26.4.17

Guardians of the Galaxy Vol. 2

USA 2017 Regie: James Gunn mit Chris Pratt, Zoe Saldana, Dave Bautista, Michael Rooker, Karen Gillan 136 Min. FSK: ab 12

„Guardians of the Galaxy" schlug 2014 sensationell wie ein Komet in die Kinolandschaft ein und wurde im grassierenden Superhelden-Einerlei gefeiert wie die Entdeckung eines erd–ähnlichen Planeten irgendwo im All. Mit Superhelden, die gerade nicht super waren, herrlichem Retro-Touch auf dem Walkman mit seinem Mix-Tape und dem Hauptdarsteller Chris Pratt, der als großmäuliger Star-Lord zum echten Star wurde. Nun droht auch im All gefährlicher, als ein Todesstern, der Fluch des zweiten Teils.

Die Handlung des Science Fictions setzt direkt nach den Ereignissen ein, bei denen Peter Quill mit viel Wagemut und noch mehr Glück tatsächlich zum Star-Lord einer fünfköpfigen Chaoten-Truppe wurde. Nachdem sie den Planeten Xandar und seine Bewohner gerettet und dadurch Popularität und Ruhm erlangt haben, fliegen die Guardians als Söldner durchs All, um das Universum zu beschützen. Konkret wird ein mehrdimensionales Octopus-Monster bekämpft, während das kleine Baum-Männchen Groot zu „Mr. Blue sky" von ELO tanzt. Bald darauf folgt auch die nächste Zutat des „Guardians"-Erfolges, ein modernes Weltraum-Gefecht mit ferngesteuerten Drohnen, das so noch mehr nach Computerspiel aussieht. Durch wieder einen Diebstahl des kleptomanischen Waschbärs ist nun auch ein goldenes Hipster-Volk auf den Fersen des Quintetts.

Die Suche nach dem richtigen Sprecher von „Ich bin dein Vater" führt zu „Klapperschlange" Kurt Russell. Der ist hier ein Gott, heißt Ego und hat genügend von dem Gleichen, um es zu vererben. Bei der allgemeinen Familienzusammenführung der Guardians-Familie spielen noch ein Zickenkrieg unter Schwester und die Resozialisierung von Quills Ziehvater eine Rolle. Selbst der Bösewicht will nur besonders schurkig sein, um seiner Vaterfigur zu imponieren. Die wird tatsächlich von Sylvester Stallone gespielt, der auch bei diesem neuen Film-Trend dabei ist. Nun noch David Hasselhoff als erfundener Vater, der mit seiner Band in Deutschland tourt, hinzufügen und klar ist das Maß der galaktischen Albernheit in Teil 2.

Was genau die richtige Medizin gegen Superhelden-Überdruss ist. Hier sprudeln es vor tollen, neuen Figuren und verrückten Ideen - von Egos Schiff, einem organischen Etwas im Stil des 70er Trips „Barbarella" über sehr lustige Spielereien, um reihenweise Gegner auszuschalten bis zu einem Finale, in dem vor allem Klebeband gesucht wird. Der anarchische Spaß lässt zwar manchmal Handlung vermissen, doch immer wenn Peter Quill seinen Walkman startet, sind die Szenen gigantische Knaller.

Selbstverständlich läuft ein neues Mixtapes mit: Auf „Awesome Mix #2" sind unter anderem George Harrisons „My Sweet Lord", Fleetwood Macs „The Chain" und „Bring It On Home to Me" von Sam Cooke zu hören. Klar, die Romantik darf auch nicht fehlen. Doch dieses Parallel-Universum verträgt sogar am Ende ein Feuerwerk der Rührung zu Elton Johns programmatischen „Father and Son". Die Reihe „Guardians of the Galaxy" könnte so perfekt und wunderbar enden - für immer. Doch leider erzwingen die Marktgesetze Marvel eine Fortsetzung. Oder zum Glück!

25.4.17

Die Schlösser aus Sand

Frankreich 2015 (Les châteaux de sable) Regie: Olivier Jahan mit Emma de Caunes, Yannick Renier, Jeanne Rosa, Christine Brücher 98 Min. FSK: ab 12

Eléanor fährt mit ihrem Ex-Freund Samuel in die Bretagne, um das Haus ihres Vaters am Meer zu verkaufen. Nachdem sie Samuel betrogen hat, verließ er sie und hat nun eine neue Geliebte, Laure. Er erledigt geschäftig und distanziert ein paar Arbeiten am Haus, sie will seine Vertrautheit und etwas über die Neue erfahren. Die lokale Immobilienmaklerin Claire führt die Käufer durch das alte Haus mit dem imposanten Ofen und den schweren Holztreppen. Erinnerungen tauchen auf, als Schwarzweiß-Fotos oder auch als kurze Flashbacks. Im sehr schönen Wechsel der Erzählerstimmen gibt es kurze Analysen der anderen Figuren, blitzen etwa Einsamkeit und Sehnsüchte von Claire auf.

Drei Tage, um das Haus zu verkaufen und sich von ihm zu verabschieden, das ist die uneigentliche Handlung, während es tatsächlich um die Gefühle des ehemaligen Paares geht. Und da sich an diesem mehrfachen Wendepunkt die Menschen öffnen und einem sehr nahe kommen, geht es vor allem um Eléanors Liebe zur ihrem Vater, die alles bestimmt. Selbst der Auftritt der langjährigen heimlichen Geliebten des Vaters ist nur ein Anhängsel der zentralen Vater-Tochter-Beziehung.

Die sehr anrührende Liebesgeschichte ist in der malerischen Umgebung der Bretagne (in der Stadt von Georges Brassens, dessen Lied „Les châteaux de sable" dem Film den Titel gab) nie gewöhnlich, nie auf ausgetretenen Wegen unterwegs. Was mit nüchternen Analysen und Beobachtungen beginnt, hat in der Tradition von Jacques Rivette viel von dessen verspielt leichten und gleichzeitig sehr ernsthaften Filmen. Auch Emma de Caunes' Interpretation der empfindsamen Eléonore macht „Die Schlösser aus Sand" zu so einem großen, substanziellen Werk über Liebe und Gefühle.

Der traumhafte Weg

BRD, Großbritannien, Griechenland 2016 Regie: Angela Schanelec mit Miriam Jakob, Thorbjörn Björnsson, Maren Eggert, Phil Hayes, Anaïa Zapp 81 Min. FSK: ab 12

Angela Schanelec ist nach eigenwilligen Filmen wie „Orly" (2010) oder „Marseille" (2004) eher auf internationalen Festivals bekannt als in ihrer Heimat Deutschland. So erlebte „Der traumhafte Weg" auch seine Weltpremiere beim Festival von Locarno. Darin erzählt Schanelec mit faszinierender Bildsprache, gleichermaßen sperrig wie reizvoll, von zwei Paaren in Trennung sowie deren mysteriös bis märchenhafte Überschneidungen in Raum und Zeit: 1984 tingeln der Engländer Kenneth und die deutsche Theres mit Straßenmusik durch Griechenland. Ein Krankheitsfall in seiner Familie erfordert die Rückkehr, die beiden leben sich auseinander. 30 Jahre später trennt sich die 40-jährige Fernsehschauspielerin Ariane in Berlin von ihrem Mann. Der zieht in eine Wohnung nahe dem Hauptbahnhof. An einer U-Bahn-Treppe sitzt dort ein Obdachloser, den wir als Kenneth wiedererkennen. Auch Theres lebt inzwischen in Berlin.

