29.11.16

Ein Lied für Nour

Niederlande, Großbritannien, Katar, Argentinien, Palästina, 2015 (Ya tayr el tayer) Regie: Hany Abu-Assad mit Tawfeek Barhom, Ahmed Al Rokh, Hiba Attalah 95 Min. FSK: ab 0

Nach wilder Verfolgungsjagd über Dächer, durch Nähereien und Marktstände des Gaza-Streifens folgt die Überraschung: Der flotte Junge, der sich gerade wieder einen Schekel verdient hat, ist ein Mädchen. Die mutige, zwölfjährige Nour und ihr Bruder Mohammed sammeln Geld für ihren Traum, eine richtige Band zu werden. Doch gerade als sie ganz nahe dran sind, stirbt Nour weil ihre Nieren versagen. Erst Jahre später als junger Mann will Mohammed (Tawfeek Barhom) den Traum verwirklichen, indem er an der Casting-Show „Arab Idol" teilnimmt. Ein schwieriges Unterfangen für einen armen Palästinenser, der nicht mal ohne Probleme aus dem Gaza-Streifen raus kommt.

„Ein Lied für Nour" erzählt die reale Geschichte des „Arab Idol"-Siegers Mohammed Assaf in zwei ganz unterschiedlichen Teilen: Die Kindheit erfreut als nette, sympathische Geschichte. Die zweite Hälfte geriet dann zu einer arg konventionellen und inszenatorisch einfallslose Erfolgs-Story, verwoben mit noch einer Kranken- und einer Liebesgeschichte.

Die politisch angehauchte Tragikomödie zeigt am Rande mit allgegenwärtigen Trümmern und beinamputierten jungen Männern die Folgen des Aufstandes gegen die israelischen Besatzer. Wenn Mohammed als einziger Vertreter aus Gaza die Stimme einer unterdrückten Nation sein soll, dann ist das schon arg deutlich Propaganda und der Film verliert den Charme seiner ersten Hälfte. Dabei wollte ihn ein alter Freund, der an die Religion verloren ging, gar nicht ausreisen lassen. Der reale Mohammad Assaf ist mittlerweile Botschafter der Vereinten Nationen, hat einen Diplomatenpass, muss sich aber die Einreise nach Gaza immer noch genehmigen lassen.

Das Morgan Projekt

USA 2016 (Morgan) Regie: Luke Scott mit Kate Mara, Anya Taylor-Joy, Rose Leslie 92 Min. FSK: ab 16

Hat er das „Blade Runner"-Gen? Oder ist der Sohn nur ein Klon? Luke Scott, Sprößling von Großmeister Ridley Scott macht direkt als Debüt einen Replikanten-Film und fordert einen Vergleich heraus.

Die eiskalte Risikomanagerin Lee Weathers (Kate Mara) soll in einem abgelegenen, streng geheimen Forschungslabor einen Unfall mit einer künstlich erzeugten Kreatur überprüfen. Die dortige Wissenschaftler-Gemeinschaft lebte mit Morgan (Anya Taylor-Joy) die letzten fünf Jahre wie in einer glücklichen WG. Bis dem wie ein ausgewachsener Teenager wirkenden „Es" die Ausflüge in die Natur untersagt wurden. Bald muss ein „Psychologe für Künstliche Intelligenz" auch dran glauben und schnell haben wir die alte Geschichte, dass die Kreatur gegen ihre Schöpfer rebelliert. Bekannt aus „Blade Runner", zuletzt gesehen im großartigen „Ex Machina", mit Scarlett Johannson bereits als „Lucy" und demnächst in dem Anime-Remake „Ghost in the Shell!". „Morgan" fehlt dagegen so ziemlich alles, was diese Geschichten faszinierend macht. Die Kreatur wird nur von einer unbestimmten Wut angetrieben. Der ganze Kitsch, dass diese Wesen die besseren Menschen seien, fällt komplett aus.

Dabei ist der Science Fiction mit zunehmenden Splatter-Elementen mit Jennifer-Jason-Leigh, Paul Giacometti, Toby Jones und anderen ungewöhnlich gut besetzt. Anya Taylor-Joy sieht als Morgan mit blasser Haut und bläulichen Lippen gleichzeitig verletzlich und gefährlich aus, aber längst nicht so faszinierend wie Eve aus „Ex Machina". Uninteressant wie das Styling der Räume erweisen sich auch die flachen Gedankengebäude. Selbst die - vorhersehbare - Überraschung des Endes verpufft wirkungslos. Das reicht für ein Fernsehfilmchen, aber der Sohn von Ridley „Blade Runner" Scott darf mit so was nicht nach Hause kommen! Hab man ihm denn nicht schon in der Wiege vorgespielt, wie es richtig geht?

Marie Curie

Frankreich, Polen, BRD, 2016 Regie: Marie Noëlle mit Karolina Gruszka, Arieh Worthalter, Charles Berling 100 Min. FSK: ab 6

Das erste, was wir von der zweifachen Nobelpreisträgerin Marie Curie sehen, ist eine Geburt. Dabei ist Curie (1867-1934) die einzige Frau unter den vier Mehrfach-Nobelpreisträgern und neben Linus Pauling die einzige Person, die Nobelpreise auf zwei unterschiedlichen Gebieten erhalten hat. Die Polin war erste Frau an der Sorbonne und später die erste Professorin, die dort lehrte. Genau diese Spannung zwischen Mutter, leidenschaftlicher Frau und außergewöhnlicher Wissenschaftlerin versucht die Regisseurin und Autorin Marie Noëlle („Ludwig II.", 2012, „Die Frau des Anarchisten", 2008) in einschmeichelnden Bildern einzufangen.

Der Film erzählt vom Leben der französische Wissenschaftlerin Marie Curie (Karolina Gruszka) zwischen ihren beiden Nobelpreisen für Physik (1903) und für Chemie (1911). Die große und leidenschaftliche Liebe zu ihrem Mann Pierre (Charles Berling) wird durch dessen plötzlichen Unfall-Tod zerrissen. Eine gemeinsame Romantik, die auch darin bestand, das blaue Strahlen des Radiums in der Nacht zu bestaunen, ist vorbei. Gerade Mitte dreißig versucht die junge Mutter zweier Kinder die Lehrtätigkeit ihres Mannes als einzige gleichwertige Forscherin auf dem Gebiet der Strahlenforschung weiterzuführen. Doch die sexistischen Widerstände sind und bleiben groß. Der Liebesfilm zeigt nun den Kampf einer Frau, die ohne ihren Mann keine Anerkennung und keine Professoren-Stelle erhalten kann. Marie kämpft auch dafür, dass ihre Töchter einmal in einer gerechteren Welt leben können. (Eine Tochter wird später als zweite Frau überhaupt auch einen Nobelpreis erhalten!)

