit seinem „Zug des Lebens", eine Tragikomödie über die Flucht eines jüdischen Shtetls vor der Deportation. Auch sein zweiter Erfolg, „Das Konzert" aus 2009, behandelte mit einem in Russland verfolgten jüdischen Dirigenten den Antisemitismus. Nun verfilmte Mihaileanu mit dem gleichnamigen Roman von Nicole Krauss einen geistesverwandten Stoff, in dem mehrere Generationen mit den Nachwirkungen von Verfolgung und Flucht leben.

Der künstliche verschachtelte Film folgt der langen Reise eines Manuskripts mit dem Titel „Die Geschichte der Liebe" von Polen in den 30er Jahren bis ins New York von heute. Im Shtetl liebte Leo Alma und Alma versprach, den besten Schriftsteller von drei konkurrierenden Freunden zu heiraten. Leo schreibt sein Buch über seine „meistgeliebte Frau der Welt", doch der Einmarsch der Deutschen lässt die schwangere Alma nach New York fliehen. Leo kommt erst nach, als Alma mit einem anderen verheiratet ist. Das Manuskript landet mittlerweile in Chile und wird durch Verrat in der spanischen Übersetzung ein Erfolg. Jahrzehnte später ist Leo (Derek Jacobi) in New York ein verbitterter alter Mann, der täglich im Buchladen nachfragt, ob „Die Geschichte der Liebe" mittlerweile veröffentlicht wurde. Er trifft auf ein trotziges Teenager-Mädchen, das auch Alma heißt und das einem berühmten Schriftsteller Kapitel eines gerade übersetzten Buches liefern soll...

Dieser knappe Rote Faden fasst kaum die unübersichtliche Vielfalt der Verbindungen und Verwirrungen um das Manuskript „Die Geschichte der Liebe" zusammen. Von den vielen Geschichten wird leider keine überzeugend präsentiert. Einige Szenen wirken so falsch wie der Kunst-Regen am Set. Einfach schlecht inszeniert - oder zumindest schlecht synchronisiert. Auch das Durcheinander der Ebenen und Zeiten aus dem Roman von Nicole Krauss verdichtet sich nicht zu etwas Großem, es irritiert nur. Beispielsweise damit, dass auf ein Pogrom in Polen ein Brand in New York folgt. Das könnte bedeutungsvoll sein, erschließt sich aber nicht. Die ach so große Liebe wirkt albern wie in einer burlesken Komödie. Ihr Drama besteht in langer Erklärung, nicht in großem Gefühl. Da kann selbst der Star Gemma Arterton („Tamara Drewe") nicht gegen anspielen. Unbeteiligt schaut man zu, wie ein Film scheitert, wo sich die Geschichten finden sollten. Vielleicht hätte es der Verfilmung gut getan, nicht einen verbitterten Hanswurst als Hauptfigur zu etablieren. Bei Leo bleibt man sogar ungerührt, wenn er mit seinem, von Deutschen umgebrachten, eingebildeten Freund streitend durch New York zieht. Zwei Generationen später wird das Leben als Holocaust-Überlebende auch im Teenager-Alter problematisiert: Alma muss entscheiden, ob sie an ihrem Schwarm vielleicht nicht nur die osteuropäische Vergangenheit einer „Survivor"-Familie fasziniert.

Auch die Großeltern der 1974 in New York geborenen Autorin Nicole Krauss („Kommt ein Mann ins Zimmer", „Das große Haus") waren Juden, denen rechtzeitig die Flucht aus Europa gelang. Ihr Roman „Die Geschichte der Liebe", der 2006 erschien, trägt so autobiografische Züge. Sie war mit dem Schriftsteller Jonathan Safran Foer („Alles ist erleuchtet", „Extrem laut und unglaublich nah") verheiratet. Regisseur Radu Mihăileanu ist Sohn von Holocaust-Überlebenden, doch merkwürdigerweise ist in dieser sicherlich sehr persönlichen Arbeit kaum etwas von persönlicher Leidenschaft zu spüren. Da war wohl der große Apparat des Filmemachens zu erstickend. Die Leichtigkeit, mit der sich Mihăileanus Kamera einst über schwerste Schicksalsschläge erhob, ist jedenfalls verschwunden.

