22.11.17

Aus dem Nichts

BRD, Frankreich 2017 Regie: Fatih Akin mit Diane Kruger, Denis Moschitto, Johannes Krisch, Ulrich Tukur 106 Min. FSK: ab 12

Nach einer langen Durststrecke sorgte Fatih Akin mit „Aus dem Nichts" und dem Cannes-Preis für seine Hauptdarstellerin Diane Kruger fast wie selbstverständlich für einen deutschen Festivalerfolg. Entstanden aus persönlicher Wut über die falschen und sehr voreiligen Schuldzuweisungen an die türkischen NSU-Opfer in der Kölner Keupstraße.

Das glückliche Familienleben von Katja (Diane Kruger) wird aus heiterem Himmel - oder: Aus dem Nichts - zerstört, als ihr Mann und ihr Sohn bei einem Bombenanschlag sterben. Seltsamerweise ermittelt die Polizei beim Opfer und dringt ins Privatleben von Katjas Familie ein. Die Dealer-Vergangenheit ihres Mannes wird herausgekramt, seine türkisch-kurdische Abstammung gilt als verdächtig. Dann fasst die Polizei doch die Täter, ein junges Neo-Nazi-Paar. Aber auch das Gerichtsverfahren verläuft gegen die Erwartungen, die hämischen Mörder werden freigesprochen.

Bislang zeigte Fatih Akin das Zusammenleben verschiedener Ethnien als schwierig aber auch funkenschlagend reizvoll. So war es bereits 1998 bei seinem Debüt „Kurz und schmerzlos" und besonders schön 2009 in „Soul Kitchen". Politische Probleme gerieten allerdings auch filmisch problematisch: „The Cut" (2014) über das türkische Massaker an der armenischen Bevölkerung fiel trotz einiger Qualitäten bei der Kritik durch und die ökologische Doku „Müll im Garten Eden" (2012) über das Dorf seiner Eltern ist sein schwächster Film. Wenn einer der besten deutschen Regisseure nun einen mehrfach aufgeladenen NSU-Film dreht, ist also eine gewisse Skepsis vorhanden.

Und tatsächlich hängt ein ungeheuer packendes Melodram auf dem Weg zum fein spannenden Rachethriller im Mittelteil Gerichtsfilm durch. Fatih Akin taucht, was er unglaublich gut kann, voll ins dichte Leben toller Menschen mit Ecken und Kanten und schön vielen Tattoos. Was passieren wird mit der Familie Sekerci, weiß man schnell, wenn eine blonde Frau ihr Fahrrad vor dem Laden des Mannes im Hamburger Türkenviertel abstellt. Der Schock angesichts des Verlustes von Mann und Kind ist ungeheuer - und von Diane Kruger ungeheuer gut gespielt. Das immer noch unglaubliche Verhalten der auf dem rechten Auge blinden und tauben Polizei bekommt eine Breitseite ab. Sie tappt im Dunkeln, legt falsche Fährten aus, macht eine Hausdurchsuchung beim Opfer und schnüffelt in dessen Steuerunterlagen.

Doch wie und weshalb die Justiz scheitert, bleibt völlig beliebig. Man hätte den ganzen Gerichtsteil in einer Szene abhandeln können, dann aber Ulrich Tukurs Auftritt verpasst, der als Vater des Täters mit einer Entschuldigung ein selten anständiges Gegenbild gibt. Erst als Katja eigenhändig die Mörder verfolgt, blitzten wieder Momente von Akin freiem Inszenierungsstil auf, fällt die Eindeutigkeit an vielen emotionalen und moralischen Bruchstellen auf packende Weise auseinander.

Diane Kruger, die für diese Rolle in Cannes als Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, erweist sich hier wieder als sehr, sehr gute Schauspielerin, die einen Großteil der Films trägt. Sie entwickelte sich vom Modell und von „schönen" Rollen wie der Helena in Petersens „Troja" mit „Mr. Nobody" (2009) und „Barfuß auf Nacktschnecken" (2010) zur exzellenten Arthouse-Schauspielerin. Auftritte in „lauten" Filmen wie „Inglourious Basterds" komplettierten ihre Bekanntheit. Dass Kruger nach Leben und vielen Rollen wieder mal in Deutschland drehte, sorgte für Aufsehen. Wahrscheinlich letztlich für mehr Aufsehen, als „Alles aus dem Nichts" als nur streckenweise gelungener NSU-Film erzeugen wird.