So könnte man die Handlung zusammenfassen, man könnte den zweiten Teil auch als Traum von Theres sehen, oder, oder ... Angela Schanelecs Bilder sind - streng im klassischen Kinoformat - offen in Bezug auf konventionelle Handlungsführung und ungemein exakt in ihrer poetischen Kraft. Auch die Dialoge beteiligen sich nicht an Vereinfachung und wirken für sich selbst - gestanzte Sätze in fremder Sprache. Das ist weder lebendig noch lebensnah, kann aber trotz aller Widersprüche ergreifen und beschäftigen. Schanelecs Filme führen nicht wie das vorherrschende Narrativ mit doppelter Text- und Bild-Sicherung exakt zum auskalkulierten Komödien- oder Tragödien-Ziel. „Der traumhafte Weg" eröffnet sich aus einem Puzzle freier Eindrücke, aus zufällig wirkenden Doppelungen, aus eigenen Gedanken, denen angenehm viel Raum gelassen wird.

24.4.17

Maikäfer, flieg!

Österreich 2016 Regie: Mirjam Unger mit Zita Gaier, Ursula Strauss, Gerald Votava 109 Min. FSK: ab 12

Die letzten Tage vor dem Frieden im Mai 1945 bilden den Rahmen für einen wahren Antikriegs-Film nach dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Christine Nöstlinger: Aus der ausgebombten Stadt-Wohnung schlägt sich Christines Mutter mit den Kindern zu einer verlassenen Villa im Wiener Stadtteil Neuwaldegg durch. In den Fluchtbewegungen zwischen abrückender Wehrmacht und aufrückender Sowjet-Armee kehren auch die Besitzerin mit ihren Kindern sowie Christines Vater zurück. Der verwundete Soldat wird versteckt und die Uniform verbrannt. Nach der Kapitulation der Nazis quartieren sich die gefürchteten Soldaten der Roten Armee im Haus ein. Für das aufgeweckte neunjährige Mädchen Christine bedeutet das erst einmal ein Abenteuer. Sie lernt ein paar Brocken Russisch, freundet sich mit den Soldaten an. Besonders hat es ihr der jüdische Koch Cohn angetan, der nach furchtbaren, endlosen Drangsalierungen nur noch ein Wrack ist

Für die neunjährige „Christl" sind ausgebombte Häuser und Soldaten normal - sie kennt Frieden genauso wenig, wie Kinder heute Krieg kennen. „Maikäfer, flieg!" nimmt ganz die Perspektive der kleinen Heldin ein: Das Zusammenleben mit russischen Soldaten und einer Soldatin ergibt eine seltsame und aufregende Gemeinschaft, ein teils märchenhafter Mikrokosmus. Die Grauen des Krieges werden ohne spekulativen Einsatz von Gewalt mit symbolischen Szenen nur angedeutet. Im Off werden „unliebsame Elemente" erschossen und so geschieht auch die Vergewaltigung der Mutter außerhalb des Bildes, allerdings in Anwesenheit der russischen Soldatin. Sie erklärt nachher, deutsche Soldaten seien in Russland viel brutaler gewesen. Kluge Ansichten über die Verantwortlichen des Krieges, eifriges Schimpfen auf die Nazis und große Angst vor der Rache der russischen Soldaten sorgen für eine erfreulich klare historische Position - die anderswo allzu oft wegen der „subjektiven Erzählperspektive" aufgegeben wird.

Christine Nöstlingers Roman „Maikäfer, flieg!" über ihre Kindheit nach dem Krieg erschien 1973 und wurde zum erfolgreichen Kinderbuchklassiker. Die Österreicher Regisseurin Mirjam Unger hat ihn sehr stimmungsvoll fotografiert und historisch inszeniert. Es ist ein kindgerechter Film, der Erwachsene ebenso erreicht und packt. Keineswegs dunkel in der Stimmung wird auch mal das Festmahl mit versteckten Rationen gefeiert, indem die Kinder begeistert den Teller ablecken dürfen. Später schimpft und flucht ja sowieso jeder in der Villa. Die russischen Soldaten lernt Christl als Individuen kennen, differenziert auch das Verhalten der Österreicher, mal hilfsbereit, mal gnadenlos egoistisch. Über Schuld, auch am Verschwinden von Cohn, könnte man nachdenken - später, denn Christl tut es noch nicht. Die junge Zita Gaier ist mit ihrer Darstellung der neugierigen, freundlichen Christl das Herz dieses außergewöhnlich lebendigen historischen Films.

23.4.17

Happy Burnout

BRD 2017 Regie: André Erkau mit Wotan Wilke Möhring, Anke Engelke, Michael Wittenborn, Kostja Ullmann 102 Min. FSK: ab 6

Kleiner Flug übers Kuckucksnest

Der gewitzte Lebenskünstler Fussel (Wotan Wilke Möhring) vermeidet Arbeit und auch alle Auflagen seiner Hartz IV-Beraterin Frau Linde (Victoria Trauttmansdorff). Denn diese liebt den Alt-Punk, wie irgendwie jeder. Selbst die Leute, die er mit seinen kleinen Tricks geschickt reinlegt. Fussel hat immer eine (Lügen-) Geschichte und für alles einfache Lösungen parat. Bis eine interne Prüfung beim Arbeitsamt die jahrelange Vermeidungs-Strategie auffliegen lässt. In größter Panik vermittelt Frau Linde ihm ein Arbeitsunfähigkeits-Attest - Diagnose Burnout - samt Therapie in einer stationären Klinik. Dort mischt der linke Rebell den Laden erst einmal mit plattem Witz und viel Energie auf. Aber er wird hier schnell durchschaut und von der Leiterin zur Mitarbeit gezwungen. Fussel soll seine Fähigkeiten konstruktiv einsetzen.

Nun sehen wir mit dem zum Nachdenken kommenden Protagonisten auch die Geschichten der anderen Patienten: Wie der lebensmüde Sonnenbank-Verkäufer Günther (Michael Wittenborn) zu seinen Verbrennungen kam, wieso der cholerische Kinder-Entertainer Datty (Kostja Ullmann) nicht mehr zu den Kleinen darf, was die überforderte Mutter Merle (Julia Koschitz) so traurig macht und wieso der gestresste Immobilien-Verkäufer Anatol (Torben Liebrecht) nicht im Porsche sitzt. Aber Fussel hat noch immer keine Antwort auf die Frage, was er machen wolle, wenn er mal erwachsen sei. Mit ganz viel gutem Willen könnte man behaupten, das Filmchen sammelt ein paar Fragmente dessen, was in unserer Gesellschaft überfordert.