Es ist ihr geistreicher Bewunderer Einstein, der beim Spaziergang am Strand das Lachen der Marie Curie entdeckt. Eine neue Liebe findet sie mit einem verheirateten Kollegen - ebenfalls Wissenschaftler und Liebhaber in einem - und macht sich dessen zu Recht eifersüchtige Frau zur Feindin. So trifft die Nachricht vom zweiten Nobelpreis ein, während die „Académie des sciences" Marie Curie gerade abgelehnt hat und ein Pöbel ihr Haus belagert, weil sie mit einem verheirateten Mann zusammen und auch noch Jüdin ist

Dass diese „moralische Verfehlung" nur Thema sein kann, weil Marie Curie eine Frau ist, der ein besonders eklig sexistischer Entscheider seine Stimme nur gegen Sex geben will, spricht die entschlossene Frau selbst aus. Während modernste Wissenschaft und archaische Schlacken wie Antisemitismus und Duelle nebeneinander existieren, zeigt Regisseurin Marie Noëlle gleichzeitig exzellente Forscherin und leidenschaftliche Frau. Das könnte in Plattitüden abrutschen, doch Curie wird sehr glaubwürdig, sinnlich und energisch verkörpert von der Polin Karolina Gruszka. Trotz poetisch überstrahlter Bilder - ein Großteil der Szenen findet im Gegenlicht statt - bleiben die Figuren lebendig und natürlich. Die Musik von Bruno Coulais sichert die großen Gefühle, die Kamera von Michal Englert sorgt für einschmeichelnde Bilder. Letztendlich ein gelungenes Experiment, denn neben der historisch-biografischen Geschichte meint man einen faszinierenden Menschen kennenzulernen.

Underworld Blood Wars

USA 2016 Regie: Anna Foerster mit Kate Beckinsale, Theo James, Tobias Menzies 91 Min. FSK: ab 16

Noch mal 1000 Jahre? Das klingt wie eine Drohung, weil „Underworld 5" weniger „mehr vom Gleichen" als mehr Weniger bietet. Ein „Was bisher geschah" stellt den äußerst uninspirierten Anfang der neuen Franchise-Folge dar. Und mehr als eine Fernsehserien-Fortsetzung um Kate Beckinsale in Lack-Leder kommt auch bis zum Ende nicht dabei raus.

In dem Abklatsch des ehemaligen Blockbusters, der dank besonders kühlem Design aufregend anzusehen war, geht es für die Vampirin Selene (Kate Beckinsale) weiter im Kampf gegen den Lykaner-Klan und die Intriganten der eigenen Blutsauger-Sippen. Ob Vampire in langen SS-Mänteln oder Hightech-Werwölfe, die mit UV- und Torpedo-Kugeln schießen, alle sind hinter dem Blut von Selenes Tochter her, einem Hybrid-Mädchen. Das kann an Intrigen- und Verrat-Potential glatt mit Uralt-Kram wie „Dallas" oder „Denver" mithalten. Wenn Semira (Lara Pulver), die neidische Hexe unter den Vampiren, allerdings von ihrem „schönen, aber fantasielosen Bettgenossen" redet, könnte sie auch den ganzen Film damit meinen.

Immerhin flieht man nach viel Gequatschte zu den Nordischen Feen-Vampiren und Selene hat nach Wellness-Kur mit Gurken-Maske oder so ein Gandalf-Erlebnis: Sie kann als Weiße Vampirin noch rasanter zuschlagen. Denn bei all den tollen Sachen, die Werwölfe und Blutsauger so drauf haben - letztlich fällt ihnen nichts anderes ein, als sich zu prügeln. So vermisst man spektakulären Vampir-Kram, der Look der Locations in Prag und dem hohen Norden wirkt lahm und billig. Anna Foerster, die deutsche Kamerafrau von „White House Down" und „Anonymus", kann hier mit ihrem Spielfilm-Debüt gar nicht überzeugen.

28.11.16

Sully

USA 2016 Regie: Clint Eastwood mit Tom Hanks, Aaron Eckhart, Laura Linney 96 Min. FSK: ab 12

Von einem Eastwood erwartet man immer viel, auch wenn der Mann ein seltsames Verhältnis zu Stühlen und Politik hat. Nun macht er aus der sagenhaften Landung eines antriebslosen Passagierfliegers auf dem Hudson mitten in New York eine Hymne des einfachen Mannes „Sully". Wie der Pilot Chesley Sullenberger dies und die Turbulenzen danach bewältigt, ist nur am Rande eine typische Tom Hanks-Rolle. Dank ungewöhnlichem Aufbau packt „Sully" nicht als Katastrophen- sondern als exzellenter Eastwood-Film.

Es ist immer noch eine unglaubliche Geschichte, wie am 15. Januar 2009 Kapitän „Sully" Sullenberger sein defektes Flugzeug im Gleitflug auf dem eisigen Hudson River notlandete und das Leben aller 155 Menschen an Bord rettete. Das „Wunder auf dem Hudson" war nicht nur eine unfassbare Geschichte aus dem Herzen New Yorks, es war auch nach vielen Niederschlägen mal etwas Positives für die Stadt. So joggt Sullenberger (Tom Hanks) nach seiner Wasserung nachts durch New York und sieht den ganzen Time Square mit riesigen Aufnahmen seiner Heldentat ausgeleuchtet. Dass er allgegenwärtig ist, belustigt andere und beängstigt ihn. Denn derweil läuft schon eine Untersuchung, ob der Flugkapitän nicht doch den nächsten Lufthafen hätte erreichen können.

Es dauert glatt eine halbe Stunde, bevor Regisseur Clint Eastwood uns eine erste dramatische Version der mittlerweile legendären Not-Landung zeigt. Der Film selbst beginnt nach dem eigentlichen Ereignis mit der Untersuchung einer Luftsicherheits-Behörde. Die ungewöhnliche Dramaturgie zeigt den kurzen Einschlag von Wildgänsen in beide Triebwerke und die flugtechnische Meisterleistung aus verschiedenen Perspektiven: Die Suche nach der Wahrheit präsentiert den Ablauf mal dramatisch geschnitten wie im Katastrophen-Film, mal nüchtern aus dem Cockpit der beiden sehr ruhigen Piloten gesehen und sogar als Albtraum mit einem katastrophalen Crash mitten in New York.

Selbstzweifel quälen Sully, obwohl er tatsächlich als letzter das sinkende Luftschiff verlässt - korrekt in Uniformjacke mit dem Bordbuch in der Hand. Tom Hanks, der Jedermann des Hollywood-Films, ist nun ein ganz gewöhnlicher Flug-Kapitän. Um ihn herum ist alles erstaunlich unspektakulär. Die Vorwürfe der Flugaufsichts-Behörde gegen Sullenberger werden zu schnell abgeschmettert, um zur skandalösen Unrechts-Geschichte zu werden.

