22.2.17

A Cure for Wellness

USA, BRD, 2017 Regie: Gore Verbinski mit Dane DeHaan, Mia Goth, Jason Isaacs 146 Min. FSK: ab 16

Bevor Gore Verbinski sich dem „Fluch der Karibik" verschrieb, macht er 2002 mit „Rings", einem J-Horror- Remake, auf sich aufmerksam. Deshalb macht es neugierig, wie der Regisseur auch von „Mäusejagd" (1997) und „The Mexican" (2001) erneut mit dem Horror-Genre spielt: Er schickt den neuen „Spiderman" Dane DeHaan als glatten, selbstsicheren und ehrgeizigen Manager in ein Schweizer Spital. Statt aber den Vorstandsvorsitzenden seiner US-Firma aus dem ‚Wellness-Center' in einem alten Schloss mit dunkler Vergangenheit abzuholen, landet der smarte Lockhart nach einem Unfall selbst in der Klinik. Seine Gesundheit verschlechtert sich bei dieser Kur zusehends, im Stile von „Marathon Man" wird ihm auf den Zahn gefühlt.

Ungewöhnliche Anwendungen und seltsame Patienten irritieren Lockhart und amüsieren das Publikum. Zwischen „Shining", Scorseses „Shutter Island" und „Zauberberg" bleibt es anfangs vor allem rätselhaft, kafkaesk und nur kurz bedrohlich, wenn sich zu viele Aale an den falschen Orten winden. Nach dem rumänischen Zauberberg in „Sacred Hearts" wird dieses Motiv ganz aktuell ein zweites Mal bemüht. Diesmal steckt allerdings nicht zu viel hinter der düster-glänzenden Oberfläche mit Anleihen beim Gothic Horror. Gore Verbinski tobt sich auch mit deutschem Fördergeld ungehemmt aus. Für die Genre-Fans geht es nur kurz im Finale heftig zur Sache. Denn „A Cure for Wellness" sieht von der Dorfkneipe wie aus den Dreißigern mit Rammstein-Beschallung bis zu gekachelten Keller-Verließen vor allem gut aus. Dieser vermeintliche Mystery-Thriller, erneut geschrieben von Verbinskis „Lone Ranger"-Autor Justin Haythe, ist kein reizvolles B-Movie sondern aufwändiges Hollywood. Das sich erlauben kann, mal zweieinhalb lange Stunden bestens ausgestattet Irrwege zu beschreiten.

21.2.17

Lion

Australien, Großbritannien, USA, 2016 Regie: Garth Davis mit Dev Patel, Rooney Mara, Nicole Kidman, David Wenham , Sunny Pawar 120 Min. FSK: ab 12

Der fünfjährige Inder Saroo (Sunny Pawar) ist ein aufgewecktes Kerlchen. Mit seinem älteren Bruder klaut er Kohlen vom Güterwagon während die Mutter im Steinbruch arbeitet. Und er quengelt so lange, bis der Bruder ihn zu einer Bettel- und Sammeltour in einer größeren Stadt mitnimmt. Doch da muss er sich ausschlafen und soll warten, bis der Bruder zurückkehrt. Was nie passiert. Nun irrt der kleine Saroo herum, wird vertrieben und flüchtet in den falschen Zug, der ihn stundenlang bis nach Kalkutta mitnimmt. Ohne dass ihn jemand versteht, ohne dass er seinen Namen, geschweige den von Mutter oder seinem Heimatdorf nennen kann, beginnt eine Odyssee, die mit viel Glück im Waisenhaus endet. Noch mehr Glück hat der Junge, als ihn ein australisches Paar adoptiert.

Die erste Hälfte von „Lion" ist unheimlich intensiv nicht nur durch die herzergreifende Geschichte sondern auch durch die bildgewaltige Inszenierung von indischen Landschaften und Städten. Regisseur Garth Davis zeigt eine enorme Könnerschaft und wunderschön bittere Momente, wenn beispielsweise Saroo vor einem Café sitzt und pantomimisch einen essenden jungen Mann imitiert.

Nach einer wiederum wunderbaren Überblendung erleben wir den erwachsenen Saroo (Dev Patel) in Australien und in einem anderen Film. Nach seinem „Madelaine"-Erlebnis mit einer fritierten indischen Spezialität verfolgen ihn Träume von seiner Mutter, die er immer wieder als kleines Kind am Steinbruch trifft, und von seinem Bruder der ihn Jahr für Jahr, Nacht für Nacht am Bahnhof sucht. Google Earth und seine neuen Kommilitonen ermutigen ihn, eine Suche zu starten, bei der er sich allerdings fast selbst verliert.