Regisseur André Erkau inszeniert zwischen seinen Kinofilmen „Winnetous Sohn" (2015), „Das Leben ist nichts für Feiglinge (2012) oder „Arschkalt" (2011) auch mal Tatorte und mehr als TV-Niveau hat das ausgebrannte Filmchen „Happy Burnout" leider nicht. Die übersichtliche Versuchsanordnung geht mit der Power eines gemäßigten Abendprogramms im Öftechtlichen TV ans Werk. Die solidaritäts-fördernde Prügelei in der Dorfkneipe, das Fußball-Spiel in der schützenden Bubble und die Solidaritäts-Aktionen am Ende sind vorhersehbar und irgendwie egal.

Trotz der übersichtlichen Probleme bleibt es unverständlich, was Fussel eigentlich bewegt. Sein Problem, sein Aufgeben und die Wandlung - alles nur angedeutet und behauptet. Wotan Wilke Möhring bemüht sich vergebens, etwas Punkiges in seinen Charakter zu legen, nur das Kostüm muss das richten und etwas Ska auf der Tonspur. Die anderen Rollen sind reizvoller, weil nicht so grell und laut. Vor allem Multitalent Anke Engelke beeindruckt komplexen als Leiterin der Station.

18.4.17

Queen of Katwe

USA 2016 Regie: Mira Nair mit Madina Nalwanga (Phiona Mutesi), David Oyelowo (Robert Katende), Lupita Nyong'o 124 Min. FSK: ab 0

Die „Queen of Katwe", die Königin von Katwe, ist die junge Phiona Mutesi aus Uganda, die aus armen Verhältnissen gegen alle Erwartungen zur Profi-Schachspielerin wurde. Bevor man von irgendeiner abgedroschenen Erfolgs-Geschichte gelangweilt sein kann, ist man mittendrin im Leben von Katwe. Das ist der Slum von Ugandas Hauptstadt Kinshasa. Wir sehen, wie Phionas Mutter morgens Wasser holen muss, die Kinder beim Händler Mais auf Kredit erbetteln, um den dann im Verkehrs-Chaos der Stadt zu verkaufen. Geld für eine Schule ist nicht da. Es ist Phionas kleiner, pfiffiger Bruder, der zuerst beim Jugendclub Fußball und dann Schach lernen will. Denn damit könne er als Slum-Bewohner die „Cityboys mit den Golduhren" ärgern, wie ihn der Pädagoge Robert Katende (David Oyelowo) ködert. Doch es ist Phiona, die dort erst eine Schale Getreidebrei erhält, wenn sie anfängt Schach zu lernen. Sie erweist sich als Naturtalent, noch bevor sie lesen kann, und überrascht mit großer Aggressivität in ihrem Spiel. Mit elf Jahren wird sie zum ersten Mal Jugendmeisterin von Uganda, mit fünfzehn wurde sie nationale Meisterin und 2010 nahm sie an der Schacholympiade im russischen Chanty-Mansijsk teil. Als Jugendliche unter lauter gut situierten Berufsspielern.

Wenn Phiona wieder mit einem Riesenpokal nach Katwe zurückkommt, kann die Familie den höchsten als Schüssel für einen einfachen Brei verwenden. Die Skepsis der alleinerziehenden und schwer arbeitenden Mutter angesichts dieses Weges bestätigt sich, als Phiona sich tatsächlich vom Leben in Katwe entfremdet, von Erfolg und besserem Leben träumt, während sie ihre Arbeit vernachlässigt. Immer wieder muss Robert Katende - eigentlich ein mit exzellentem Diplom ausgebildeter Ingenieur - den Wert von (Aus-) Bildung betonen, dank ihm und seiner Frau können Phiona und ihr Bruder zur Schule gehen. Es ist großartig und bewegend, wie Katende mit unendlicher Energie alle Hindernisse angeht, den Präsidenten des Schachbundes übertölpelt, der Kinder aus dem Slum nicht beim Turnier mitspielen lassen will, weil sie „Krankheiten bringen" würden.

Es ist herrlich, wie schon das Lernen des Spiels viel über das Leben in Katwe und Uganda erzählt: Die Figuren sind Präsidenten, Räuber, Grundbesitzer, aber ein kleines Mädchen mit feministischem Touch erzählt auch von der Möglichkeit, dass ein Kleiner am Ende groß werden kann. Die Taktik des Spiel wird vermischt mit Lebensweisheiten bis hin zu der traurigen und poetischen Episode eine verheerenden Überschwemmung im Slum, über die Phiona wiederum mit den Metaphern des Schachspiels berichtet.

So steckt mehr soziale Realität in „Queen of Katwe" als in all den Disney-Filmen, in denen fremde Zivilisationen kolonialistisch ausgebeutet werden, wie „Pacahontas", „Merida – Legende der Highlands" oder zuletzt das polynesische Mädchen „Vaiana". Dass dieses Biopic eines Schach-Wunderkinds aus den Slums von Kinshasa zwar ein Disney-Film ist, aber nie so aussieht, liegt vor allem Mira Nair, der großartigen indisch–stämmigen US–Regisseurin von Filmen wie „Monsoon Wedding" (2001), „Kama Sutra" (1995), „Mississippi Masala" (1991) und „Salaam Bombay!" (1988). „Queen of Katwe" basiert nun auf dem Buch „Das Mädchen, das barfuß Schach spielte" von Tim Crothers. Original-Schauplätze, Laiendarsteller aus dem Stadtviertel Katwe und der nicht synchronisierte englische Dialekt machen diesen tollen Film zu so viel mehr als noch einer „wahren" Erfolgsgeschichte. Die Hauptdarstellerin Madina Nalwanga begeistert ebenso wie der zurückhaltend agierende Star David Oyelowo („Der Butler", „Selma", „A United Kingdom").

Bleed for This

USA 2016 Regie: Ben Younger mit Miles Teller, Aaron Eckhart, Katey Sagal, Ciarán Hinds 117 Min. FSK: ab 12

Diese ungewöhnliche Boxer-Geschichte kommt mit Miles Teller („Whiplash", „War Dogs", „Fantastic Four") als Empfehlung, und gleich die erste Szene macht richtig Spaß: Wie der Vinny Pazienza (Teller) mit Tricks in letzter Minute das Gewichtslimit für seinen Leichtgewichts-Kampf schafft, taucht satt und stilvoll mitten in den Zeitkolorit der 80er-Jahre und das Milieu der italienisch-stämmigen Familie Pazienza ein. Unter der Leitung von Vater und Manager Angelo Pazienza (Ciarán Hinds) bringt Vinny der Sieg wegen Dehydrierung ins Krankenhaus. Mit neuem Trainer und gleich zwei Gewichtsklassen schwerer wird er dann Weltmeister und
bei einem Autounfall fast umgebracht. Der Schlag gegen denn Kopf brachte in Millimeter vor die Querschnittslähmung, doch der in seiner unbedarften, offenen Art sympathische junge Mann nimmt nach einer relativ kurzen Krise mit Gestell auf den Schultern, das seinen Nacken stützt, unter hohem Risiko wieder das Training auf.

