14.2.18

Black Panther (2018)

USA 2018 Regie: Ryan Coogler mit Chadwick Boseman, Michael B. Jordan, Lupita Nyong'o, Martin Freeman, Forest Whitaker, Angela Bassett, Andy Serkis 135 Min. FSK ab 12

Was für eine traumhafte Vorstellung: Afrika nicht als der klischeehaft katastrophale Kontinent aus Hunger, Kriegen und Diktaturen. Nein, hier versteckt sich der technisch weit fortgeschrittene Staat Wakanda: Unsichtbare Luftschiffe, kugelsichere Anzüge, die der Iron Man noch erfinden muss, eine futuristische Stadt mit Hochhäusern, Magnetschwebebahnen und afrikanische Märkte. Die Marvel-Figur T'Challa alias Black Panther kehrt nach seinem Auftritt mit den Avengers als Thronfolger dorthin zurück. Doch wie bei den alten Griechen gilt es, eine Schuld der Väter zu sühnen.

Bereits in „The First Avenger: Civil War" spielte Chadwick Boseman Black Panther und König T'Challa. Nun gibt es das erste und sicherlich nicht letzte Solo-Leinwandabenteuer des königlichen Superhelden, mit dem das sogenannte Marvel Universum eine neue Einnahme-Quelle erschließt. Nach Krönung mit rituellem Kampf geht es hinter die her, die immer noch Rohstoffe aus Wakanda klauen. Denn die Hochkultur basiert auf Jahrhunderte langer Nutzung des außerirdischen Metalls Vibranium (man denke Seltene Erden). Doch der Gegner kommt aus den eigenen Reihen und führt zum wirklich interessanten Dilemma für T'Challa: Sein Cousin Killmonger (Michael B. Jordan), amerikanischer Ghetto-Gangster, Söldner und Massenmörder, besiegt ihn und will mit der Technik von Wakanda die Welt erobern.

Schon Killmongers Vater wollte mit Vibranium die Unterdrückung der Schwarzen in den USA gewaltsam beenden. Während der alte König sein glückliches Utopia mit Schutzschirme in einem afrikanischen Entwicklungsland versteckte und eine Politik von Pazifismus und Isolationismus anwandte - wir mischen uns nicht ein. Das ist bei aller originellen, aber routiniert kurzweiligen Action, bei allen Science Fiction-Spielereien das spannende Drama für einen Black Panther, der positiv als Bedenkenträger bezeichnet werden kann. Der enorme Erfolg der sich andeutet, basiert teilweise darauf, dass Regisseur Ryan Coogler („Fruitvale Station") und sein Team den interessantesten der Avengers-Filme hingelegt haben. Was nicht viel heißt. Aber die ganz große Welle macht „Black Panther" als erster afro-amerikanischer Superheld: Gut ein halbes Jahrhundert nach seinem Debüt in den Marvel-Comics im Jahr 1966 bekommt „Black Panther" seinen eigenen Kinofilm.

Es ist ein Projekt, das Wesley Snipes noch vor „Blade" verfolgte. Damals war die Zeit (oder Hollywood) anscheinend noch nicht reif dafür. Nun sind tatsächlich fast alle Rollen dunkelhäutig besetzt. Und auch die Frauen werden mal nicht mit Nebenrollen abgespeist. Die weibliche Palastgarde haut im Grace Jones-Look richtig rein. Die Schwester des Panthers ist eine rebellische Mischung aus Bonds Q und der Gothik-Forensikerin Abby in NCIS. Nach Meinung des Regisseurs Ryan Coogler hätten die jüdischen Comic-Schöpfer Stan Lee und Jack Kirby genügend Erfahrung im Außenseiter sein, um Black Panther zu einer glaubhaften Figur zu machen.

Auch der Name der kämpferischen Widerstandsbewegung Black Panther mag vor einigen Jahren noch ein Problem für eine große Hollywood-Produktion gewesen sein. Der Streit ist noch gegenwärtig in den Polen friedlich vs gewalttätig, für die Martin Luther King und Malcolm X standen. Die Entscheidung von Black Panther ist so erfreulich wie gegenwärtig utopisch: Wir teilen Wissen und Technologie mit allen, um mit gebildeter Jugend und sozialer Gerechtigkeit eine bessere Welt zu schaffen.