Der kurze Gerichtsfilm-Moment mit obligatorischer Rede legt offen, dass all die Computer-Simulationen, mit denen man Sullenberger falsches Handeln unterstellt, den menschlichen Faktor außer acht ließen. So verlängert Eastwood mit „Sully" das für New York so positive „Wunder auf dem Hudson" in ein Loblied darüber, was alles machbar ist, wenn gute, bescheidene und einfache Menschen einfach zusammenarbeiten. Wenn die beiden Piloten mit ihren altmodischen Schnurrbärten mit ganz leichtem Stolz sagen „Wir haben unseren Job gemacht", dann hört man das Eastwood selbst knurren. Das ist ziemlich einfach und konservativ gedacht - wie auch anders, bei einem 86-Jährigen. Ob man es naiv oder positiv nennen will, darf jeder selbst entscheiden. Gut und interessant gemacht ist auch dieser Eastwood auf jeden Fall.

Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt

BRD, Belgien 2016 Regie: Wolfgang Groos mit Arsseni Bultmann, Alexandra Maria Lara, Sam Riley 106 Min. FSK: ab 0

Regisseur Wolfgang Groos ist mit „Rico, Oskar und ..." sowie „Die Vampirschwestern" und „Vorstadtkrokodile 3" ganz groß in der Umsetzung von Kinderbüchern und auch meist ganz gut. Wieso nun die Neuverfilmung der sehr bekannten WDR-Puppentrickserie „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt" völlig misslang, ist ein interessantes Rätsel. Das einzig Interessante am lahmen, wenig witzigen und ganz schlecht besetzten Kinderfilm. Wie im fast fünfzig Jahre alten, gleichnamigen Kinderbuch von Boy Lornsen trifft der gemobbte Außenseiter-Junge Tobbi auf einen Roboter-Jungen, dessen Raumschiff auf der Erde strandete. Zum Glück ist Tobbi eifriger Erfinder und mit dem bald gebauten Flug-Wasser-Wagen Fliewatüüt reisen die Jungs zu Robbis Eltern an den Nordpol. Den Wert der Freundschaft wiederholt „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt" penetrant, aber so leblos wie Tobbi von Arsseni Bultmann gespielt wird, verwundert es irgendwie nicht, dass seine besten Freunde Hirngespinste sind.

Das Buch von Jan Berger verlagert die alte Geschichte in die digitale Gegenwart, macht aus dem Bösewicht, der Robbi wie einst „E.T." jagt, den harmlos diabolischen Vorsitzenden eines Kommunikations-Konzerns. Dass die liebliche Kleinstadt als ein künstliches Bilderbuch-Örtchen, schlimmer als Prenzl-Berg, daherkommt, wäre noch zu ertragen. Aber die ganze Geschichte kommt über den Versuch, nett sein zu wollen, nicht hinaus. Und steht dann sehr lange dumm rum, genau wie dieser nervige Tobbi. Ein Kurzauftritt vom hinter Vollbart verstecktem Bjarne Mädel, Alexandra Maria Lara und Sam Riley als überkandidelte Agenten - das war es auch schon in Sachen gekonnter Spaß. Der Rest besteht aus Slapstick-Versuchen mit schlechtem Timing. Ein Kinderfilm von Groos für klein zum Abgewöhnen.

21.11.16

Ferne Söhne

BRD 2016 Regie: Andres Rump, Erik Wittbusch 88 Min.

An den Grenzen bei Aachen werden auch alleinreisende minderjährige Flüchtlinge „aufgegriffen" und in Jugendheimen untergebracht. 800 sollen es sein. Da verwundert es nicht, dass gleich mehrere Filmemacher dieses Thema aufgreifen. Nachdem das Regieduo Michael Chauvistré und Miriam Pucitta zusammen mit Flüchtlingskinder in Maria im Tann filmte, stellt nun der Aachener Andres Rump mit „Ferne Söhne" ein Porträt von sechs jugendlichen Flüchtlingen vor, die in Deutschland ein neues Leben begonnen haben.

Ambesa aus Eritrea erzählt, wie das Militär ihn als Zehnjährigen entführt hat, während er auf einem Balkon hinter Kaninchendraht steht. Mahruf aus Afghanistan sieht man beim Sortieren einer Werbezeitung, als er erzählt, wie die Taliban seinen Schulbesuch verhinderten und ihn verjagten. Von all diesen Schicksalen erfahren wir in Off-Erzählungen, teilweise als Hörspiel mit Untertiteln, durchgehend in Schwarz-Weiß. Im Bild die Orte, an denen sie jetzt leben: Das Flüchtlingsheim, ein Moschee, das Boxtraining. Eine Bahn lang im Schwimmbad erfahren wir, dass der afghanische Flüchtling den Kontakt zu den Eltern verloren hat, wegen seiner Depressionen behandelt wird und noch immer Arzt werden will. Die Bildebene ist dabei immer von der Handlung her reduziert. Es passiert sehr wenig, die Kamera liefert nur feste Einstellungen, man kann sich auf die Erzählungen konzentrieren.

„Ferne Söhne" ist so ein sehr statischer Film, was man weithergeholt als Ausdruck der Flüchtlings-Situation interpretieren könnte: Es geht nicht weiter. Die Geschichten der sechs Jungs sind aber vor allem durchgehend in sich bewegend. Die kluge, aber nicht selbstverständliche Entscheidung, trotz durchaus guter Deutschkenntnisse alle in ihrer eigenen Sprache reden zu lassen, verstärkt die Wirkung.

Aloys

Schweiz, Frankreich, 2016 Regie: Tobias Nölle mit Georg Friedrich, Tilde von Overbeck 91 Min. FSK: ab 12

Als dem verschrobenen Privatdetektiv Aloys Adorn seine Kamera geklaut wird und ihm eine mysteriöse Frau als Finderin in Telefongespräche verwickelt, bekommt das Schneckenhaus des Sonderlings Risse. Bislang beobachtete er durch seine Kamera das Leben anderer. Und den Tod seines Vaters. Nun widersetzt sich Aloys zuerst den vorgeschlagenen „Telefon-Wanderungen", gemeinsamen Ausflügen der Fantasie. Doch der seltsame Kauz, der immer Distanz zu anderen Personen wahrt und selbst beim Benutzen der Sprachform Ersten Person Probleme hat, öffnet sich. Dann erkennt er im telefonischen Gegenüber seine Nachbarin Vera, gerade als die nach einem Selbstmordversuch aus dem anonymen Wohnblock abtransportiert wird.