Das hat nur fast die Fallhöhe von Eastwoods „Million Dollar Baby" ist aber sowohl im intensiven Spiel als auch in der atmosphärisch dichten Inszenierung bemerkenswert. Erstaunlich, wie Miles Teller, noch so präsent als sensibler Musikstudent aus „Whiplash", auch den rauen Boxer hinbekommt. Als Trainer Kevin Rooney beeindruckt Aaron Eckhart, als Vater und Manager ist Ciarán Hinds, gerade noch mit Ewan McGregor in der Jesus-Versuchung „40 Tage in der Wüste", zu sehen.

Alles unter Kontrolle! (2016)

Frankreich 2016 (Debarquement Immediat!) Regie: Philippe de Chauveron mit Ary Abittan, Medi Sadoun, Cyril Lecomte 91 Min. FSK: ab 12

Ziemlich miese Filme gibt es auch im europäischen Wunderland der Kinokultur - und deutsche Verleiher reißen sich geradezu um den gröbsten Komödien-Schrott: Nach „Monsieur Claude und seine Töchter" wird es nun in Sachen Immigration nun noch viel schlimmer.

Ein kleiner Gauner (Medi Sadoun) wird von der französischen Polizei erwischt und abgeschoben. Nach Afghanistan, weil der Algerier sich die Papiere eines Karzaoui geklaut hat. Einer der beiden Fremdenpolizisten, die ihn im Flieger nach Kabul transportieren ist José Fernandez (Ary Abittan) und hat mächtig Beziehungsprobleme. Schon die dafür verantwortliche Komödiensituation mit zwei halbnackten Stewardessen auf seinem Zimmer ist unmöglich. Sie macht klar, dass man bei dieser „Komödie" das Gehirn abschalten kann. Wie die Autoren es gemacht haben. Mühsam und umständlich werden also die beiden Figuren der zähen Buddy-Komödie in die Ausgangssituation gebracht. Die Notlandung des Fliegers in Malta nutzt Karzaoui zur Flucht.

Es ist vor allem eine Sauerei, die teilweise brutalen Methoden der Abschiebe–Flüge so lächerlich zu machen. Aber auch hier überhaupt nicht komisch, wenn es heißt: „Alles unter Kontrolle". Selbst wenn der unfreiwillige Fluggast probiert, sich mit dem Raumspray der Flugzeugtoilette umzubringen. Es sieht auch total witzig aus, wenn er mit einem großen Stück Seife geknebelt wird und nachher Seifenblasen ausatmet. Zwischendurch muss auch ein schwuler Stuart für diesen furchtbaren Humor herhalten. Selbst als der Polizist in Italien in die Rolle eines Flüchtlings gerät, lernt er dabei überhaupt nichts. Stattdessen gibt es noch mehr Verwechslungen und etwas Action. Eine filmische Unverschämtheit, für die alle Beteiligten in ein sehr humorloses arabisches Land ausgeflogen werden sollten.

The Founder

USA 2016 Regie: John Lee Hancock mit Michael Keaton, Laura Dern, John Carroll Lynch, Nick Offerman 115 Min. FSK: ab 0

Ray Kroc (Michael Keaton), ein nicht besonders erfolgreicher fahrender Händler in Sachen Milkshake-Mixer, macht Anfang der 1950er Jahre bei einem Kunden in San Bernardino die sensationelle Erfahrung, sein Essen an einem Drive In-Burger sofort in einer Tüte ausgehändigt zu bekommen. (Etwas, das auch heutzutage beim Fast Food des gleichen Namens nicht wirklich funktioniert.) Ray überredet die witzigen Original-Besitzer Mac (John Carroll Lynch) und Dick McDonald (Nick Offerman), ihr geniales Konzept, mit neuem ergonomischen Design der Küche, einen Burger in drei Minuten verkaufsfertig in die Tüte zu bekommen, per Franchise über die USA zu verbreiten. Der schnelle Erfolg dieser kulinarischen „Symphonie der Effizienz" unter den goldenen Bögen des Logos, welche „die neue amerikanische Kirche" symbolisieren sollen, bringt Ray Kroc anfangs nichts ein. Erst ein kluger Partner hat die bis heute einträchtige Idee, dass nur mit den Grundstücken der McDonalds-Läden richtig Geld zu machen ist.

Auch wenn der Film über den Welt-Erfolg der McDonalds-Kette lange braucht, um als ernüchternd zynische Entblößung des kalten Kapitalismus zu interessieren, bleibt das Qualitäts-Denken der letztlich ausgebooteten McDonalds-Brüder früh auf der Strecke. Sie finden es besser, ein gutes Restaurant zu haben, als fünfzig mittelmäßige, und lehnen die Werbung von Coca Cola resolut ab. Was wie eine belanglose Firmengeschichte unter Werbe-Verdacht beginnt, erschreckt mit dem zunehmend gnadenlosen und immer weniger sympathischen Ray, der sich gleichzeitig von seiner treuen Frau und den McDonalds-Brüdern trennt. Die können sich nicht wehren, weil Mac schwer nierenkrank ist, und schließlich wird ihnen sogar ihr Name abgenommen. Es bleibt ein Weltkonzern, eine typisch amerikanische Erfolgsgeschichte und eine Lüge als Grundlage von allem. Eine Lüge, die sich im Filmtitel widerspiegelt: The Founder - der Gründer. Denn der von Michael Keaton zumindest eindrucksvoll verkörperte Ray Kroc ist genauso wenig der Gründer von McDonalds wie das Zeugs aus seinen Läden als echte Nahrung durchgeht.

Conni & Co. 2 - Das Geheimnis des T-Rex

BRD 2017 Regie: Til Schweiger mit Emma Schweiger, Heino Ferch, Iris Berben, Ken Duken 96 Min. FSK: ab 0

Reden in Silber, Schweiger ist Schrott: Wenn Papa Schweiger schon wieder die Tochter inszeniert, muss man schmerzlich erkennen, dass es Schlimmeres gibt als allein die nuschelnde Action-Niete und Schweighöfer-Imitat Til. Die völlig untalentierte 14-jährige Emma Schweiger macht die einfältige, einfallslose Kindergeschichte „Conni & Co" auch im zweiten Aufguss zum Totalausfall.