12.2.18

Die Verlegerin

USA 2017 (The Post) Regie: Steven Spielberg mit Meryl Streep, Tom Hanks, Alison Brie, Bob Odenkirk 117 Min. FSK: ab 6

Steven Spielberg, der von „Der weiße Hai" über „E.T.", „Indiana Jones" bis zuletzt „Bridge of Spies" und „Lincoln" alles kann und meistert, verfilmt mit dem Recht auf Pressefreiheit mal wieder einen Verfassungsgrundsatz unserer modernen Demokratien - und das ist so spannend wie notwendig.

Es geht um „Papers", wie in Panama Papers, wie in den NSA-Daten von Snowden. Ein engagierter Regierungsmitarbeiter hat 1971 kistenweise Papiere nach draußen geschmuggelt, die „Pentagon Papers". Darin schätzt die Regierung den Sinn des furchtbaren Vietnamkrieges ein. Ergebnis: Der Krieg ist nicht zu gewinnen. Dort sterben die Menschen nur um für die USA ein Image aufrecht zu erhalten. Erinnert auch an deutsche Bundeswehr-Einsätze in Afghanistan oder Mali. Die New York Times bekommt als erstes das Material. Nach den ersten Veröffentlichungen, nachdem ein ganzes Team von Journalisten alles im Geheimen aufgearbeitet hat, bewirkt die Nixon-Regierung eine richterliche Anordnung, die Publikation einzustellen. Nun sieht die „Washington Post", damals noch eine unbedeutende, lokale Zeitung, ihre Chance. Sie kommt an die Papers und plant den Druck gegen rechtliche Drohungen. Der Kampf um die Pressefreiheit kommt vor Gericht zur Entscheidung. Das Duell zwischen Regierung und Presse spitzt sich zu.

Nun könnte Spielberg allein solch eine Geschichte mit links interessant inszenieren, doch „Die Verlegerin" ist auch ein Film über eben jene Verlegerin Katharine „Kay" Graham (Meryl Streep). Sie steht an der Spitze des Verlags, der die „Washington Post" herausbringt. Auf die erste weibliche Zeitungsverlegerin wird als Nur-Erbin herabgesehen, die den Laden von ihrem verstorbenen Mann übernahm. Dabei steht die Zeitung kurz vor dem Börsengang und kann keine Unruhe vertragen. Doch Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks), mit dem sie auf vertraulicher Basis diskutiert, will über einen gigantischen Vertuschungsskandal im Weißen Haus berichten. Dabei ist Katharine Graham auch mit Robert McNamara befreundet, der als Kennedys Verteidigungsminister mitten im Skandal steckt. Und das ist eine der großen Szenen, in denen die Soldaten-Mutter Graham McNamara ganz persönlich Soldaten mit seinen Verbrechen an der Menschheit konfrontiert.

Es geht um ein Verbrechen, einen dieser Kriege von demokratischen Regierungen, bei denen das Wahlvolk in Tausenden als Soldaten umgebracht werden. „Die Verlegerin" spielt altmodisch in einer Vor-Internet-Zeit, als man noch die Zeitung der Konkurrenz kaufen musste. Und topaktuell „herrlich" in all den zahlreichen Beispiele von mansplaining, die Spielberg in großen und kleinen Gesten wunderbar ins Bild bringt. Mit Herren in Schlips und Kragen, die Katharine Graham umringen und bedrängen. Tatsächlich geht es einfach darum, ob und dass eine Ausgabe einer Tageszeitung gedruckt wird. Mit noch von Hand gesetzten Seiten. Und auch sonst wird das Funktionieren von (Druck-) Pressen und Presse sehr sinnlich gemacht. Die Emanzipation einer Verleger-Witwe, die zur Chefin wird, ist sehr schön mit dem Kampf um Pressefreiheit verbunden. Spielberg zeigt Graham nach dem Sieg vor dem Supreme Court umringt von jungen Frauen. Sie hätte auch in „Die Unbestechlichen" von 1976 eine Rolle spielen sollen, wie das Schlussbild vom Watergate Hotel andeutet. Aber da standen noch die Herren Redakteure im Vordergrund.

Docteur Knock

Frankreich 2017 (Knock) Regie: Lorraine Lévy mit Omar Sy, Alex Lutz, Ana Girardot 113 Min.