„Aloys" zeigt eine einnehmend schöne Tragikomödie abseits von den Trampelpfaden dieses Genres: Es ist wunderbar, wie die Welten der beiden einsamen Menschen in surrealer Inszenierung zusammenkommen. Irre, wie die bebilderten Fantasien einmontiert werden, in die sehr reizvoll exakten Bildkompositionen, kühl wie der Protagonist selbst. Nun übers Telefon verbunden, gehen sie gemeinsam auf Spaziergänge, in den Zoo und zum Essen - während Vera tatsächlich in einem psychiatrischen Krankenhaus hockt. Umso trauriger wirken die Geschichten von lauter eingesperrten Tieren, aus dem Zoo, in dem sie gearbeitet hat. Aber die gemeinsame Fantasie schwingt sich auch zu einer richtigen Party in seiner „Stinkbude" auf. Sie holt ihn ins Leben zurück, allein über die Vorstellung, sie würden sich sehen. Bis er sich zwischen Fantasiefrau und der realen Vera entscheiden muss. Am Ende sind zwei Ebenen nicht mehr ganz voneinander entfernt.

Tobias Nölle erzählt in seinem sensationellen Spielfilmdebüt „Aloys" auf mehreren Ebenen, die man als fantastisch bezeichnen könnte, die jedoch auch einfach poetisch Facetten von Personen und Leben wiederspiegeln. Der Österreicher Georg Friedrich erweist sich als ideale Fremdkörper-Besetzung in Schweizer-Dialektumgebung.

Ich, Daniel Blake

Großbritannien, Frankreich, 2016 (I, Daniel Blake) Regie: Ken Loach mit Dave Johns, Hayley Squires, Micky McGregor 101 Min. FSK: ab 6

Mit dem herzzerreißenden Sozialdrama „Ich, Daniel Blake" gewann der Brite Ken Loach in Cannes 2016 zum zweiten Male die Goldene Palme. Erschreckend und gleichzeitig Mut machend ist das Schicksal des kämpferischen Arbeiters Daniel Blake, auch weil die Schikanen des Sozialsystems wohl eine weltweite Konstante des Neoliberalismus geworden sind.

Nach einem Herzinfarkt versucht der einfache und anständige Durchschnittsengländer Daniel Blake (Dave Johns), der zu seinem eigenen Leid arbeitsunfähig geworden ist, Krankengeld zu erhalten. Doch die Gesundheitsbehörde, die tatsächlich an eine amerikanische Firma „outgesourced" wurde, entschied nach Aktenlage mal dagegen. Eine notwendige Beschwerde verlangt dem Witwer viel Geduld an den stundenlang besetzen Hotlines ab, und dann gibt es eine neue Untersuchung erst in einigen Wochen. Also muss sich Daniel obwohl er gar nicht arbeiten kann, arbeitslos melden, um wenigstens etwas Geld zum Leben zu bekommen. Was ihn vom Regen in die Traufe geraten lässt: Alles geht bei Arbeitsamt nur noch online, wer keinen Computer-Zugang hat, bekommt zwar auch Hilfe. Die Nummer dafür gibt es ... online!

Arbeits- und Sozialamt funktionieren gemäß des zynischen Mottos „Fördern und fordern" mit einem System gnadenloser und absurder Regeln, die von Kafka erfunden zu sein scheinen. Will eine Mitarbeiterin helfen, wird sie brutal abgemahnt. Und wer sich von den „Kunden" angesichts dieser unhaltbaren Zustände beschwert, fliegt raus. Wenigstens beim Sicherheitsdienst gibt es neue Jobs. Nur unter den rausgeworfenen Verlierern gibt es noch Solidarität. Daniel trifft auf die junge Katie. Sie lebte mit ihren beiden Kindern für zwei Jahre in einem Obdachlosenheim und wurde nun aus London nach Newcastle „rausgesiedelt". Der herzkranke Arbeitslose setzt selbstlos sein handwerkliches Talent ein, um Katies erbärmliche Wohnung aufzumöbeln und verkauft schließlich sogar seine eigenen Sachen, damit die noch ärmeren mal wieder essen können. Das alles passiert in England, mit diesem tollen Börsenplatz, der unfassbar viel Geld umsetzt und scheffelt!

Derweil funktioniert das herzlose System der Verhinderung, dass Menschen ihre rechtlichen Ansprüche erhalten, hervorragend. Schon der Stress mit Warteschleifen und Internet-Formularen macht beim Zuschauen wütend. Die kleinen Aufstände des cleveren Daniel sind herzerfrischend. Doch das Aufregen über dieses Gesundheitswesen, ist schlecht für das Herz.

Ein himmelschreiendes Unrecht und Solidarität nur noch bei den ganz Armen - das ist der typische Stoff von Ken Loach, mit den Brüdern Dardenne aus Lüttich, die „Ich, Daniel Blake" ko-produzierten, einer der letzten linken Kämpfer im Regiestuhl. Allerdings sollte man die Beharrlichkeit, mit der Loach für die „kleinen Leute" eintritt, nicht als längst bekannt abtun. Obwohl man meint, die ganzen staatlichen Sauereien aus „Ich, Daniel Blake" zu kennen, sie in diesem Film zu erleben, erschüttert enorm und macht richtig wütend. Eine verdiente Goldene Palme und ein sehr notwendiger Film.

Arrival

USA 2016 Regie: Denis Villeneuve mit Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker 116 Min. FSK: ab 12

Ein friedliebender Science-Fiction Film? Ein hoffnungsvoller Liebes- und Familien-Film? Der absolut großartige und geniale „Arrival" ist vor allem nicht, was man erwartet oder der Trailer verspricht. „Arrival" vom Kino-Revolutionär Denis Villeneuve ist etwas völlig anderes, weil Neues. Wir sehen die Linguistin Louise Banks (Amy Adams) zuerst in ihrem einsamen und stillen Leben. Dazwischen Bilder von Geburt und Aufwachsen ihrer Tochter Hannah, die als Teenager an Krebs stirbt. Da wundert man sich nicht über die Verschlossenheit von Louise, die an einer Uni, die wie eine Festung wirkt, noch Vorlesung hält, als auf dem ganzen Campus schon Panik herrscht. Zwölf Raumschiffe sind in unterschiedlichen Regionen der Welt gelandet.

Die exzellente Linguistin Louise Banks wird nun zusammen mit dem Mathematiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) vom Militär engagiert, um Kontakt mit den Aliens aufzunehmen und deren Sprache zu entschlüsseln. Anfangs sind zwölf Nationen und Armeen vernetzt, um das Rätsel gemeinsam zu lösen. Doch als der Begriff Waffe entziffert wird, steigt die Anspannung, die Verbindungen werden gekappt.