Es ist beachtlich, wie dieser Film ohne viele Worte, nur mit seiner sehr gelungenen, mitreißenden Bildsprache auskommt. Ganz selbstverständlich sehen wir ihn in den beiden Welten zwischen denen Saroo zerrissen ist. Allerdings wird das großes Leiden daran nicht ganz verständlich gemacht: Mit zwei wunderbaren Adoptiv-Eltern und einer tollen Freundin, auch materiell ohne Sorgen, ist das Drama des erwachsenen Saroo, wesentlich weniger packend, als das des kleinen Jungen allein in der Millionen-Stadt, wenngleich das Ende mit viel Rührung auftrumpfen kann. Das Schicksal hunderttausender Straßenkinder in Indien ist dem Film ebenso ein Anliegen wie die Situation der Adaptiv-Kinder.

„Lion" basiert auf der autobiografischen Vorlage „Mein langer Weg nach Hause" von Saroo Brierley. Hauptdarsteller Dev Patel erinnert selbstverständlich an seinen ersten großen Erfolg „Slumdog Millionär" und auch etwas an „Best Exotic Marigold Hotel". Rooney Mara ist erneut mit ihrer enormen Präsenz ganz stark in der wichtigen Nebenrolle. Kidman spielt erstaunlich zurückhaltend und dadurch erträglich. Ganz im Dienste einer großen Geschichte, die über 25 Jahre brauchte, bis sie zum ihrem glücklichen Ende kam.

Boston

USA, 2016 (Patriots Day) Regie: Peter Berg mit Mark Wahlberg, John Goodman, J.K. Simmons 128 Min. FSK: ab 12

Das Attentat auf den Marathonlauf in Boston vom April 2013 gehört zu den selbst erzeugten nationalen Traumata der USA. Für Außenstehende ist so eine grobe filmische Mobilmachung nur ethnologisch interessant, als seltsames Verhalten eines sehr seltsamen Volkes. „Boston", besser im Original als „Patriots Day", ist die moralische Mobilmachung nach der Katastrophe. Das furchtbare (lokal-) patriotische Machwerk macht Mut und schürt blinden Hass. In simpler Katastrophenfilm-Konstruktion lernen wir am Morgen des Marathons die baldigen Opfer kennen. Alle liegen glücklich in den Betten und wollen sich lieben. Spekulativ wird die Spannung in Erwartung der Explosion gesteigert. Dabei sind die Attentäter nicht nur Mörder, sie sind besonders gemein, weil sie einen Bomben-Rucksack neben einen Kinderwagen und neben dem netten jungen Paar platzieren. Zudem sind sie unfreundlich zur Frau und kaufen nicht die richtige Milch für das Kind, diese Monster! Unser Mitgefühl-Katalysator ist der in Ungnade gefallene Cop Tommy Saunders (Mark Wahlberg). Er humpelt mit schon vorher kaputtem Knie am Tatort herum, befragt die Opfer im Krankenhaus, bricht zusammen und ackert weiter.

Die Explosionen auf der Zielgeraden bringen viel Blut, haufenweise grausam Verwundete, die Kamera zoomt lustvoll auf Verstümmelungen, Amputationen und zerfetzte Körper. Nachdem mit geradezu pornographischem Wühlen in Blut und Wunden möglichst viele Emotionen manipuliert wurden, will die zweite Stunde teils sachliches und beruhigendes Protokoll einer betont effektiven und guten Polizeiarbeit sein. „Aufgelockert" Hälfte mit Flucht und Verfolgung der Attentäter sowie heftigen Schießereien und Bombenwürfen. Das taugt nicht als Unterhaltung, bringt keinerlei Erkenntnisgewinn. Es geht in „Boston" niemals um Motive oder Zusammenhänge. Stattdessen der übliche Film-Streit um Zuständigkeit zwischen lokaler Polizei (Mark Wahlberg) und FBI (Kevin Bacon) mit dem triumphalen Satz „Das ist Terrorismus, wir übernehmen!" Alles was zählt, ist ein „Wir" gegen „Die". Insofern ist der Film selbst „terroristisch". Nur die realen Figuren äußern vor dem Abspann tatsächlich vernünftige, kluge und bewegende Dinge. Leider wartet man auf diese 15 Minuten zwei grausame und lange Stunden.

Neruda (2016)

Chile, Argentinien, Frankreich, Spanien, USA, 2016 Regie: Pablo Larraín mit Gael García Bernal, Luis Gnecco, Alfredo Castro 107 Min.