Knock (Omar Sy), ein Gauner und Hochstapler, entdeckt auf der Flucht vor seinen Wettschulden seine Leidenschaft für die Medizin. Genauer: Für die Verdienstmöglichkeiten als Mediziner. Als Dr. Knock kommt er im verschlafenen Nest Saint-Mathieu an, um die Praxis vom Dorf-Arzt zu übernehmen. Es ist Nachkriegszeit und Knock ist ein Vorläufer der modernen Pharma-Industrie: Die quietschfidelen Menschen im Dorf sind schon krank, sie wissen es nur noch nicht! Zuerst lädt er alle zur Gratis-Konsultationen ein, dann kassiert er ab. Der besoffene Briefträger lässt die Zigaretten sein. Unverhohlen teilt er dem Apotheker mit, dass es nur ums Geldmachen geht. Mit großer Menschenkenntnis wickelt er alle im Dorf um den Finger. Fast alle, der Priester bekämpft verbissen die Konkurrenz.

Ein liebliches und nur freundliches Dorf ist Kulisse für eine harmlose bis langweilige Geschichte nach einem Theaterstück von Jules Romains aus den 1920er Jahren. Sie wurde bereits vier Mal verfilmt, diese Version soll nicht moderner als die von 1951 sein. Vor lauter trägem Bebildern über fast zwei Stunden verschläft man beinahe das Drama der letzten zehn Minuten. Erst bei einer späten Begegnung mit dem alten, überhaupt nicht geschäftstüchtigen Arzt steigert sich Knocks Methode zum Wahnsinn. Und auch die alte Geschichte mit Wettschulden kommt ihm in die Quere. Da wird es sogar mal kurz lustig, da kommen sie aus sich heraus, die kleingeistigen Menschen aus diesem kleingeistigen Film. Wobei nicht der billige Klamauk gemeint ist, dass der Priester mitsamt seiner Kanzel zu Boden kracht. Das harmlose Komödchen ist zwar überraschend gut besetzt, aber das ist halt das Potential des französischen Kinos, selbst solche Belanglosigkeiten auf hohem Niveau produzieren zu können.

11.2.18

Die Grundschullehrerin

Frankreich 2016 (Primaire) Regie und Drehbuch: Hélène Angel mit Sara Forestier, Vincent Elbaz, Albert Cousi 105 Min. FSK ab 0

Französische Filme beschäftigen sich immer wieder mal mit Bildung und sind dabei kein Blödsinn - ein Hinweis auf eine wahre Kultur- und Kino-Nation! Nach dem Cannes-Sieger „Die Klasse" taucht auch „Die Grundschullehrerin" scheinbar ganz einfach in den Schulalltag einer Grundschule ein. Florence (Sara Forestier) ist eine leidenschaftliche Lehrerin. Sie arbeitet gegen die Legasthenie von Tara, fängt gleichzeitig die Streitereien und die Gehässigkeiten von Lamine und Timothée auf. Die überschwängliche Hilfe der Lernbegleiterin Madame Duru für ihre Inklusionsschülerin muss gebremst werden. Das Schulstück würde mit tollen Kostümen und Musik auch einer Theater AG gut stehen. Liebevoll behält die junge Lehrerin jeden im Blick. Nur ihren Sohn Denis, der auch in dieser 4. Klasse sitzt, nimmt sie nie dran - er weiß es ja sowieso. Als Sacha in ihrer Klasse strandet, stellt es sich heraus, dass er so stinkt, weil er alleine zu Hause lebt und das Geld der Mutter zwar für Fast Food reicht, aber die Wäsche nicht mehr frisch ist. Florence übernimmt selbstverständlich auch noch dieses Problem.

Dass die alleinerziehende Florence nie wirklich aus ihrer Schule rauskommt, macht auch ihre Wohnung im gleichen Gebäude klar. Sacha landet öfters hier, weil niemand ihn abholen kommt. Klar, dass Sohn Denis eifersüchtig wird. Der ist sowieso sauer, weil er mit seinem Vater auf Weltreise will und Mama das auf keinen Fall erlaubt. Wie sich „Die Grundschullehrerin" durch allgemeine Ambivalenz von anderen, nur gut gemeinten Filmen abhebt, zeigen auch die beiden Jungs: Man hat Mitleid mit Sacha und erschrickt, wie fies und hinterhältig er sein kann. Denis, der Junge aus besseren Verhältnissen, steht ihm dabei nicht nach.