21.11.17

Manifesto

BRD, Australien 2015 Regie: Julian Rosefeldt mit Cate Blanchett 98 Min. FSK: ab 0

Im bemerkenswertesten Film seit langem verkörpert die zweifache Oscar-Gewinnerin Cate Blanchett in 13 Rollen unterschiedliche Manifeste, die sie selber (meist im Off) spricht - vom Futurismus über Blauer Reiter und Fluxus bis zur Pop Art und Dada bei einer Trauerrede. Der deutsche Experimental-Filmer Julian Rosefeldt konnte den australischen Star zuerst für eine Installation gewinnen, die im Berliner Museum Hamburger Bahnhof zu sehen war. Die Kinoversion verschränkt die parallelen Projektionen in einer packenden, immer wieder überraschenden Abfolge. Divenhaft als russische Choreografin einer Tanztruppe in Alien-Kostümen (Fluxus), magisch als Puppenspielerin mit Blanchett-Puppe (Surrealismus).

Selbstverständlich bietet das Manifest zur Architektur, das Blanchett als einfache Arbeiterin auf den Weg zu einer Müllverbrennungsanlage begleitet, faszinierende und im Kontrapunkt spöttische Blicke auf Architektur. Exzellente Bildkunst, die der ganze Film bietet, und die bei den starken, dichten Texten und dem atemberaubend intensiven Spiel der Miniaturen nicht übersehen werden darf. Denn „Manifesto" ist pure Filmkunst auf höchstem Niveau ohne die üblichen Kinkerlitzchen wie Action oder billigen Emotionen.

Detroit

USA 2017 Regie: Kathryn Bigelow mit John Boyega (Dismukes), Will Poulter (Krauss), Algee Smith (Larry), Jacob Latimore 144 Min. FSK: ab 12

Das schockierende historische Drama „Detroit" beginnt mit einer pointierten Animation, die Jahrzehnte Geschichte afroamerikanischer Bevölkerung der USA zusammenfasst, bis im Sommer 1967 die Razzia in einem Club für Afroamerikaner Unruhen auslöst. Feuer werden gelegt, Läden geplündert, willkürliche, weiße Polizei-Gewalt eskaliert, das Militär marschiert in das Ghetto ein, ein Kind, das auf die Straße schaut, wird beschossen.

Die Situation wird noch dramatischer durch den blöden Scherz eines frustrierten Besoffenen, der mit seiner Schreckschuss-Pistole aus dem Algiers Motel auf Soldaten schießt. Das Motel wird brutal gestürmt, ein junger Lynch-Polizist erschießt direkt den nächsten Schwarzen, um darauf alle Bewohner „wegen der Ermittlungen" festzuhalten. Er reiht all an einer Wand auf, prügelt und foltert, führ Schwein-Exekutionen durch. Im Rahmen der historischen Unruhen bildet diese schockierende Gewalt innerhalb einer schon extremen Kriegssituation von Belagerung der eignen Bevölkerung, einen Tiefpunkt an rassistischer Menschenrechtsverletzung. Drei farbige Hotelgäste wurden ermordet, die Sicherheitskräfte angeklagt, aber freigesprochen.

Aus den in Protokollen und Gerichtsverfahren festgehaltenen Ereignissen gestalten Regisseurin Kathryn Bigelow und ihr Autor Mark Boal, der mit Zeitzeugen sprach, einen ungemein spannenden, intensiven, hautnah gefilmten und nahezu unerträglich beklemmenden Thriller. Als Katherine Bigelow 1989 mit dem Polizeifilm „Blue Steel" und Jamie Lee Curtis das Action-Kino unter weibliche Regie brachte, sprach man von Emanzipation und Fortschritt. Dass Bigelow neben ihrem großen Können auch noch etwas zu sagen hatte, wurde auch dem letzten mit ihren Filmen „Tödliches Kommando – The Hurt Locker" (sechs Oscars) und „Zero Dark Thirty" (fünf Oscar- Nominierungen) deutlich. „Change is coming" hieß es damals schon für die afroamerikanische Gemeinschaft, doch noch heute werden Polizisten, die unschuldige Schwarze erschießen, freigesprochen.