Lang erwartet und wieder exzellent folgt kurz nach dem Kennedy-Porträt „Jackie" von Pablo Larraín („El Club", „No!") die Poeten-Geschichte „Neruda": Der chilenische Dichter und Politiker Pablo Neruda (1904 - 1973), war bereits in den Dreißiger Jahren als Konsul in Europa und musste 1936 vor den Putschisten Francos aus Madrid fliehen. Als er 1946 den frisch gewählten Präsidenten González Videla heftig angriff, ließ der Neruda und tausende andere Kommunisten verfolgen. Der Dichter konnte in letzter Minute sein Haus verlassen und wechselte anderthalb Jahre lang auf der Flucht fast täglich die Wohnung, bevor er die Grenze nach Argentinien überqueren konnte.

Regisseur Pablo Larraín macht aus dieser Flucht-Periode mit viel dichterischer Freiheit ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem der Dichter Neruda (Luis Gnecco) selbst die Spuren legt. Noch in seiner Wohnung hinterlässt er ein Buch mit Widmung für den Spürhund Óscar Peluchonneau (Gael García Bernal), den unehelichen Sohn des größten Polizisten des Landes. Mit besonders heldenhaftem Ernst geht dieser Polizist vor, denn die schöne Geschichte wird ja auch von ihm selbst erzählt, der eine heimliche Ader für die Poesie hat. Neruda liest derweil Krimis, „sie helfen mir, zu vergessen, dass die Polizei hinter mir her ist."

Daraus ergeben sich fantastische Szenen, im doppelten Sinne. Die Gespräche springen mitten im Dialog von einem Ort zum nächsten, zum verlassenen Parlament und zurück in den pompösen Palast des Präsidenten, den Neruda öffentlich als Verräter bloßstellte. Der Rede von Pablo Picasso zur Verteidigung seines Freundes folgt einer der Bordell-Besuche Nerudas, wo er sich bei einer schönen Travestie vor den Verfolgern als Frau verkleidet. Überall findet der allseits geliebte Dichter und „Senator" die Unterstützung der Bevölkerung. Eine besoffene Verehrerin fragt ihn, „wenn unter dem Kommunismus alle gleich sind, werden alle wie er, der Dichter, oder wie ich, die den „Bourgeoisen die Scheiße wegputzt?". Die Gespräche selbst bewegen sich mit einem Übermaß an Ernsthaftigkeit und der gleichen Überbetonung im Bild (Kamera: Sergio Armstrong) scharf am Rand des Absurden.

Larraín, der zuletzt den schönen Berlinale-Wettbewerber „Una Mujer Fantástica" produziert hat, wollte „einen Roman erzählen, von dem wir gerne hätten, dass Neruda ihn mit Vergnügen liest." Tatsächlich ist ja auch der Zeitpunkt des Todes Nerudas am 23. September 1973 symbolträchtig wie in einem Roman, zwölf Tage nach dem Putsch Pinochets. „Neruda" ist nicht nur in diesem Sinne gelungen, er ist tatsächlich ein formal ungemein spannendes Duell zwischen Neruda und „seinem Polizisten", der schließlich verwinden muss, selbst nur eine Fiktion Nerudas zu sein, gar eine Nebenfigur. Da, bei der entscheidenden Begegnung ist die Flucht für Neruda längst eine traumhafte und melancholische Reise durch die Landschaften Chiles geworden - da erinnert man sich nicht nur wegen Gael García Bernal an „Die Reise des jungen Che". Larraín zeigt allerdings auch die Lager, in denen das Militär willkürlich vermeintlichen Gegner einkerkert.

So verfestigt Larraín nach dem oscar-prämierten „Il Postino" und dem besseren Porträt „Mit brennender Geduld" (1983) von Autor Antonio Skármeta selbst nicht nur das Bild des Dichters Neruda als Filmstar. Er zeigt sich selbst vor allem mit dieser faszinierend fantastischen biographischen Episode als innovativer Meisterregisseur von poetischen Geschichten und politischer Geschichte.

18.2.17

Berlinale 2017 Abschluss

Heute Abend werden die Preise der 67. Berlinale verliehen (live bei 3Sat), nachdem der wohltemperierte Wettbewerb keine Sensationen, keinen Skandal und auch keine großen Favoriten auf die Goldenen Bären hervorbrachte. Ausgerechnet aus den politisch bedrohlich nach rechts abgewanderten Polen und Ungarn kamen zwei der Publikumslieblinge und die besten Regisseure waren Regisseurinnen.