16.7.17

Valerian - Die Stadt der tausend Planeten

Frankreich 2017 (Valerian and the City of a Thousand Planets) Regie: Luc Besson mit Dane DeHaan, Cara Delevingne, Clive Owen, Ethan Hawke 137 Min.

Als Mix aus „Blade Runner", „Star Wars", „Das fünfte Element", „Avatar" und LSD trumpft die wahrlich fantastische Comic-Verfilmung „Valerian - Die Stadt der tausend Planeten" auf, mit der Luc Besson nach „Lucy" und „Malavita" mal wieder sein Können auch als Regisseur beweist. Im Herzen des eindrucksvollen Bilder- und Idee-Rausches zeigt sich ein starkes, antimilitaristisches Plädoyer für Völkerverständigung.

Mit „Space Oddity" von David Bowie beginnt - hier - die Geschichte der Raumfahrt. Im Laufe der Jahrhunderte entstand aus der IS-Raumstation die Stadt und Förderation der Tausend Planeten. Wie in der großartigen Eröffnungssequenz (mit Rutger Hauer aus „Blade Runner") die Station Alpha um viele Nationen und schließlich auch Außerirdische wächst, ist herrlich komisch und eine Utopie, die in der Realität gerade eingespart wird. Valerian (Dane DeHaan) und Laureline (Cara Delevingne) sind im 28. Jahrhundert Raum-Agenten für die Regierung, die mit banalem Partner-Gezicke den Ton für zynische oder ironische Sprüchen am laufenden Lichtjahr vorgeben.

Den ersten Einsatz erledigen sie, gekleidet wie Strand-Touristen, in einem gigantischen interplanetarischen „Big Market" auf mehreren virtuellen Ebenen. Was zu ganz neuer, sehr reizvoller Action führt, in der man die Helden im leeren Raum gegen irgendwelche unsichtbaren Gegner kämpfen sieht. Das ist ein großer Zukunfts-Blick auf die aktuellen VR-Brillen, und auch an Amazons Alexa muss man denken bei der virtuellen Raumschiff-Assistentin Alex. Die Version von Alexa als Kampf-Roboter verhindert später sprachgesteuert fast auf brutale Weise das Happy End. Doch zuvor begeistert die traumhafte Eröffnungssequenz um den paradiesischen Planeten Mul mit seinen wunderschönen Kreaturen, die im Stile von „Avatar" im Kreislauf der Natur leben und durch den intergalaktischen Krieg der Menschen vernichtet werden.

Selbstverständlich liest uns auch dieses vertriebene Volk die Leviten: Sie haben viel gelernt und wollen keine Rache. Neben dem nebenher eingeflochtenen Konzept der Seelenwanderung schneidet „Valerian" auch andere große und längst nicht bewältigte Themen an: „Wer keinen Frieden mit seiner Vergangenheit macht, hat keine Zukunft." Dieser Satz gilt nicht nur dem General (Clive Owen), der einen Genozid auf dem Gewissen hat. Auch einige Länder, in denen der Film erfolgreich laufen wird, müssen ihn auch bedenken. Selbst das zynische Argument, eine Ausgleichszahlung für die Verbrechen würde die heimische Ökonomie schädigen, wird hier schon vorweg genommen. Bei einer Serie mal dominanter, mal peinlicher, mal schleimiger Handschläge zwischen den neuen Bewohnern der Raumstation bis zum Satz „Our Citizens first" muss man übrigens sogar an Trump denken.

Die französische Comic-Serie „Valérian et Laureline" (dt.: „Valerian und Veronique") von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin, erstmals erschienen 1967, feierte schon früh die universale Vielfalt der Kreaturen, die sich später in den Bars von „Star Wars" tummelte. Obwohl sie eigentlich Laureline, aber in Deutschland aus den üblichen unerklärlichen Gründen Veronique und in Dänemark etwa Linda hieß, war Valerians Partnerin keineswegs austauschbar wie die Bond-Girls. Meistens rettete Laureline der Hauptfigur den Kragen. Dane DeHaan („Life", „Spiderman") gelingt der spöttische, aber doch sensible Action-Held. Cara Delevingne („Margos Spuren") darf kämpfen, etwas schmachten und Liebes-Lektionen erteilen. Ethan Hawke hat einen kurzen Auftritt als Zuhälter-Cowboy, sein „Mädel", Pop-Sängerin Rihanna, legt einen Pole-Dance hin. Der Soundtrack, der unter Mitwirkung von Herbie Hancock entstand, beginnt klassisch mit Bowies „Space Oddity" und mischt einige populäre Songs („Staying Alive") als Cover unter.