Wie sehen die Außerirdischen aus? Was ist das für eine escherartige Gravitation in dem Raumschiff, das die Form einer riesigen schwarzen Kontaktlinse hat? „Arrival" ist von der ersten bis zur letzten Minute ungeheuer fesselnd, was das enorme Können des Regisseurs erneut beweist. Dass Denis Villeneuve spannend erzählen kann, spürte man zuletzt im knallharten Drogenthriller „Sicario" bis ins Mark. Im Gegensatz zu seinem großartig genialen „Enemy" (2013), der unvermeidlich auf einen großen Crash zulief, steht hier das Ringen um Weltfrieden im Zentrum. Die Action tritt zurück, Jeremy Renner („The First Avenger: Civil War", „Mission: Impossible – Rogue Nation") rennt kein einziges Mal! Wie bei Spielbergs „Unheimliche Begegnung der dritten Art" (1977), der wie „2001" und andere SciFi-Klassiker ganz dezent zitiert wird, sind die Aliens keine aggressiven Nachbarn aus dem All. Sie bringen ein Geschenk und zwingen die Nationen, ihre Teile des Geschenks miteinander zu verbinden. Dass die vermeintliche Waffe sich letztendlich als Sprache herausstellt, ist eine besonders schöne Idee des Films.

Villeneuves „Arrival" schafft es dabei immer, zwei Seiten einer Medaille zu sein. Oder besser: Zwei Seiten eines Möbiusbandes. Denn immer schimmert im Science Fiction auch die Familien-Geschichte von Louise durch. Und umgekehrt. So dass man immer weniger weiß, wo man sich eigentlich befindet, welche Zeit gerade abläuft. Wenn man die Fragmente der Handlung in eine richtige Reihenfolge zu bringen versucht, jauchzt der endlich mal geforderte Intellekt auf. Wie einst bei „Pulp Fiction", nur ein paar Etagen cleverer. Der Clou des Films erschließt sich ganz allmählich. Und hört dann nicht mehr auf, das Hirn mit nie so gedachten Gedanken zu verblüffen. Ein berührender Liebes- und Familien-Film sowie gleichzeitig ein genialer Science-Fiction Film!

Deepwater Horizon

USA, Hongkong, 2016 Regie: Peter Berg mit Mark Wahlberg, Kurt Russell, John Malkovich 108 Min. FSK: ab 12

Es ist eine Katastrophe mit diesen Katastrophen-Filmen, die derart schematisch runtergedreht werden, dass nur noch ein Klischee-Bingo die Sache erträglich macht. „Deepwater Horizon" ist ein besonders schmieriger Fall, wird hier doch bei einem brennenden Inferno auf See eine gigantische ökologische Sauerei der Öl-Industrie auf ein heldenhaftes Drama der Bohrarbeiter reduziert.

Auch die Katastrophenfilm-Routine von „Deepwater Horizon" stellt erst einmal die Figuren vor, die bald in die Luft gejagt werden. Und die Angehörigen, die um sie bangen werden. Chef-Techniker Mike Williams (Mark Wahlberg) verabschiedet sich liebevoll von Frau (Kate Hudson) und Tochter. Im Golf von Mexiko findet er eine völlig mangelhafte Bohrplattform vor. Trotzdem machen die Schlipsträger von BP Druck, lassen Sicherheitstest ausfallen und zwingen die vorsichtigen Fachmänner zu fatalen Entscheidungen. Der gewöhnliche Kapitalismus mit dem Zwang zu immer mehr Produktion bei immer schlechteren Bedingungen und schwindender Sicherheit für die Arbeitnehmer.

Routinier Peter Berg inszeniert das mit andauerndem Männer-Gequatsche unter lautem Maschinenlärm. Immer mal wieder taucht die Kamera tief unter Wasser, um drohendes Unheil herbei zu schwören. Das ist aber letztendlich genauso langweilig wie der Rest. Nur wenn Malkovich als rücksichtsloser BP-Manager spricht, wacht kurz man auf. So wartet man doch angespannt darauf, dass endlich mal etwas passiert. Auch wenn es eine Katastrophe ist. Das eigentliche Special Effects-Feuerwerk erweist sich als recht unübersichtlicher Überlebenskampf mit den üblichen Heldentaten von Mark Wahlberg. Darum geht es dem vor allem lauten und überflüssigen Film: Die Glorifizierung der einfachen Bohrinsel-Arbeiter überblendet die kriminellen Aktionen von BP. Ein katastrophaler Film, weil er die eigentliche Katastrophe ausblendet. Der Zuschauer wird wohl kaum zukünftig die Tränen von Mark Wahlberg in den Benzinpreis mit einrechnen.

20.11.16

Florence Foster Jenkins

Großbritannien 2016 Regie: Stephen Frears mit Meryl Streep, Hugh Grant, Simon Helberg 110 Min. FSK: ab 0

Florence Foster Jenkins (1868-1944) war ein Phänomen - und so gibt es in gerade mal einem Jahr gleich drei Filme zu der prominentesten unfähigen Sängerin überhaupt: Nach der gelungenen französischen Variante „Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne" und der deutschen Dokumentation „Die Florence Foster Jenkins Story" darf nun Meryl Streep die Königin der schiefen Töne geben: Die reiche Erbin Florence Foster Jenkins ist in New York schon eine Weile dabei, ihren Traum zu verwirklichen. Vor einem kleinen Kreis von Freunden und Fans singt sie in peinlich prächtigen Kostümen Opernarien. Ihr platonischer Ehemann und Manager, St. Clair Bayfield (Hugh Grant), ist damit beschäftigt, jede echte Reaktion auf dieses Gejaule vor ihr fern zu halten. Er kauft alle Zeitungen mit den vernichtenden Rezensionen auf, wenn er die Kritiker vorher nicht bestechen konnte. Cosmé McMoon (Simon Helberg), der neue Pianist für die schiefe Diva muss auch besonders eingestimmt werden. Als Florence in einem unbewachten Moment im Jahr 1944 gleich ein ganzes öffentliches Konzert in der Carnegie Hall kauft, entwickelt sich die latente Tragödie zum echten Drama.

Der neue Film zu Florence Foster Jenkins fügt einiges hinzu, was ansonsten nicht thematisiert wurde: Ihr tragische Syphilis-Erkrankung, die Affäre von St. Clair mit einer jungen Nebenfrau. Dabei gelingt dem eigentlich äußerst fähigen und vielfältigen Regisseur Stephen Frears („Mein wunderbarer Waschsalon", „Grifters", „High Fidelity", „Die Queen") ein erstaunlich uninteressanter Film. Die Streep gibt als Schauspielerin, die durchaus singen kann, die unfähige Sängerin mit kleinen Momenten schmerzender Selbsterkenntnis. Und Trotz: „Die Leute mögen sagen, dass ich nicht singen kann. Aber sie können nicht sagen, dass ich nicht gesungen habe!" Hugh Grant legt mit britischem Charme in einem ersten Höhepunkt seines Alterswerks eine großartige Rolle und eine heiße Tanzeinlage hin.