Paddington 2

Großbritannien, Frankreich 2017 Regie: Paul King mit Sally Hawkins, Hugh Grant, Brendan Gleeson, Julie Walters, Jim Broadbent 104 Min. FSK: ab 0

56 Jahre dauerte es, bis der liebenswerte Bär Paddington aus Michael Bonds Kinderbuchreihe „Paddington Bear" 2014 im Realfilm ankam. Nun folgt schon ein zweites Bündel mit Abenteuern des peruanischen Teddy-Bären mit seiner Adoptiv-Familie in London. Und während der erste Film mit einem nervig altklugen Hauptdarsteller zwiespältig ankam, gewinnt „Paddington 2" die Herzen im Stolpern und Kochen.

Es ist ein sehr liebevoll komischer Blick auf das menschliche Treiben, den der gänzlich angenommene Bär Paddington auf seine Londoner Umgebung wirft. Er schreibt einen Brief an seine Tante Lucy, für deren 100. Geburtstag er ein kunstvolles Pop Up-Buch der Stadt auserkoren hat. Um es zu kaufen, probiert der tapsige Meister Petz mit umwerfendem altmodischen Slapstick einige Jobs aus. Doch der eitle, hinterhältiger und vor allem herrlich wahnsinnige Ex-Schauspieler Phoenix Buchanan (Hugh Grant) klaut vor Paddingtons Augen das Buch, entkommt und erkannt und den Bär schickt ein Richter ins Gefängnis. Nun ist ein ganzer Knast voller knallharter Kerle, die beste Bewährungsprobe für Paddingtons positive Lebenshaltung, immer nur das Beste im Menschen zu sehen. Zuerst färbt er die Anstaltkleidung aus Versehen rosa, dann macht er aus haferschleimverseuchter Kantine mit Hilfe von Orangenmarmeladen-Stullen eine bunte Konditorei mit Mädcheninternats-Stimmung.

Brendan Gleeson als gefürchteter Knast-Koch Knuckles McGinty ist ein toller Neuzugang unter den erstaunlich guten realen Schauspielern, die perfekt mit dem animierten Bären agieren. Eine Sensation ist neben der wunderbaren Sally Hawkins jedoch der furchtlos selbstspöttelnde Hugh Grant, dessen hinterlistiger Schurke in haufenweise klasse Kostümen eine spannende Schnitzeljagd hinlegt. Geocaching und Verbrecherjagd mit zwölf Londoner Sehenswürdigkeiten gehen etwas auf Kosten des bärigen Spaßes. Doch die sehr sorgfältige und liebevolle Inszenierung achtet bei vielen schönen Einfällen immer auf kindergerechte Action und letztlich verzeiht man diesem Bären unter seinem Schlapphut fast alles.

Battle of the Sexes

USA, Großbritannien 2017 Regie: Valerie Faris, Jonathan Dayton mit Emma Stone, Steve Carell, Andrea Riseborough, Sarah Silverman, Alan Cumming, Elisabeth Shue 124 Min. FSK: ab 0

Es war ein Medienereignis, ein Event, eine Zirkusnummer, als 1973 ein abgehalfterter Tennis-Champion die aktuelle Nr. 1 des Frauen-Tennis Billie Jean King zu einem Duell herausforderte. Der außergewöhnlich gute Spielfilm über dieses „Battle of the Sexes" wirbt zwar im Trailer grell und bunt mit dem Showkampf, ist aber tatsächlich eine packende, bewegende Geschichte über Billie Jean Kings Kampf um Gleichberechtigung und ihr Recht auf freie Liebe.

In wenigen Minuten kommen sie zur Sache, der Film sowie die damals „erfolgreichste Tennisspielerin aller Zeiten" Billie Jean King (Emma Stone) und ihre Managerin Gladys Heldman (Sarah Silverman): Für nur 1500 Dollar Preisgeld wird die Seriensiegerin nicht mehr in der Tennis-Serie mitspielen - vor allem, weil die Männer das Achtfache erhalten! King gründet den immer noch bestimmenden Frauen-Tennisverband WTA, Heldman besorgt einen Sponsor und die Frauen machen erst einmal alles selbst. Die Siegerinnen von Wimbledon und den US-Open verkaufen eigenhändig Eintrittskarten auf den Straßen, rollen den Boden auf den Plätzen aus und teilen sich zu zweit die Hotelzimmer auf der Tour. Für den riskanten Schritt heraus aus einer eklig arroganten, patriarchalen Organisation bekommen sie ihre Freiheit, erstmals farbige Tennisklamotten sowie einen Friseurtermin vor der Pressekonferenz. Dass sich dabei die verheiratete Billie Jean King auf dem ersten Blick in die Friseurin Marilyn (Andrea Riseborough) verliebt, passt in eine große, starke Geschichte von neuen Freiheiten nach der 68er-Revolution.