„Ein Soldat wählt immer den Tod vor der Erniedrigung"
„Valerian" gehört zu der Art klugem Science Fiction wie „Arrival", in dem Gewalt und Militär abgelehnt werden. Das große Weltraum-Kriegsspektakel ist hier nur ein Verbrechen, das die Vertreibung aus dem Paradies verursacht. Mit dem konsequenten Verzicht auf übermäßige Action geht dabei keineswegs der Verlust von Spannung oder Unterhaltungs-Wert einher.

Auch in der Verfilmung ist Valerian der eher wagemutige als clevere Raum-Agent. Die gigantische Station Alpha ist teils gewaltig mechanisch, aber in Zonen anderer Lebewesen auch ozeanisch oder elektronisch. Das Einsatzfahrzeug beim Big Market erinnert an das Taxi von Bruce Willis aus „Das fünfte Element", auch wenn es diesmal ein gelber Bus ist. Die Straßenschluchten wirken noch eindrucksvoller als damals oder als in „Blade Runner", auch weil sie diesmal in lohnenswertem 3D sind. Zwischendurch erinnern die Abstürze durch viele verschiedene Ebenen an Computerspiele, doch so farbig und einfallsreich lässt man sich das gerne gefallen. Auch der übliche einfallslose Standard-Kram wie Verfolgungsjagden oder Sidekicks taucht nur angenehm dosiert auf. Irgendwann ist in der abfolge fantastischer Szenen nur noch schwer eine Steigerung möglich, so dass der optische und Ideen-Overkill auf hohem Niveau stagniert. Ausufernde Zwischenepisoden hätten gekürzt werden können, doch wie sagt es Valerian selbst: „Time flies when you're having fun"!

11.7.17

Begabt - Die Gleichung eines Lebens

USA 2017 (Gifted) Regie: Marc Webb mit Chris Evans, Mckenna Grace, Lindsay Duncan, Jenny Slate 101 Min. FSK: ab 6

Der erste Schultag ist immer aufregend, die siebenjährige Mary Adler (Mckenna Grace), die mit der Trachtenberg-Methode zum einfachen Lösen komplexer mathematischer Formeln bekannt ist, langweilt jedoch nicht nur das Einmaleins, auch die Mitschüler unterfordern sie. Die erste Klasse ist ein lahmer Witz für sie, doch Onkel Frank (Chris Evans), der sie erzieht und immer wieder von den Büchern zum Strand schleppt, schickt sie trotzdem hin, damit sie endlich Freunde findet. Er kennt das alles, auch er war hochbegabt und gilt jetzt als verkrachte Existenz. Und seine Schwester Diana galt als mathematisches Genie, bevor sie sich mit 22 Jahren umbrachte. Dank einer guten Lehrerin, die Mary herausfordert, scheint alles gut zu gehen. Bis Marys Großmutter Evelyn (Lindsay Duncan) auftaucht, die sie mit einem MacBook kaufen will, und deren ersten Auftritt sie mit „Holy Shit" kommentiert. Evelyn erweist sich als fast faschistischer Elite-Mensch, der die verstorbene Tochter, die fast das Navier-Stokes-Problem gelöst hat, als schwach bezeichnet. Nun soll Evelyns eigenes Scheitern auf dem Gebiet der Mathematik von der Enkelin aufgehoben werden. Beim Gerichtsstreit ums Sorgerecht wird viel schmutzige Wäsche gewacht und es kommt heraus, wie Evelyn die erste Liebe der Tochter mit einer Anzeige wegen Kidnapping bedrohte. Die Liebe eines - nicht biologischen - Vaters steht gegen die materialistischen Vor(ur)teile einer Oma, die nur den Erfolg sieht und akzeptiert.