Bad Santa 2

USA 2016 Regie: Mark Waters mit Billy Bob Thornton, Kathy Bates, Tony Cox, Christina Hendricks 93 Min. FSK: ab 16

Der vorletzte Ex von Angelina Jolie ist schon wieder arbeitslos und hängt auf der Straße rum: Billy Bob Thornton gibt erneut den bitter besoffenen Anti-Weihnachtsmann Willie. Dreizehn Jahre nachdem „Bad Santa" sehr erfolgreich und erfreulich im übersüßen Weihnachtsauswurf von Hollywood räuberte, bekommt Santa Claus wieder einen drüber.

Willie (Billy Bob Thornton) ist arbeitslos, einsam, frustriert und so unten, dass es nur noch bergauf gehen kann: Auf den Stuhl, um sich selbst aufzuknüpfen. Blöderweise stört dabei wieder das tiefbegabte aber umso anhänglichere Dickerchen Thurman (Brett Kelly). Bald ist auch der ebenso verräterische wie kleinwüchsige Marcus (Tony Cox) wieder im Bild und so geht es mit dem altbewährten Trio zu einer neuen Gaunerei unter dem Deckmantel von Leihweihnachtsmännern. Kathy Bates gibt als gehasste Mutter in klasse Verkleidungen den hässlichen Kopf der Gang. Sehr begründet traut Willie seiner eigenen Mutter nicht, überhaupt beleidigen und streiten sich auch diese beiden durchgehend. Sprache und Themen sind obszön, unverschämter als Trump.

Nachdem das Happy End aus dem letzten Film sehr drastisch die Gosse runter ging und ein Selbstmord im Elektroherd auch nicht funktioniert, bleibt einem nichts mehr übrig als noch ein „Bad Santa"-Film. Der als Strafe verstanden werden kann: Bei der wenig originellen „Heist"- und Raub-Routine wirken die Obszönitäten auf Dauer verdammt ermüdend. 13 Jahre später sind völlig versaute Filme zur Routine bis hinein ins Kinderprogramm geworden. Da können Thornton und Co nicht mehr mithalten. Die Dreingabe von Christina Hendricks als Sex-Objekt kann nichts mehr retten, wenn ein unausgewogenes Timing beim De- und Remontieren der Sympathien in der Gosse völlig scheitert.

16.11.16

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Großbritannien, USA, 2016 (Fantastic Beasts and where to find them) mit Eddie Redmayne, Katherine Waterston, Dan Fogler, Colin Farrell, Samantha Morton 140 Min.

Fantastisch ist er tatsächlich, dieser neue Film nach J.K. Rowling: Wieder ein Film mit viel Magie und Zauberstab-Gefuchtel. Aber Rowling hat sich von Potter emanzipiert, der neue Held Newt Scamander ist erwachsen. Vor allem aber spielen sagenhafte und wirklich phantastische Tierwesen die Hauptrolle in diesem erstaunlichen Film.

Die Vorlage für diesen Film was das Hogwarts-Lehrbuch „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind", das von der fiktiven Figur Newt Scamander verfasst wurde. Er spielt Jahrzehnte vor Harry Potter, im New York des Jahres 1926: Der Engländer Newt Scamander (Eddie Redmayne) ist kaum von Bord gegangen, das entschlüpfen seinem Lederkoffer die ersten Wesen. Ein diebisches kleines Schnabeltier sorgt in einer Bank und im Juwelierladen für herrliches Chaos. Dabei hat der Magische Kongress der USA (MACUSA) magische Wesen verboten und sieht sich einem wachsenden Rassismus gegenüber. Eine Gefährliche Glaubensrichtung mit sadistischer Hass-Predigerin (Samatha Morton) als Anführerin ruft zur Hexenjagd auf, wie einst in Salem. Die Zerstörungen eines dunklen und gewalttätigen Obscurus erschrecken die Stadt und werden dem gutherzigen Newt in die Schuhe geschoben. Nach viel Spaß und ein paar Andeutungen einer dunklen Bedrohung wird ausgerechnet der herzensgute Newt Opfer einer speziellen Hexenjagd durch die Hexer selbst. Hintergrund der Obscurusse ist eine interessante Konstruktion: Unterdrückte Fähigkeiten bei Kindern erzeugen diese mörderische Macht.

Eddie Redmayne („Die Entdeckung der Unendlichkeit", „The Danish Girl") sah schon immer ungewöhnlich aus. Sein Magizoologe Newt Scamander wirkt zwar anfangs brav, doch mit einen entschlossener Sanftheit erweist der Tierfreund sich als erwachsener Zauberer. Als Hauptdarsteller von „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" erweisen sich allerdings tatsächlich die magischen Tierwesen: In der Manteltasche versteckt sich ein kleines, eigenwilliges Wurzelmännchen, das Schlösser knacken kann. Das unsichtbare Demiguise sorgt im weihnachtlichen Macy's für Chaos. Als auch noch der echte Zoo im Central Park einen massiven Ausbruch zu vermelden hat, erleben wir den Newts Paarungstanz mit einem gigantischen, leuchtenden Nashorn. Und eigentlich ging es um Frank, einer riesigen vierflügeligen Kreuzung aus Adler und Drache, die zurück nach Arizona soll.

Doch nun muss Newt einen polnischen Bäcker betreuen, der durch ein bissiges Wischmob-Wesen infiziert wurde, die liebenswerte Außenseiterin Goldstein von seinen guten Absichten überzeugen und vor allem dauernd seine Tiere wieder einfangen. Das historische New York wurde hierfür mit enormem Aufwand rekonstruiert, im Jazz-Club erlebt man Elfen als Bedienung und Band. Das 3D funktioniert bei kleinen, bunten magischen Insekten ebenso wie bei riesigen, schillernden Schlangenwesen. Wenn man mit Newt und Rowling in diesen wunderbaren Koffer hinabsteigt, kann man endlos staunen angesichts der unendlichen Welt und des Artenreichtums im Inneren.

Bei dem Reichtum an Einfällen und magischen Wesen gerät die X-Men Geschichte mit dem gleichem Konflikt, der gleichen Konfrontation glatt in den Hintergrund. Leider erspart uns das Finale nicht das übliche Zerstörungs-Feuerwerk im Ghost Buster-Stil mit Godzilla-Spuren und dem typischen Zauberstab- oder Lichtschwert-Fuchteln. Nur ein kurzer Johnny Depp-Auftritt sorgt hier für Überraschung. Trotzdem ist die Vorfreude auf die nächste Dosis Magie im Kino selbst bei einem Muggel sehr groß.