Damit die sympathische und gewitzte, aber keineswegs extrovertierte Leistungssportlerin Billie Jean King so richtig aus sich herauskam, bedurfte es ausgerechnet eines ganz besonders peinlichen Chauvis: Der ehemalige Wimbledon-Sieger Bobby Riggs (Steve Carell) ist mittlerweile 55, ein netter Vater, aber unheilbar spielsüchtig. Als ein Rolls Royce als Wettgewinn ungeplant vor der Tür steht, schmeißt ihn seine reiche Frau Priscilla (Elisabeth Shue) raus. Mittel- und ziellos fordert der selbstverliebte Showman die beste Tennisspielerin heraus - weil Frauen nichts auf dem Tennis-Platz zu suchen haben, sie gehören in Küche und Bett. Zuerst schlägt Briggs tatsächlich klar Margaret Court im „Muttertags-Massaker". Dann bereitet er sich mit albernen Einlagen auf King vor, spielt mit Schafen und Hunden als Handicaps. Die kluge Billie Jean King durchschaut auch diesen Clown sehr klar, trotzdem will sie eine Sache deutlich machen: Frauen sind nicht weniger wert!

Auch die heutige Weltranglistenerste Serena Williams muss immer noch für gleiches Preisgeld und gegen Sexismus kämpfen. Den aktuellen Clown gab Novak Djokovic noch im letzten Jahr. Doch „Battle of the Sexes" ist so ein großartiger Film, weil nicht nur Sexismus und Machismo in finanziellen, albernen, ekligen und erschreckenden Formen vorgeführt werden. Auf außergewöhnlich gekonnte Weise greift alles ineinander, die Liebesgeschichte, der Kampf gegen den Macho-Verband und die ganz persönliche Entwicklung von Billie Jean King. Valerie Faris und Jonathan Dayton sind die Regisseure von „Little Miss Sunshine" (2006) und „Ruby Sparks" (2012), das garantiert auch bei schauerlich übergriffigen Momenten eine sehr humorvolle und leichte Präsentation. Zum allgemeinen Happy End - King heiratete später ihre Partnerin, sie hatten Kinder - gibt es die großen Worte vom schwulen Kostümdesigner (Alan Cumming): Eines Tages werden wir die Freiheit haben, zu sein, wer wir sind und zu lieben, wen wir wollen.

Liebe zu Besuch

USA 2017 (Home again) Regie: Hallie Meyers-Shyer mit Reese Witherspoon, Michael Sheen, Candice Bergen 98 Min. FSK: ab 0

Eine wohlhabende und wohlbehütete Tochter aus Hollywoods Künstlerkreisen sitzt an ihrem 40. Geburtstag mit groß empfundener Lebenskrise heulend im Bad. Die unterschätzte und meist unterbesetzte Reese Witherspoon („Devil's Knot", „Der große Trip – Wild") spielt diese Alice Kinney glaubhaft und gewinnt ihr im Alleingang viele Sympathien. Um zu verstehen, weshalb diese kleine Komödie aus dem Ausstattungskatalog der Reichen und Schönen so holperig daherkommt, muss man auf die Familienverhältnisse der Regisseurin schauen: Hallie Meyers-Shyer ist Tochter der Komödien-Königin Nancy Meyers. „Liebe braucht keine Ferien", „Was das Herz begehrt", „Was Frauen wollen", das Remake von „Vater der Braut" - wenn zuhause solche Filme geschrieben werden und man als Kind selbst oft mitspielt, muss frau einfach die eigenen Probleme als kleine Drama-Queen auf die Leinwand bringen. Mama produziert ja behütend mit.