Florence hat tatsächlich eine ganze Menge zu tragen und dann holt da auch noch dieser ganz nette Essens-Ausfahrer, der überhaupt nicht zu ihr passt, immer mal wieder Sacha ab. Sara Forestier glänzt eben nicht in dieser äußerst komplexe Rolle, sie bleibt immer völlig bodenständig und glaubwürdig. Gemäß ihrer eigenen Erkenntnis, dass auch die Lehrer lernen, erzählt der schöne Film vor allem die Geschichte, wie sie mal aus der Schule rauskommt.

„Die Grundschullehrerin" ist eine Hymne für alle engagierten Lehrer, die nicht perfekt sein mögen, aber mit großem Engagement ihren besten Job machen. Er geriet nicht so dokumentarisch wie Laurent Cantets Cannes-Sieger „Die Klasse", begeistert aber auch mit lauter Laien in den Kinderrollen (und ist ebenfalls in Grenoble angesiedelt). Dabei wirkt er bei aller Realitätsnähe mit ein paar Wundern auch mal ganz märchenhaft.

Shape of Water

USA 2017 Regie: Guillermo del Toro mit Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Doug Jones 123 Min. FSK ab 16

Der Goldene Löwen bei den Internationalen Filmfestspielen Venedig 2017. 13 Oscar-Nominierungen, unter anderem für Bester Film (Guillermo del Toro und J. Miles Dale), Beste Regie (Guillermo del Toro), Beste Hauptdarstellerin: Sally Hawkins, Beste Nebendarstellerin: Octavia Spencer, Bester Nebendarsteller: Richard Jenkins sowie Bestes Originaldrehbuch: Guillermo del Toro und Vanessa Taylor. Das wären schon mal ein paar Argumente für den wunderbaren „Shape of Water"!

Wie so oft - „Pans Labyrinth", „Hellboy" - begibt sich Guillermo del Toro zurück in die Welten des (Alb-) Traums und der populären Mythen. Sie lauern überall, zum Beispiel genau unter der Wohnung der gehörlosen Putzfrau Elisa (Sally Hawkins) im riesigen Kino, das gerade einen monumentalen Römerfilm zeigt. Es sind die 60er-Jahre, es herrscht Kalter Krieg. Elisa putzt jede Nacht in einem geheimen Hochsicherheitslabor der US-Regierung. Ein wahrlich stilles Leben mit kleinen Freuden wie der morgendlichen Selbstbefriedigung in der Badewanne und dem väterlichen Freund, dem Werbemaler Giles (Richard Jenkins) nebenan. Bis mit einer großen Metalltruhe etwas Besonderes ins Labor transportiert wird. Da Putzfrauen für die dortigen Herren der Schöpfung nahezu unsichtbar sind, verfolgt Elisa ganz nahe, wie ein in Ketten gelegtes Wasserwesen mit Elektroschocks gefoltert wird. Sie muss auch die Sauerei wegwischen, als dem Quäler ein paar Finger abgebissen werden.

Die stumme Frau fühlt sich direkt zum geheimnisvollen Wesen hingezogen und verlegt einfach mal ihr Frühstück an den Rand des Wasserbeckens. Elisa teilt nicht nur ihr hart gekochtes Ei mit dem scheuen Aqua-Mann, sie bringt ihm auch ihre Zeichensprache bei. Eine besondere Romanze könnte beginnen, doch das Militär will das vermeintliche Monster möglichst schnell sezieren.

Der Mustermann der USA der 60er ist der Militär Strickland (Michael Shannon). Einerseits ziemlich schräg, wenn er Händewäschen nach dem Pinkeln als Schwäche empfindet oder seine Frau beim Sex am liebsten stumm mag. Aber auch ganz mörderisch als Gesicht von Militarismus und Kolonialismus. Strickland will Unbekanntes erst einmal töten. Einer der entlarvenden Sätze seiner Spezies lautet: „Wir exportieren Anstand, weil wir ihn selbst nicht gebrauchen können." Der Bezug zum Amerika von Trump ist unüberhörbar, auch wenn das Wesen vom Amazonas dort wegen irgendwelcher Ölbohrungen im Weg war. Nun will Elisa ihren neuen Freund aus dem Labor entführen. Hilfreich dabei ausgerechnet ein russischer Spion.