The Hollars (Kinostart 12.01.2017)

USA 2016 Regie: John Krasinski mit Anna Kendrick, John Krasinski, Anna Kendrick, Mary Elizabeth Winstead 88 Min.

Ein Film wie das Leben – um es mal positiv zu sehen: Mit Geburt und Tod, mit Trauer, Streit und Versöhnung. Anständig gemacht, gut gespielt. Etwas witzig, unvermeidlich rührselig… und schon tausende Mal gesehen. Es hängt wohl von der Stimmung ab, ob man John Hollar (John Krasinski) aus New York zurück ins Städtchen seiner Herkunft folgen will. Seine Mutter Sally (Margo Martindale) brach dort gerade mit einem Gehirntumor zusammen. Vater Don (Richard Jenkins) heult deshalb nur rum. Der eher unter-intelligente Bruder Jason (Charlie Day) zog nach Scheidung und Entlassung aus Vaters bankrottem Handwerkerladen ausgerechnet wieder zuhause ein. Irgendwie sind alle verrückt oder beschränkt im Ort der Jugend. Johns Jugendliebe Gwen (Mary Elizabeth Winstead) schiebt ihm zur Begrüßung die Zunge in den Mund, obwohl ihr Mann nebenan Bier holt. Dieser Jason (Charlie Day) ist ausgerechnet Krankenpfleger der Mutter, eifersüchtig und auch sonst seltsam – siehe oben. John selbst ist Comic-Zeichner mit Schreibblockade und hat Zweifel bezüglich seiner Zukunft mit der schwangerer Freundin Rebecca (Anna Kendrick). Die kommt auch noch vorbei, während Jason die neue Familie seine Ex stalkt. Also alles perfekt für eine tragikomische Familientherapie: Zurück zu den Wurzeln, um aus der Distanz des Vergangen zu betrachten, wo man jetzt steht.

Geburt und Tod, Hochzeit und Begräbnis, mit Wehen im Leichenwagen ... diese persönliche Arbeit von Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent John Krasinski lief auf dem Sundance-Festival, was nicht für den ehemaligen Hort des Independent-Films spricht. Anständige Schauspieler in einer routinierten Inszenierung, aber so interessant wie das gleiche gute Graubrot, das man seit Jahren isst. Ein wenig witzig, unausweichlich rührend, wie die Figuren ist der Film seltsam, kann aber auch liebenswert wirken. Hat doch John ein schönes, offenes, fast freundschaftliches Verhältnis zur Mutter. Und dann der Männerchor beim Lied zum möglichen Abschied vor Operation... „The Hollars" werden die eine oder andere unterhalten, können aber auch ganz furchtbar anöden.


PS: All die Filme, die uns Woche für Woche vorgesetzt werden, sind ja nur die Spitze des Eisbergs der US-Produktion. Es gibt unter der Mehrzahl der anderen, die auch mit großen Namen und schicken Plakaten in anderen Ländern oder auf DVD rauskommen, viel Interessantes. Nur weshalb zeigt man uns stattdessen immer wieder das Gleiche, nur in mittelprächtig?

15.11.16

Die Reise mit Vater

BRD 2016 Regie: Anca Miruna Lazarescu mit Alex Margineanu, Razvan Enciu, Ovidiu Schumacher, Susanne Bormann 111 Min. FSK: ab 12

1968 versucht der junge deutschstämmige Arzt Mihai (Alex Margineanu) im rumänischen Arad gleichzeitig seinen lebensbedrohlich kranken Vater zu pflegen und den rebellischen jungen Bruder Emil (Razvan Enciu) vor dem staatlichen Geheimdienst zu schützen. Stalin ist zwar schon länger tot und Staatschef Nicolae Ceaușescu macht noch auf Reformer, aber für einen politischen Slogan kassiert man noch Knochenbrüche. Dank der neuen Freiheiten unter Alexander Dubček in der Tschechoslowakei kann Mihai in die DDR reisen, um den Vater gegen dessen Wissen operieren zu lassen. Doch als die „sozialistischen Bruderstaaten" noch in der gleichen Nacht den Prager Frühling blutig niederwalzen, landet das Trio plötzlich in West-Deutschland.

Eher gemächlich rollt der Film mit drei exemplarischen Donauschwaben ein Sonderkapitel deutscher Geschichte vor dem Hintergrund des Prager Frühlings auf. Eine Vater-Sohn-Geschichte soll das Herz dieses Road Movies durch Rumänien, die CSSR, die DDR und Westdeutschland. „Die Reise mit Vater" wirkt lange wie eine Geschichtslektion. Als sie in München ausgerechnet in einer sozialistischen WG landen. Die Konfrontation von desillusionierten mit kämpferischen, aber vor allem theoretischen Sozialisten veralbern die Brüder mit spöttischen Texten zur Kalinka-Melodie. Besonders freundlich sind auch die Geheimdienste auf beiden Seiten - anfangs. Später schlagen sie auch brutal zu.

Weder als Komödie noch als Drama, nicht als Familien- oder Zeit-Geschichte kann „Die Reise mit Vater" überzeugen. Zwar lehrreich, aber nur etwas weniger verstaubt als die Geschichtsbücher kommt diese persönliche, höchstens nette und gut gespielte Geschichte in dem Langfilmdebüt von Anca Miruna Lazarescu daher.

14.11.16

Paterson

USA, Frankreich, BRD, 2016 Regie: Jim Jarmusch mit Adam Driver, Golshifteh Farahani 123 Min. FSK: ab 0

Paterson ist eine Stadt in New Jersey, die das übliche Maß an Prominenz beheimatete, mit der sich jeder Ort schmückt, der sonst nicht viel zu bieten hat: Der Beat-Poet Alan Ginsberg, der Boxer „Hurricane" Carter, von Denzel Washington im Film gespielt und von Bob Dylan besungen, die Soul-Musiker Sam & Dave, der Anarchist Gaetano Bresci und nicht zuletzt der Dichter William Carlos Williams.

Paterson ist auch ein Dichter. Und Busfahrer. In Paterson. Jeden Morgen wacht Paterson (Adam Driver) neben seiner Freundin auf, frühstückt alleine, geht zur Arbeit und lässt sich auf seinen Wegen inspirieren. In der Mittagspause an einem Wasserfall notiert er seine sehr schönen, einfachen Gedichte, die sich nicht an großen Begriffen abarbeiten, und gleichzeitig auf der Leinwand geschrieben auftauchen. In seiner Lunchbox findet er witzige Muffins oder auch mal eine Postkarte mit Dante.