So sehen wir die Tochter aus der Filmbranche als Hauptfigur. Und eine Lebenskrise, die aus Entfremdung vom Ehemann besteht, worauf Alice zurück nach Los Angeles zieht, in eine Villa, die problemlos drei Untermieter aufnimmt. Bei Rundum-Betreuung der beiden Töchter und genügend Langeweile, um sich mal als Raum-Dekorateurin auszuprobieren. Dass die drei Mieter ihren ersten eigenen Film realisieren wollen und alle mehr oder weniger in die viel ältere Alice verliebt sind, gibt der romantischen Komödie etwas Futter. Allerdings verlaufen die Gefühlswirrungen zu selten mit diesen leichten, eleganten Montagen, die an das Erzählen von Mutter Meyers erinnern. Dafür gibt es im luftigen Mini-Drama „Liebe zu Besuch" einen Hauch vom Independent-Film, zeitweise wirkt es gar französisch. Mit Michael Sheen als plötzlich zurückkehrendem Ehemann und Candice Bergen als Mutter ganz fantastisch besetzt, ergibt sich eine sympathische Geschichte. Ein ganz interessantes Debüt, nur nicht unbedingt Stoff fürs große Kino.

15.11.17

The Justice League

USA 2017 Regie: Zack Snyder mit Ben Affleck, Gal Gadot, Jason Momoa 115 Min,

Kurz: Supermann macht den Jesus und erlebt seine Auferstehung, der nie wirklich erklärte Streit mit Batman aus dem letzten Film-Debakel wird beigelegt und ein Team aus Action-Figürchen verhindert die völlige Zerstörung der Erde. Das war es denn auch schon mit diesem großen, stinkenden Haufen Schund namens „The Justice League".

Das Wichtigste ist das Team. Nicht für die primitive Handlung um rudimentäre Figuren, sondern für die Verkaufsstrategie des Konzerns hinter den DC-Comicverfilmungen. Nach dem Vorbild Marvels wird ein Kosmos aus Figuren und möglichen Einzel-Filmen aufgeblasen. Dabei ist dieser aktuell „heiße Scheiß" das Gleiche der Diesel-Boom vor einigen Jahren - ein großer Beschiss. Die Folgen dieser Monokultur für Kinobetrieb und Filmangebot sind trotzdem enorm.

Ganz in diesem Geiste bleibt auch bei der „Justice League", der Konkurrenzveranstaltung zu den „Avengers", nicht viel von einem richtigen Film übrig. Nach Supermans Tod fühlen sich finstere Zombie-Wespen aus dem All gemüßigt, unter ihrem Führer Steppenwolf die Erde zu zerstören. Batman (Ben Affleck) sucht per Stellenanzeige die Team-Mitglieder Wonder Woman (Gal Gadot), Aquaman (Jason Momoa), Cyborg (Ray Fisher) und The Flash (Ezra Miller) zusammen, die Erfahrung im Weltenretten haben. Letztendlich klappt dies aber nur, nachdem Superman (Henry Cavill) mit Hilfe eines Zauberwürfels wiederbelebt wurde. Der Rest ist eine halbe Stunde hirnloses Raufen mit exakt drei lahmen Scherzen.

Nach zehn Minuten starker Eröffnung legt die Super-Langeweile mit mühsamem Team-Buildung los. Nichts funktioniert, vor allem nicht das krampfhafte Zusammenwürfeln von Plastik-Figuren aus Mythologie, Science Fiction und Comic. Aquaman aus Atlantis, Batman aus Gotham City, die Amazone Wonder Woman, ein Cyborg mit außerirdischen Ersatzteilen und der alberne Flash - so was lässt man üblicherweise für ganz billige Trash-Filme zusammenkommen, wo Kopfschütteln eingeplant ist. Bei dem ganz teuren Trash „Justice League" scheint das niemanden zu stören. Allerdings gilt auch hier der Satz: Der hat ja gar nichts an. Dieser Film ist erbärmlich schlecht.

So schafft es „The Justice League" - trotz Musik von Danny Elfman - nicht einmal, die existenzielle Bedrohung der Menschheit klar zu machen. Ein fünfminütiger Vortrag muss das richten. Und im Finale behilft sich die millionenschwere Einfallslosigkeit mit der Rettung einer kleinen russischen Familie als Nebenhandlung. Genau wie beim Trash bleiben die Effektbilder erschreckend entleert von Menschen und Menschlichem. Das Trauerspiel wurde dabei quälend lang- und mühsam inszeniert. Schematisch haut alle dreißig Minuten mal Action rein, um das Publikum aufzuwecken. Bis dieser große Schwindel um die einträglichen Teams aus Action-Figürchen jedoch auffliegt, werden noch einige Filme das Kino verstopfen.