Monster- und Liebesgeschichte. Typisch für Guillermo del Toro, der schon früh in „The Devil's Backbone" (2001) und dann in „Pans Labyrinth" (2006) den Franco-Faschismus mit Geister-Welten zusammenbrachte. Nun kommt aus dem Kino, aus Jack Arnolds B-Monsterfilm „Der Schrecken des Amazonas" (1954), ein Fremder oder vielleicht gar ein Gott, der die einfache Putzfrau Elisa aus ihrer kleinen, wenn auch poetischen Existenz befreit. „Shape of Water" ist dabei von den ersten Bildern eines Traums der wundervollste Film seit langem. Keine Überraschung beim so einzigartig fantastischen Regisseur, Autor und Produzent del Toro. Aber jedes Mal wieder betörend und beglückend. Sally Hawkins beeindruckt erneut, nach „Maudie" oder „Happy Go Lucky", in einer dieser Rollen, die nur für sie geschaffen scheinen. Ihre Elisa ist grandios in der Überzeugung, das Richtige zu tun. Dass dabei eine rassistische, frauen- und schwulenfeindliche Welt sehr exakt entlarvt und überwunden wird, macht dieses Märchen der populären Kultur zu einer gleichzeitig klug politischen Erzählung.

10.2.18

Alles Geld der Welt

USA 2017 (All the Money in the World) Regie: Ridley Scott mit Michelle Williams, Mark Wahlberg, Christopher Plummer, Romain Duris, Charlie Plummer 133 Min. FSK ab 12

Mehr, mehr, mehr! Bitte einen Oscar für das beste Gesicht des Kapitalismus an Christopher Plummer! J. Paul Getty, der „reichste Mann aller Zeiten", hat trotz der Milliarden, die er gerade am morgendlichen Ölmarkt gemacht hat, kein für seinen Enkel übrig. Obwohl die Entführer schon ein Ohr vom jungen John Paul Getty III geschickt haben.

Es war eine der aufsehenerregendsten Entführungen der Promi-Welt: 1973 wurde der 16-jährige Paul (Charlie Plummer), Enkel des milliardenschweren Öl-Magnaten J. Paul Getty (Christopher Plummer, nicht verwandt), in Rom entführt. Was die Kidnapper scheinbar nicht wissen, ist dass der junge Paul zusammen mit seiner Mutter Gail Harris (Michelle Williams) lebt und die sich schon vor Jahren von ihrem Getty-Ehemann getrennt und vom alten reichen Geizhals losgesagt hat. Für Gail ist es unvorstellbar, 17 Millionen Dollar Lösegeld aufzutreiben. Der Bittgang zum ehemaligen Schwiegervater wird mit unvorstellbarer Kälte beantwortet. J. Paul Getty empfängt sie nicht einmal. Es charakterisiert ihn dabei vortrefflich, dass er auf seinem Schloss eine Telefonzelle mit Münzeinwurf für Gäste installiert hat!

Ridley Scott, der neben seinen nicht wenigen epochalen Filmen wie „Blade Runner", „Alien", „Thelma & Louise", „Gladiator" oder „1492" auch noch eine ganze Reihe interessanter inszeniert hat, legt hier mal keinen besonders spannenden Film hin. Hochspannung und Action gibt es nur kurz im Finale. Deftig ist „Alles Geld der Welt" zwar bei der ausführlich grausamen Verstümmelung der Geisel für einen altmodischen Beweis, dass sie lebt. Vor allem reiht sich ein unglaublicher Moment von Gettys Gier und Geiz an den nächsten. Eine Rückblende über die kurzzeitige Rückkehr seines verlorenen Sohnes und großer Zuneigung zum Lieblings-Enkel Paul macht das Staunen nur noch größer.

In einer besonders gelungenen Szene taucht J. Paul Getty im Moment größter Bedrohung für den Enkel mit einem Koffer voller Geld bei einem obskuren Italiener auf. Das Millionen-Geschäft wird vereinbart, bald blickt der Öl-Magnat glückselig und sagt „Mein schönes Kind" ... zu einem Ölgemälde mit Maria und Kind! Die reale Mutter Gail Harris erleidet derweil Höllenqualen, muss die vermeintliche Leiche des Sohn identifizieren und streitet sich durchgehend mit dem ehemaligen CIA-Agenten Fletcher Chase (Mark Wahlberg), den Getty ihr zur Kontrolle mitgegeben hat. Inzwischen sorgten das Zögern bei der Familie des Entführten und dann doch endlich ein paar Bemühungen bei nicht korrupten Polizisten dafür, dass die Sache für die Entführer zu heiß wurde und dass sie die Geisel einem Mafia-Gangster „weiterverkaufen".