Die kostenlose Sommerfrische von Conni (Emma Schweiger) und ihren Freunden in der freien Natur der Kanincheninsel vor den Toren von Neustadt ist bedroht: Der sehr dämliche Bürgermeister (Heino Ferch) will ein „Gigantotel" samt Autobahn-Anschluss auf der Insel bauen, weil er dafür vom Immobilien-Unternehmen eine Villa geschenkt bekommt. Da der fast arbeitslose Vater von Conni (Ken Duken) als Architekt den Auftrag erhält, gibt es Knatsch in der Familie. Aber vor allem tritt Connis Kinderbande in Aktion, um die Naturzerstörung zu verhindern. Hilfreich ist dabei der Fund eines riesigen Dinosaurier-Knochens (aus sichtbarer Pappmaché) auf der Insel.

Der Simpel-Konflikt „Erholung für alle" gegen „Enteignung für Immobilien-Spekulanten" ist als Grundidee ebenso dürftig wie das grob geschnitzte Ensemble. Lächerliche Figuren wie der korrupte und übertrieben unsympathische Bürgermeister oder die tussihafte Sekretärin müffeln mit der verbreiteten Autoritätshörigkeit stark nach frühen 60er Jahren. Selbst die wirtschaftlichen Probleme sind von gestern - niemand ist hier mit Hartz IV oder mit zwei Jobs arm. Ganz arm allerdings das Hauptziel dieser Schweiger-Filmreihe, die Integration der als Schauspielerin absolut unfähigen Tochter Emma, so was wie eine altmodische Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme: Ausdrucksschwach in Gesicht und Stimme wird das überforderte Kind selbst von allen anderen jungen Darstellern an die Wand gespielt. Da ist Fremdschämen angesagt. Wie bei Kinderfilmchen überglücklicher Eltern, nur auf anderthalb Stunden ausgedehnt. Die Markt-Power von Produzent, Ko-Autor und Regisseur Schweiger zeigt sich in einer Seilschaft ernsthafter Schauspieler, die überzogene Figuren facettenreich und hölzern wie Kasperletheater hinlegen müssen. Das ganze Elend wird dann noch von einer schrecklichen Pop-Soße übergossen und fertig ist der Anti-Kinderfilm des Jahres.

14.4.17

CHiPs

USA 2017 Regie: Dax Shepard mit Dax Shepard, Michael Peña, Vincent D'Onofrio

Dieses Schrott-Recycling einer TV-Serie um zwei Motorrad-Polizisten in Kalifornien, die von 1977-83 produziert wurde, enttäuscht selbst geringste Erwartungen, die man mittlerweile angesichts der Wiederverwertungs-Manie Hollywoods hat: Das „Buddy-Paar" Jon Baker (Dax Shepard) und Frank „Ponch" Poncherello (Michael Peña) setzt sich zusammen aus einem Idioten, der nur wegen seiner weinerlich vorgetragenen Eheprobleme zu Polizei kommt, und einem erfolgreichen FBI-Agenten. Bei der California Highway Patrol (CHP) in Los Angeles soll Frank undercover eine Bankräuber-Bande enttarnen, die sich aus Polizisten zusammensetzt.

Bemerkenswert ist - neben der Tatsache, dass viel Motorrad gerast wird - die Penetranz mit der durchgenudelt wird, dass Frank Jon für schwul hält und gleichzeitig die Retour-Vorwürfe, er sei schwulenfeindlich, abweisen muss. Das fanden die Macher seltsamerweise wohl komisch und breiten diesen „Scherz" über das ganze Straßennetz Kaliforniens aus. Ach ja, noch so ein Knaller: Frank muss dauernd Pause machen, um zu masturbieren. Wie so oft kann nur der Schurke, diesmal gespielt von Vincent D'Onofrio, etwas interessieren. Sein Cop ist gnadenlos und korrupt, aber kümmert sich auch aufopferungsvoll um seinen drogenabhängigen Sohn. Der Auftritt einer der Darsteller aus der Original-Serie ruft nur in Erinnerung, wie wertvoll einfach anständige Unterhaltung sein kann. Denn im Remake vermag nicht mal die mäßige Action mit reichlich Motorrad-Stunts vom Popcorn-Fressen abzulenken.

Stille Reserven

BRD, Österreich, Schweiz 2016 Regie: Valentin Hitz mit Clemens Schick, Lena Lauzemis, Marion Mitterhammer, Simon Schwarz, Stipe Erceg, Daniel Olbrychski 96 Min. FSK: ab 12

In Zukunft ist selbst der Tod nicht mehr umsonst: Man muss ihn sich in einer extrem zerrissenen Gesellschaft leisten können. Deshalb floriert das Geschäft mit der Todesversicherung. Wer keine hat, wird in Plastikboxen in einem „permanent vegetativen Zustand" gehalten. Hirnströme, Organe oder auch die Gebärmutter für Leihmutterschaften zahlen dann die Schulden ab - siehe „Matrix". So kämpfen die Rebellen der unterprivilegierten Parallelwelt für das Recht auf den Tod. Gegen die paramilitärischen Einheiten des Versicherungskonzerns mit seinen Männern im dunklen Anzug.

Vincent Baumann (Clemens Schick) ist einer der Top-Agenten dieses Systems und genießt die besondere Aufmerksamkeit seiner Chefin Diana Dorn (Marion Mitterhammer). Doch als Baumann beim berühmten Wissenschaftler Wladimir Sokulow (Daniel Olbrychski) nicht zum Abschluss der Todesversicherung kommt, wird er degradiert. Sein Sicherungslevel sinkt, er kann sich nur noch in der proletarischen Unterstadt aufhalten, soll dort aber Kontakt mit Sokulows Tochter Lisa (Lena Lauzemis) aufnehmen, die mit den Rebellen zusammenarbeitet. Die Liebesgeschichte der beiden lässt Grenzen verschwimmen.

Regisseur und Autor Valentin Hitz inszenierte vor den futuristischen Kulissen eines gleichzeitig verfallenen und hochmodernen Wiens einen ästhetisch bemerkenswerten Polit-Science Fiction. Das Stichwort „Matrix" muss auch beim beeindruckend coolen Design des Films erwähnt werden. Unter den eiskalten Figuren in kühler Gestaltung sticht Clemens Schick mit einem geradezu unheimlich passenden Gesicht hervor. Die Grundidee des Films - visuell erschreckend umgesetzt - irritiert nachhaltig, auch weil sie die Sterbehilfe-Diskussion mit einer extremen Perspektive befeuert. Eine sowohl ästhetisch als auch inhaltlich äußerst bemerkenswerte Entdeckung des deutschsprachigen Films.