14.11.17

Teheran Tabu

BRD, Österreich 2017 Regie: Ali Soozandeh 96 Min. FSK: ab 16

Immer wieder mal werden im Film Gesichter übermalt, um den Diktatoren und Zensoren zu entgehen: Die Aussagen israelischer Soldaten über ihr Massaker in libanesischen Flüchtlingslagern verfremdete Ari Folman zum eindrucksvollen „Waltz with Bashir". Der nachträglich im Rotoskopie-Verfahren übermalte „Teheran Tabu" erzählt die Geschichte von einer Handvoll Menschen in Teheran, einer Stadt voller Verbote und doktrinärer Prinzipien.

Voller Doppelmoral regt sich ein Taxifahrer über seine Tochter auf, die händchenhaltend durch die Straßen geht, während ihm selbst eine Prostituierte gerade im Auto einen bläst. Ein muslimischer Richter besteht für eine Scheidung auf die Zustimmung des Mannes, der als Drogendealer im Knast sitzt. Er würde sich aber mit sexuellen Dienstleistungen umstimmen lassen. So reihen sich im Figurenreigen schematisch die Unmenschlichkeiten des Lebens und Klischees wie eine böse Schwiegermutter. In dieser Anklage ist niemand ambivalent gezeichnet, die Schicksale bleiben oberflächlich, schockieren nicht so sehr wie beispielsweise Bahman Ghobadis „Persian Cats". Erst als sich über die Verbindung der Menschen und Geschichten neue Abgründe auftun und die Brutalität der Gesellschaft zunimmt, können poetische Momente berühren.

13.11.17

Happy Death Day

USA 2017 Regie: Christopher Landon mit Jessica Rothe, Israel Broussard, Ruby Modine 96 Min. FSK ab 12

Und ewig grüßt das Murmeltier aus der Filmgeschichte: Wenn dem totgerittenen Horror-Genre nichts einfällt, klaut es einfach einen sehr guten Einfall von früher: Das ein eingebildete blonde Ekel Tree Gelbman (Jessica Rothe) wird von einem unbekannten mit Babymaske ermordet und wacht aber wieder am Morgen ihres Todestages im Bett eines unbekannten Studenten auf. Tree braucht recht lange, um zu verstehen und im nächsten Durchgang überall Zeichen zu erkennen. Sie gewinnt wie alle Protagonisten der gleichen Film-Idee selbstverständlich an der Selbsterkenntnis, dass die kein guter Mensch ist. Die Suche nach der Identität ihres Mörders verläuft nicht wahnsinnig spannend. Dafür wird unheimlich viel geschrien, aber nicht mal das kann Hauptdarstellerin Jessica Rothe gut. Ganz zu schweigen von dem Durchdrehen angesichts der ewigen Wiederholungen. Es dauert Dreiviertelstunden bis sich der Film mit dieser anderen, nicht interessanten, höchstens erstaunlich fremden Studentenwelt selbst langweilig wird und er kurz mit ein paar schnellen Montagen für Unterhaltung sorgt. Das entschädigt nicht für einen hauptsächlich einfallslosen, unterdurchschnittlichen Fließband-Film.

12.11.17

The Big Sick

USA 2017 Regie: Michael Showalter mit Kumail Nanjiani, Holly Hunter, Ray Romano, Zoe Kazan 120 Min.

Als sich der in Pakistan geborene Komiker Kumail und die Studentin Emily verlieben, prallen zwei Kulturen aufeinander. Kumail befindet sich im Zwiespalt zwischen seiner Familie und seinen Gefühlen. Dann fällt Emily wegen einer mysteriösen Krankheit ins Koma und Kumail muss die Krise ganz besonderen Schwiegereltern bewältigen. Der große Sieger beim Publikumspreis von Locarno beruht auf der wahren Liebes- und Ehe-Geschichte der Drehbuchautoren Emily V. Gordon und Kumail Nanjiani.