Das Ende des Wettbewerbs hatte exakt das gleiche Finalmotiv wie der Eröffnungsfilm „Django": Eine dramatische Flucht vor den faschistischen Häschern durch den Wald zur rettenden Grenze. Statt der Nazis in der Biografie von Django Reinhardt sind es im „X-Men"-Ableger „Logan" (außer Konkurrenz) in naher Zukunft die Cyborg-Schergen eines militärisch-pharmazeutischen Komplexes, die Kinder nicht nach Kanada fliehen lassen wollen. Der erstaunlich zeitgemäß düstere Ausblick für die USA gestaltete den Übergang von meist anderen, manchmal besonderen, öfters bereichernden und selten begeisternden Festival-Filmen in den Kino-Alltag gelungen. Hugh Jackman gibt erneut „Wolverine", den populärste Superhelden aus der Spielekiste der X-Men, und verleiht ihm in dem ebenso bewegenden wie eindrucksvollen Spektakel eine enorme Charaktertiefe.

Bevor gestern noch der chinesische Zeichentrick „Hao ji le" (Einen schönen Tag noch) und der rumänische Festivalliebling Călin Peter Netzer (Goldener Bär 2013 für „Mutter & Sohn") mit dem Beziehungsdrama „Ana, mon amour" den Wettbewerb abschossen, wurden die Filme der Ungarin Ildikó Enyedi, der Polin Agnieszka Holland und der Engländerin Sally Potter, allesamt bereits sehr erfolgreiche Ü60-Filmemacherinnen, am höchsten gehandelt. Tatsächlich scheint eine vom deutschen Interessenverband ProQuote weiterhin geforderte, in Realität nicht vorhandene Frauenquote den Wettbewerb gerettet zu haben. Die gleichermaßen poetische wie realistische Liebesgeschichte zwischen traumhaft flirtenden Hirschen im Winterwald und Tierverwertung im Schlachthof bei „Testről és lélekről" (On Body and Soul) von Enyedi („Magic Hunter", „Mein 20. Jahrhundert") ähnelt sogar motivisch Agnieszka Hollands „Pokot". Die Rückkehr von Holland („Der Priestermord", „Hitlerjunge Salomon") auf die große Leinwand nach einem Ausflug in die Welt der Serien, spielt in einer Landschaft mit wechselnden Jahreszeiten, deren wilde Schönheit jedoch nicht über Korruption, Grausamkeit und Dummheit ihrer Bewohner hinwegtäuscht. Ein waghalsiger Genremix aus komischer Detektivstory, spannendem Ökothriller und feministischem Märchen. Ganz in der Geschlechter- und Politik-Kultur drehte Sally Potter, die schon vor einem Vierteljahrhundert mit „Orlando" und Tilda Swinton das Transsexuellen-Manifest gedreht hat, an dem die Gesellschaften noch ranarbeiten, wie im Wettbewerb der chilenische „Una mujer fantástica" mit Daniela Vega eindrucksvoll in der männlich/weiblichen Hauptrolle zeigte. Potter hingegen ist mit „The Party" schon beim Post-Post-Feminismus und sezierte auch diesen so geistreich und komisch, dass sie oder ihr großartiges Ensemble (Patricia Clarkson, Kristin Scott Thomas, Timothy Spall, Bruno Ganz, Cillian Murphy) einen Preis bekommen müssen.

Womit sich im Ausklang der großen Berlinale-Party, bei der über Trump fast so viel geredet wurde, wie über Film, die Frage nach dem Sinn der Sache stellt. Man kann von Spielfilmen, die meist Jahre an Vorlauf brauchen, keinen aktuellen Kommentar zum letzten Twitter-Hirnriss erwarten. Dass „The Party" und „The Dinner" mit Richard Gere zufällig gerade Moral und Politik trotzdem klug verknüpften, liegt an Qualität und Gespür der Filmemacher. Aber ist tagelang im Kino sitzen und dann auf der Pressekonferenz eine Protestnote dranhängen nicht ebenso wirkungslos wie seine Meinung auf Facebook kund zu tun? Lessings alte Theater-Idee von der Katharsis, der Reinigung durch Furcht und Mitleid, übertragen auf die Bildung eines besseren Menschen durch anspruchsvollen Film erweist sich als hinfällig, wenn man nur einmal in das unzivilisierte Gedränge vor den Festivalkinos eintaucht.

Ganz weit weg von großen Fragen waren die zwei extrem schwachen deutschen Spielfilme im Wettbewerb, denen Volker Schlöndorffs Altherren Sentimentalität „Return to Montauk" den Rest gab: Darin taucht der international sehr angesehene deutsche Regisseur („Die Blechtrommel") wieder in das Universum seines Freundes Max Frisch ein. Zu Lebzeiten des Schweizer Dichters verwarfen beide allerdings eine Verfilmung der „zu autobiografischen" Geschichte eines Wiedersehens des älteren und verheirateten Dichters mit der Geliebten von damals. Vorlage ist nun ein Original-Drehbuch, das Schlöndorff gemeinsam mit Colm Tóibín („Brooklyn") schrieb. Doch das Ergebnis ist eine Senioren-Romanze von und für Kreative, die sich großartig und von ihren Frauen verlassen fühlen. Aber sonst nicht mehr viel vom Leben der anderen mitbekommen. „Return to Montauk" quälte den Wettbewerb als beschauliches, träges Kino von gestern. Damit zeigten sich die drei deutschen Starter im Wettbewerb bis auf „Beuys", der als einzige Dokumentation ganz aus der Reihe fällt, komplett deplatziert und enttäuschend. Chancen für Preise gibt ihnen keiner.