Doch keine Angst vor Klischees, hier sind echte, selbstbewusste Menschen zu erleben. Meist unglaublich und sympathisch offen, dazu klug auch auf menschliche Weise. Nachdem Mary einen kleinen Mitschüler vor einem fünf Jahre älteren mit einem beherzten Schlag verteidigt hat, kommentiert Frank: Wenn man unsere zukünftigen Führer von den einfachen Menschen trennt, zieht man Kongressabgeordnete groß. Es ist wunderbar rührend, aber nicht abgeschmackt, wie der ehemalige Philosophie-Professor Frank seiner Nichte Mary Eltern-Liebe vermittelt, indem er sich mit ihr lange in den Wartesaal eines Krankenhauses setzt, wo nach vielen Stunden eine Familie die Geburt eines Kindes erlebt. Dieser begabte Film ist ein tatsächlich kluger Film, bei dem man jeden Satz freudig aufnehmen kann und sollte. Nur das Finale geriet mit einem „deus ex machina" als Überraschung etwas holperig. Gute Schauspieler, schöne Bilder und eine kräftig unterstützende Musik-Soße komplettieren die Wirkung.

10.7.17

Zum Verwechseln ähnlich

Frankreich 2016 (Il a déjà tes yeux) Regie: Lucien Jean-Baptiste mit Aïssa Maïga, Lucien Jean-Baptiste, Zabou Breitman, Vincent Elbaz 95 Min. FSK: ab 0

Das sympathische Glück von Paul und Sali als Laden- und Familiengründer wird durch ein adoptiertes Baby komplettiert. Die Franzosen, die aus dem Senegal und von Martinique stammen, freuen sich auch über ein weißes Kind, im Gegensatz zu ihrer Familie. Auch die Kinderärztin hält als Sali für das Kindermädchen Nanny (und staunt gleich darauf über ein schwules Paar mit Kind). Auf dem Spielplatz wird sie von anderen schwarzen Frauen angeworben, doch mehr Kinder zu betreuen - als Nanny. Als zum Erfahrungsaustausch ein weißes Paar mit schwarzen Kind vorbeikommt, herrscht irritiertes Schweigen ... „Jetzt muss jemand mal einen Witz machen!"

Hier wird der bekannte etwas zu lange Blick gegenüber weißen Eltern mit Adoptivkindern aus anderen Weltregionen umgekehrt. Im Film über die „erste Benetton-Familie" tummeln sich zwar durchgehend einfältige Figuren und Karikaturen. In einer ersten Szene werden chaotische Mitarbeiter vom Jugendamt lächerlich gemacht. Rassistische Polizisten kassieren das Baby ein und schicken es zum Jugendamt zurück. Reichlich aufgesetzt folgt etwas Drama und alberne Rennerei.

„Zum Verwechseln ähnlich" vom bekannten Regisseur und Hauptdarsteller Lucien Jean-Baptiste („Triff die Elisabeths") verläuft recht mono-thematisch. Etwas anderes als diese Adaption beschäftigt niemand im Bouquet der Figuren. Nur Pauls durchgeknallter rumänischer Freund Manu macht mal andere Scherze. Und aus der befristeten Erprobungs-Phase soll mit einer verkrampften und rassistischen Aufpasser-Hexe etwas Spannung generiert werden. Von der Tradition dummer rassistischer Komödien aus dem Frankreich der letzten Jahre setzt sich „Zum Verwechseln ähnlich" zum Glück ab. Und der ganze, unterkomplexe Spaß kann doch als Augenöffner funktionieren.

Paris kann warten

USA 2017 (Paris can wait ) Regie: Eleanor Coppola mit Diane Lane (Anne Lockwood), Arnaud Viard (Jacques Clément), Alec Baldwin 93 Min. FSK: ab 0

Die über 80-jährige Eleanor Coppola, Ehefrau von Regie- und Produzenten-Legende Francis Ford und Mutter von Regisseurin Sofia, realisierte mit „Paris kann warten" ihren ersten Spielfilm. Dass die Frau eines Filmproduzenten die Protagonistin ist, ruft autobiografische Assoziationen unweigerlich herbei. Bislang realisierte sie aus dem gleichen Blickwinkel die Dokumentation „Reise ins Herz der Finsternis" über den Dreh von „Apocalypse Now".