Das zynische und eiskalte Gesicht des Kapitalismus wird durch Christopher Plummer („Verblendung") so eindringlich dargestellt, dass man eigentlich keinen Gedanken an Kevin Spacey verliert, der Getty zuerst hinter einer extrem dicken Maske spielte und der mit einem Nachdreh aus dem Film radiert wurde. Michelle Williams legt die Ergriffenheit routiniert hin, Mark Wahlberg erweist sich erneut als Null-Nummer, sein Sicherheitsmann hätte sicher weniger Leinwandzeit vertragen können. Es ist tatsächlich Plummer, der diesen Film trägt und zum dem man sagen muss: „Mehr. Mehr. Mehr!"

8.2.18

Wer ist Daddy?

USA 2017 (Father Figures) Regie: Lawrence Sher mit Owen Wilson, Ed Helms, Glenn Close, J.K. Simmons, Christopher Walken 113 Min. FSK ab 12

Owen Wilson, Glenn Close, J.K. Simmons und Christopher Walken - diese Besetzung kann sich sehen lassen! Dieser Film absolut nicht. Close spielt in der völlig verunglückten Komödie „Wer ist Daddy?" die Mutter der Zwillinge Kyle und Peter und verkündigt ihnen, der nette Mann auf dem Foto über dem Kamin sei überhaupt nicht der verschwundene Erzeuger, sondern von ihrer Mutter nur erfunden. Mama lebte und liebte wild in den 70er und könne nicht mehr sicher sagen, wer der Vater der Brüder ist. Nun beginnt die übliche Suche und Reise, auf der sich die zerstrittenen Kyle und Peter zusammenraufen.

Dabei spielen Owen Wilson („Grand Budapest Hotel", „Die Hochzeits-Crasher") und Ed Helms („Hangover", „Wir sind die Millers") schon so nebeneinander her, dass sie unmöglich Brüder sein können. Der Trip, den „Hangover"-Kameramann Lawrence Sher in seinem Regie-Debüt hinlegt, verläuft unfassbar unausgegoren und holperig. J.K. Simmons und Christopher Walken bekommen als bescheuert überdrehte Figuren und Vater-Kandidaten kurze Szenen, können aber auch nichts rausreißen. Ein paar Unflätigkeiten gehören im Genre des verfilmten Chaos immer dazu. Alles zusammen verläuft unglaubwürdig und langweilig.

7.2.18

Licht

Österreich, BRD 2017 Regie: Barbara Albert mit Maria Dragus, Devid Striesow, Lukas Miko 97 Min. FSK ab 6

Wenn sie nur Stevie Wonder oder den am Piano summenden Glenn Gould gekannt hätten, die Eltern des 18-jährigen, blinden Klavier-Wunderkinds Maria Theresia Paradis. Aber sie hätten trotzdem an dem Mädchen rumgemeckert, das im Wien des Jahres 1777 der Gesellschaft vorgeführt wird. In feinen Stoffen stecken grobe Gestalten mit gemeinem Verhalten. Es ist eine harte und grausame Behandlung der eigenen Tochter, die wie ein Zirkusäffchen ganz vortrefflich am Klavier musiziert. Hämisch wird über die hässlichen und stinkenden Folgen der Heilungsversuche einiger Kurpfuscher getuschelt. Für einen neuen Versuch soll die im Alter von drei Jahren Erblindete zum umstrittenen Arzt Franz Anton Mesmer. Im offenen Haus der Mesmers, zwischen Rokoko und Aufklärung, im Kreise wundersamer Patienten und dem Stubenmädchen Agnes, gewinnt Maria Theresie tatsächlich langsam ihr Sehvermögen zurück. Und sie kann das erste Mal in ihrem Leben Freiheit spüren. Allerdings geht auch ihre musikalische Virtuosität verloren. Ein Problem für die Eltern, denn „wenn sie nichts kann, zählt sie nichts"!