Der obligatorische Berlin-Film der Berlinale war diesmal voll bitterer Ostalgie. „In Zeiten des abnehmenden Lichts" (Regie: Matti Geschonneck) lief in der „Special"-Sektion voller Filme, die sicher im deutschen Kino landen. Bruno Ganz hatte darin seinem zweiten Berlinale-Auftritt. Der größte Führer-Darsteller aller Zeiten zeigt nun einen herrischen SED-Parteigenossen aus dem Osten, der 1989 noch seinen 90. Geburtstag feiert und dann pünktlich zum Ende der DDR den Löffel abgibt. Der renommierte Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase verdichtet den Erfolgsroman von Eugen Ruge zu einem filmischen Gesellschaftsbild, in dem 100 Jahre Partei- und deutsche Geschichte am Beispiel einer deutsch-russischen Familie aufgezeigt werden. Am Ende geht es wieder zurück ins sibirische Lager und scheinbar, auch nach dem Eindruck dieser Berlinale, lohnt sich der cineastische Blick nach Osten gerade wieder besonders.

17.2.17

Berlinale 2017 In Zeiten des abnehmenden Lichts (Berlinale Special)

Der obligatorische Berlin-Film der Berlinale war diesmal voll bitterer Ostalgie. „In Zeiten des abnehmenden Lichts" (Regie: Matti Geschonneck) lief in der „Special"-Sektion voller Filme, die sicher im deutschen Kino landen. Bruno Ganz hatte darin seinem zweiten Berlinale-Auftritt. Der größte Führer-Darsteller aller Zeiten zeigt nun einen herrischen SED-Parteigenossen aus dem Osten, der 1989 noch seinen 90. Geburtstag feiert und dann pünktlich zum Ende der DDR den Löffel abgibt. Der renommierte Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase verdichtet den Erfolgsroman von Eugen Ruge zu einem filmischen Gesellschaftsbild, in dem 100 Jahre Partei- und deutsche Geschichte am Beispiel einer deutsch-russischen Familie aufgezeigt werden.

Deutschland 2017
Deutsch, Russisch, 100 min
Untertitel: Engl./Dt.
von Matti Geschonneck
mit Bruno Ganz, Sylvester Groth, Hildegard Schmahl, Evgenia Dodina, Natalia Belitski, Alexander Fehling, Gabriela Maria Schmeide, Angela Winkler, Alexander Hörbe, Thorsten Merten

16.2.17

Berlinale 2017 Return to Montauk (Wettbewerb)

Schlöndorffs Altherren Sentimentalität

Berlin. Als dritte hauptsächlich deutsche Produktion im Wettbewerb der 67. Berlinale war mit Volker Schlöndorffs „Return to Montauk" noch ein kreatives Remake bei der Goldene Bären-Jagd dabei: Wie bei „Trainspotting" wird ein bekannter Stoff, diesmal von Max Frisch, auf einer anderen Ebene weitergeführt. Stellan Skarsgård und Nina Hoss sind die Stars dieser Alters-Romanze.

Beim Stichwort Montauk muss man an Max Frischs gleichnamige Erzählung aus 1975 denken und an Schlöndorffs Frisch-Verfilmung „Homo Faber" aus 1991. Zwar taucht der international sehr angesehene deutsche Regisseur Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel") wieder in das Universum seines Freundes Max Frisch ein. Zu Lebzeiten des Schweizer Dichters verwarfen beide allerdings eine Verfilmung der „zu autobiografischen" Geschichte eines Wiedersehens des älteren und verheirateten Dichters mit der Geliebten von damals. Vorlage ist nun ein Original-Drehbuch, das Schlöndorff gemeinsam mit Colm Tóibín („Brooklyn") schrieb.

Der Schriftsteller Max Zorn (Stellan Skarsgård), Anfang 60, reist darin zu seiner Buchpremiere nach New York, wo ihn seine Frau Clara (Susanne Wolff) erwartet, die seit einer Weile in der Stadt lebt. Sein sehr persönlicher Roman handelt vom Scheitern einer großen Liebe. Schon bald trifft Max die Frau von damals wieder: Rebecca (Nina Hoss), in Deutschland geboren, lebt als erfolgreiche Anwältin in New York. Gemeinsam kehren sie für ein Winterwochenende nach Montauk zurück, das Küstenstädtchen, wo sie einst glücklich waren.