„The Big Sick" von Michael Showalter zeigt das Aufeinandertreffen der Kulturen in westlichen Gesellschaften auf einfühlsame und sehr humorvolle Weise: Der aus Pakistan stammende Komiker Kumail Nanjiani spielt sich selbst beim wahren Kennenlernen seiner Frau Emily (Zoe Kazan, die Enkelin von Elia). Während seine traditionelle Mutter ihm in Chicago wöchentlich neue pakistanische Kandidatinnen für eine arrangierte Ehe „zufällig" beim Familienessen vorstellt, fällt die Frau, in die sich Kumail tatsächlich verliebt hat, in ein Koma.

Da klingt ein Song von The Smith im Kopf an: „Girlfriend in a coma". Mit dem Problem, dass Emily nicht mehr seine Freundin ist, seitdem sie die Schachtel mit all den von der pakistanischen Mama vorgeschlagenen Heiratskandidatinnen samt Bewerbungsfoto gefunden hat. Trotzdem lernt der zwischen den Kulturen zerrissenen Komiker die „Schwiegereltern" auf beinahe tragische und umwerfend komische Weise kennen. Eine geniale Holly Hunter und Ray Romano legen dieses alt-eingespielte Paar mit so viel Charakter, Ecken und Kanten hin, dass sie auf die Hauptrollen Anspruch machen. Während der stille Ex-Schwiegervater ungeschickt Sympathien zeigt, lehnt die energische Mutter von Emily den Herzensbrecher herrlich brüsk ab, um ihn darauf mit schlagkräftigem Mund und harten Fäusten gegen einen dumpfen Rassisten zu verteidigen.

Während man bei Holly Hunter Erstklassiges erwartet, überrascht Hauptdarsteller und Autor Kumail Nanjiani: Wenn in Deutschland Bühnenkomiker Filme machen, muss man so schnell wie möglich weglaufen. Beim Komiker Kumail muss man lachen, weinen, mitleiden und -bangen, wenn er sich selbst als erfolgloser „Stand up comedian" spielt. Er überfällt einen mit enorm geistreichen Witzen, provoziert mit Kontern auf Anti-Islamismus („Wir haben bei 9/11 unsere besten Leute verloren"), macht aber auch herzzerreißend einfühlsam das Problem erfahrbar, mit traditioneller Familie in einer modernen Gesellschaft zu leben. Eine dicke Dosis Romantik der sehr witzigen Sorte gibt es gratis dazu. Das ist aus der Aptow-Fabrik („Jungfrau (40), männlich, sucht …", „Superbad", „Ananas Express", „Brautalarm") sehr gelungene Unterhaltung mit zeitgemäßem Mehrwert.

Flitzer

Schweiz 2017 Regie: Peter Luisi mit Beat Schlatter, Bendrit Bajra, Doro Müggler 98 Min. FSK: ab 0

Kleider machen Leute. Kleiderlos macht Quote bei illegalen Wetten. So könnte man das bekannteste Werk des bekannten Dichters Gottfried Keller und die bescheuerte Idee dieses sicherlich unbekannt bleibenden Films zusammengefassen. In ganz langsamer, einfacher Sprache - so wie alle Schweizer im Film und auch dieser selber redet: Der langweilige Lehrer und Keller-Fan Baltasar Näf verwettet 700.000 aus dem Sparschwein seiner Schule (glückliche Schweiz) und muss fortan im Nebenberuf Flitzer auf die Fußballfelder der Deutschschweizer Ligen schicken. Denn auf Nackedeis wetten, bringt Gewinn, wenn man die Flitzer selber ausbildet und im Spielplan einsetzt.

Das alles ist - Stichwort Keller - unterirdisch schlecht inszeniert und gespielt. Witwer und unfähiger Alleinerzieher Näf ist peinlich und macht peinliche Sachen. Alle Vorurteile über Anti-Geschwindigkeit der Schweizer treffen auf dieses negative Erzähltempo zu. Der in einem gutturalen Nichtkomisch-Sein verendende Komödien-Versuch will „Ganz oder gar nicht" kopieren, scheitert aber erbärmlich. Sehr mäßige Schauspieler geben eindimensionale Figuren. Das ist nicht nur schlechtes TV Niveau, das ist furchtbares Laien-Boulevard, dazu altbacken in Inhalt und Form. Dass mit irgendeinem gutturalen Deutschschweizer Dialekt („dä chellar") gesprochen wird, soll es wohl doch noch irgendwie witzig machen, sorgt aber nur für Untertitel, als wenn es Filmkunst wäre! Nicht „Kleider machen Leute", sondern „Des Kaisers neue Kleider" sollte mehrfach erwähnt werden: Dieser elende Unspaß über Flitzer hat ja handwerklich und künstlerisch „gar nichts an"!