Nun zeigt Frau Coppola den Hollywood-Produzenten Michael Lockwood (Alec Baldwin) und seine Frau Anne (Diane Lane) auf vertrautem Terrain in den Suiten und Restaurants von Cannes. Er ein gestresster Mann, immer am Telefon, hat kein Ohr für ihre Ohrenschmerzen. Sie wird übersehen, funktioniert eher als Sekretärin. Dann fährt sie, statt zum nächsten Termin nach Budapest zu fliegen, mit dem französischen Geschäftspartner ihres Mannes nach Paris. Jacques (Arnaud Viard) verordnet wie selbstverständlich eine kulinarische Tour de France mit vielen Pausen und Ruhe. Er ist ein Genießer, Chaot und spaßiger Lebenskünstler, der selbst aus einer Autopanne ein Picknick macht.

Paris muss tatsächlich warten, wie erwartet gibt es dabei eine ganze Menge Klischees, bei denen nicht nur die Cézannes in der Provence fröhlicher sind, als die in New York. Selbst Blumen riechen hier besser als zuhause. Ebenso wie die Köstlichkeiten beeindrucken die ehemaligen Geliebten, die Jacques auf der Strecke trifft, die keineswegs frustrierte, sondern immer noch neugierige und lebensfrohe Anne. Vor purer Leichtigkeit und lauter Genuss kommt der Film zwar nirgendwo an - das aber überzeugend.

Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner

BRD 2017 Regie: Pepe Danquart mit Jessica Schwarz, Felix Klare, Christoph Letkowski, Judy Winter 101 Min. FSK: ab 6

Man könnte zur Gelegenheit der Tour de France noch mal Pepe Danquarts Dokumentation „Höllentour" sehen ... aber was macht frau dann? Einfach den neuen Danquart sehen, in dem die Welt nicht nur gender-mäßig genau so übersichtlich aufgeteilt ist. Kerstin Gier („Smaragdgrün") schrieb die Vorlage zur romantischen Komödie mit einer kleinen aber entscheidenden Zeitreise.

Auch diesmal steht ein Fahrrad am Anfang, dann liegt es platt am Boden, weil die tollpatschige Kati (Jessica Schwarz) es beim Ausparken „übersehen" hat. Später hängt es demoliert an der Wand einer Familien-Wohnung, weil sein Besitzer Felix (Felix Klare), ein angehender Arzt, in den letzten fünf Jahren große Liebe und Ehemann von Kati wurde. In der Beziehungs-Mathematik, kurz im Zeichentrick zusammengefasst, bedeutet dies vier Jahre Glück und eines zum Auseinanderleben. Angesichts eines Workaholics der abends nur noch einschläft, stellt sich nach der Begegnung mit dem äußerst charmanten Mathias (Christoph Letkowski) die Frage nach einem Seitensprung. Es knallt aber dann ganz anderes, nach einem Autounfall wacht Kati im Krankenhaus auf. Viel schlanker, mit längeren Haaren und Menschen um sie rum, die sich komisch verhalten ... Kati ist wieder am Zeitpunkt im Leben kurz bevor sie vor fünf Jahren Felix kennenlernte.

„Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner" erweist sich nun als singulärer Murmeltier-Film: Nur einmal bekommt Kati die Gelegenheit, alles anders und vor allem besser zu machen. Sie wundert sich nicht lange und tippt direkt die richtigen Lottozahlen. Ihr Gedächtnis muss sehr gut sein, denn sie kennt ihre Einsätze im Lauf der Zeit: Das erste Treffen mit dem späteren Mann, der Moment, in dem die Freundin diesmal rechtzeitig zum Frauenarzt muss. Katis Plan lautet: Felix diesmal auf jeden Fall aus dem Weg gehen, was auf komische Weise nur bedingt klappt. Aber auch Mathias taucht überall auf...