Paterson ist die Buslinie Nr. 23, in der sich ein Großteil des möglicherweise auch surrealen Tagesablaufes von Paterson abspielt. Er sieht Pärchen überall und sogar Zwillinge. Man hat das Gefühl, völlig Unsinniges, Unmögliches könnte passieren, ein „Barton Fink"-Gefühl. Aber Paterson nimmt fast alles stoisch auf, beginnt im Kopf schon ein neues Gedicht.

Paterson wirkt zeitlos in seiner Uniform, ganz ohne Smartphone. Nur seine Freundin hat ein Laptop und einen iPad. Sowie haufenweise hyperkreative Ideen. Die erstaunliche Laura - begeisternd gespielt von der Iranerin Golshifteh Farahani aus „Stein der Geduld" - überrascht mit ihren wechseln Wünschen, Gitarrenspiel zu lernen oder ein Cupcake-Imperium zu gründen. Die Wohnung malt sie sowieso täglich neu an. Auch mit Bildern der eifersüchtigen Dogge Marvin, die Paterson jeden Abend ausführt, um selbst in der Bar ein Bier zu trinken. Zwischen Marvin und Paterson wird sich das einzige Drama des Films ereignen.

„Paterson" ist der neue Film von Jim Jarmusch und der war in den letzten Jahren immer ein Grund zur Freude: „Dead Man" mit Johnny Depp und der Musik von Neil Young, „Broken Flowers" (2005) mit Bill Murray, der surreale Detektiv-Film „The Limits of Control" (2009), „Ghost Dog: Der Weg des Samurai" (1999) mit Forest Whitaker, die geniale Doku „Year Of The Horse" (1997). Im Gegensatz zum letzten Jarmusch, dem sagenhaften Vampirfilm „Only Lovers left alive" (2013) mit Tilda Swinton ist diesmal der Ton ganz leise fesselnd.

„Paterson" beginnt seine sieben Tage täglich gleich. Zu den Wiederholungen gehören die Träume der Freundin, das Jammern des Kollegen. Wunderbar ist dieser neue Jarmusch in den kleinen Variationen eines nur scheinbar einförmigen Ablaufs des Tages. Das ist höchst vergnüglich, ganz ohne Oneliner oder Schenkelklopfer.

„Paterson" ist selbstverständlich auch eine Variation des lässigen Film-Gestus von Jarmusch, ebenso ein Stadtporträt wie „Mystery Train", dem Episodenfilm in Memphis, Tennessee. Aktuell taucht zwar nicht Elvis auf, aber immerhin wieder Masatoshi Nagase, der schon damals ein japanischer Tourist war. Selten kam Bekanntes so unterhaltsam, raffiniert und geistreich daher wie in diesen sieben Tagen von Paterson. Das ist einzigartig, doch nach zwei Stunden ruhigstem Filmgenuss, ja Film-Gedicht würde man sich über „Paterson 2" keineswegs beschweren.

Radio Heimat

BRD 2016 Regie: Matthias Kutschmann mit David Hugo Schmitz, Jan Bülow, Hauke Petersen, Maximilian Mundt 85 Min. FSK: ab 12

Heimat ist ... auf einem Hügel aus verseuchtem Dreck der Steinkohle-Historie zu stehen und zu sagen „watt ne geile Gegend". „Radio Heimat" sendet auf Basis von Frank Goosens Erzählungen solche und ähnliche kuriose Verhaltensweisen mit verstaubter Ruhrpott-Komik in den Rest der Republik. Aber was bei allen Insider-Scherzchen für Dortmund, Bochum oder Schalke-Fans übersehen wird: Auch Ruhrpott ist längst Hollywood. Deshalb folgt die Handlung Frank (David Hugo Schmitz), Pommes (Jan Bülow), Spüli (Hauke Petersen) und Mücke (Maximilian Mundt), vier Freunden mitten im Pott, mitten in der Pubertät und mitten in den 80er Jahren, die gemäß einer vermeintlichen Kulturkonstanten nichts anderes als Mädchen im Kopf haben. (Im modernen LSBTI-Geiste darf einer schwul sein.) Über die Bagger-Stationen Bergmanns-Gesangsverein, Tanzschule und 80er-Partykeller der Eltern ziehen sich die Annäherungsversuche hin. Wie die Tanzschul-Geschichten von Vater (1964) und Sohn (1983) leidet auch der Film unter häufigen Richtungswechseln ohne Rhythmusgefühl. Das Kapitel „Liebe ohne Raum" über die schwierige Eheanbahnung vom „Vadder" ist eine der wenigen ununterbrochen witzigen Geschichten. Bis beim großen Happy End auf der besoffenen Klassenfahrt alles drunter und drüber geht, sowohl inhaltlich als auch im Stil des Films.

Frank Goosen ist ein begnadeter und moderner Heimatdichter des Ruhrpotts, dessen Spannweite vom kabarettistischen Prix Pantheon (1997) mit dem Duo Tresenleser bis zu Beiträgen im Kicker und einem Sitz Aufsichtsrat des VfL Bochum reicht. Bislang wurde von seinen Romanen und Erzählungen „Liegen lernen" verfilmt. Aber, im Sonnenaufgang zu Geigen ins Meer rennen - das kann Goosen vielleicht erzählen, der Film darf es so banal kitschig nicht zeigen. Es jault und knarzt durchgehend bei dieser Radiosendung aus der Abstellkammer. Viel NRW-Prominenz wie Elke Heidenreich als Tante vom Büdchen, Peter Lohmeyer oder Hans-Werner Olm sondern Ruhrpott-Slang ab: „Woanders ist auch scheiße" oder „Wir sind Strukturwandel". Im Off kommentiert ein halbwegs komischer Erzähler die Episoden, die Dialoge sind schon weniger prickelnd.

Für den Zeitgeist werden Urzeitkrebse getrunken, Yps-Hefte, Rubiks Cube und eine gelbe Plastiktüten von Elpi mit einer LP drin ins Bild gehalten. Dabei wirkt das Ergebnis der eifrigen Requisite meist künstlich. Ein Ford Capri steht auf der Straße rum, ein verfallenes Stahlwerk („das wird mal ne Kulturhauptstadt") ist Treffpunkt der Freunde, Falkos „Junge Römer" und „Goldene Reiter" plärren um die Wette. Um es im knappen Stil der Protagonisten zu sagen: „Radio Heimat"? Kann man machen, muss man aber nich. Wer statt dieser bebilderten Scherzsammlung einen richtigen Film mit Kohlenstaub will, findet „Junges Licht" jetzt ganz aktuell fürs Heimkino.