Volker Schlöndorff drehte zwar in New York oft ohne Drehgenehmigung wie ein junger Guerilla-Filmer. Doch das Ergebnis ist eine Senioren-Romanze von und für Kreative, die sich großartig und von ihren Frauen verlassen fühlen. Aber sonst nicht mehr viel vom Leben der anderen mitbekommen. „Return to Montauk" quälte den Wettbewerb als beschauliches, träges Kino von gestern. Die an sich exzellenten Schauspieler wirken wie unter Betäubungsmitteln wenn sie reihenweise leblose Sätze aufsagen. Alles erinnert an Linklaters „Before Sunset" in Paris, nur der ist ein bis zwei Generationen jünger, verspielter und weniger offensichtlich. Wie Schlöndorffs Hauptfigur Max Zorn ist auch dieser Film gefangen in der Vergangenheit, in seiner Fixierung auf die eine Liebe nur öde. Damit zeigten sich die drei deutschen Starter im Wettbewerb bis auf „Beuys", der als einzige Dokumentation ganz aus der Reihe fällt, komplett deplatziert und enttäuschend. Chancen für Preise gibt ihnen keiner.

Die andere Seite der Hoffnung

Ein syrischer Flüchtling landet in Finnland. Asyl wird Khaled verweigert, da Aleppo angeblich eine sichere Stadt ist. Doch dann trifft er auf einen älteren Restaurant-Besitzer, der ihn illegal einstellt und versteckt. Die Solidarität in der Belegschaft ist rührend, Khaled kann sogar seine Schwester nach Finnland holen. Aber da gibt es noch die rechten Schläger. „Die andere Seite der Hoffnung" ist im lakonischen Kaurismäki-Stil mit seinem trockenen Humor selbstverständlich nicht übermäßig dramatisch. Doch diesmal in seiner typische Reduzierung nicht sehr treffend und effizient. Ein starkes Plädoyer für den menschlichen Umgang mit Flüchtlingen aber ein schwacher Kaurismäki.

Finnland, Deutschland 2017
Finnisch, Englisch, Arabisch, 98 min
von Aki Kaurismäki
mit Sherwan Haji, Sakari Kuosmanen, Janne Hyytiäinen, Ilkka Koivula, Nuppu Koivu, Simon Hussein Al-Bazoon, Niroz Haji, Kaija Pakarinen

14.2.17

T2 Trainspotting

Großbritannien, 2017

Regie: Danny Boyle mit Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle, Kelly MacDonald 118 Min. FSK: ab 16

Die eigenständige Fortsetzung seines eigenen Films durch den ungemein begabten Filmemacher Danny Boyle beschert uns mit „T2 Trainspotting" einen visuell packenden, großen Film: Auch 20, genauer: 21 Jahre später hat „Trainspotting" nichts von seinem Schwung verloren. Dieser frühe Kultfilm von Regisseur Danny Boyle („The Beach", „28 Days Later", „Slumdog Millionaire", „127 Hours"), diese Film-Droge, die immer noch ein Drogenkonsum-Film ist, wirkt schon als Herz- und Rhythmus-Beschleuniger im Wettbewerb (außer Konkurrenz) der 67. Berlinale. Und hält bis zum Ende den hohen Energie-Level dieser Hedonie-Hymne und Ode an die Verlierer.

Nach schnellen Rhythmen auf der Tonspur bis zum Zusammenbruch von Mark Renton (Ewan McGregor) erklingt melancholisch und ironisch Lou Reeds „Perfect day" - falsch am Klavier gespielt. Bei Mark ist nicht nur das Herz sondern auch noch die Ehe nach 15 Jahren kaputt. Seien Job ist er ebenfalls los. Spud (Ewen Bremner) hat als jahrelanger Junkie die Einführung der Sommerzeit verpasst, wodurch er bei allen Schritten zum normalen Leben immer eine Stunde zu spät auftauchte. Begbie (Robert Carlyle) verbrachte die letzten 20 Jahre im Knast und macht pünktlich zum Wiedersehen mit einer üblen Selbstverstümmlung über die Krankenstation die Fliege. Er ist als aggressiver Gangster auf Viagra die Witzfigur des Films. „We'll meet again" läuft spöttisch in der Jukebox zur Begrüßungs-Prügelei zwischen Mark und Sick-Boy (Jonny Lee Miller), der jetzt wieder Simon heißen will. Er hat eine heruntergekommene Kneipe im Nirgendwo eines Abriss-Gebietes und träumt davon, seiner Freundin daraus ein Sauna-Bordell zu bauen. Simons bulgarische und platonische Freundin erkennt klar: Ihr seid verliebt ineinander und fixiert auf die Vergangenheit.