7.11.17

Suburbicon

USA, Großbritannien 2017 Regie: George Clooney mit Matt Damon, Julianne Moore, Noah Jupe, Oscar Isaac 106 Min. FSK: ab 16

Wie wäre es, wenn George Clooney mal nicht für die Coen–Brüder als Star vor der Kamera steht, sondern mit ihnen zusammen einen Film dreht? „Sububicon" ist dieser sagenhaft spannende, politisch hochaktuelle Film. Zudem kann man sich begeistert anschauen, wie es gewesen wäre, wenn Hitchcock „Fargo" gedreht hätte.

Dem Postboten entgleist das festgeklebte Grinsen, die Nachbarn starren unverhohlen und fahren gegen die nächste Laterne. Eine schwarze Familie zieht in den weißen, protestantischen Vorort ein. Wir befinden uns nicht im interkulturell zurückgebliebenen Sachsen, sondern in den USA des Jahres 1959. Nicht mal eine Viertelstunde braucht der Erfolgs-Regisseur George Clooney, um unglaublich dicht zwei Verbrechen und ein innerfamiliäres Drama um eine gelähmte Frau aufzuziehen. Denn direkt neben der ersten und einzigen schwarzen Familie der Siedlung, die wie in Hoyerswerda zunehmend bedrohlicher vom weißen Mob belagert wird, muss der Junge Nicky (Noah Jupe) miterleben, wie Einbrecher seine Mutter umgebringen. Ein Verbrechen, dass mächtig stinkt. Nicht nur nach dem Chloroform, von dem Rose zu viel einatmen musste. Denn Papa Gardner Lodge (Matt Damon) scheint nun mit Mamas Schwester Margaret Lodge (Julianne Moore in einer Doppelrolle) viel glücklicher zu sein.

Regisseur George Clooney („Monuments Men", „The Ides of March", „Good Night, and Good Luck") macht die klügsten politischen Filme unserer Zeit. Nun pflanzt er zwei parallele Verbrechen in eine Bilderbuch-Siedlung, die Schmelztiegel nur für weiße WASP-Abarten aus vielen US-Staaten sein will. Dass Clooney mit seinen regelmäßigen Regisseuren Joel und Ethan Coen („Fargo", „No Country for Old Men", „Hail, Caesar!") das Drehbuch schrieb, sorgt für den herrlich schwarzen, bitterbösen Touch. Denn während wir mit dem hellwachen Nicky um dessen Leben bangen, wächst wie bei „Fargo" dem gierigen kleinen Mann die Dynamik seines Verbrechens über den Kopf. Wieder einmal eine Musterrolle für Matt Damon, der dem komischen Krimi eine schauerliche Tiefe gibt.

Das wird bis zum irren Finale unheimlich spannend. Hitchcock fällt einem auch ohne das schöne Vertigo-Zitat durch die erblondende Julianne Moore ein. Allerdings Hitchcock mit einer politischen Agenda: Clooney geht immer gerne zurück in die Vergangenheit, um das Heute exakt zu kritisieren. Parallel zum Verbrechen der hässlichen, gierigen und dummen Weißen zeigt sich der Pöbel vor dem Haus der schwarzen Nachbarn als Abbild heutiger Fremdenfeindlichkeit. Das ist bei all der exzellenten und in Details (wie der TV-Fernbedienung mit Taschenlampe) wunderbar genießbaren historischen Kulisse hochaktuell. „Wir begrüßen die Rassenintegration, aber ..." Dieses berühmte, entlarvende „aber" von AfD und Genossen erweist sich als ebenso universell wie der Zaun als Schutz vor den „Anderen".

Wenn Hitchcock „Fargo" mit großem Thriller-Orchester gedreht hätte und auch noch eine politische Agenda gehabt hätte, es wäre nicht besser ausgefallen wie in dieser genialen Zusammenarbeit von Regisseur George Clooney mit Joel und Ethan Coen. Dass sie bei allem Horrenden noch ein positives, hoffnungsvolles Schlussbild finden, ist die Krönung eines engagierten Filmvergnügens.