Ein Dorf sieht schwarz

Frankreich 2016 (Bienvenue à Marly-Gomont) Regie: Julien Rambaldi mit Marc Zinga, Aïssa Maïga, Bayron Lebli, Médina Diarra 94 Min. FSK: ab 0

Gleich zwei Integrations-Komödien belasten die deutsch-französische Kino-Freundschaft in dieser Woche schwer. Dabei muss man bei der „ernsthafteren" für das Gutgemeinte so viele platte Scherze ertragen, dass jede Toleranz aufhört: Als Seyolo Zantoko (Marc Zinga) 1975 in Frankreich sein Medizin-Studium abschließt, entscheidet er sich gegen einen wohldotierten Job im korrupten System des Kongo und übernimmt stattdessen eine verwaiste Praxis im kleinen Kaff Marly-Gomont nördlich von Paris an. Als Frau und Kinder nachreisen, erwarten sie die Champs Elysee, doch Marly-Gomont ist „schlimmer als im Kongo", zudem regnet es dauernd.

Die einheimische Bevölkerung, die ihre Intelligenz scheinbar durch konsequenten Inzest runtergewirtschaftet hat, begrüßt die neuen schwarzen Mitbewohner durch hemmungsloses Glotzen. Die kümmerliche Praxis von Dr. Zantoko bleibt leer, selbst Hochschwangere rennen vor ihm weg, Bauern schießen auf ihn. Auf einen studierten Menschen müssen diese Landeier mit ihrem unverständlichen Dialekt wie Mittelalter wirken. Ihr Gesundheitsstand ist mit eitrigem Ausschlag und faulen Zähnen dementsprechend. Die Kinder vom Doktor sprechen besser Französisch als die Dörfler. Auf der Leinwand wirkt das alles sehr übertrieben und mit Frau Zantoko (Aïssa Maïga) langweilen wir uns ungemein. Nur sie darf sich die Zeit mit teuren Anrufen nach Hause vertreiben.

So unglaubwürdig diese lahme, sehr vorhersehbare Klamotte wirkt, man muss es sich vielleicht als Psychogram der französischen Provinz vorstellen, die eifrig Marine Le Pen wählt. Denn es gibt auch für diesen unangenehmen Ausschlag des Kinos ein Authentizitäts-Siegel: 2006 landete der Rapper Kamini mit seinem Song „Marly Gomont" einen Internet-Hit. Er ist der kleine Sohn des Arztes, der schließlich 40 Jahre lang im Dorf praktizierte. Trotzdem bekam die rassistische Le Pen 2012 unglaubliche 30 Prozent der Stimmen. Daran wird auch ein Film nichts ändern, der nie das geistige Gatter schwarz-weißer Klischees verlässt. Die einfältigen Beschreibungen werden sowohl für die heftige Diskriminierung als auch für die plötzliche Akzeptierung der Fremden eingesetzt. Dabei lässt die harmlose, behäbig inszenierte Nichtigkeit vor allem den Biss vermissen, mit dem der Komoiker Kheiron seine ähnliche Jugendgeschichte „Nur wir drei gemeinsam" so ehrlich und sehenswert gestaltete.

11.4.17

Abgang mit Stil

USA 2017 (Going in Style) Regie: Zach Braff mit Morgan Freeman, Michael Caine, Alan Arkin, Matt Dillon 97 Min. FSK: ab 6

Senioren-Komödien haben Konjunktur und Rentner in prekären Lebenssituationen scheinen auch eine unrühmliche Erscheinung unserer Zeit zu sein. Doch schon 1974 hieß der sehr schöne und treffende Debütfilm des Filmemachers Bernhard Sinkel „Lina Braake oder Die Interessen der Bank können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat". Schauspieler und Regisseur Zach Braff zeigt in der Neuverfilmung der Gaunerkomödie „Die Rentnergang" (1979) von Martin Ritt, dass die Interessen der Bank nicht die Interessen von Morgan Freeman und Michael Caine sein können.

Freeman („Million Dollar Baby"), Caine („Gottes Werk und Teufels Beitrag", „Hannah und ihre Schwestern") und Alan Arkin („Little Miss Sunshine") spielen die alten Freunde Willie, Joe und Al, denen Banken und Globalisierung das Rentnerdasein vermiesen. Ihre in den USA üblichen Firmen-Pensionen werden mit der Verlagerung des Unternehmens nach Vietnam einfach einkassiert. Das ist ungefähr so, als würde man bei uns die Rentenalter ein paar Jahre hochschrauben. Da die Banken gleichzeitig die Kreditraten erhöhen, soll Joe in schon dreißig Tagen aus seinem Haus geworfen werden. Willie möchte seine Familie noch mal besuchen und braucht eine neue Niere. Aber auch dabei verschlechtert eine einfache Kranken-Versicherung seine Überlebens-Chance. Also haben sie nichts mehr zu verlieren und wollen auch mal ein Stück Kuchen abhaben vom Leben. Deshalb soll genau die Bank überfallen werden, die sie ausgenommen hat. Nun stellen sie sich schon beim einfachen Ladendiebstahl im kleinen Supermarkt unmöglich ungeschickt an und flüchten in Zeitlupe mit einem Elektro-Rollstuhl.

Soziale Bankräuber verbünden sich mit Sozial-Opfern von heute - ein schönes Märchen, das leider in diesem „Abgang mit Stil" stillos und lahm daher kommt. Weder Raubzug noch Film zeichnen sich durch Raffinesse aus. Regisseur Zach Braff ist nicht nur der sympathische Prügelknabe der Krankenhaus-Serie „Scrubs". Er hat sich mittlerweile mit den sehr schönen und weisen Filmen „Garden State" (2004) und „Wish I was here" (2014), die mitten im Leben stehen, einen Ruf erarbeitet. Gerade in dieser Hinsicht ist sein prominent besetztes neues Werk allerdings eine große Enttäuschung. All die kleinen zwischenmenschlichen Beziehungen von Willie, Joe und Al werden hier in der typischen künstlichen Oberflächlichkeit von Hollywood abgehandelt. So wie ja auch die drohende Armut der drei Senioren niemals bedrohlich wirkt.

Selbstverständlich spielen Freeman, der in den Niederlanden vor dem Film noch schnell Werbung für holländisches Bier macht, und Caine anständig. Vor allem Alan Arkin zeigt, dass er eigentlich längst in diese Liga gehört. Herrliche Kommentare zum „Bachelor"-Stumpfsinn im Fernsehen werden abgelöst von geriatrischen Scherzen, die nur den Biss „der Dritten" haben. Vor allem verglichen mit richtig flotten Senioren-Komödien wie Clint Eastwoods „Space Cowboys" (2000). Da ist Bingo im Seniorenheim oft aufregender und Shirley MacLaine im Kino nebenan die bessere Empfehlung. Tatsächlich ist es „die Pflicht einer Gesellschaft, für ihre Alten zu sorgen". Allerdings sollte sich eine Film-Gesellschaft auch besser um ihr älteres Publikum kümmern.