„Wenn Du dann da bist, merkst Du dann ganz schnell, dass es doch nur Gras ist...." Trotz des wie üblich vom Leben abgehobenen deutschen Komödien-Settings - mit einer Agentur, in der nur über Beziehungsprobleme geredet wird - lässt sich aus der unterhaltsamen romantischen Komödie durchaus was fürs Leben mitnehmen. Und trotz mehrerer Nachlässigkeiten auf eine Art, die einige Hollywood-Romanzen auch nicht besser machen.

Die hervorragende Jessica Schwarz kann einem sowieso jeden Mist verkaufen. Sie spielt exzellent sowohl tragisch als auch als ungebremste Ulknudel wie hier, wo sie als fröhlicher, optimistischer Mensch gleichzeitig zu doof ist, einen Stecker einzustecken. Christoph Letkowski machte schon in dem romantischen Melodram „Die Reste meines Lebens" einen guten Eindruck. Auch sonst ist die Besetzung ausgezeichnet: Pheline Roggan experimentiert als lächerliche Esoterikerin im Büro mit Hasch-Keksen und Eigenurin. Julianne Köhler gibt eine kühl-knallharte Chefin. Bei allen guten Dingen ist dies leider auch ein Film für die ganz Begriffsstutzigen, mit unerträglich überdeutlichen Szenen, in denen alles gesagt wird, was sowieso schon klar ist. Das filmische Äquivalent zur Sommerlektüre, für das der eigene Sinnspruch gilt: Wonach man sich sehnt, ist nicht immer das, was man braucht.

9.7.17

Spider-Man: Homecoming

USA 2017 Regie: Jon Watts mit Tom Holland, Robert Downey jr., Michael Keaton, Marisa Tomei 135 Min

Das Genre für kleine und große Jungs liefert diesmal tatsächlich einen Kleine-Jungs-Film. „Spider-Man: Homecoming" ist Highschool-Film mit Action-Ende. Und gleichzeitig Familien-Film in dem Sinne, dass die Marvel-Familie bei ihren Action-Figuren Nachwuchs in Form eines Spider-Boys bekommt. Iron Man kümmert sich väterlich um ihn, etwas mehr Fürsorge bei Drehbuch und Inszenierung hätten dem verzogenen Film gut getan.

Ein kindischer Peter Parker (Tom Holland) hat auf einem Privat-Video die Ereignisse aus dem letzten Avengers-Film aufgenommen, als er in Berlin kurz seinen Idolen helfen konnte. Seitdem lässt er sich brav in der Schule hänseln, erzählt von einem Praktikum bei Tony Stark, hilft aber nur als unbeschäftigter Clown alten Damen über die Straße und Fahrraddiebe zu fassen. Während dieser Mini-Superheld auf der Reservebank auf den nächsten Auftrag von Mr. Stark wartet, stolpert er über Gangster, die außerirdisch aufgepimpte Waffen verkaufen. Doch bis sich das Ganze zu einer letzten halben Stunde echtem Avengers-Film verdichtet, fühlt man sich sehr lange im falschen Film - einem „overdressed" Highschool-Film in unnötigem 3D.

In einer Welt, in der die Superhelden normal unter uns leben, sehen wir viel Klamauk und Peter Parker als Super-Tollpatsch. Selbst sein Superhelden-Anzug, Leihgabe von Tony Stark, ist viel klüger als er. Ein lustiger, dicker Freund gibt den albernen Sidekick. Für die kleine Liebesgeschichte hat Parker keine Zeit, weil er ganz allein die Welt retten muss. Wenigstens die Verbrecher sind ernsthafte Figuren: Kurz und knapp wird Michael Keaton als neuer Bösewicht The Vulture eingeführt. Eigentlich ein gelinkter Handwerker, der außerirdische Waffen verkauft und in metallischem Vogel-Anzug rumfliegt. Derweil wirkt auch Darsteller Tom Holland wie ein Schuljunge zwischen den exzellenten Keaton und Robert Downey jr. Erwachsen wird nur der Anzug von Spider-Man, der sehr Iron Mans Rüstung ähnelt.

Man klammert sich trotz weniger kurzer Auftritte, bei denen meist sein Hightech-Anzug alleine rumfliegt, an die herausragenden Iron Man-Szenen. Tony Stark versucht sich an Spider-Kid als Erzieher und will ein besserer Vater sein, als der, den er selbst hatte. Das Gefälle in der Marvel-Hierarchie macht auch klar, dass Captain America nur als Witznummer auf Video auftaucht.