Die vier ehemaligen Freunde und Junkies aus Edinburgh sind sämtlich am Ende, was ein neuer Anfang für die alte Freundschaft sein könnte. Wären da nicht die 16.000 Pfund Drogengeld, mit denen Renton vor zwanzig Jahren abgehauen ist. So mischt sich Rache ins optisch und akustisch mitreißende Wiedersehen von „Trainspotting". Diesmal geht es nicht um Drogen, sondern ganz im Geiste des Brexit um EU-Gelder für einen Puff!

Als entfernte Vorlage diente Irvine Welshs Roman „Porno" aus dem Jahre 2006, ebenfalls eine Fortsetzung der Ursprungs-Geschichte. Die Stadt ist längst nicht mehr die alte, doch bei den alten Jungs hat sich nicht viel verändert. Nur der debile und sympathische Ex-XXL-Junkie Sput bekommt wider alle Wahrscheinlichkeiten irgendeine Kurve.

Die Montage aus Erinnerungen aus dem Originalfilm, abgedrehten Drogen-Flashs ist kunst- und reizvoll. Da laufen die vier Anti-Helden sich selbst mal in einer jüngeren Version über den Weg, da wird wild auf- und rückprojiziert (Kamera: Anthony Dod Mantle). Die Handlung ist sentimental, makaber, deftig und heftig. Zu den Höhepunkten der niemals plakativen Gesellschaftsbezüge gehört ein atemberaubend rasanter moderner Anti-Konsum-Monolog von Ewan McGregor.

Berlinale 2017 The Party (Wettbewerb)


Komödie, kurz und knackig. Dieses für einen Festivalwettbewerb erfrischende aber seltene Prinzip hat eigentlich der lakonische Finne Aki Kaurismäki für sich gebucht. Doch der ist erst morgen dran. Das Witzigste im Wettbewerb bisher lieferte eine eindrucksvolle Riege Charakterdarstellerinnen mit nicht minder bekannter Herrenbegleitung: Sally Potters „The Party“ ist nach Richard Geres „The Dinner“ das zweite feine Essen, das entgleist. Und wir sind immer noch nicht in der Sonderreihe kulinarisches Kino, sondern weiterhin im Wettbewerb. Janet (Kristin Scott Thomas) wurde gerade zur Ministerin im Schattenkabinett der Opposition ernannt. Die Krönung der politischen Laufbahn soll gefeiert werden. Dazu ahmt Janet einem historischen Vorbild nach („Doing a Thatcher“) und bereitet das Essen für die meist feministischen Freunde selbst. Doch um die Gesundheit des Mannes der Gesundheitspolitikerin steht es nicht zum Besten. Bill (Timothy Spall) verkündet noch vor dem Toast seine unheilbare Erkrankung. Nun folgen esoterische Sprüche zum Totlachen vom „deutschen“ Guru Gottfried (Bruno Ganz), die Bekanntgabe einer erfolgreichen Drillings-Invitro-Befruchtung beim lesbischen Paar und der Auftritt eines extrem eifersüchtigen Bankers Tom (Cillian Murphy), dessen Frau ihn mit einem der Party-Gäste betrügt. Die feministische Regisseurin Sally Potter („Orlando“ 1992, „The Tango Lesson“ 1996) präsentierte ihre spannenden Themen oft verkopft - diesmal geht die herrlich geistreiche, beidseitige Geschlechter-Karrikatur ganz über den Bauch, vor allem über die Lachmuskeln. In knapp 70 Minuten exquisitem Schwarzweiß-Film schießt die Britin Potter ein unvergleichliches Feuerwerk an Typen und Themen ab. Das verdient Preise in jeder Hinsicht, für Buch, für Kamera, Regie und für die Darstellerriege gleich einen Ensemble-Bären.

von
Sally Potter
Großbritannien 2017
Englisch
71 Min · Schwarz-Weiß

Patricia Clarkson (April)
Bruno Ganz (Gottfried)
Cherry Jones (Martha)
Emily Mortimer (Jinny)
Cillian Murphy (Tom)
Kristin Scott Thomas (Janet)
Timothy Spall (Bill)

Berlinale 2017 Mr Long (Wettbewerb)