40 Tage in der Wüste

USA 2015 (Last Days in the Desert) Regie: Rodrigo García mit Ewan McGregor, Ciarán Hinds, Ayelet Zurer 99 Min. FSK: ab 12

Rodrigo García ist Sohn des Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez, aber auch ernstzunehmender Regisseur und Drehbuchautor. Nach den Dramen „Albert Nobbs" sowie „Mütter und Töchter" führt er nun Ewan McGregor gegen sich selbst in Versuchung. Der Jedi-Ritter („Trainspotting", „Der Ghostwriter", „Amerikanisches Idyll") spielt Jesus in der Wüste auf Basis der Evangelien nach Matthäus und Lukas. Hinzugeschrieben wurde das ausgleichende Wirken Jesu bei einer Familie mit einem archaischen Konflikt zwischen Vater und Sohn, die unterschiedliche Vorstellungen vom richtigen Leben haben.

Der sehr ruhige und nicht nur zu Ostern sehenswerte Film packt durch exzellentes Spiel und weite Landschaften. Eindrucksvoll, wie McGregor auch nach dem „Trainspotting 2"-Kick in dieser ganz anders intensiven Rolle fesselt. Dieses ungewöhnliche Werk kann sich dank des britischen Charakterdarstellers erlauben, die bekannte Versuchung mit einer fein nuancierten Doppelrolle als eigentlich inneren Konflikt anzulegen. Besonders wirkungsvoll sind auch die Bilder der Anza-Borrego-Wüste in Südkalifornien von Kameramann Emmanuel Lubezki („Knight of Cups", „The Revenant", „Gravity"), die etwas von Terrence Malicks Filmen atmen.

The Birth of a Nation

The Birth of a Nation

USA 2016 Regie: Nate Parker mit Nate Parker, Armie Hammer, Mark Boone jr. 120 Min. FSK: ab 16

Der erst umjubelte und dann wegen einem persönlichen Vorwurf gegen Regisseur und Hauptdarsteller Nate Parker diskreditierte Film erzählt die wahre Geschichte von Nat Turner (Parker): Als junger Sklave bekommt er im Süden der Vereinigten Staaten die Gelegenheit, lesen zu lernen, auch wenn die so gutherzige „Misses" ihn nur als gottgegebene Ausnahme der gottgegebenen Ordnung sieht. Später muss Nat zwar wieder auf dem Feld arbeiten, bleibt aber mit der Bibel in der Hand Prediger der Sklaven-Gemeinde. Er führt unter einem klugen, menschlichen Besitzer ein relativ gutes Leben, darf seine große Liebe heiraten. Doch jederzeit kann ihn dumpfer und brutaler Rassismus anspringen. Die Methoden, die Nate auf einer Predigtreise erleben muss, sind schon beim Zusehen unerträglich. Eingesetzt, um aufkeimende Unruhe mit Gottes Wort von Unterwerfung und Demut zu unterdrücken, predigt er angesichts dieser Erfahrung immer revolutionärere Aspekte der Bibel. Schließlich beginnt er mit anderen Sklaven 1831 einen 48-stündigen Aufstand.

Ganz bewusst stellt Nate Parker seinen Film dem gleichnamigen Klassiker von D.W. Griffith („Die Geburt einer Nation") aus dem Jahre 1915 gegenüber. Zwar wegen seiner modernen Filmtechniken berühmt, wurde darin extrem rassistisch der Ku-Klux-Klan als Macht des Guten gezeichnet. „The Birth of a Nation" aus 2016 wird als neue filmische Perspektive auf die Sklaverei verkauft. Aber auch wenn es mit dem schwarzen Regisseur, Autor und Hauptdarsteller es eine Art Siegel der Authentizität gibt, macht dies den Film nicht automatisch zu einem exzellenten. „12 Years a Slave" von Steve McQueen, „Amistad" von Steven Spielberg, „Glory" von Edward Zwick und sogar „Django Unchained" von Tarantino sind eindrucksvollere Filme.

Der eigentliche blutige Aufstand nimmt nur das letzte Viertel ein, der Fokus liegt auf der Geschichte von Nat Turner. Als guter Mainstream ist der Film in den Grausamkeiten zurückhaltend, flieht für die Folgen einer brutalen Vergewaltigung zu einem symbolischen Bild, um in den Szenen des letztendlichen Scheiterns zu Nina Simones „Strange Fruit" am ergreifendsten zu sein. Ein „match cut" legt am Ende über Jahrzehnte die Verbindung zu den schwarzen Truppen im Bürgerkrieg, zu einem ersten Schritt der Befreiung.

Verleugnung

Großbritannien, USA 2016 Regie: Mick Jackson mit Rachel Weisz, Tom Wilkinson, Timothy Spall, Andrew Scott 111 Min. FSK: ab 12

Wie begegnet man den ignoranten und verlogenen Argumenten von neuen und alten Rechten? Wie den Lügen von Holocaust-Leugnern? Diese leider immer wieder notwendige Frage stellte sich in vielen Prozessen gegen den selbst ernannten Historiker David Irving, der mittlerweile in mehreren Ländern wegen seiner Aussagen mehrfach verurteilt und mit Einreiseverboten belegt wurde. Nach dem persönlichen Erfahrungsbericht der us-amerikanischen Wissenschaftlerin Deborah Lipstadt („Betrifft: Leugnen des Holocaust") und dem Drehbuch des hervorragenden David Hare („Die Verschwörung", „Der Vorleser", „Verhängnis) rollt „Verleugnung" einen dieser Prozesse auf. Ganz banal klagte David Irving vor einem Londoner Gericht dagegen, in einem Nebensatz eines Buches von Lipstadt als rassistischer Holocaust-Leugner bezeichnet zu werden. Deborah Lipstadt (Rachel Weisz), die sich eigentlich weigert, mit Menschen zu diskutieren, die behaupten „Elvis lebt oder die den Holocaust leugnen", geht als Jüdin und „Verteidigerin ihres Volkes" nicht den üblichen Weg des Vergleichs. Allerdings muss sie nach britischem Recht die Wahrheit ihrer Aussage beweisen.

An ihrer Seite steht nicht nur der renommierte Anwalt, der einst Dianas Scheidung übernommen hatte, sondern ein gewaltiger Apparat an Juristen und Historikern. Doch das größte Problem für die kämpferische Lipstadt ist, dass sie selbst nicht aussagen soll. So wird aus „Verleugnung" kein routinierter Gerichts-Film - glücklicherweise und leider. Die komplexe Materie eines Rechtsstreits um Verleugnung mit einem recht speziellen britischen Rechtssystem macht es nicht einfach, zu verfolgen, worum es hier eigentlich geht. Gerade die im Verfahren angewendete Rücksicht auf Holocaust-Überlebende, die nicht aussagen sollen, weil der rhetorisch geschickte und völlig ohne Mitgefühl agierende Irving sie öffentlich erniedrigen würde, nimmt dem Film die Stärke direkter Zeugenschaft. Genau wie „Spotlight", der großartige Film über Kindes-Vergewaltigungen in der katholischen Kirche von Boston, sich ehrlich dem Rhythmus ernsthafter journalistischer Recherche anpasste, verweigert sich auch „Verleugnung" dem verkürzenden Schema eines Holocaust-Gerichtsfilms. Und bedient sich nicht „einfach" der Konfrontation von Tätern mit den erschütternden Aussagen der Zeugen wie in „Der Vorleser", „Music Box" oder „Im Labyrinth des Schweigens".