Echte Action-Szenen lassen lange auf sich warten. Erst in der letzten halben Stunde des wieder mal viel zu langen Rumgemaches ergibt sich mit Keaton und Downey jr. ein halbwegs interessanter Superhelden-Film. Davor langweilten zwei Geschichten und zwei Filme, halbgar verquickt. Keine originelle Vermengung der Genres, ein grobes Nebeneinander von sehr abgestandener Schüler-Story und auch nicht origineller Gangster-Klamotte. Durch die einzige Überraschung erhält alles noch eine richtig gute Wendung, leider viel zu spät. Die Vernetzung der Marvel-Filme fällt hier besonders dreist aus, sollen doch mit einer besonders infantilen Avengers-Ausgabe noch mehr Jugendliche für diese Film-Monokultur angefixt werden. Ärgerlich im Detail wie im großen Ganzen.

5.7.17

Ein Chanson für dich

Belgien, Luxemburg, Frankreich 2016 (Souvenir) Regie: Bavo Defurne mit Isabelle Huppert, Kévin Azaïs, Johan Leysen 90 Min. FSK: ab 6

Liliane Cheverny (Isabelle Huppert) erledigt ihren eintönigen Job in einer Großküche für Pasteten sorgfältig. Ihr einsames Privatleben mit Schnaps vor dem Fernseher wird unterbrochen von dem neuen, jungen Kollegen Jean (Kévin Azaïs), der Lilianes Vergangenheit als Schlagersängerin kennt. Hat sie doch als Laura einst fast den Grand Prix Eurovision de la Chanson gewonnen. Der ungeschickte Kerl stellt dem Idol seiner Eltern penetrant nach, bis sie zusagt, bei einer Fete seines Boxclubs nach Jahrzehnten wieder aufzutreten. Umgehend greift die Presse das Thema auf. Das 21-jährige Jüngelchen Jean, das noch bei den Eltern wohnt, wird trotz des sehr großen Altersunterschieds ihr Liebhaber und schwingt sich ohne Einfühlungsvermögen oder Talent zu ihrem Manager auf. Ein Comeback in Altersheimen und am Rand von Radrennen verläuft erbärmlich, bis sich Liliane heimlich an ihren ehemaligen Mann und Manager wendet.

Mit etwas Melodram und Almodovar-Touch dreht sich dies „Chanson" um eine bescheidene, integre Person in einer Welt, die diese Eigenschaften nicht teilt oder versteht. Vor allem Isabelle Huppert („Elle") und Kévin Azaïs („Liebe auf den ersten Schlag") sorgen dafür, dass die leichte, bescheidene Geschichte interessant bleibt. Der zeitweise überstrahlte, detailfreudige Retro-Look kippt gewollt immer wieder in Kitsch um. Die kongeniale Filmmusik kommt von Pink Martini, bei denen man eigentlich immer das Gefühl hat, dass sie nur Musik aus Filmen spielen.

4.7.17

Casino Undercover

USA 2017 (The House) Regie: Andrew Jay Cohen mit Will Ferrell, Amy Poehler, Jason Mantzoukas 88 Min.

Meistens lahm, umständlich erzählt - nur gesteigerter Wahnsinn kann diese zahme Komödie für ein paar Minuten rausreißen. Um das Studium ihrer Tochter zu finanzieren, machen Scott (Will Ferrell) und Kate Johansen (Amy Poehler) unter Leitung ihres Freundes Frank (Jason Mantzoukas) in dessen Haus ein illegales Casino auf. Das Mini-Vegas mit Shows, Pool und Drogen wird der Hit der Kleinstadt. Die braven Bürger treten in der „Fight Night" gegeneinander an. Scott spielt DeNiro aus „Casino" nach, dem ersten Falschspieler, den sie erwischen, hacken sie einen Finger ab und kontrollieren fortan die Stadt wie richtige Mobster. Nun sind alle Dämme gebrochen, es wird gebrochen, gepinkelt und gesplattert.