Die sehr angesehene Autorin und Regisseurin Barbara Albert („Fallen", „Böse Zellen", „Nordrand") basiert ihren Film über Maria Theresia Paradis (1759-1824) auf den Roman: „Am Anfang war die Nacht Musik" von Alissa Walser. Dabei sind auch der sehr interessante Arzt Franz Anton Mesmer (1734-1815) und sein Heilverfahren vermittels „magnetischem Fluidum" historisch verbürgt. Dies und die üppig schöne Ausstattung hinterlassen jedoch nie den Eindruck verstaubter Themen und Menschen. Sowohl von den Eltern Paradis als auch von Mesmer wird Maria Theresia gnadenlos vorgeführt. Und mit ihr der „Wert" des Menschen. Während das Wunderkind von einer kaiserlichen „Gnadenpension" abhängig ist, muss Mesmer um adelige Zuwendungen betteln. Da sind die Klicks bei Youtube oder die altmodischen Zuschauerzahlen nicht weit entfernt.

Barbara Alberts kluges Drehbuch, genaue Beobachtungen sowie eine exzellente Kamera sorgen immer wieder für interessante Szenen, wie die frische Wahrnehmung der Welt der Genesenden mit einem Kaspar Hauser-Effekt für neue Unterhaltung der Gesellschaft sorgt. Die Verbeugung von Mesmer und Joseph Anton „von" Paradis, mit gegenseitiger Fixierung, damit sich keiner auch nur einen Millimeter zu sehr beugt, ist herrlich. Das „einfache" Volk im Gesinde wird nicht übersehen. Und auch die Hauptdarstellerin beeindruckt: Maria Dragus legt nach ihrem starken Auftritt in „Tiger Girl", „Das weiße Band" und der Hauptrolle in „Tod einer Kadettin" hier erneut eine eindrucksvolle Tour de force hin.

6.2.18

Dinky Sinky

BRD 2016 Regie: Mareille Klein mit Katrin Röver, Ulrike Willenbacher, Till Firit 95 Min. FSK: ab 0

Die 36-jährige Frida (36) will ein Kind in die Welt setzen. Bei der Arbeit als Sportlehrerin will sie ein Kind und notiert nicht nur den eigenen Fruchtbarkeitszyklus, sondern auch den der Schülerinnen. Beim Ausflug mit dem Freund Tobias macht sie ihm einen Heiratsantrag - weil ... sie will ein Kind und Verheirateten wird die künstliche Befruchtung von der Kasse bezahlt. Beim Sex mit dem Freund will sie vor allem - ein Kind zeugen. Frida ist begeisterte Spezialistin für Baby-Zubehör wie Kuscheltiere oder optimale Kinderwagen. Kein Wunder, dass der Freund sich nach zwei Jahren aus diesem Zeugungsprogramm verabschiedet. Zuerst für eine Pause, dann für immer.

„Dinky Sinky" kommt über ein Jahr nach der Premiere beim Saarbrücker Max Ophüls-Festival in die Kinos. Meist kein gutes Zeichen. Hier eine deutliche Warnung. Der anstrengende Film kommt so humorlos und verbissen wie die Hauptfigur daher. Überhaupt geben schon Frida und Tobias ein furchtbares Paar ohne einen einzigen guten Moment ab. Beides sind Menschen, mit denen man nicht so viel Zeit verbringen will. Ein gemeinsamer Kinofilm kann da schon lang werden. Überdeutlich wird bei tickender biologischen Uhr die Konkurrenz der Freunde und Verwandten um möglichst viel Nachwuchs dargestellt. Der Gynäkologe macht zusätzlich Druck. Als Frida zwangsläufig vom Zustand Dinky („Double Income, No Kids Yet") zum Sinky („Single Income") wechselt, quält sich der Film durch ein paar Dates, die höchstens als krachende Komödie hätten funktionieren können.

Aber wie Fridas Hamster immer in seinem Rad rennt (Symbol!) verläuft „Dinky Sinky" sehr eingleisig und nur mäßig interessant. Zwischendurch trainiert die Lehrerin eifrig für einen Marathon. Das soll wahrscheinlich auch was bedeuten, aber interessiert längst nicht mehr. Nix Tragikomödie, vor allem keine Tragik. Das ist mit wenig Esprit verfilmte Betroffenheit der Autorin und Regiedebütantin Mareille Klein. Kann auch als Beipackzettel bei Pro Familie verteilt werden, nur die gehen dort sicher klüger mit solchen Situationen um.