Grausam gut, so muss man den neuen Film von Sabu („D.A.N.G.A.N. Runner", „Monday"), dem japanischen Autoren-Regisseur der Gewalt-Filme, bezeichnen! Manipulativ und gelungen verspritzt ein Killer in der Eröffnung Gewalt und Blut, um dann im wunderschönen glücklichen Momenten als taiwanesischer Koch in einer kleinen japanischen Gemeinde aufzuleben. Selbstverständlich gehört die Liebe zu einer ehemaligen Zwangs-Prostituierten und Heroin-Anhängigen dazu. Und auch ein kleiner, herzerweichender Junge, der gerettet werden muss. Dies alles ist so großartig, wie starke Balladen von ansonsten groben Hard-Rockern, und erinnert an „Kikujiros Sommer", die Gangster-Kind-Geschichte vom älteren Japaner Takeshi Kitano. Aber Sabu bleibt letztlich ein Gewalt-Filmer. So wirkt das Ende, das den ganzen Film mit seiner Drohung spannend machte, überflüssig, einfallslos und platt. Ein interessanter Blutfleck im Wettbewerb.

13.2.17

Fences

USA, 2016 Regie: Denzel Washington mit Denzel Washington, Viola Davis, Stephen McKinley Henderson 138 Min.

Denzel Washington stemmt als Regisseur und Hauptdarsteller einen altmodischen Theaterfilm, der trotz seiner Reduktion auf Spiel und Dialog zu überzeugen weiß. Troy Maxson (Denzel Washington) war einst großartiger Baseball-Spieler, dessen Karriere durch eine Haftstrafe verhindert wurde, und der jetzt Mülltonnen leert. Den Müllwagen darf er nicht fahren, weil er nicht weiß ist. Mit seiner Frau Rose (Viola Davis) und dem alten Kumpel Bono sitzen sie im kleinen Gärtchen hinter dem Haus und reden über Gott und die Welt, vor allem aber darüber, wie die Welt für die Schwarzen aussieht. Es hat sich einiges verbessert, immerhin können sie so ein Häuschen mit Garten bekommen. Sein 35-jähriger Sohn, ein Musiker, bettelt monatlich um Geld, dem jüngeren Sohn verbietet er das Training für eine Sportkarriere, weil die Schwarzen sowieso immer nur betrogen würden. Aus eigener Frustration ist dieser Mann ohne Mitleid oder Gnade, seine Rolle als Vater so ein wunder Punkt. Die negative Sicht auf die Welt belastet sogar die langjährige Beziehung zu seiner sehr liebe- und verständnisvollen Frau. Die Zäune des Titels müssen im Garten repariert werden und sorgen in den Köpfen für Unglück.

„Fences"basiert auf dem Pulitzer-preisgekrönten Theaterstück des amerikanischen Autors August Wilson. Denzel Washington und Viola Davis erhielten 2010 bereits den Tony Award für ihre Broadway-Inszenierung von „Fences". Das Theaterstück wurde ebenfalls mit dem Tony Award geehrt. Washington macht daraus einen sehr statischen Schauspieler-Film, den nie seine Herkunft von der Bühne überspielt. Beeindruckend ist vor allem der unendliche Redefluss aber auch die Intensität der Auseinandersetzungen.

Mein Leben als Zucchini

Schweiz, Frankreich, 2016 (Ma vie de courgette) 66 Min. FSK: ab 0

Der Glücksfall eines Kinder-Animationsfilms, der die Kleinen nicht unterfordert, dabei auch noch Klein und Groß viel Spaß macht, gewann 2016 den Europäischen Filmpreis als Bester Animationsfilm und ist für den Trickfilm-Oscar nominiert. „Mein Leben als Zucchini" erzählt in liebevoll unperfekter Stop-Motion-Animation vom liebevollen, unperfekten Leben des kleinen, neunjährigen „Zucchini". Der Junge landet nach dem plötzlichen, herrlich makabren Tod seiner Mutter in dem kleinen Kinderheim der Madame Papineau. Er muss sich mit dem frechen Simon, der überängstlichen Béatrice, der schüchternen Alice, dem zerzausten Jujube und dem verträumten Ahmed zusammenraufen. Alle haben bereits viel erlebt, auch viel Schlimmes. Aber sie geben einander Halt. Eines Tages stößt die mutige Camille zu ihnen, und Zucchini ist zum ersten Mal verliebt. Doch Camilles gemeine Tante plant, das Mädchen wegen des Pflegegeldes zu sich zu holen. Zucchini und seine Freunde wollen dies verhindern.

Nach der Vorlage von Gilles Paris' Roman „Autobiografie einer Pflaume" und begleitet von Sophie Hungers wunderbarer Musik gewinnen die Kinder mit ihren Riesenknopfaugen wie der Film die Herzen aller Zuschauer. Die kleine, sehr fantasiereiche Produktion kam sogar in die Endrunde des Prix Lux des Europäischen Parlaments. Ein ganz großer kleiner Film über tapfere kleine Kerle und Mädchen.