„Casino Undercover" beginnt furchtbar uninteressant, die Johansens verhalten sich lächerlich, ohne dass dies lustig ist. Ferrell ist in solchen lahmen Komödien eine Schlaftablette, seine Partnerin ist ... wer war das noch mal, war da was? Erst als die Situation völlig wahnsinnig wird, kann man zwei Mal über Ferrell grinsen. Dieses unter Niveau spielende Casino wird nach 20 Minuten Spaß nicht noch verrückter sondern trotz Action-Routine mit Splatter-Einlage soft und ganz billig. Denn auch wenn die Ausbrüche der Bürger nicht massentauglich sind, die Inszenierung dümpelt auf TV-Niveau herum. Dies ist mal ein positiver Fall, dass kein Kino das zeigt.

Die Erfindung der Wahrheit

USA, Frankreich 2016 (Miss Sloane) Regie: John Madden mit Jessica Chastain, Mark Strong, Sam Waterston, Gugu Mbatha-Raw 132 Min.

Die hochintelligente, knallharte Lobbyistin Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) kümmert sich gerade für ihre Kanzlei darum, dass indonesisches Palmöl in den USA weiter günstig bleibt und der Preis von Nutella nicht steigt. Dann zeigt sie völlig unerwartet doch ethische Regungen - angesichts eines extrem zynischen Auftrages der Waffenlobby, mehr Frauen zum Waffenkauf zu bewegen. Elizabeth Sloane wechselt die Seiten zu der Kanzlei, die ein Gesetz gegen freien Waffenverkauf durchbringen will. Obwohl sie extrem fordernd und gnadenlos mit ihren Untergebenen umgeht, folgt ihr fast das ganze Team. Es beginnt ein spannender Kampf um die Stimmen von Kongress-Abgeordneten, parallel muss Miss Sloane (so der Originaltitel) ein Kongress-Verfahren gegen sich selbst überstehen.

Schon die Spionage und Gegen-Spionage, die Angriffe aus dem eigenen Team und die Live-Debatten im Fernsehen sind hoch-spannend. „Die Erfindung der Wahrheit" ist zwar ein Gerichtsfilm, aber vor allem durch Jessica Chastain („Zero Dark Thirty", „A Most Violent Year") auf ganz andere Weise packend. Dazu so ungemein schnell wie Elizabeth Sloane denkt und handelt. Sie tut alles für den Sieg, zerrt sogar das von einem Highschool-Amoklauf geprägte Privatleben einer Mitarbeiterin gegen deren entschiedenen Willen in die Öffentlichkeit.

Elizabeth Sloane ist eine extrem erfolgreiche und effektive Frau, aber auch extrem gestört. Ein auch durch Pillen am Laufen gehaltener Workaholic, beschäftigt in der „moralisch am meisten bankrotten Branche Washingtons", der die liberalen Gutmenschen um sich herum verspottet. Als Gegenpol versucht ihr neuer Chef Rodolfo Schmidt (Mark Strong) sie menschlich und sozial wieder auf den Boden zu bringen. Dazu hat sie noch mit einem Callboy (Jake Lacy aus „Ihre beste Stunde") zu tun, der ihr zu nahe kommen will. Chastain mit zu dickem Lippenstift auch äußerlich nicht sehr ambivalent gezeichnet. Während der Kongress-Anhörungen soll sie mit Hinweis auf ihre verfassungsgemäßen Rechte einfach nur die Aussage verweigern. Das ist jedoch eine unmögliche Aufgabe für eine derart wortgewaltige und von sich selbst eingenommene Person.

„Die Erfindung der Wahrheit" thematisiert das gleiche Dilemma wie in „No!", wo ein hervorragender Werbemanager die Kampagne gegen Pinochet gewinnt. Elizabeth Sloane macht in ein paar ihrer treffenden Sätze klar, dass man nicht persönlich betroffen sein muss, um gegen eine ziemlich bescheuerte Sache zu sein. Der Film von Altmeister John Madden („Best Exotic Marigold Hotel", "Shakespeare in Love", „Ihre Majestät Mrs. Brown") trumpft zwar mit atemberaubenden Wendungen auf, ist aber bei all seinen vielen Qualitäten vor allem ein packendes Porträt einer ungemein und über alle Maßen starken Persönlichkeit.