Zu den prägnanten Figuren des Films gehört neben Rachel Weisz und Tom Wilkinson als ruppiger Verteidiger auch der David Irving von Timothy Spall: Es ist eine unheimliche Gestalt mit schleimiger Freundlichkeit, die nicht nur im Verfahren schwer erträgliche Ausführungen mit raffinierten Tricks zu griffigen Schlagzeilen umzuwandeln weiß. Ihm gegenüber steht die Figur Tom Wilkinsons mit seiner schockierenden Art, in Auschwitz nüchterne Fragen zu stellen. So wird der wenig triumphale Erfolg für Lipstadt zum „Akt der Selbstverleugnung", er macht aber auch klar, das bei aller Freiheit der Meinungsäußerung es kein Recht auf „alternative Fakten" oder Lügen gibt.

Gold (2016)

USA 2016 Regie: Stephen Gaghan mit Matthew McConaughey, Edgar Ramirez, Bryce Dallas Howard 121 Min.

„Gold" erzählt von noch so einer „Blase", welche die Börse aufmischt, vermengt mit etwas Abenteuer und Exotik. Es ist die Gold-Suche von Kenny Wells (Matthew McConaughey), einem dicken, trinksüchtigen Bergbau-Ingenieur mit Halbglatze, der bereits die Firma seines Vaters in den Bankrott trieb und in den 80er-Jahren in Indonesien eine neue Chance wittert. Zusammen mit dem einst berühmten Kollegen Mike Acosta (Edgar Ramirez) soll eine Gold-Mine im Dschungel ausgebeutet werden. Die Investoren und die Börsen spielen verrückt, doch dann geht es gründlich schief. Nach einer Weile holpriger Entwicklungsgeschichte folgt ein angedeuteter Polit-Thriller um praktische Beziehungen des ehemaligen US-Präsidenten Gerald Ford zum indonesischen Diktator Suharto.

Matthew McConaughey leistet sich auch für diese Rolle wieder eine bemerkenswerte körperliche Deformation und beeindruckt mit Mut zur Hässlichkeit. Das unterstützt einen halbwegs interessanten Charakter in einer mäßig spannenden Geschichte, die nur in ganz wenigen Aspekten über sich selbst hinaus verweist. Im Gegensatz zu den Figuren von „The Wolf of Wall Street", zu denen auch Matthew McConaughey eine beisteuerte, hat dieser naive, saufende Gold-Sucher außer verblassendem Charme nichts Fesselndes.

Zu guter Letzt

USA 2017 (The Last Word) Regie: Mark Pellington mit Shirley MacLaine, Amanda Seyfried, Anne Heche 108 Min. FSK: ab 0

Die letzten Worte zur großen Karriere der außergewöhnlichen Shirley MacLaine, die am 24. April ihren 83. Geburtstag feiern wird, sind noch nicht geschrieben. Doch man kann den Entwürfen nun einen weiteren bemerkenswerten Film hinzufügen, bei dem ihr ein ganz besonderer Nachruf geschrieben wird.

Ihre Figur Harriet Lauler ist eine reiche und sehr anstrengende Perfektionistin, die selbst der Haushalthilfe das Messer und dem Gärtner die Heckenschere aus der Hand nimmt. Der Controll-Freak Harriet ist dabei einsam und unglücklich. So unglücklich, dass sie mit Schlaftabletten ihren eigenen Abgang gestaltet. Doch sie wird gerettet - zum Glück. Denn sie hat vergessen, sich um den eigenen Nachruf zu kümmern, merkt sie bei der Zeitungslektüre. So mischt sie mit ihrer unnachahmlich herrischen Art die lokale Zeitung auf, schmeißt den Chefredakteur aus seinem Büro und engagiert für sich privat die äußerst talentierte, junge Nachrufschreiberin Anne (Amanda Seyfried). Denn „seinen Nachruf dem Zufall überlassen, ist äußerst unvernünftig!"

Selbstverständlich schlägt die Paarung aus energisch durchsetzungsfähiger Zicke und milder, aber eigenwilliger Nachwuchs-Schreiberin zuverlässig Funken. Doch vor allem wird schnell klar, dass niemand, aber wirklich niemand von ihrer perfekten Liste ein gutes (letztes) Wort über Harriet sagen will. Nur der geschiedene Mann erinnert sich an Schönes, dafür hat die Tochter (Anne Heche) seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr. So muss sich das Biest für den Nachruf zu guter Letzt doch noch ändern. Als spezielle Zutat dieser Textform muss auch eine persönliche Wohltat her. Beim Besuch des Heimes für „Mädchen mit Risiko-Hintergrund" zeigt sich in Harriets Ansprache über ein Leben, das ohne Risikos kein richtiges sei, was in dieser erfolgreichen Frau aus weniger emanzipierten Zeiten alles steckt.

Dass auch die Ghost-Writerin Anne etwas weniger offensichtlich aber unvermeidlich in einer Sackgasse steckt und dass sich Harriet ein sehr cleveres, 9-jähriges schwarzes Mädchen aus Protegé herauspickt, macht aus „Zu guter Letzt" einen klugen Film über drei Frauen und ihre abwesenden Mütter. Das ist unweigerlich beizeiten gefühlvoll, macht aber vor allem Spaß, wenn Harriet mit ihrer Plattensammlung zum Hit beim Independent-Radio wird, wenn wieder mal das Funkeln in den Augen von Shirley MacLaine aufblitzt.

Mit großem zeitlichen Abstand zeigt der Regisseur, Produzent und Drehbuch-Autor Mark Pellington Bemerkenswertes im Kino: Den Thriller „Arlington Road" mit Jeff Bridges und Tim Robbins 1999, den mitreißenden Mystery-Film „The mothman prophecies" mit Darsteller: Richard Gere und Laura Linney 2002. Nun lässt ehrt er die MacLaine („Madame Sousatzka" 1988, „Das Mädchen Irma la Douce" 1963, „Das Appartement" 1960), lässt aber auch der heutzutage bekannteren Amanda Seyfried („Mamma Mia!") Raum. Die Fotografie (Kamera: Eric Koretz) erlaubt sich den Look von Beiläufigkeit, hat was von Werbebildern, aber nicht von der glatten Sorte. Die wunderbar spritzigen und klugen Dialoge leiden allerdings unter furchtbaren Synchronstimmen und Grobheiten wie der Deppen-Eindeutschung „am Ende des Tages". Trotzdem überlebt der schöne Sinnspruch Harriets: „Man macht keine Fehler - Fehler machen einen" ... stärker und furchtloser.